
Lange Zeit wuchs die Zahl der Demokratien, seit einigen Jahren sinkt sie wieder. An ihre Stelle treten nationalautoritäre Regierungen, von denen einige den Krieg als rechtmäßiges Mittel der Politik betrachten.
Damit scheint der freiheitliche Traum von einem globalen Rechtszustand, gar von einem "ewigen Frieden", ausgeträumt zu sein. Ebenso alarmierend ist die planetarische Zerstörung der biophysikalischen Lebensgrundlagen, vor allem die Erderhitzung.
Angesichts von Klimakrise und weltweiter Verfeindung wundert es nicht, dass ein alter konservativer Verdacht Konjunktur hat: Der Verdacht, die Moderne sei schon immer ein nihilistisches Projekt gewesen – ein gottloses Unternehmen, dem es von Anfang an nur um Selbststeigerung ging, um Natur- und Traditionszerstörung, kurz: um den Willen zur Macht.
Stimmt die Nihilismusdiagnose? Haben die Kritiker der Neuzeit wie Carl Schmitt, Martin Heidegger oder Romano Guardini Recht behalten? Und was wäre ihnen entgegen zu setzen?
Thomas Assheuer, Jahrgang 1955, war Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung "Die Zeit". Er lebt als freier Autor in Berlin.
Ganz schön unheimlich, dieser Typ. Niemand kennt ihn, stumm lungert er auf der Party rum. Plötzlich macht der fremde Gast den Mund auf und quatscht sinnloses Zeug. „Willst Du scheiden ohne Krampf / versuch’s mal unter Wasserdampf.“ Kaum hat er seinen Wortmüll abgesondert, verschwindet er wieder. Und sofort scheinen die anderen Partygäste ihn zu vermissen. „Ich sag’s Euch / Es war der King / es war der King.“
Nein, der unheimliche Gast ist keine Anspielung auf Donald Trump. Es ist eine Figur aus Kalldewey, Farce, einem Theaterstück von Botho Strauß, uraufgeführt 1981. Auf den ersten Blick scheint es, kommt der Fremde aus einer anderen Welt, doch das täuscht. In Wahrheit ist er unser Spiegelbild: Der unheimliche Gast – das sind wir selbst. Eiskalt und zynisch, abgeklärt aufgeklärt, wunschlos unglücklich, gründlich enttäuscht. Aus, vorbei, es kommt nichts mehr. Für Strauß verkörperte der unheimliche Gast damals den Zustand der westlichen Kultur. Von ihren Idealen ist nichts mehr übriggeblieben, nur Ekel und sinnloser Sinn – nur Nihilismus. „Vom Urknall zu den Quarks (...), vom Steinwurf zur Neutronenbombe. Naturbewältigung – Menschenbewältigung, solange bis keiner mehr da ist!“
Kein Zweifel, Strauß’ „unheimlicher Gast“ zitiert den Philosophen Friedrich Nietzsche, genauer: dessen Behauptung, der Nihilismus habe sich an den Tisch der europäischen Kultur geschlichen. Im Deutschland der frühen achtziger Jahre hörte man das gern und mit wohligem Schauder. Doch später, nach dem Untergang des Sozialismus, war der Befund nicht mehr zeitgemäß. Der Westen hatte den Kalten Krieg gewonnen und die ganze Welt schien wie befreit. In der Morgenröte der siegreichen Freiheit tanzten junge Menschen auf der Berliner Mauer, in Russland gab es demokratische Wahlen, in Südafrika durfte Nelson Mandela das Gefängnis verlassen. Der Triumph des Liberalismus hatte den „unheimlichen Gast“ vertrieben.
Heute ist Nietzsches unheimlicher Gast zurück, das Wort vom „Nihilismus“ hat wieder Konjunktur. Die Post-89er-Weltordnung löst sich auf, eine neue ist nicht in Sicht. Der Liberalismus, das weiß man nun, war keineswegs das Ende der Geschichte. Vielmehr scheint die Geschichte des Liberalismus selbst zu Ende zu gehen. Abermals droht der Sinn aus der Geschichte zu verschwinden. Eine Unheilsahnung macht sich breit, ein dumpfes Unbehagen, eine gespenstische Drift.
„Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ Nietzsche schreibt seinen berühmten Satz im Herbst 1885, vier Jahre vor seinem geistigen Zusammenbruch in Turin. Nihilismus, erklärt er seinen Lesern, ist die „radikale Ablehnung von Werth, Sinn, Wünschbarkeit“. Nihilismus ist „Ekel gegen die Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung“. In der Politik, so bemerkt Nietzsche, „herrscht die Lügnerei, die Augenblicks-Dienerei“. Und in der „Volkswirtschaft“ ziehe der „Anarchismus“ herauf. Überall spüre man die „Entwerthung der bisherigen Werthe“, dieses „Alles hat keinen Sinn“ mehr. Dann stellt Nietzsche die entscheidende Frage an alle und jeden: „‚Wie verhalten sich Wahrhaftigkeit, Liebe, Gerechtigkeit zur wirklichen Welt?‘“ Seine Antwort: „Gar nicht!“
Sinnlosigkeit, erklärt Nietzsche, entsteht dann, wenn alle Versuche missraten, „Vernunft und Göttlichkeit“ in die Weltgeschichte „hineinzudeuten“. Und was bleibt danach übrig? Seine Auskunft klingt bedrückend aktuell: Übrig bleibt der Wille zur Selbstbehauptung, der entfesselte Wille zur Macht.
Hat Nietzsche nicht recht behalten? In einigen Weltteilen haben Schlägertypen das Kommando übernommen, Fürsten der Finsternis, die ihre Staaten in Raubtiere verwandeln. Sie predigen Gewalt und Härte, ihr Appetit ist grenzenlos. Einige versuchen, ihre Nachbarn zu fressen, Wladimir Putin zum Beispiel, der von Weihrauchschwaden umhüllte Menschenfeind. Der Präsident der russischen Kulturnation glaubt an den erlösenden Tod, an Krieg, Zerstörung und sinnlose Opfer – er glaubt an den Nihilismus.
Ein Todfeind des Lebens ist auch das klerikalfaschistische Regime im Iran. Wer auf die Straße geht und protestiert, wird abgeschlachtet, Allah ist groß, Allah ist mächtig. Die Theokratie betet, bevor sie ihre Killer losschickt. Im sudanesischen Bürgerkrieg hungern und sterben Zehntausende – die fortgeschrittene Zivilisation, die bald den Mars besiedeln will, schaut weg oder liefert die Waffen. Und der mächtigste Vertreter des transatlantischen Humanismus? – Donald Trump droht damit, die „iranische Zivilisation“ auszulöschen, ja: auszulöschen. Vor einem Jahr hatte der oberste Hüter westlicher Werte erklärt, er akzeptiere kein Recht und kein Gesetz über sich. „Nur meine eigene Moral. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“ Mit Nietzsche gesagt: Der höchste Wert des amerikanischen Präsidenten ist der Wille zur Macht.
„Nihilismus“ – schon das Wort ist wie ein Bannstrahl. Es bezeichnet nicht nur ein Unbehagen in der Kultur, sondern auch einen dunklen Sog, einen Willen zur Selbstzerstörung, eine Sehnsucht nach dem Ende. Es ist, als wolle eine Gesellschaft von allem befreit werden – von unerfüllten Hoffnungen, von einer dunklen Last, schließlich von der Freiheit selbst. Als sei ihr die eigene Lebensweise nicht mehr geheuer, setzt sie alles daran, sie mit aktivem Nihilismus abzuschütteln, denn wer die Krise beschleunigt, der hat sie schneller hinter sich. Es ist aktiver Nihilismus, wenn die US-Regierung den Kampf gegen den Klimawandel sabotiert und den Fossilkapitalismus befeuert, den selbstmörderischen Raubbau an der Natur.
Aktiver Nihilismus ist auch der globale Rüstungswahn. 2,5 Billionen Euro haben die Regierungen im vergangenen Jahr für Tötungsmaschinen ausgegeben, inzwischen wächst die Zahl der nuklearen Sprengköpfe wieder. Noch ein paar Jahre Überrüstung und die Erde gleicht einem potenziellen Schlachtfeld, vernarbt von Atomraketensilos, Panzersperren, Stacheldrahtzäunen, Minenfeldern und Aufmarschräumen. Die Menschheit präpariert sich für das große Sterben.
Abgebrühte Historiker könnten sagen: Nichts Neues unter der Sonne. Im Kampf zeigt sich das Wesen des geschichtlichen Lebens und Friede ist nur ein Waffenstillstand auf Zeit. Das Projekt der versöhnten Moderne ist gescheitert, seine Illusionskulisse zerbrochen. Heute, nach den Jahren der Selbsttäuschung, springt die Geschichte wieder ins alte Gleis. Der Wille zur Macht ist zurück, das Game of Thrones beginnt von Neuem. Deshalb reden alle von der Apokalypse – und vom Aufhalter, der das Schlimmste verhindern soll.
