Naher Osten: Beirut, Stadt der offenen Wunden

Beirut wurde einst als Paris des Nahen Ostens verklärt und später zum Sinnbild eines nicht enden wollenden Bürgerkriegs. Mounir Zahran legt verschiedene Zeitschichten dieser Stadt frei - eine Spurensuche zwischen Wiederaufbau und neuem Grauen.

Von Mounir Zahran |
Beirut, Libanon, 23.11.2019 Das Denkmal auf dem Märtyrerplatz in Beirut, ein Werk des italienischen Bildhauers Marino Mazzacurati, mit der libanesischen Nationalflagge. Der Märtyrerplatz ist der zentrale Platz von Beirut.
In Beirut überlagern sich Vergangenheit und Gegenwart, persönliche Erinnerungen und politische Geschichte. (Getty Images / Erich Karnberger)
Immer wieder kehrt Zahran an diesen Ort zurück, an dem sich Zerstörung und Wiederaufbau in schicksalhafter Wiederkehr abwechseln. Auf seinen Spaziergängen durch Beirut sieht er elegante Stadthäuser, gläserne Apartments und 50 Jahre alte Einschusslöcher.
Das Grauen, das sich hier ereignet hat, kann er zunächst nur erahnen. Erst als er selbst durch die Ruinenlandschaft seiner syrischen Heimat fährt, beginnt er zu verstehen, was die Erinnerungen der Bewohner Beiruts prägt.
Beirut begegnet ihm als Brennglas libanesischer, palästinensischer und israelischer Erinnerungen. Doch die Sicht auf die Stadt verliert an Schärfe, je näher man ihr kommt. Flüchtlinge und Bewohner, Besatzer und Milizionäre bringen ihre je eigenen Perspektiven mit, die auf engstem Raum aufeinandertreffen. Die klare Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern verschwimmt immer wieder. Kaum irgendwo liegen Licht und Schatten, Hoffnung und Verzweiflung so nah beieinander.
Mounir Zahran promoviert in Politischer Theorie und Philosophie an der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. 1994 als Sohn syrischer Eltern in Deutschland geboren, zog er 2004 mit seiner Familie für acht Jahre nach Aleppo. 2012 kehrte er nach Deutschland zurück. Die Kindheit im rheinländischen Dorf und die Jugend in der syrischen Großstadt prägten ihn gleichermaßen. Über Syrien, den Libanon und den Nahen Osten hat er bisher für die taz, die FAZ und die Zeitschrift Merkur geschrieben.

Die Erinnerungen der Bewohner Beiruts enthalten Warnung und Hoffnung zugleich. Sie beruhen auf Erfahrungen, die der Wiederkehr der Gewalt einen schicksalhaften Anstrich geben, nicht selten aber auch den Ausbruch aus ihr versprechen. Der Anspruch, den die staunenden Besucher dieser Stadt nicht selten formulieren, aus diesen Gewalterfahrungen müsse doch eigentlich eine große Solidargemeinschaft hervorgehen, scheitert an einer Wirklichkeit, in der Gewalt nicht jeden gleichermaßen trifft – nicht von jedem gleichermaßen erfahren wird. Es gibt fast so viele Beiruts, wie es Beiruter gibt. Ja, vielleicht lässt sich das über jede Stadt so sagen. Aber ich glaube das nicht.
2019 war das Jahr, in dem ich mein Praktikum am Orient-Institut Beirut antrat. Beirut liegt schön, die Küste musste eine Stadt herlocken. Wie sieht diese Stadt aus? Osmanisch-levantinisch, mit rechteckigen (mal roten, mal grünen) Fensterläden, Rundbogentüren zum Balkon, schlichte Sandsteinfassaden, minimalistisch und elegant. Französisch-levantinisch, keine Fensterläden mehr, dafür kleine Balkone und arabeske Ornamente. Dazu schöne Cafés, hippe Cafés mit Helvetica-Beschriftungen, elegante Restaurants mit ausgezeichneter französischer Küche – aber wenn man schon mal da ist, vielleicht doch lieber arabisch-levantinisch. Clubs auf Dächern und in Kellern, mal mondän, mal bonzig, mal alternativ. Ja, Beirut ist schön; in frankophoner levantinischer Manier sagt man hier oh là là ebenso wie maschallah, und fällt der Blick auf einen von Ratten und Kakerlaken verseuchten Müllberg, dann fi! und tfi! Kinderbettler an fast jeder Ecke, Müllberge, Verwahrlosung, Einschusslöcher, die teilweise bis zu 50 Jahre alt sind. Beirut ist auch dreckig, stickig und laut.
