Nach 9/11
Der tötende Mensch - Folgen der dissoziativen Globalisierung

9/11 markiert eine Zeitenwende. Mit Terror und Krieg in diesem Ausmaß tritt der tötende Mensch ins Zentrum der Geschichte, einer Geschichte der dissoziativen Globalisierung als Epoche neuer Feindbilder.

Von Volker Demuth |
Schwarz-weißes Foto einer Glasscheibe mit Schusslöchern
Die Globalisierung verliert ihr Friedensnarrativ (getty images/kampee patisena)
Die Terroranschläge des 11. September 2001 machten mit einem Schlag etwas deutlich, was schon zu erahnen war, eine düstere Gegenwartsdiagnose: Die Globalisierung hat ihre versöhnende Erzählung der sich ausbreitenden Menschenrechte und des sich ausbreitenden wirtschaftlichen Reichtums verloren und ist in eine dissoziative Phase eingetreten, in der Feindbilder, Aufrüstung und Kriegslogik wieder das politische Sprechen bestimmen.
Im Zentrum diese Phase steht der homo necans, der tötende Mensch – als Jäger, Soldat, Despot, Terrorist, Revolutionär und medial faszinierende Figur. Von neolithischen Massengräbern über religiöse Tötungsgebote, Kriegsepen, Massenpsychologie und moderne Drohnentechnologie führt die Spur zu einer Geschichte, in deren Mitte Gewalt und Vernichtung stehen. Der  Traum vom ewigen Frieden war kurz und wohl nur eine Art der Selbstberuhigung.
Volker Demuth, geboren 1961, ist Lyriker, Schriftsteller und Essayist. Er studierte in Tübingen und Oxford Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte. Er war Dozent für Medientheorie und Professor für Mediengeschichte und Medientheorie an der Fachhochschule Schwäbisch Hall. Seine Spezialgebiete sind die Theorie der Narrativität sowie die Körper- und Technikgeschichte. Außerdem hat er Hörspiele und Features geschrieben. Zuletzt erschienen: Mäander. Siebzehn Posts zum geschwungenen Leben (2023); Unruhige Landschaften. Ästhetik und Ökologie (2022); Fossiles Futur. Gedichte (2021).

Der Krieg gegen die Ukraine, der Krieg gegen den Iran. Bürgerkriege nicht nur im Jemen und auf dem afrikanischen Kontinent. Wir sehen uns heute mit einer Wirklichkeit konfrontiert, in der Gewalt und militärische Erpressung wieder zum gängigen Mittel der Weltpolitik geworden sind, wo Aufrüstung und Waffenhandel neue Höhepunkte erreichen, wo Demokratien unter Druck und internationale Organisationen zur Friedenssicherung geschwächt sind wie niemals zuvor in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn nicht alles täuscht, befinden wir uns in einer zweiten Phase der Globalisierung, die sich als dissoziative Globalisierung beschreiben lässt und in der Feindseligkeiten zwischen Staaten und früheren Verbündeten genauso zunehmen wie drastische Spannungen und nationalistische Bestrebungen innerhalb von Gesellschaften.
Dissoziative Globalisierung meint: Anstatt internationaler Kooperation treten Konflikte und Gegnerschaften zwischen Staaten in den Vordergrund; statt gemeinsamer vertragsbasierter Ziele dominieren nationale Antagonismen und ein aggressiver Ton.
Wie über Nacht hat sich daher unser Sprechen verändert. An beinahe allen öffentlichen Redeplätzen entsteht der Eindruck, die Zeit der friedensseligen Sätze wäre abgelaufen. Eine bellizistische Sprache gewinnt die Oberhand.
Wo sich erkennbar eine von Konflikten und Kriegen gezeichnete Welt neu konfiguriert, folgt die veränderte Dramaturgie auch mitten in Europa einem bis vor kurzem schwer vorstellbaren Skript. In einem Wort lautet es: Den Krieg denken. Politisch ausgedrückt: Kriegstüchtig werden. Damit kehrt eine Figur ins politische Bewusstsein zurück, die das Nachkriegseuropa beiseitegeschoben hatte: Der Menschen tötende Mensch.