Das Zeitalter der transatlantischen Demokratien begann mit den großen Verfassungsrevolutionen in England, in den Vereinigten Staaten und in Frankreich. Bereits in den Gründerjahren der USA hieß es „America first“, doch gemeint war etwas ganz anderes als heute. Gemeint war, dass Amerika ein Leuchtfeuer ist in einer dunklen Welt der Knechtschaft. Amerika sprengt die Ketten, das Land der Freien und Gleichen geht voran und alle anderen sollen folgen. Freiheit, glaubte der glühende Demokrat Thomas Paine, ist das Endziel der Geschichte und deshalb sei „die Sache Amerikas die Sache der gesamten Menschheit“. Und Alexander Hamilton, einer der Gründerväter, warnte: Sollte ihr Experiment scheitern, sei dies „ein Unglück für die gesamte Menschheit“.
Man muss sich diese Sätze vor Augen halten, um die Schockwellen zu verstehen, die der Amtsantritt von Donald Trump ausgelöst hat. Waren die USA – trotz ihrer zahllosen Verbrechen – einmal das Zugpferd des liberalen Weltgeistes, so rollt ihr amtierender Präsident nihilistischen Gewaltherrschern den roten Teppich aus. Trumps Anbiederung an Diktatoren erinnert an die viel belächelte Konvergenztheorie aus dem Kalten Krieg. Eines fernen Tages, so hieß es, würden sich Kapitalismus und Sozialismus annähern und voneinander lernen. Heute erleben wir eine Konvergenz des Autoritären und vormals liberale Länder streifen die Demokratie ab wie eine fremde Haut. Nach dem Mauerfall war die Zahl demokratisch gewählter Regierungen rapide gewachsen. Derzeit schrumpft sie wieder.
Nein, noch ist der Kampf um die Freiheit nicht verloren. Doch sollte in den USA die MAGA-Bewegung auch weiterhin triumphieren und die radikale Rechte weltweit an die Macht kommen, dann hätten Amerikas Gründerväter sich über den Weltlauf geirrt. Das Endziel, das Telos der Geschichte, ist nicht die vernünftige Freiheit, nicht der Frieden auf Erden, nicht die plurale Einheit der Menschheit. Stattdessen zerfiele die Weltgesellschaft in das Gegeneinander autoritärer, von imperialer Gier getriebener Mächte. Trotz aller Unterschiede ähnelten sie sich: Überall herrschen nihilistische Typen mit Kettensäge, Geheimpolizei und Gesichtserkennung. Einige wenige Länder sind liberal angemalt und sehen aus wie eine Demokratie. Sie sind aber keine mehr.
Angenommen, die Weltgesellschaft würde sich in diese Richtung entwickeln, dann hätte sich das vernichtendste Urteil erfüllt, das je über die Moderne gefällt wurde. Es stammt von einem Philosophen, der 1933 den Führer führen wollte – von Martin Heidegger. In seinen Augen war die Moderne von Anfang an eine Epoche ohne eigenes Recht und ohne eigene Wahrheit. Die politischen Ordnungen, die sie hervorgebracht habe, seien in ihrem Wesenskern alle identisch, sie hätten sich bloß unterschiedlich kostümiert. Ob Amerikanismus oder Bolschewismus – in der Moderne ist alles „DASSELBE“. Alle Systeme, so Heidegger, sind „seinsvergessen“; alle betreiben sinnlose Weltbemächtigung und sinnlose Traditionszerstörung. Nihilismus ist die Wahrheit der Neuzeit, eine andere hat sie nicht. Im bestialischen Kampf aller gegen alle, notiert er im Zweiten Weltkrieg, erlebt sie ihren verdienten Untergang.
Damit ist das Reizwort gefallen: die Neuzeit. Mit diesem Wort verbindet sich ein alter Verdacht und ein jahrhundertelanger Streit. Der Verdacht lautet: Was wir „die Neuzeit“ nennen, ist eine Erfindung gottloser Freigeister, die eine heilige christliche Wahrheit zerstört haben: die Wahrheit, dass die Menschheitsgeschichte ein Telos hat, ein gottverbürgtes Ziel, einen ewigen Sinn. Es ist die Neuzeit, die ein Loch in den Himmel reißt. „Seit Kopernikus“, schreibt Nietzsche, „rollt der Mensch aus dem Zentrum ins x“. Das „x“ ist die große Leere, das große Nichts.