Und all das ist irgendwie politisch. Politische Menschen, politische Autos und politische Straßen. In Aschrafiyya wehen die Flaggen der christlich-maronitischen Kata’ib-Partei – das sind die Phalangisten. Nur wenige Häuserzüge südwestlich, im gemischten Basta‑Viertel, tauchen die Fahnen der schiitischen Amal-Partei auf. Zwei Fraktionen, die sich im Bürgerkrieg erbittert bekämpften. Noch weiter südlich liegt Zokak el-Blat: ehemals sunnitisch-christlich und großbürgerlich, heute geprägt von einer schiitischen Mittel- und Arbeiterschicht. Zwischen monotonen Wohnblocks, gläsernen Hochhäusern und verfallenen Palästen hängen Bilder des 2024 getöteten Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah. Von der glamourösen, hochpreisigen Cocktailbar bis zur ersten Hisbollah‑Flagge über einem heruntergekommenen Teestübchen sind es gerade einmal 15 Minuten Fußweg.
2019 war auch das Jahr, in dem im Libanon die größten Proteste seit der Zedernrevolution von 2005 stattfanden, in deren Folge die syrischen Truppen das Land vollständig verließen. Der bankrotte libanesische Staat wollte eine Reihe neuer Gebühren einführen, um seine leeren Kassen zu füllen. Diese Maßnahmen stießen auf wenig Verständnis, und quasi über Nacht brachen zunächst in Beirut und dann im gesamten Küstenstaat Proteste aus. Sie richteten sich gegen jene Strukturen, die seit Jahrzehnten dieselben Gesichter an der Spitze des Libanon halten. Wahlen sind formal frei, politisch aber nahezu folgenlos. Weil sich innerhalb dieser Gemeinschaften mächtige politische Familien und Patronagenetzwerke festsetzen konnten, macht die verfassungsmäßig festgeschriebene Konfessionsparität politische Ämter beinahe zu Erbposten.
Libanons Parteien sind Doppelwesen: konfessionelle Klientelparteien und zugleich ein politisches Kartell. Jede bedient ihr eigenes Lager – drusisch, armenisch, schiitisch, sunnitisch und maronitisch. Doch in einer großen Koalition des Stillstands sichern sie sich gegenseitig ihre Pfründe. Reformvorhaben werden im Keim erstickt, parlamentarische Gremien perfektionieren die Kunst des Nichtentscheidens. Der Status quo bleibt zementiert.
Den Abend des Protestausbruchs habe ich noch klar vor Augen. Ich war mit einem Freund auf dem Heimweg. Männer auf Motorrädern sausten an uns vorbei, wir hörten Rufe und Schreie, Mülltonnen und Autoreifen brannten. Vermutlich war es bloße Neugier, die uns zum Riad-El-Solh-Platz trieb. Tausende Menschen waren dort versammelt und riefen ihre Forderungen nach Veränderung in Richtung des Regierungssitzes. Wir schienen die einzigen Ausländer in einer sehr wütenden Menge zu sein. Vor dem Gebäude standen Sicherheitskräfte. „Schießen die gleich auf uns?“ Ich musste an Syrien denken. Wir zogen uns in ein nahegelegenes Café zurück und verfolgten dort mehrere Stunden lang die Nachrichten im Fernsehen. Die Sicherheitskräfte schossen nicht.
Die anfängliche Wut wandelte sich schon am nächsten Tag in eine fröhliche Protestkultur. Ich sah Essensstände aller Art, hörte Musik von den Bühnen. Luftballons mit Leuchtdioden, Zuckerwatte, dazwischen ein unendliches Meer libanesischer Flaggen.
