Dienstag, 29. November 2022

Vor 75 Jahren gestorben
Der Architekt und Hamburger Stadtplaner Fritz Schumacher

Als vor 75 Jahren Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher starb, verlor nicht nur die Hansestadt einen für das Gemeinwesen engagierten Bürger. Als Architekt international renommiert, reformierte Schumacher den Städtebau.

Von Jochen Stöckmann | 05.11.2022

Der Architekt Fritz Schumacher war seit 1909 Baudirektor in Hamburg, wo er wesentlichen Anteil an der Neubelebung des Backsteinbaus hatte.
Der Architekt Fritz Schumacher war seit 1909 Baudirektor in Hamburg, wo er wesentlichen Anteil an der Neubelebung des Backsteinbaus hatte. (picture-alliance / dpa)
Oktober 1945, Hamburg liegt in Trümmern, im Rathaus wird der Wiederaufbau diskutiert. Ein älterer Mann, abgemagert, schlohweißes Haar, tritt ans Rednerpult:
„Es gibt viele Großstadtmenschen, die erst heute die Schönheit ihrer Stadt ganz begriffen haben. Sie merkten, dass diese oft gelästerte Großstadt – trotz allen Fehlleistungen – eine Seele hatte.“
Fritz Schumacher, 75 Jahre alt, war vor dem von Deutschland angezettelten Krieg verantwortlich für Stadtplanung, für die Schönheit – und wohl auch die Seele Hamburgs. Im Kaiserreich, 1909, zum Baudirektor ernannt, formt der Architekt in der Weimarer Republik das moderne Stadtbild. Seine Schulgebäude, Museen, Geschäftshäuser und Arbeitersiedlungen wahren mit unverputztem, rotem Backstein aber auch Hamburgs Bautradition.
Unter der Nazi-Diktatur wird Schumacher 1933 in die Zwangspensionierung abgeschoben. Ende 1945 ist er wieder gefragt. Angesichts der Verwüstungen erinnert der Nestor des Städtebaus an seine ersten Begegnungen mit der Metropole:
„Das war eine Galerie von Charakterköpfen der Kultur – mannigfaltig und interessant, wie weniges in der Welt.“

Lieber Baukünstler als Beamter

Eine Vielfalt kultureller Einflüsse hat Schumacher, geboren 1869 als Diplomaten-Sohn, in Bogotá und New York schon früh erlebt. Nach dem Studium in München arbeitet er in Leipzig. 1901 als Professor für „Stil-Lehre“ nach Dresden berufen, malt der Architekt auch Bühnenbilder und verfasst 1907 ein Gründungsmanifest für den Deutschen Werkbund. In einer Studie über „Strömungen Deutscher Baukunst“ macht Schumacher deutlich, was ihn veranlasst hat, die Unabhängigkeit des freien Architekten, des Baukünstlers zugunsten einer Beamtenexistenz aufzugeben:
„Was früher durch den despotischen Willen eines Herrschers erreicht wurde – der einheitliche Geist der Gestaltung –, muss jetzt durch das selbstlose Wollen eines dienenden Künstlers erreicht werden.“

Im „Dienst“ als Baudirektor entwickelt Schumacher seine Kunst, entgegengesetzte Kräfte zu steuern, streitende Akteure zusammenzubringen. Seine Strategie beruht auf einer soziologisch präzisen Bestandsaufnahme:
„Aus diesen drei Kräften: der auf Verhindern zugeschnittenen Bauordnung, dem einseitig auf Verkehr zugeschnittenen Bebauungsplan und dem auf Geschäft zugeschnittenen Bauunternehmertum ist die moderne Großstadt als mechanisches Produkt entstanden. Kann man sich wundern, dass in ihr nicht gut wohnen ist?“

Es geht immer auch um Ästhetik

Das Wohnungsproblem löst Schumacher durch rationalisierte Bauweise. 1917 veranlasst er ein Kleinwohnungsgesetz. Auf dieser Grundlage lassen sich erschwingliche Wohnungen in Arbeitersiedlungen bauen und Gartenstädte mit Reihenhäusern. Ob mit einer Gestaltsatzung für die Geschäftshäuser der Mönckebergstraße oder beim Ausbau des Stadtparks - für Hamburgs Baudirektor geht es immer auch um Ästhetik, um Baukunst als Raumkunst.
„Der von künstlerischem Gefühl durchdrungene Sinn für den Rhythmus des Raums muss ebenso gut in den Straßen und Plätzen einfacher Arbeiterhäuser stecken wie in den Straßen und Plätzen monumentaler Paläste.“

Mit diesem Konzept der „Stadtlandschaft“ aus Wohnsiedlungen, Grünanlagen und markanten Innenstadt-Bauten gewinnt Schumacher 1919 einen Wettbewerb in Köln. Damit er seinen „Generalplan“ umsetzen kann, lassen die Hamburger ihren Baudirektor für drei Jahre an den Rhein ziehen. Nach seiner Rückkehr konstatiert Schumacher:
„Ebenso wenig, wie sich das Gesicht einer Stadt im willkürlich wechselnden Mienenspiel verzerren darf, ebenso wenig darf es in maskenhafter Gleichheit erstarren.“

Zwischen Tradition und Moderne

Diesen Anspruch erfüllen Hamburgs charakteristische Bauten in ihrer Balance zwischen Tradition und Moderne, mit Backsteinfassaden in neusachlicher Formensprache. Im Rückblick auf sein Lebenswerk gibt Schumacher für den Wiederaufbau die Prämisse aus:

„Wir städtebaulich arbeitenden Architekten, wir wissen, dass wir nur unsere Ziele erreichen können, wenn wir die Fähigkeit in uns wachhalten, in Gegensätzen zu denken.“

Fritz Schumacher, Meister und Motor einer spannungsreichen und deshalb am Ende ausgewogenen Stadtplanung, stirbt am 5. November 1947. Einsichten und Erfahrungen hat er in mehr als 40 Büchern weitergegeben, daran anzuknüpfen lohnt heute mehr denn je.