Es drängt sich uns also gegenwärtig erneut die Frage auf: Wer ist er, der Homo necans, der ausgestattet ist mit der Todesdrohung? Und weiter gefragt: Wird der tötende Mensch seinen bestimmenden Status in der Geschichte nie verlieren? Einfach, weil es sich dabei um eine biologische Festschreibung handelt, um ein evolutionär unverlierbares Erbe? Oder ist es jene tiefe, unersetzbare Lust an der Verachtung, die seine Seele dazu antreibt, mit politischer Wirkkraft, mit emotionalen Ekstasen?
Wird der tötende Mensch vom Energiestrom der Macht oder der Angst oder von beiden zugleich erfasst, was ihn dazu hinreißt, die Erniedrigung der lebenden Materie bis zum Punkt der Reinheit des Gegenstands zu treiben?
Ist es die Sehnsucht nach absoluter Sachlichkeit, eines antwortlosen Etwas, von dem er sich eine Welt endloser Ruhe verspricht, aus der keine Klage und keine Anklage widerhallt? Wer ist er, der tötende Mensch, der gerade wieder über die Erdoberfläche zieht, umgeben von Rauch, Ruinen und toten Augen?

Auf den ersten Blick mag er vielen weit weg erscheinen, doch für heutige Individuen kommt es zu einer täglichen Begegnung mit dem Homo necans. Nicht als Körper an konkreten Orten, wohl jedoch als Teilnehmer einer Medienwirklichkeit. In ihr prägen sich Formate aus, etwa Nachrichten oder informative Magazine, die als Sammelstellen für Tötungen aller Art fungieren. Eine ihrer wesentlichen Aufgaben besteht darin, nahezu jede Stunde daran zu erinnern, dass unsere Artgenossen mit einer unstillbaren Tötungsabsicht unterwegs sein könnten und sie es irgendwo tatsächlich auch sind, nicht auszuschließen sogar in unserer Nähe.
Je mehr in diesem Zuge das Gefühl der Daseinsunsicherheit anwächst, desto stärker zahlt sich Töten als Nachrichtenware für die news economy aus. Was in früheren Gesellschaften die Ausnahme darstellte, was eigentlich Störungen und Irritationen sind, die durch Tötungen in der Welt ausgelöst werden – Kriminalität, Verzweiflungstat, Terrorismus, Kriegsgeschehen –, erleben wir als dauerhaften Normalzustand.

Fiktionale Formate bedienen sich der Räume des Imaginären, um das undurchsichtige Individuum in seiner erschreckendsten Äußerungsform zu zeigen. Vom antiken Epos über Shakespeares und Schillers Schlachtendramen bis zu aktuellen Medienprodukten: Andere zu töten, ist der erfolgreiche Inhalt eines uralten, überragenden Unterhaltungsformats.
Das Genrespektrum erstreckt sich heute vom schlichten Krimi über Agenten- und Kriegsfilme, Actionthriller und Verfolgungsjagden bis zu Horror, Splatter und blutrünstigen Ego-Shooter-Spielen. Das Ereignis des Tötens wird in Form ästhetischer Inszenierung zur medialen Massenware und auf diesem Weg zum Bestandteil kollektiver Fantasien.
Wie profitabel dies ist, lässt Rückschlüsse auf jene Phantome und Wünsche zu, die unverlierbar durch die obskuren Kammern menschlicher Vorstellungen geistern.