„Das sind doch keine Proteste! Das ist ein Festival!“, sagte mir meine Mutter am Telefon. In ihrer Stimme hörte ich Bewunderung. Denn wer würde nicht genauso protestieren wollen? In Zelten wurden mit einem mir bisher unbekannten Maß an Zivilität und Feinsinn respektvolle, aber vor allem kluge politische Debatten geführt. Seit Jahrzehnten ungenutzte Gebäude wurden besetzt und darin Vorlesungen, Theater- und Filmaufführungen veranstaltet. Nachts entstand in einer Ecke des Platzes ein Techno‑Dancefloor. Dort tanzten die wohlhabenden Studenten der Amerikanischen Universität Beiruts unmittelbar neben jungen Männern aus den prekären Beiruter Vororten, Menschen aller Schichten nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. So etwas habe ich in dieser Gesamtheit weder als Syrer noch als Deutscher erleben dürfen.
Der berühmte Protestruf jener Tage – „Kellon ya’ni kellon!“: „Mit allen meinen wir auch alle!“ – erhob den Anspruch, wirklich alle konfessionellen Lager einzuschließen. Er richtete sich gegen die Oligarchen, die alten Warlords und ihre Söhne. Unter manchen schiitischen Beirutern breitete sich nun Unsicherheit aus: „Meinen sie etwa auch die Hisbollah?
Die Hisbollah mit ihren kräftigen Finanzspritzen aus dem Iran und dem Rauschgifthandel gibt der schiitischen Bevölkerung gut ausgestattete Schulen, Renten, Häuser, zinslose Kredite und Geld für Krankenhausoperationen.
Und wenn sich dann manche christliche und sunnitische, junge wie alte Beiruter an den Vorkriegslibanon erinnern, dann manifestiert sich in ihren Köpfen eine „Goldene Ära“: Dinnerpartys, Smokings, Bikinis, Jetskis und Cocktailbars – ein verlorenes Paradies, eine Vergangenheit ohne Ecken und Kanten. Schiitische Zeitzeugen hingegen erinnern sich noch ganz genau an Slums, fehlenden Strom, verschmutztes Wasser und an unbarmherzige Sommer wie Winter; als Tagelöhner verdienten sie in Beirut ihren Lebensunterhalt.
Unter diesem Gesichtspunkt formuliert sich für viele libanesische Schiiten der Rahmen ihrer Entscheidung: Es ist eine Entscheidung zwischen einem Leben mit und ohne Würde, eine Entscheidung, die streng genommen keine wirkliche Handlungsautonomie zulässt.
Nur zwei Wochen nach dem Beginn der Proteste strömten, von der Hisbollah und der Amal mobilisiert, junge Männer mit Schlagstöcken auf Motorrädern aus schiitischen Vierteln ins Protestzentrum. Tage später begegnete ich einigen von ihnen. Ich wusste es, weil sie sich mit der Zerstörung des Protestlagers brüsteten. Das waren die jungen Männer, die ich damals jeden Tag an den Plastikstühlen und -tischen des Kioskcafés in meiner Nachbarschaft gegrüßt hatte.
Als ich an diesem Tag von dem Überfall hörte, machte ich mich sofort auf den Weg. Ich traf ein, kurz nachdem die Schlägertrupps verschwunden waren. Am Protestlager waren Zelte eingerissen, manche brannten noch, aus den Stirnen rann Blut. Tische und Stühle zerstört, Wasserpfeifen zerbrochen, der Elan der vergangenen Tage schien gebrochen. Bis plötzlich ein junger Mann der versprengten Menge zurief: „Hariri ist zurückgetreten!“ Saad Hariri, Ministerpräsident und Sohn des 2005 ermordeten Rafiq Hariri. Der junge Mann stand auf dem Sockel der Märtyrerstatue. Seine Stimme zitterte, er breitete seine Arme weit aus: „Wir stehen erst am Anfang. Wir müssen uns auf einen langen Kampf einstellen.“ Die Menge applaudierte, Menschen fielen sich in die Arme, Männer weinten.