Wie Martin Heidegger, so verstand auch Carl Schmitt die Neuzeit als nihilistisches Projekt. Für den Rechtsgelehrten, dem Hitler zum Verhängnis wurde, startet sie ebenfalls im „Heroenzeitalter des europäischen Rationalismus“, an der Wende zum 17. Jahrhundert. Bacon, Galilei, Kepler, Descartes, Grotius, Hobbes, Spinoza, Newton – sie alle, schreibt Schmitt, begannen damit, das christliche Mittelalter abzuwickeln. Sie verlassen das theologische „Zentralgebiet“ und leiten eine Serie von Neutralisierungen und Relativierungen ein. Nicht lange, und die Welt ist aus den Fugen. Bald ist Gott kein wirkendes Wesen mehr, sondern lediglich ein „‚Parasit der Ethik’“. In der mörderischen Gegenwart des 20. Jahrhunderts offenbart die Neuzeit schließlich ihre innere Wahrheit. Der alte Gott ist tot. Die neuen Götter heißen Wirtschaft und Technik, leere Freiheit und nihilistische Selbstbehauptung.
In einer dunklen Stunde, im Winter 1941/42, kommt ein verzweifelter Max Horkheimer ebenfalls auf das frühe 17. Jahrhundert zu sprechen. Auch er, der marxistische Philosoph, glaubt darin die schattenhaften Anfänge der Moderne zu erkennen. In Shakespeares Hamlet, schreibt Horkheimer, erobern Figuren die Bühne, die bereits von der Eiseskälte des bürgerlichen Subjekts umweht werden. Ihnen gehe es nicht mehr um die moralische Wahrheit, sondern allein ums Überleben, um Kampf und Selbstbehauptung – um den Willen zur Macht. „Der Rest ist Schweigen.“ Kein Wunder also, dass das frühmoderne Subjekt den Tod als absolute Katastrophe empfindet, denn auf ihn folgt nur noch: das Nichts. Nichts gibt es mehr zu hoffen, denn die Weltgeschichte ist – wie im 20. Jahrhundert – aller sinnvollen Bezüge und Ziele „entkleidet“. „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
Hitlers barbarischer Krieg, die Vernichtung der europäischen Juden, die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki – auch der katholische Theologe Romano Guardini sah im 20. Jahrhundert „das Ende der Neuzeit“ gekommen. In seiner gleichnamigen, 1950 erschienenen Schrift beklagt er den Hochmut, mit dem die Neuzeit geglaubt habe, sie könne sich ohne Bezug auf Gott, allein kraft ihrer Vernunft, aus sich selbst begründen. Seit der Renaissance träumte sie vom Paradies auf Erden – und landete in der Hölle. Wissenschaftler eroberten den Thron Gottes – und erfanden die Atombombe. Sie ersetzten die Demut vor der Schöpfung durch die Verdinglichung der Natur – und endeten im ökologischen Nihilismus. Die neuzeitliche Vernunft, so wird Guardini nicht müde zu behaupten, konnte den religiösen Sinn des Mittelalters zwar zerstören, doch ersetzen konnte sie ihn nicht. Und dann brachte er einen Satz zu Papier, den der Philosoph Theodor W. Adorno kaum anders formuliert hätte: Die Wildnis der unmittelbaren Natur sei domestiziert. Doch die bezwungene Wildnis kehre „innerhalb der Kultur selbst wieder“ – als nackte Macht und nackte Selbstbehauptung. Als Nihilismus eben.
In seinem Stück Hamletmaschine blickt auch Heiner Müller zurück auf das frühe 17. Jahrhundert. In den Augen des DDR-Dramatikers inszeniert Shakespeare einen historischen Verrat: Europa, die kolonialistische Weltökonomie, ermordet die Utopie, und so betritt der Götze der Neuzeit die Bühne, der Nihilismus aus Geld und Macht. „Hoffnung der Generationen / In Blut Feigheit Dummheit erstickt / Gelächter aus toten Bäuchen / Heil COCA COLA.“ Müllers 1979 uraufgeführte „Hamletmaschine“ ist eine Abrechnung mit der gescheiterten Moderne – und eine Abrechnung mit Nietzsches begeisterter Shakespeare-Deutung. Dieser hatte das Stück gefeiert, weil Hamlet den christlichen Lügenschleier zerrissen und die Sinnlosigkeit des Lebens erkannt habe: den Abgrund, den Schrecken, das Nichts. Hamlet ist der erste Nihilist der Moderne, er glaubt an nichts mehr. Nicht der Zweifel lähmt ihn, sondern die Gewissheit: Gott ist tot. Wie großartig!