Der tötende Mensch fasziniert. Dabei lässt sich nicht mit letzter Klarheit sagen, inwiefern das Töten im Verhaltensbestand der Hominiden angelegt war, wann sich das Jagen von Beute zum Gruppenphänomen entwickelte, wann aus der Gruppe die tödliche Meute und aus der Landschaft ein killing field wurde.
Gewiss ist nur so viel: Als der Werkzeuge herstellende Mensch Speere und Schleudern auszuarbeiten beginnt, bringt er eine räumliche Distanz zwischen sich selbst und die Beute, was sowohl die Tötungshemmung verringert, als auch die Tat weniger körperlich macht.
Das Leben zu nehmen, ist fortan ein Ereignis an einem entfernten Punkt, gewissermaßen ohne unmittelbare körperliche Einwirkung und Kraftanwendung. Es kann jetzt zudem ohne unmittelbare Selbstgefährdung stattfinden. Entscheidende Voraussetzungen, um auch menschliche Objekte in die Beutemenge aufzunehmen, eine Jahrtausende alte Entwicklung, die auf dem Stand der Drohnentechnologie ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.
Eine derartige Beschreibung der Kulturrevolution verdunkelt das aufklärerische Bild des Menschen, seiner Entwicklung aus dem Naturzustand hin zum vernunftbegabten Sozialwesen. „Der Mensch wurde zum Menschen durch das Jägertum, durch den Akt des Tötens“, stellt dagegen der Philologe Walter Burkert fest. Woraus sich – wie er schreibt – die Gefahr der „Selbstvernichtung des Menschen durch den Menschen“ ableitet.

Mit den Ausgrabungen erster Massengräber im württembergischen Talheim oder in Halberstadt in Sachsen-Anhalt, deren Alter auf 7.000 Jahre datierbar ist, tritt der Menschen tötende Mensch erstmals in Form von Massakern greifbar in Erscheinung.
Seither verlieren sich seine verstörenden Zeugnisse in der Geschichte nicht mehr. Sie offenbaren eine staunenswerte Vielfalt, ausgeübt in Kollektiven und Organisationsformen, die eine beträchtliche und sich kontinuierlich steigernde Auslöschungsenergie entwickeln.

Wo die Phänomene des Tötens in ihrer Vielheit und Unterschiedlichkeit noch immer unüberschaubar sind, lässt die Logik es immerhin zu, das Gemeinsame zu beschreiben. Das Entscheidende nämlich lässt sich folgendermaßen in eine Formel fassen: Wo etwas ist, darf nichts mehr sein. „Etwas“ steht für eine historische Variable, für die „König“, „Jude“, „Trotzkist“, „Palästinenser“, behinderte und queere Personen, „Grand bourgeois“, „Ungläubiger“ oder „Schwarzer“ eingesetzt werden kann. Die Reihe ist endlos.
Die zweiwertige Logik von Existenz und Nichts gehorcht einer unüberbietbaren Entschiedenheit, denn ihr einmal erzieltes Ergebnis ist unumkehrbar. Die Umkehr, diese epische Möglichkeit einer für Irrtum und Versehen eingeräumten Korrektur, bleibt mit dem Tötungsakt dauerhaft ausgeschlossen.
Der tötende Mensch handelt mit unübertroffener Konsequenz. Sein Maßstab ist Endgültigkeit. Die einzige in dieser Welt erreichbare Endgültigkeit: Nichtsein.

Wir alle kennen Normen des Nichttötens. Die alttestamentarische „Du sollst nicht töten“ stellt eine der ältesten dar. Mit ihr öffnet sich die Chance für Freiheit, denn sie legt jedem Menschen die Wahlmöglichkeit in die Hände, dem Verbot zu folgen oder es zu übertreten.
Die Logik der Freiheit entsteht an der Norm, verdankt sich mithin einem Akt gesellschaftlicher Entscheidung. Ob das Verbot unter bestimmten Umständen, in besonderen psychischen oder sonstigen Situationen, eingehalten werden kann, sind Folgeprobleme des vorrangigen Verbotes, das jedoch in allen Fällen eine undefinierte Stelle in sich enthält. Denn die entscheidende Frage, wen genau denn dieses Du, das sich jederzeit in ein Ich, in mich selbst verwandeln kann, nicht töten soll, bleibt offen.