Seitdem sind sechs Jahre vergangen. 2020 geschah die apokalyptische Explosion im Beiruter Hafen, deren Spuren bis heute an vielen Orten nach wie vor sichtbar sind. Im Jahr 2024 folgte der Krieg der Hisbollah gegen Israel, im Zuge dessen Hassan Nasrallah durch einen israelischen Luftangriff getötet wurde. Unterhalb des Nachrichtenradars weltpolitischer Zusammenhänge ereigneten sich großflächige Zerstörungen in Dahieh, der Beiruter Hochburg der Hisbollah und in großen Teilen des schiitischen Südens. Hunderttausende wurden obdachlos – eine humanitäre Katastrophe. Doch eine Katastrophe, die – so zynisch es klingen mag – die Bedingungen für neue Perspektiven schuf.
Gegen die Widerstände einer stark geschwächten Hisbollah im Parlament konnte sich 2025 die neue technokratische Regierung von Nawaf Salam formieren. Und auf einmal scheint die Politik vor Handlungsfähigkeit zu strotzen. Nawaf Salam – promoviert an der Sorbonne und am Science Po in Paris, zusätzlich ein Master of Laws in Harvard und ehemaliger Präsident des Internationalen Gerichtshofs – Nawaf Salam also verspricht im Finanzsektor und im Rechtswesen so einige radikale Reformen, doch ein Versprechen schlägt besonders hohe Wellen: der Staat als alleiniger Träger von Waffen! „Beirut kehrt zurück“, frohlocken einige Libanesen, man müsse nur Geduld haben. Aber Geduld im Libanon ist ein Privileg. Geduld muss man sich bei diesen exorbitanten Lebenshaltungskosten und dieser teuflischen Inflation im wortwörtlichen Sinn auch leisten können. Trotzdem: Ist die Hisbollah bald keine Miliz mehr, sondern eine Partei wie jede andere?
Nach etwa fünf Jahren kehrte ich 2025 für einen Forschungsaufenthalt nach Beirut zurück. In einem Beiruter Café lauschte ich dem Gespräch zweier älterer Männer.
„Unmöglich!“
„Aber natürlich. Hast du damals geglaubt, dass die Palästinenser jemals ihre Waffen abgeben würden?“
Dem Gespräch war ein lauter Knall vorausgegangen, ein israelischer Angriff auf die Hisbollah in Dahieh, ihrem Machtzentrum im Süden Beiruts. Die Gewalt, die damals das vermeintlich Unmögliche möglich machen sollte und es nun erneut möglich machen soll, erwähnten die Männer nicht. Ein Jahr später sollte der amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran auf den Libanon übergreifen. Beirut und das gesamte Land sollten eine der schwersten Zerstörungswellen seit dem Ende des Bürgerkrieges erleben.
Natürlich ist die Hisbollah nicht allein für den politischen Stillstand verantwortlich. Sie ist aber nun mal der libanesische Akteur, an dem sich die militärische Konfrontation mit Israel immer wieder entzündet. Zugleich wird die Hisbollah zur Projektionsfläche für nahezu alles, was im Libanon nicht funktioniert. In einer Wahrnehmung, die von verzweifelten wie auch naiven Hoffnungen geprägt ist, wird die Frage nach ihrem Fortbestand oder ihrem Verschwinden zu einer existenziellen Schicksalsfrage für den Libanon gedeutet.
Und tatsächlich: Die Ähnlichkeiten zwischen der einstigen Rolle der PLO im Libanon und der heutigen Rolle der Hisbollah lassen sich nur schwer leugnen. Auch die PLO war einst als Staat im Staate aus dem libanesischen Machtgefüge kaum wegzudenken. Und ähnlich wie die Hisbollah wurde sie im Laufe der Zeit von immer mehr Libanesen als destabilisierender Faktor wahrgenommen. „Dennoch wäre es den meisten Palästinensern am Vorabend des Krieges von 1982 geradezu undenkbar erschienen, dass die PLO gezwungen werden könnte, Beirut zu verlassen. Auch viele Libanesen hielten das für äußerst unwahrscheinlich“, erinnert sich der palästinensisch‑amerikanische Historiker Rashid Khalidi, der damals in Beirut lebte.
Seit der Flucht und Vertreibung der Palästinenser in den Libanon im Jahr 1948 fürchteten vor allem die maronitischen Eliten des Landes um ihre institutionell abgesicherte politische Vormachtstellung. Die Ordnung des Nationalpakts von 1943 hatte sich noch auf die in der Volkszählung von 1932 festgestellte christliche Bevölkerungsmehrheit berufen. Die Verlagerung des PLO-Hauptquartiers von Jordanien nach Beirut im Jahr 1971 betrachteten jene Eliten daher mit Argwohn. Denn auf einmal verfügten hunderttausende im Libanon lebende Palästinenser über eine gut strukturierte politische Führung.