Was macht das frühe 17. Jahrhundert eigentlich so interessant? Warum ist es die Referenzepoche für die Krise der Gegenwart? Eine Erklärung lautet: Weil damals die Weichen in die moderne Welt gestellt wurden. Isaac Newton vollendete die wissenschaftliche Revolution und brachte die mittelalterliche Lehre von der creatio continua ins Wanken. Diese Lehre behauptete, dass Gott die Welt nicht bloß am Anfang erschaffen hat, sondern sie weiterhin und stets aufs Neue hervorbringt. Newton erschütterte den tröstlichen Glauben an die Kontinuität der Geschichte: Wenn sich – physikalisch gesehen – die Dinge nur dann bewegen, sofern äußere Kräfte auf sie einwirken, dann ist Gott aus dem Spiel. Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Weltgeschichte auf einen sinnvollen Endzweck zusteuert, auf ein Ziel. „Telosschwund“ nennen Philosophen diese Ernüchterung. Übrig blieb dann nur ein einziges, ein zielloses Ziel: der Wille zur Macht und der Wille zur Selbstbehauptung.
Doch stimmt der pessimistische Befund überhaupt? Darüber entbrannte vor 50 Jahren ein Streit zwischen Philosophen. Aufgeregt diskutierten sie die „Legitimität der Neuzeit“, ihr Eigenrecht und ihre Selbstbegründung. Ist sie eine Schöpfung aus dem Nichts? Oder ist sie – wie Konservative glaubten – eine Schöpfung des Nichts? Besteht die Wahrheit der Neuzeit allein in sinnloser Selbststeigerung, in leerer Freiheit und Traditionszerstörung?
Der Streit schien vergessen, doch heute betrachtet man ihn mit anderen Augen. Angesichts eines brennenden Planeten und einer geopolitischen Realität, in der Krieg und Frieden bruchlos ineinander übergehen, drängt sich die Frage auf: Haben die Kritiker der Moderne recht behalten? Entpuppt sie sich tatsächlich als grenzenloser Wille zur Macht? Und könnte man Nietzsches triumphierenden Ausruf „Gott ist tot“ nicht in den Satz übersetzen: „Die Vernunft ist tot“? Eines ist jedenfalls kaum zu bestreiten: So wie die Menschen an der Schwelle zur Neuzeit an den Heilsversprechen des Mittelalters zweifelten, so zweifeln sie heute an den Verheißungen der kapitalistischen Moderne. Nun ist sie es, die ihren Telosschwund erlebt, den Verlust ihrer Gewissheiten. Gestern noch war die Zukunft ein leuchtendes Versprechen. Heute erscheint sie als eine Drohung.
Alt ist die Neuzeit geworden und schleichend scheint sie in jenen Zustand enthemmter Selbstbehauptung überzugehen, den Thomas Hobbes im Jahr 1651 beschrieben hat. Desillusioniert vom Gemetzel der konfessionellen Bürgerkriege, schilderte der englische Philosoph seine Gegenwart als Mars auf Erden: Kalt, verschlossen und undurchdringlich sei das Menschenwesen. Jeder imitiere die Boshaftigkeit des anderen, jeder wolle nur seine Macht und seinen Besitz vermehren. Der Mensch sei des Menschen Wolf, denn dunkle Begierden trieben ihn an: Neid, Missgunst, Konkurrenz. Der von der Bibel beschworene pfingstliche Geist der Sprache, vermerkt Hobbes, existiere nicht. Auch ein Telos, ein Sinn in der Geschichte, sei unauffindbar. Nur eines schütze die Menschen vor ihrer angeborenen Gewalt: die Unterwerfung unter einen autoritären Herrscher.