Gilt das Tötungsverbot kategorisch – eine deontologische Auffassung, die Kant vertreten würde – oder muss man ihm nur situativ und regulativ Folge leisten, was mehr der Ansicht von Utilitaristen entspräche?
Im ersten Fall würde eine dicke Mauer errichtet, die der tötende Mensch nur schwer überwinden könnte. Im zweiten Fall öffnen sich ihm Türen. Tatsächlich meint das 5. Gebot des mosaischen Dekalogs, das hebräische lo tirzach (לֹא תִרְצָח), wörtlich genommen „Du sollst nicht morden“. Für andere Fälle des Tötens von Menschen zeigen sich die Bücher des jüdischen Glaubens offen. Etwa bei der Todesstrafe für die Anbetung falscher Götter und sexuelles Fehlverhalten oder im Krieg gegen Feinde.
Mordverbot und gebotene Tötung schließen sich in dieser nicht allein die jüdische, sondern die überwiegende Zahl von Gesellschaften bestimmenden Normkonstruktion gerade nicht aus. Wer nicht gemordet werden darf und bei wem eine Tötung nicht als Mord gilt, verbleibt in der Entscheidungsgewalt der historisch sich wandelnden Gesellschaften. Gleichzeitig trennen sich an dieser Frage Wertungen von Gut und Böse.

In beinahe allen Kulturen existiert eine Vorstellung vom Bösen, die ihr Extrem am Menschen tötenden Individuum erfährt. Das Böse, sofern man darunter das Leben gewaltsam Verneinende begreifen möchte, bleibt in der Religion also enthalten, wobei der Heilige Krieg sogar oftmals Teil ihres Faszinosums ist.
Als Element menschlicher Kultur bleibt die Vorstellung vom Bösen damit Teil jener weit umfassenderen Nekrophilie, die Erich Fromm unter dem Eindruck der Atombombendrohung und der – gerade heute wieder erweiterten – abstrusen Arsenale des Overkill als das Verlangen aufgefasst hat, „Organisches in Unorganisches umzuwandeln“. Ein psychisch motiviertes Bestreben, das von der Nekrophagie und Träumen von „Blut, Leichen, Schädeln“ bis zur bürokratischen, mechanistischen und militärischen Abtötung jeder Lebendigkeit reichen kann.
Reformuliert man die psychoanalytische Theorie in religiös-moralischen Begriffen, heißt das bei Erich Fromm: „Böse ist alles, was das Leben erstickt, es einengt und in Stücke zerlegt.“

Der Homo necans, der Menschen tötende Mensch, ist allgegenwärtig, in jedem Zeitalter, in jeder Erdregion, doch ist er kaum zu erfassen. Er bleibt, verborgen hinter Todeszahlen und Geschichtsdaten, ein geradezu dämonisches Phantom.
In einem Moment taucht er als Unmensch und Monster auf, im nächsten Augenblick verschwindet er als Familienvater im Kreis seiner Kinder oder spielt Mozart auf dem Klavier. Er organisiert den bestialischen Massenmord, während er zugleich das penible Grau bürokratischer Korrektheit verbreitet.
Er erscheint innerhalb des dunkel Dionysischen, genießt den Adrenalinkick des Abschlachtens und gibt wenig später auf einer Pressekonferenz den lauteren Staatsmann. In ihm verbindet sich die dämonische Verknüpfung der Zerstörung von Leben mit dem vitalen Höhepunkt im psychosomatischen Rausch.

Immer hat das Dämonische darum tödliche Angst eingejagt. Doch die Todesfurcht entspringt nicht allein der zerstörerischen Bosheit, die das Dämonische verbreitet. Sie rührt in besonderem Maß von seiner Eigenschaft her, unfassbar zu sein. Und zwar sowohl, was sein unvorhersehbares Auftreten wie seine nicht erklärbare Verursachung angeht. Beides weckt das Gefühl absoluter Fremdheit und Unbegreifbarkeit. Man scheint ihm schutzlos ausgeliefert zu sein.
Das Wesen des Dämonischen ist einzig und allein, dass es ist. Im reinen Ereignis liegt gleichzeitig seine Dunkelheit und Intransparenz. In seiner phänomenologischen Beschreibung, die wir dem Philosophen Kierkegaard verdanken, zeigt sich das grausam Dämonische in mehreren Merkmalen: Dass es zum einen stumm in sich verschlossen ist und dass es zum anderen ganz plötzlich und darum kaum nachvollziehbar auftritt.
„Das Dämonische ist das Plötzliche“, schreibt Kierkegaard. Es kommt wie aus dem Nichts, mit einer tödlich verneinenden Energie, und verschwindet wieder im Nichts. Auf das keineswegs triviale Unterhaltungsniveau des Thrillers gesetzt, erkennt man den Typus eines dämonischen Mörders daran, dass er, nachdem er gejagt und selbst tödlich getroffen wurde, sich am Ende noch einmal aufrichtet oder auf unheimliche Weise verschwunden ist. Denn er ist nicht Teil einer Realität, die gesetzmäßigen Zusammenhängen unterliegt.
Das hinter dem Genre wirksame Wissen lässt sich also entziffern: Der tötende Mensch bleibt unfassbar, er ist der einsame Wolf, der mad man, der erratische Despot. Er bleibt ungreifbar, ist letztlich nicht festzusetzen, und so kehrt er immer wieder, schockartig und undurchdringlich. Manchmal charismatisch und faszinierend.