Im Frühjahr 1975 nahm der libanesische Bürgerkrieg in Beirut seinen Anfang. Ein Krieg der Ideen, Wünsche, Träume, Hoffnungen und Ängste: Wie würde der Libanon von morgen aussehen? Palästinenser, linke panarabische Kräfte und Drusen kämpften gegen rechtsgerichtete christliche Maroniten; die schiitische Amal-Miliz kämpfte gegen Palästinenser, später gegen die ebenfalls schiitische Hisbollah; Schiiten kämpften gegen Maroniten und am Ende sogar Maroniten gegen Maroniten. Durch direkte Interventionen Syriens und Israels wurden Bündnisse zügig gebildet und ebenso rasch gebrochen. 15 Jahre lang ging das so weiter.
Zwar begann am 21. August 1982, sieben Jahre nach Beginn des Krieges, das, worüber die beiden Männer im Café sprachen: Unter dem Druck der israelischen Belagerung Westbeiruts legten die PLO-Kämpfer ihre Waffen nieder und stimmten ihrem Abzug aus Beirut zu. Auf Schiffen verließen sie Beirut, hunderttausende Palästinenser blieben zurück. Unter den Schiffsinsassen war auch der palästinensische Nationaldichter Mahmud Darwisch: „Wir haben gesagt, dass wir gehen werden. ‚Übers Meer‘, sagten sie. ‚Übers Meer‘, echoten wir.“ An Frieden war dennoch nicht zu denken.
Kurz darauf wurde der gerade gewählte und von Israel unterstützte Präsident und Milizenführer Bachir Gemayel durch ein Bombenattentat ermordet. Die israelischen Streitkräfte nahmen seine Ermordung zum Anlass, entgegen früherer Zusagen in Westbeirut einzurücken. Die Israelis riegelten das palästinensische Flüchtlingslager Schatila und das angrenzende Viertel Sabra ab und ließen die mit ihnen verbündeten maronitischen Phalangisten dort einrücken. Offiziell sollten sie angeblich verbliebene bewaffnete Kämpfer der PLO aufspüren.
Vom Abend des 16. bis zum Morgen des 18. September verübten die phalangistischen Milizionäre unter den Augen der israelischen Streitkräfte ein Massaker an palästinensischen und libanesischen Zivilisten. Die Zahl der Toten ging in die Tausende. Zahlreiche Leichen waren verstümmelt. Männer waren kastriert, schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt worden.
Die Palästinenser, die vermeintlichen Auslöser des Krieges, schieden 1982 als Kriegspartei aus, dennoch sollte der Bürgerkrieg noch neun weitere Jahre andauern und an Intensität nicht verlieren.
„Zu begreifen, was eigentlich geschieht und wer aus welchem Grund gegen wen kämpft, ist wie der Versuch, Wolken einzufangen“, schrieb der amerikanisch-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said 1985 resigniert. Beirut, seine zweite Heimat, hatte er notgedrungen verlassen müssen.
„Wenn ich Sabra und Schatila vergesse, werde ich auch Jerusalem vergessen“, hatte ein Demonstrant bereits 1982 in Tel Aviv auf sein Schild geschrieben. Beirut markierte einen Perspektivwechsel. „Was machen wir dort eigentlich?“ War man noch eine Verteidigungsnation? Wer damals in Tel Aviv „Beirut“ sagte, hätte ebenso gut „Vietnam“ in Amerika sagen können. Hunderttausende Israelis forderten nun ein Ende des Krieges und den Rücktritt von Menachem Begin und Ariel Scharon. Der Krieg erschütterte die überlieferten Gewissheiten und bereitete den Boden für eine neue Generation an Historikern, die bald darauf auch die Gründungsgeschichte Israels neu befragen sollten. Beirut wurde zum Ursprung einer kritischen israelischen Zivilgesellschaft: „Es gibt noch ein anderes Israel, das aus seinem Gewissen lebt, nicht nur von seinem Schwert – ein Land der Schaffenskraft und der Menschenwürde“, sagte Shimon Peres.