Wie immer bei Ewigkeitsaussagen, so ist auch hier Vorsicht geboten, denn sie sind Wasser auf die Mühlen der Gegenaufklärung. Für Heidegger und Schmitt gab es am Liberalismus nie etwas zu verteidigen, sie schwärmten lieber von herrischen Führern und zeitlos gültigen Ordnungen. Endlosen Spott und reichlich Häme würden sie über die heutige Weltlage ausgießen, über die globale Anarchie, die nach der Krise der Globalisierung übriggeblieben ist. Schon immer, würden sie lästern, hat die Neuzeit ihre Utopien mit der Realität verwechselt. Freiheit, Mündigkeit, Vernunft – es gibt sie nicht. Der Mensch will keine Autonomie, der Mensch wartet auf Befehle.
Bevor solche Falschmeldungen die Runde machen: Das neuzeitliche Denken entstand nicht aus gottloser Hybris oder nihilistischem Größenwahn. Es entstand, weil das soziale Elend zum Himmel schrie und theologisch nicht mehr zu rechtfertigen war. Das Mittelalter, schrieb der Philosoph Hans Blumenberg, „ging zu Ende, als dem Menschen die Schöpfung als Vorsehung nicht mehr glaubhaft gemacht werden konnte“. Das heißt: Wer sich mit den empörend ungerechten Verhältnissen nicht abfinden wollte, der betrachtete die Geschichte als ein unvollendetes Projekt und wollte sie mithilfe von Vernunft und Wissenschaft verbessern. Was sollte der liebe Gott dagegen haben?
Heute muss der Anspruch der Moderne erneut gegen den Sturmlauf der Rechten verteidigt werden, der Anspruch auf eine eigene Wahrheit, auf Fortschritt und Freiheit. Wie Immanuel Kant 1784 schrieb, sind wir dabei ganz auf uns allein gestellt. „Die Natur hat gewollt: dass der Mensch alles (…) gänzlich aus sich selbst herausbringe, und keiner anderen Glückseligkeit (...) teilhaftig werde, als die er sich selbst (…) durch eigene Vernunft verschafft hat.“
Allerdings, zu dieser Einsicht gehört auch der schonungslose Blick ins Sündenregister der Moderne. Konservative Kritiker haben recht, wenn sie sagen, der Fortschrittsglaube sei die brachiale Säkularisierung religiöser Heilsversprechen. Auch für ihren Vorwurf, die Moderne befördere das moralfreie Experiment des Menschen mit sich selbst, gibt es traurige Belege. Ist es nicht ein Fall nihilistischer Selbstermächtigung, wenn Zeitgenossen auf die Idee kommen, gentechnisch manipulierte Wesen zu züchten – posthumane Sklaven für den Menschenpark? Für den amerikanischen Investor Elon Musk ist der Mensch bekanntlich ein „Fleischcomputer“ auf zwei Beinen. Eines Tages, so hofft er, könne man ihm mithilfe von Bio-Chips eine neue Software aufspielen – eine Version, die ihn härter, widerstandsfähiger und zugleich unterwürfiger macht. Käme es zu diesem Update, dann würde sich die technische Moderne als neofeudales Elitenprojekt entlarven. Die Revolutionäre aus dem Silicon Valley „köpfen“ das demokratische Ancien Régime, um eine digitale Adelsherrschaft zu errichten – mit einem Volk aus programmierten Untertanen.
Auch was die Misshandlung der Natur angeht, so ist Konservativen wie Romano Guardini nicht zu widersprechen. Das „Projekt der Moderne“ hat sich an den Grundlagen des Lebens versündigt, es hat tief in natürliche Prozesse eingegriffen und ist zum erdgeschichtlichen Akteur geworden. Für Immanuel Kant war der Mensch das „Meisterstück der Schöpfung“, ohne ihn, meinte er, sei die Natur „eine bloße Wüste“. Heute wissen wir, dass das „Meisterstück“ die Fähigkeit besitzt, die Erde zurück in eine Wüste zu verwandeln. Artensterben, Megabrände, Dürrekatastrophen, Sintfluten, Wirbelstürme, Polkappenschmelze, Gletscherschmelze, ansteigende Meeresspiegel, die Veränderung der ozeanischen Strömungen – die Kosten unserer Lebensweise lassen sich nicht länger in die Zukunft auslagern. Die Zukunft ist heute.