Von den neolithischen Massengräbern an bleibt der sportive Trieb des Erlegens mächtig: die Jagd. Als planmäßiges Handeln kommt sie, wie das Dämonische, dennoch aus dem Nichts und ist nicht an Einzelne gebunden.
Der Objektbereich des Jägers erweiterte sich im Laufe der Humangeschichte über die Tiere hinaus auf menschliche Objekte. Sie werden von Pfeilen, Jagdflugzeugen, Snipern oder den Maschinengewehren auf Pickups gejagt. Das Resultat einer tödlichen Nachstellung ist nicht ein Opfer, sondern Beute. Diese Beute kann von Einzelnen, aber auch mittels kleiner Gruppen oder ganzer Bevölkerungen gemacht werden.
Elias Canetti hat hier Klarheit geschaffen: Die hetzende Masse „ist aufs Töten aus, und sie weiß, wen sie töten will“. Dabei ist das Töten selbst „gefahrlos“, so schreibt Canetti weiter, „denn die Überlegenheit auf Seiten der Masse ist enorm. (…) Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich.“ Dieser Akt kann im Übrigen auch ohne Projektil darin bestehen, jemanden sozial, ökonomisch oder psychisch zu erledigen.
Jagdszenen in virtuellen Räumen haben bereits ihre eigene Virtuosität darin entwickelt, eine Person zur Strecke zu bringen, indem sie ausgestoßen wird. Das Opfer und die Menge stehen sich in tödlicher Gegnerschaft gegenüber. Canetti: „Jede Gemeinschaft mit ihm [dem Opfer,] verunreinigt sie und macht sie selber schuldig. Einsamkeit in ihrer rigorosesten Form ist hier die äußerste Strafe.“

Der tötende Mensch ist, nach überwältigender Datenlage, männlich. Seine Ursprünge scheint dieser Umstand in den frühen Jagdgesellschaften zu haben. Die „Einführung des Jungen in die Welt der Männer ist eine Begegnung mit dem Tod“, nämlich der Jagd. Das evolutionär allmählich entwickelte Raubtierverhalten des Menschen, erklärt Walter Burkert, wird „zum geschlechtsspezifischen Verhalten, eben zur ‚Männersache´“.
Selbst noch innerhalb der agonalen Logik im Staatenverhältnis schlägt, neben vielen anderen Stellen, die Frage des Geschlechts durch. Während es in traditioneller Sichtweise den Frauen zukam, Leben zu schenken, blieb es Männern vorbehalten, den Tod zu bringen oder ihr Leben hinzugeben. Die Kraft der Auslöschung ist die einzige, die es mit der ontologischen Kraft des Gebärens aufnehmen kann.
Die Politik des Fleischs, wie sie, seit neuzeitliche Staaten Armeen aufstellen, nahezu jede männliche Generation miterleben musste, wurde auf XY-Körpern millionenfach als Tod, Verwundung, Verstümmelung und psychische Versehrung sichtbar.
Jene geradezu mythische Differenz der Geschlechter zwischen Leben und Tod wird durch die in diesen Tagen in Deutschland debattierte Wiedereinführung einer allgemeinen Wehrpflicht reaktiviert. Demzufolge stünde der Raum des Kampfs und der blutigen Schlachtfelder, wie es in liberalen Gesellschaften so schön heißt, fortan wohl auch Frauen offen. Diese Offenheit verwandelt die natale Ikonografie weiblicher Körper in letale Schlachtengemälde.

