
Die Europäer können sich nicht mehr auf die atomare Verteidigung durch die USA verlassen. Präsident Donald Trump hatte schon als Kandidat im US-Wahlkampf damit gedroht, die NATO-Verbündeten im Falle eines russischen Angriffs nicht zu verteidigen. Trumps Außen- und Sicherheitspolitik ab 2025 (von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine bis zur Grönland-Krise) haben dazu geführt, dass intensiv über eine Reduzierung der militärischen Abhängigkeit Europas von den USA diskutiert wird – auch beim Thema Atomwaffen. Die Debatte flammt immer wieder auf.
Mehrere Varianten werden debattiert: EU-eigene Atomwaffen oder eine Europäisierung des französischen Nuklearschirms. Aber auch grundsätzliche Kritik an der nuklearen Abschreckung ist Teil der Debatte.
Inhalt
- Welche Rolle spielen die USA bei der nuklearen Abschreckung?
- Welche anderen NATO-Länder besitzen Atomwaffen?
- Wie könnte eine europäische nukleare Aufrüstung aussehen?
- Welche Reaktionen und Debatten gibt es in Europa?
- Sollte Deutschland über eigene Atomwaffen nachdenken?
- Welche Argumente werden gegen mehr Atomwaffen vorgebracht?
Welche Rolle spielen die USA bei der nuklearen Abschreckung?
Derzeit basiert die nukleare Abschreckung der NATO für Europa fast ausschließlich auf den Atomwaffen der USA (das Stichwort lautet hier: nukleare Teilhabe). Die US-amerikanischen Atomwaffen dafür lagern in Belgien, Italien, den Niederlanden, der Türkei und auch in Deutschland, etwa auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel und im Ruhrgebiet. Schätzungsweise 100 Atomwaffen der USA sollen in Europa stationiert sein. Im Ernstfall sollen sie von Kampfjets der Bundeswehr eingesetzt werden.
Welche anderen NATO-Länder besitzen Atomwaffen?
Großbritannien und Frankreich sind die einzigen beiden anderen NATO-Mitglieder, die Atomwaffen besitzen. Die beiden Länder gehören neben den USA, Russland und China zu den fünf offiziellen Atomwaffenstaaten.
Laut Angaben des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (Sipri) verfügte Frankreich 2025 über 280 einsetzbare Sprengköpfe, Großbritannien über 120. Im Vergleich: Russland hatte nach Sipri-Angaben 1718 einsetzbare Sprengköpfe und die USA 1770. Bei China waren es 24.
Die Briten nutzen zur atomaren Abschreckung vier U-Boote mit Atom-Antrieb, von denen immer mindestens eines in den Weltmeeren unterwegs ist. Anders als Frankreich hat London seine Abschreckung auch in den Dienst der NATO gestellt.
Die französische Nukleardoktrin ist laut dem Politologen Herfried Münkler bisher "nur für das Territorium Frankreichs zuständig". Das Land verfügt über vier Atom-U-Boote, von denen Raketen mit Atomsprengköpfen mit einer Reichweite von etwa 10.000 Kilometern abgefeuert werden können. Auch aus der Luft kann Frankreich Atomwaffen einsetzen. Seine Rafale-Kampfjets können die gut 50 Marschflugkörper des Landes mit Nuklearsprengköpfen abschießen. Diese haben offiziell eine Reichweite von etwa 500 Kilometern.
Wie könnte eine europäische nukleare Aufrüstung aussehen?
"Eine Abschreckungsfähigkeit ohne die USA ist eine große Herausforderung", sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Er plädierte 2025 für "europäische Atomwaffen". Dieses Projekt einer gemeinsamen atomaren Bewaffnung Europas müsse umfassender sein als die "Addition" der britischen und französischen Fähigkeiten.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Gespräche zur europäischen Dimension der französischen Atom-Abschreckung angeboten. Macron betont aber auch immer wieder, dass die Entscheidung über die französischen Atomwaffen in den Händen Frankreichs und seines Staatschefs bleibt. Bereits jetzt gibt es darüber hinaus eine Beistandsklausel innerhalb der EU.
In einer Grundsatzrede erneuerte Macron im Frühjahr 2026 sein Angebot: „Angesichts der Vielfalt der Bedrohungen müssen wir unsere atomare Abschreckung verstärken. Wir müssen unsere Nuklearstrategie in der ganzen Tiefe des europäischen Kontinents denken, das nenne ich eine erweiterte Abschreckung.“
Zur Begründung verwies er darauf, dass die USA mittlerweile andere Prioritäten hätten. Europa müsse die Kontrolle über das eigene Schicksal in die Hand nehmen. Macron bot den europäischen Partnern an, mit konventionellen Streitkräften an Frankreichs nuklearen Aktivitäten teilzunehmen. Die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen solle man aber in der Hand des französischen Staatspräsidenten bleiben. Eine hochrangige Nuklear-Steuerungsgruppe, an der auch Deutschland beteiligt ist, soll über die weiteren Schritte beraten.