Beirut wurde zur Projektionsfläche für ein anderes Israel, die Kriegsverbrechen in Beirut dienten als negative Kontrastfolie. Dieses Israel, das in seiner Kahan-Kommission die Verbrechen von Sabra und Schatila mit beeindruckender Akribie aufarbeitete, begründete das Selbstbild des israelischen Rechtsstaats. In der Bundesrepublik, in der zeitgleich eine Erinnerungskultur aufkeimte, die Selbstkritik als Ausweis zivilisatorischer Reife versteht, stieß all das auf besondere Sympathie. Vielleicht ist es noch immer die Erinnerung an dieses selbstkritische, moralisch wachsame Israel, die eine ältere Generation von Feuilletonisten und Professoren in Deutschland vor Augen hat, wenn sie mit der Kritik einer jüngeren Generation konfrontiert wird, die eine andere Sozialisierung erfahren, dieses Israel wahrscheinlich nie erlebt hat und folglich ihre Kritik am Gaza‑Krieg aus gänzlich anderen Annahmen herleitet. Kritik am Gegenstand ist somit auch eine Frage von erlebter Erinnerung und Erinnerung aus zweiter Hand.
Für die Palästinenser lieferte Beirut nicht das Bild eines anderen Ortes, sondern die Verheißung eines möglichen Palästina. Zwischen 1971 und 1982 verdichtete sich hier, auf wenigen Quadratkilometern, etwas, „das einer politischen, intellektuellen, finanziellen, administrativen und geistigen Hauptstadt näherkam als alles, was sie bis dahin besessen hatten“, so Khalidi. Selbst diejenigen, die die Stadt nie betreten hatten, empfanden sie als den einzigen Ort, an dem sie würdig vertreten wurden. Khalidi schreibt: „Für jene, die täglich unter den Demütigungen der israelischen Besatzung litten, ebenso wie für die Palästinenser, die in den arabischen Aufnahmeländern unterschiedlichsten Formen der Ausgrenzung ausgesetzt waren, bedeutete die Präsenz der PLO in Beirut außerordentlich viel.“
Die goldene Ära Beiruts endete für die Palästinenser nicht in den 1970er Jahren – sie begann erst. Die geistigen Erzeugnisse dieser kurzen Phase waren immens: Zeitungen wurden gedruckt, Literatur- und Fachzeitschriften zirkulierten, Forschungszentren entstanden und schufen ein intellektuelles Fundament. Beirut war für die Palästinenser der Beweis, dass Palästina existieren konnte – und der Ort, an dem sie am klarsten sahen, wie es hätte aussehen können.
Der Abzug der PLO aus Beirut läutete zugleich den allmählichen Bedeutungsverlust der Palästinenserorganisation zugunsten radikal-islamischer Gruppierungen ein. „Ich hasse Arafat, und du wirst mich niemals vom Gegenteil überzeugen können!“ – schnappte ich einmal auf, als ich an einer Gruppe älterer palästinensischer Männer auf der Berliner Sonnenallee vorbeiging. Der Großteil der heute in Berlin lebenden Palästinenser stammt aus jener vierten palästinensischen Fluchtbewegung, die der libanesische Bürgerkrieg auslöste. Unter ihnen befinden sich auch Überlebende von Sabra und Schatila. Bitter, spöttisch und doch mit einem Fünkchen Humor bezeichnen sie Neukölln als ihr Flüchtlingslager.
Bei einem Spaziergang durch Beirut erzählte mir meine Mutter, wie sie kurz nach Bürgerkriegsende als junge Frau von Damaskus nach Beirut gefahren war. Jahrzehnte Krieg, die Kämpfer abgezogen, aus dem Autofenster erblickte sie eine Ruinenlandschaft, sie sagte mir: „Kein Stein stand mehr auf dem anderen.“ Und ähnlich wie Edmund Husserl eine Erwartung auch als „Vorerinnerung“ bezeichnet, so beschlich mich in dem Moment, in dem mir meine Mutter von ihren alten Eindrücken erzählte, das unheimliche Gefühl, dass diese Eindrücke bald auch meine Erinnerungen sein würden, nein, ich war mir ziemlich sicher. Ich würde sogar ihre exakte Wortwahl für ihre Eindrücke nutzen, um meine Eindrücke zu beschreiben. 30 Jahre später fuhr ich durch eine andere Ruinenlandschaft, wo kein Stein mehr auf dem anderen stand – die ihrer einzigen Heimat: Syrien.