Es mag seltsam klingen: Die ökologische Misere der Natur und die Verunsicherung unseres Zeitgefühls hängen eng zusammen. Die neuzeitlichen Aufklärer hatten angenommen, die Natur sei der treue Bündnispartner des Fortschritts, gleichsam die wetterfeste Bühne, auf der das Zivilisationsheater zur Aufführung kommt. Zudem glaubten sie, die Zukunft halte bis in alle Ewigkeit einen Überfluss an unverbrauchter Zeit bereit. Doch diesen Überfluss an Zeit gibt es nicht mehr: Die Natur hat nämlich ein Gedächtnis; sie hat die Sünden des Industriezeitalters gespeichert und daher kommt uns die fossile Vergangenheit in Gestalt der Erderwärmung aus der Zukunft wieder entgegen. Wie eine moderne Erbsünde verdunkelt diese Schuld unser progressives Zeitgefühl, die zweifelsfreie Erwartung „Das Morgen wird besser“. Stattdessen wissen wir: So schön wie gestern wird die Erde nie wieder.
Vor 300 Jahren kämpften die Frühaufklärer für die Zukunft des „Menschengeschlechts“; heute geht es darum, überhaupt noch eine Zukunft zu haben. Damit wird das Projekt der Moderne unvermeidlich konservativ, es muss von der Natur retten, was von ihr noch zu retten ist. Die politische Freiheit wäre dann nicht mehr frei, denn Freiheit bestünde in der Einsicht in die ökologische Notwendigkeit. Und das alles unter den Bedingungen einer kapitalistischen Ökonomie, die zwanghaft wachsen und immer weiter wachsen muss.
Wie nie zuvor ist die Weltgesellschaft auf kooperatives Handeln angewiesen, doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar ist die Menschheit technisch und wirtschaftlich zusammengewachsen, aber kulturell und politisch bleibt sie tief gespalten. Und erneut dürfen konservative Geister sich bestätigt fühlen: Die Menschheit, sagen sie, gibt es nicht, es gibt nur einzelne Staaten, das Wort „Menschheit“ ist eine semantische Fiktion. Auch der Glaube an „Frieden durch Recht“ sei ein Hirngespinst, also jene Entwicklung, die mit der UN-Charta und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begann. Realistisch dagegen sei eine globale Zukunft, in der sich wechselnde Staatenbündnisse mit bewaffnetem Argwohn gegenüberstehen. Stabile planetarische Feindschaft in geopolitischen Großräumen – das wäre dann der Höhepunkt der Gattungsintelligenz, zu mehr hätten es die Menschen nicht gebracht. Das animal rationale erwies sich als unfähig, in vernünftiger Freiheit sein gemeinsames Schicksal zu organisieren. Stattdessen hat es eine nihilistische Elite hervorgebracht, die über mehr Geld verfügt als die ärmere Hälfte der Menschheit. Und was macht sie damit? In ihrem kosmischen Größenwahn konstruiert sie intergalaktische Raketen, um die Erde, die zu ruinieren sie mitgeholfen hat, Richtung Mars zu verlassen. Dort soll eine neue Neuzeit beginnen, nachdem die alte so langsam verglüht.
„Die Menschheit gibt es nicht“ – das ist einerseits wahr. Andererseits gibt es durchaus das globale Ganze, jeder spürt es, es wird von Jahr zu Jahr heißer. Deshalb ist es längst nicht ausgemacht, ob die menschengemachte Naturkatastrophe nicht doch ein politisches Wunder bewirkt – und die überforderten Staaten dazu zwingt, die „brennendsten“ Probleme gemeinsam zu bearbeiten. Die notwendigen Energien müssten sie aus kollektivem Neinsagen gewinnen, aus der Einsicht: Wie es ist, so kann es nicht bleiben. So wäre denn – Ironie der Geschichte – ein konservativer Verdacht doch noch wahr geworden, nur ganz anders: Der Verdacht, der Moderne ginge es allein um sich selbst, nur um ihre Selbsterhaltung. Doch, genau darum geht es tatsächlich. Es geht um die Selbsterhaltung eines klein gewordenen Planeten, eines kosmischen Winzlings, dessen Bewohner ein gemeinsames ökologisches Schicksal teilen.
Friedrich Nietzsche schrieb seine Sätze über den Nihilismus zu einer Zeit, als die industrielle Revolution das deutsche Biedermeier bereits überrollt hatte. Auf den Traditionsbruch reagierte der Pfarrerssohn mit stoischem Rückzug; er wollte sich die neuen Verhältnisse ästhetisch vom Leib halten und sie – jenseits von Gut und Böse – als bloßes Schauspiel betrachten.