Welche Reaktionen und Debatten gibt es in anderen europäischen Staaten?
Schweden habe bereits angekündigt, an Übungen mit Frankreich teilzunehmen, sagt Barbara Kunz, Sicherheitsexpertin vom Sipri-Institut. Enttäuschung dürfte Macrons Vorschlag hingegen auslösen, weil es sich weiter um französische Kernwaffen mit französischer Souveränität handelt. Dennoch gebe es eine Vertiefung der schwedisch-französischen Zusammenarbeit.
„Wir stehen ganz am Anfang eines Dialogs“, sagt Kunz. Die großen Neuerungen seien – wenn überhaupt – „deklaratorischer Natur“. Insgesamt habe sich der Blick auf die Sicherheit seit dem NATO-Beitritt des Landes verändert – auch auf das Thema Abschreckung, sagt die Forscherin. Seit der Grönland-Krise im Januar 2026 stelle man sich in Schweden die Frage, wie verlässlich die USA noch sind.
Dänemark, noch immer unter dem Eindruck der US-Drohungen gegen Grönland, reagierte ebenfalls positiv auf Macrons Atomwaffen-Initiative. Premierministerin Mette Frederiksen befürwortete Gespräche zwischen den europäischen Partnern. Auch von den baltischen Staaten kamen aufgeschlossene Reaktionen. Der polnische Präsident Nawrocki plädiert hingegen für eine eigene atomare Bewaffnung seines Landes.
Sollte Deutschland über eigene Atomwaffen nachdenken?
Deutschland hat bisher keine eigenen Atombomben und verlässt sich auf die Abschreckung durch die USA. Die Bundesrepublik hat sich in zwei völkerrechtlich bindenden Verträgen verpflichtet, keine eigenen Atomwaffen zu besitzen: im sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung sowie im sogenannten Atomwaffensperrvertrag von 1970.
Der Politikwissenschaftler Frank Sauer spricht sich dafür aus, dass Deutschland selbst über solche Waffen verfügt. Denn um wirklich glaubwürdig zu sein, müsse Deutschland vergleichbar stark auftreten beziehungsweise dem Gegner, also Russland, drohen können. "Es reicht eigentlich, wenn Russland ein Prozent Restunsicherheit hat, ob diese Waffen nicht doch zum Einsatz kommen."
Welche Argumente werden gegen mehr Atomwaffen vorgebracht?
Weder Frankreich noch Großbritannien seien zur Mitentscheidung über ihre Nuklearwaffen bereit, sagt der Politikwissenschaftler Johannes Varwick. Zudem gebe es in der EU keinen Konsens über eine nukleare Bewaffnung. „Völlig unklar ist auch, welches Gebiet ‚Europäische Atomwaffen‘ konkret schützen sollen. Ganz zu schweigen von einer praktikablen Lösung für die Entscheidungsbefugnisse in einer EU, die nicht einmal eine gemeinsame Außenpolitik hat.“ Die debattierten Optionen seien „allesamt unrealistisch und schlechterdings nicht machbar“.
Inzwischen habe auch Kanzler Merz mehrfach öffentlich ausgeschlossen, dass eine deutsche Atom-Bombe politisch und völkerrechtlich realisierbar wäre. Varwick kritisiert das „zunehmende Rauschen und Raunen der Think Tanks und Sofastrategen“. Nuklearwaffen hätten ein Schadenspotenzial, welches das Überleben der gesamten Menschheit unter hohes Risiko stellt. „Je mehr nukleare Akteure mitspielen, je ausgereifter und vielfältiger die technischen Entwicklungen werden, desto höher wird das Risiko einer mangelnden internationalen Beherrschbarkeit nuklearer Waffen. Durch Künstliche Intelligenz wird dieses Risiko auf eine neue Stufe gehoben“, sagt der Politikwissenschaftler.
Ganz generell kritisiert Juliane Hauschulz von der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen die aktuelle Debatte. Atomwaffen "könnten niemals Sicherheit bringen". Die laufende Diskussion sei auch insofern "gefährlich", da damit geltendes Völkerrecht "angekratzt" werde.
Sie kritisierte außerdem die Theorie der nuklearen Abschreckung: "Es gibt ausreichend Studien mit Simulationen, was wäre, wenn jetzt so ein sogenannter taktischer Nuklearschlag passieren würde. Auch der hätte zivile Opfer. Und das würde eben sehr schnell direkt immer in so einen großen Atomkrieg ausarten", so Hauschulz. Es könne aus ihrer Sicht "keine nachhaltige Strategie" sein, sich "auf so was zu verlassen".
Onlinetext: Martin Teigeler, Elena Matera, Annette Bräunlein / Quellen: Dlf, AFP, dpa, Reuters