Das nicht nur größte, das sowohl informations- wie gerätetechnologisch zudem am Besten ausgestattete Betätigungsfeld für den Homo necans ist ohne Frage der Krieg. Krieger, Söldner, Soldat, Milizionär, Warlord, militärische Spezialeinheit, sie alle sind Gestalten des Kriegs. Die Durchsetzungskraft, die von ihnen ausgeht, beruht auf ihrer Auslöschungsmacht.
Indem sie den Tod bringen, sind sie Transporteure des Nichts, des Nicht-mehr-seins. An ihrer Spitze steht in aller Regel ein mit Befehlsgewalt ausgestattetes Individuum: der tötende Herrscher.

Der tötende Herrscher begegnet uns in den Formationen von Macht auf Schritt und Tritt. In unserer Gegenwart ist er erneut zur Hauptfigur geworden, die wir in vielen kleineren Ländern und bei allen Großmächten antreffen. Er tötet, aber nicht eigenhändig. Seine Instrumente sind Todesstrafe, Lager, verdeckter Mord, Einsatz von Schusswaffen bei Protesten sowie alle Arten von Krieg und Terror.
Dabei spiegelt er das Doppelgesicht der Geschichte. Vernichten, Zerstören, gewaltsames Niederschlagen der Mitbürger, Ausrotten der Gegner, so sehen die von Machiavelli empfohlenen blutigen Verfahren der Herrschaft aus. Zur Machtsicherung erweist es sich jedoch als gleichermaßen ratsam, der Bevölkerung nicht zuviel an Gewalt zuzumuten und die allgemeine Zufriedenheit einigermaßen zu fördern.
Tierische Grausamkeit und Unmenschlichkeit macht das Herrschergesicht zum Vexierbild, dessen freundliche oder furchteinflößende Züge in jedem Augenblick ins Gegenteil umkippen können. Das Lächeln des Herrschers sieht der steinernen Gesichtsfalte der Brutalität zum Verwechseln ähnlich.

Selbst wenn der Homo necans angetrieben wird vom Fächer der Leidenschaften, aber auch von kaltem Ehrgeiz, Machtwünschen, Idealen, sogar dem Gefühl der Pflicht, so ist das Entscheidende doch die Politik des Fleischs: Sie benutzt den Tod als Instrument staatlicher Macht. Fleisch in seiner zerfetzten, leblosen Form ist das Werksstück bei der gewaltsamen Fabrikation des Todes.
Die Kriegshistorie hat viel über Eroberungskalküle, Machtüberlegungen, Kriegsschuld und Kriegsziele, selten jedoch vom Töten und Versehren anderer Körper gesprochen, und schon gar nicht tat sie das mit jener Intensität, wie es jeder Krieg, insbesondere jene Materialschlachten der Moderne an den Tag gelegt und weiter zum Ziel haben.

Krieg, das bedeutet institutionelle Tötungsgewalt, herbeigeführt durch politisches Handeln, getragen von gesellschaftlichen Stimmungen, unterstützt durch ökonomische Interessen. Sichtbar zum Ausdruck kommt er an erster Stelle durch den gesamten Bereich des Militärs, die Funktionsträger, die technische Ausrüstung, die institutionelle Organisation.
Ziel all dessen aber ist das massenhafte Außer-Kraft-Setzen des feindlichen Körpers durch gewaltsame Gefangennahme, Verletzung oder Tötung. Real im Visier dieser Politik des Fleischs ist stets und primär der verwundbare Leib. Das Individuum erscheint in der Zielvorrichtung lediglich als soft target, das auf letale Gewalt trifft.
„Die Gewalt“, schreibt Simone Weil mit allem Recht, „ist das, was aus jedem, der ihr unterworfen ist, ein Ding macht. Geht ihre Anwendung ins Extrem, so macht sie aus dem Menschen im wortwörtlichen Sinn ein Ding, denn sie macht aus ihm eine Leiche“.
Und sie fährt fort: „Aus der Macht, einen Menschen in ein Ding zu verwandeln, indem man ihn sterben lässt, entspringt eine andere Macht, noch viel wunderbarer, nämlich die, ein Ding zu machen aus einem Menschen, der weiterlebt.“ Dieser untote, unterworfene, unfreie Mensch ist „eine andere Gattung Mensch, ein Kompromiss zwischen Mensch und Leiche“.