Ich hatte in Geschichtsbüchern von ihnen gelesen, ich wusste, dass es sie gab. Doch zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eines ihrer Werke unmittelbar vor mir. Sicherlich war ich ihnen schon einmal an einer Straßenkreuzung in Damaskus begegnet, den Propheten der Verheerung. Sicherlich hatten sie mich schon einmal in Beirut durch das Auge einer Drohnenkamera erfasst.
Ihre Werke kennen weder Ort noch Zeit. Der türkische Politikwissenschaftler Hamit Bozarslan stellte nüchtern fest: Der Krieg in den Städten im Libanon und die Herrschaft der Milizen seien nur ein Vorspiel gewesen. In einer erschreckenden Gleichzeitigkeit hielten die 2010er Jahre Ähnliches für den Jemen, Syrien, Libyen und den Irak bereit. Mit einem Unterschied: Der Libanon habe diese Ohnmacht lange vor diesen anderen Schauplätzen erfahren.
Und diese empfundene Ohnmacht sei dann in eine dumpfe Indifferenz übergegangen. Eine Apathie gegenüber der Politik, eigentlich dem Leben als Ganzem. Die syrischen und palästinensischen Flüchtlingscamps und die Armenviertel Beiruts ächzen unter der Last von Gewalt und Drogenhandel. Ihre Jugend, die Araber von morgen, zugedröhnt bis zum Delirium, nichts denkend, nichts fühlend, nichts wollend, mit ihren halbgeöffneten Augen blicken sie durch die Einschusslöcher vergangener Gewalt. Wunschlos im Unglück sind sie, die Prinzen Beiruts, die Könige der Levante.
Der Wiederaufbau Beiruts, der schneller, aber doch in ganz anderer Form als erwartet verlief, wurde vom Milliardär Rafiq Hariri vorangetrieben, dem mehrfachen Ministerpräsidenten des Libanon. Er geschah nicht im Zeichen der Erinnerung an das klassen- und konfessionsgemischte Stadtzentrum der Vorkriegszeit, sondern als glatte Kulisse einer verklärten „Goldenen Ära“ – gleichsam als Karikatur des Paris des Nahen Ostens, in dem weder ökonomische Krisen noch politische Konflikte jemals existiert hatten. Vor dem Bürgerkrieg säumte ein heterogenes Gewirr aus osmanischen Stadthäusern, Villen im französisch-levantinischen Stil und modernen Betonwürfeln die Promenade. Hariris Masterplan ersetzte diesen Flickenteppich durch rasterförmige Straßenzüge und sündhaft teure Glasapartments.
Hariri, der in diesem Sinne Erbauer und Zerstörer zugleich war, fiel 2005 einem Attentat zum Opfer, das national wie international Damaskus angelastet wurde. In der Folge zogen die Syrer nach fast 30 Jahren aus dem Libanon ab. Sie gingen als Besatzer und kehrten 2011 als Flüchtlinge zurück.
Bei meinen Aufenthalten in Beirut setzte ich mich abends oft auf Tee und Zigaretten zu einem Kioskbesitzer, den ich hier Wassim nenne. Schließlich fasste er nach einiger Zeit Vertrauen und erzählte mir, dem Syrer, von seinen Erfahrungen unter der syrischen Besatzung. Wassim erinnerte sich noch, wie einmal ein Ladenbesitzer flehte, es doch bei vier Kilo Tomaten zu belassen, während der Offizier auf 30 Kilo bestand – selbstverständlich aufs Haus. Einmal traf es ihn direkt. Er saß mit seiner Familie an der Strandpromenade, als eine Gruppe syrischer Soldaten alle Stühle und Tische forderte. Alle waren eingeschüchtert, nur sein Onkel widersetzte sich. Nur ein einziges Mal die Würde bewahren. Die Soldaten nahmen seinen Onkel mit und er verschwand für acht Jahre von der Bildfläche – wegen eines Plastikstuhls.