Der Geschichte machende Mensch tritt allem anderen voran als Machthaber hervor. Gelegentlich aber auch als Mensch in der Revolte. Revolution, Putsch oder Umsturz sind Formen des Ringens um Macht im Rahmen staatlicher Organisation.
In den seltensten Fällen, nämlich bei bereits innerlich ausgehöhlten Systemen, nehmen sie einen friedlichen Verlauf. Im geschichtlichen Normalfall kosten sie Blut, weshalb friedliche, gewaltfreie Versuche, Regierungen oder Machthaber zu stürzen und durch andere zu ersetzen, nur in seltenen Fällen gelingen und in der Regel scheitern, in der jüngsten Vergangenheit in Belarus, Syrien, Iran.
Macht im Rahmen staatlicher Organisation bedeutet ein seltenes und kostbares Gut, erlaubt sie es doch, Länder und Gesellschaften nach den eigenen Vorstellungen zu formen und nicht selten persönliche Vorteile und hohe Gewinne zu erzielen.

Gewalt sei die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. An diesen Satz von Marx, der Machiavellis Einsicht in den machttechnischen „Gebrauch der Grausamkeit“ zu einem späten Echo verhilft, erinnert sich Lenin im Sommer 1917, inmitten eines europäischen Krieges.
Der Griff nach der Macht soll, nach Lenins Überzeugung, von der Bereitschaft begleitet sein, über Leichen zu gehen. Dabei mutet es fast wie eine Gesetzmäßigkeit an, dass der tötende Revolutionär im Falle des Erfolgs zum tötenden Herrscher wird. Der nach Umsturz strebende Mensch ist auch nach den geschichtlichen Lektionen des 21. Jahrhunderts gut beraten, das Töten ins Kalkül zu ziehen: Entweder getötet zu werden oder es selbst zu tun.

Der Zorn, der den Krieg vor Troja ein Jahrzehnt lang befeuert, erweist sich als derart überwältigend, dass die Kämpfer sogar jene Götter angreifen und sie verletzen – Ares, Aphrodite –, die in die Schlacht mildernd einzugreifen versuchen.
Mehr als der vorgebliche Kriegsgrund, die Entführung von Helena, den der kluge Hektor in seiner Scheinhaftigkeit durchschaut, trägt die Tötungswut das Kampfgeschehen von Jahr zu Jahr weiter. Unstillbar die wechselseitigen Rachegelüste, nicht zu besänftigen der mit jeder Tötung neu aufflammende Zorn. Das Schlachten nährt sein eigenes alles verzehrendes Feuer.
Das erste Epos vom Krieg, die Ilias, stellt vor unsere Augen, welche Kräfte auf jene der Gewalt ausgesetzten und diese Gewalt gleichzeitig hervorbringenden Menschen einwirken und auf welch schreckliche Weise sie diese verändern.
„Wer aber zu erkennen vermag“, schreibt Simone Weil über die Ilias, „dass die Gewalt, heute wie einst, die Mitte ist von jeder menschlichen Geschichte, der findet in ihr den schönsten, den reinsten Spiegel.“

Wie groß kann die Zuversicht also sein, die Menschheit könnte der agonalen Logik abschwören, wenn man ernst nimmt, worüber Heraklit die Nachwelt unterrichtete, dass Krieg der Vater aller Dinge sei?
Die frühe Moderne schien darüber genauer Bescheid zu wissen als unsere Gegenwart. Die nationalistische, identitätsmystische Grundstimmung neuzeitlicher Staatsgebilde, die Johann Gottlieb Fichte in Deutschland feinfühlig erfasste, zeigt spätestens beim preußischen Militärwissenschaftler Carl von Clausewitz ihre militante Seite.
Clausewitz nämlich sieht den Krieg „in seiner absoluten Vollkommenheit“ genau dann verwirklicht, wenn er zur „Sache des ganzen Volkes“ wird und nicht nur Angelegenheit einer Regierung und Machtelite ist. Wenn „mit dem ganzen Gewicht der Staaten (…) um große, den Völkern nahe liegende Interessen“ gekämpft wird.
Ansonsten tritt eine nach Innen wie nach Außen schwächende Spaltung zwischen Gesellschaft und Staat ein. Hingegen gelange ein Volk allein mittels der bellizistischen Aura einer Schicksalsgemeinschaft zu „dem Ziel eines idealen Krieges“.