Tausende Libanesen kehrten aus den syrischen Gefängnissen nie zurück. Nach offizieller Linie wollte Syrien den inneren Frieden bewahren. Tatsächlich betrachtete Hafiz al-Assad den Libanon eher als syrische Provinz, denn als souveränen Staat. Syrien trat nicht als Befrieder, sondern als Sieger des Krieges auf, und folglich behandelten syrische Offiziere das Land als Kriegsbeute. Die Offiziere entführten Frauen am helllichten Tag von der Straße und machten sie zu Mätressen. Autos wurden aus irrsinnigsten Gründen „beschlagnahmt“, Beirut wurde zur Spielwiese. Kandidaten, die dem syrischen „Reichsverweser“ im Libanon Ghazi Kanaan missfielen, verschwanden kurzerhand von Wahllisten. Hinzu kam eine langwierige Welle von Attentaten gegen besatzungskritische Stimmen – Politiker, Journalisten wie Intellektuelle. Weder Durchschnittsbürger noch Elite waren vor der Willkür des syrischen Besatzungsregimes sicher. Jahrzehnte der Demütigung.
„Ich habe lange gebraucht, um den Syrern zu verzeihen“, sagte Wassim. „Lange, um zu verstehen, dass sie genauso Opfer dieses Regimes waren wie wir.“ Ich war baff. Solche Worte hörte ich in dieser Stadt zum ersten Mal. Meistens hatte ich es vermieden, mich als Syrer zu erkennen zu geben. Manchmal hatte eine einfache Frage nach dem Weg genügt: „Dein Akzent… bist du Aleppiner?“ Ich wusste von Freunden, die als syrische Flüchtlinge in Beirut Feindseligkeiten und Erniedrigungen erlebt hatten. Ich wusste von marodierenden Banden, die nachts Jagd auf Syrer gemacht hatten. „Kommt jetzt was?“ Bisher hatte ich immer Glück. Die Reaktionen hatten sich häufig auf ein irritiertes „Du siehst ja nicht wie ein Syrer aus“ beschränkt. Mehr Toleranz hatte ich nie erlebt und angesichts dieser Vergangenheit nicht erwarten wollen.
Eine Reihe unmöglicher Ereignisse, die dem Ganzen vorausgingen, haben nun diesen unmöglichen Moment möglich gemacht: kein bloßes Tolerieren meiner Anwesenheit, nein, hier erfuhr ich Mitgefühl. Die Bilder aus dem Foltergefängnis Saidnaya, die Massengräber um Damaskus; diese Geschichten, die nun ans Licht kamen, sprachen für sich.
„Ihr Christen wisst doch gar nicht, was Leid ist!“, ruft der Palästinenser Yasser Salameh dem maronitischen Christen Tony Hanna in Ziad Doueiris Film Der Affront zu. Tony, Überlebender des Massakers von Damur im Jahr 1976, wo palästinensische Kämpfer Hunderte christliche Einwohner töteten und vergewaltigten, schlägt daraufhin Yasser nieder. Yasser steht auf, entschuldigt sich und geht. Doueiri verzichtet in seinem Film bewusst auf eindeutige Täter-Opfer-Zuschreibungen, ebenso auf eine Hierarchisierung des Leidens der Opfergruppen. Er vermeidet die Festlegung auf eine allein gültige historische Erzählung. Versöhnung geschieht hier nicht durch eine gemeinsame Erinnerung an den Krieg, auch nicht durch die Verrechnung von Schuld und Leid. Sie beginnt in jenem seltenen Augenblick, in dem ein Mensch anerkennt, dass auch der andere eine gebrochene Erinnerung besitzt, die sich der eigenen nicht unterordnen lässt.
Und schließlich gibt es in Beirut noch die vielen Stränge der Hoffnung. Sie laufen hier zu einem von Blut und Tränen durchwirkten Geflecht zusammen und lassen mich immer wiederkehren, in diese Hauptstadt der Levante. Die Beiruter weben daraus einen bunten Teppich, der auf die unzähligen Wege ihrer Vergangenheiten und Zukünfte verweist.