Anders als im 19. und 20. Jahrhundert ist das politische Denken zumindest bis heute nicht mehr daran gewöhnt, den tötenden Menschen ins Kalkül zu ziehen, in seiner despotischen, in seiner dämonischen Ausprägung, als Individuum wie als Kollektiv.
Doch mag man sich noch so sehr wünschen, Kants Idee vom ewigen Frieden und die dafür nötigen Voraussetzungen würden erfüllt, die Wirklichkeit spricht dagegen. Und der anthropologische Optimismus eines zuversichtlichen Menschenbilds vergisst die Evidenz der Geschichte, die auch eine Ansammlung von Kriegen, Massakern und Morden ist.
Wieder sehen wir uns heute daher mit der Frage konfrontiert: Können wir angesichts der Rückkehr der globalen Situation zu antagonistischen Verhältnissen, die mit einer dissoziativen Globalisierung einhergehen, der erschreckenden Feststellung Simone Weils unsere Zustimmung verweigern, dass die Mitte jeder menschlichen Geschichte todbringende Gewalt sei? Was macht dieser Gedanke mit Gesellschaften, unterwegs in einer hochtechnisierten, ultramobilen, profitablen Welt, die noch vor wenigen Jahren eine globale Friedensordnung für greifbar hielten?

Anstatt in einer grenzenlosen Komfortzone wachen wir gerade verstört in einer umgestürzten Welt auf, die, wie sich herausstellt, eine sehr alte ist. Ein Schock, der hauptsächlich jene unvorbereitet trifft, die der Generation Friedensdividende angehören.
Die große Todesdrohung ist nun auch für sie zurück. Seit Beginn seines Angriffs auf die Ukraine drohte Russland dem europäischen Westen über 120-mal mit dem Einsatz von Atomwaffen. Das vereinigte Europa konnte sich vor dem tötenden Herrscher bewahren, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
Doch haben Ethik, Religion, Bildung als Resozialisierungsmaßnahmen des tötenden Menschen nur eine relative Wirkung entfaltet. Sie sind notwendig, nicht aber hinreichend, die vielen Gesichter der Dämonien abzuwehren.
Dass etwas unvorstellbar ist, liegt vielleicht weniger an der Beschaffenheit der Realität, als an den illusionswilligen Wohlfühlbeschränkungen unserer politischen Fantasie. In Wahrheit ist jetzt unübersehbar, der Krieg ist nicht in unsere Welt zurückgekehrt, er war immer anwesend.

Unterwegs in wildem Gelände auf der Suche nach seiner Schwester Europa musste Kadmos, dem Mythos zufolge, auf Anweisung Apolls im Kampf einen Drachen töten. Anschließend befahl ihm Athena, die Zähne des Drachens, so Euripides, „in tiefe Furchen des Feldes“ zu säen. Mit dem Pflug zieht Kadmos daraufhin eine Linie neben die andere und streut in sie hinein, was sich als der Samen von Menschen erweist. Eines Kriegergeschlechtes allerdings, das mit Waffen zur Welt kommt, und dessen erste Tat der Brudermord, die Untat, ist. Nur fünf der Krieger überleben das fürchterliche Gemetzel.
Diesem Mythos der Gewalt, der zur Gründungslegende der Stadt Theben wird, steht ein anderer an der Seite. Kadmos lässt der Mythos aus Phönizien stammen, offenbar zu Unrecht. Doch kam von dort unbestreitbar das Alphabet der Griechen, jene Sprachlaute wiedergebende Schrift, die auf Umwegen auch das mittlere Europa erreicht.
Tatsächlich kennt die mythische Kadmos-Sage eine Variante: Statt der Drachenzähne sät sein Held die Buchstaben des Alphabets in der Erde aus. Eine Saat, der wir unsere gesamte Kultur verdanken.