Die Nietzscheaner von heute könnten geneigt sein, eine ähnliche Haltung einzunehmen. Sie könnten Gefallen daran finden, dem aktuellen Irrsinn mit fröhlichem Fatalismus als Zuschauer beizuwohnen – wo Altes untergeht, wird Neues entstehen. Würde Nietzsche dabei mitmachen und heute noch einmal so leichtsinnig den Nihilismus bejubeln? Würde er sagen: Lehnt euch zurück und genießt den Titanenkampf der Mächte? Vermutlich nicht. Für Nietzsche bedeutete der Nihilismus einen Akt der Befreiung – das Ziel allen Handelns war er nicht. Statt Lügen und Doppelmoral forderte sein Zarathustra „Redlichkeit“, einfach nur: Redlichkeit. Dabei wanderte er durch die Natur, als bliebe sie auf ewig unberührt: „Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, die Euch von überirdischen Hoffnungen reden!“
Hätte Nietzsche geahnt, wie unheilvoll die Zivilisation einmal in die Natur eingreifen würde, wäre er entsetzt gewesen. Er hätte den fossilen Furor als aktiven Nihilismus empfunden und die Klimakrise als unheimlichen Gast am Tisch der Moderne. Nietzsche, darf man vermuten, hätte protestiert und sich auf die Seite seines Bewunderers Michel Foucault geschlagen. „Jahrtausende hindurch“, schrieb dieser, war der Mensch ein „lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“
Nein, der unheimliche Gast ist keine Anspielung auf Donald Trump. Es ist eine Figur aus Kalldewey, Farce, einem Theaterstück von Botho Strauß, uraufgeführt 1981. Auf den ersten Blick scheint es, kommt der Fremde aus einer anderen Welt, doch das täuscht. In Wahrheit ist er unser Spiegelbild: Der unheimliche Gast – das sind wir selbst. Eiskalt und zynisch, abgeklärt aufgeklärt, wunschlos unglücklich, gründlich enttäuscht. Aus, vorbei, es kommt nichts mehr. Für Strauß verkörperte der unheimliche Gast damals den Zustand der westlichen Kultur. Von ihren Idealen ist nichts mehr übriggeblieben, nur Ekel und sinnloser Sinn – nur Nihilismus. „Vom Urknall zu den Quarks (...), vom Steinwurf zur Neutronenbombe. Naturbewältigung – Menschenbewältigung, solange bis keiner mehr da ist!“
Kein Zweifel, Strauß’ „unheimlicher Gast“ zitiert den Philosophen Friedrich Nietzsche, genauer: dessen Behauptung, der Nihilismus habe sich an den Tisch der europäischen Kultur geschlichen. Im Deutschland der frühen achtziger Jahre hörte man das gern und mit wohligem Schauder. Doch später, nach dem Untergang des Sozialismus, war der Befund nicht mehr zeitgemäß. Der Westen hatte den Kalten Krieg gewonnen und die ganze Welt schien wie befreit. In der Morgenröte der siegreichen Freiheit tanzten junge Menschen auf der Berliner Mauer, in Russland gab es demokratische Wahlen, in Südafrika durfte Nelson Mandela das Gefängnis verlassen. Der Triumph des Liberalismus hatte den „unheimlichen Gast“ vertrieben.
Heute ist Nietzsches unheimlicher Gast zurück, das Wort vom „Nihilismus“ hat wieder Konjunktur. Die Post-89er-Weltordnung löst sich auf, eine neue ist nicht in Sicht. Der Liberalismus, das weiß man nun, war keineswegs das Ende der Geschichte. Vielmehr scheint die Geschichte des Liberalismus selbst zu Ende zu gehen. Abermals droht der Sinn aus der Geschichte zu verschwinden. Eine Unheilsahnung macht sich breit, ein dumpfes Unbehagen, eine gespenstische Drift.
„Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ Nietzsche schreibt seinen berühmten Satz im Herbst 1885, vier Jahre vor seinem geistigen Zusammenbruch in Turin. Nihilismus, erklärt er seinen Lesern, ist die „radikale Ablehnung von Werth, Sinn, Wünschbarkeit“. Nihilismus ist „Ekel gegen die Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung“. In der Politik, so bemerkt Nietzsche, „herrscht die Lügnerei, die Augenblicks-Dienerei“. Und in der „Volkswirtschaft“ ziehe der „Anarchismus“ herauf. Überall spüre man die „Entwerthung der bisherigen Werthe“, dieses „Alles hat keinen Sinn“ mehr. Dann stellt Nietzsche die entscheidende Frage an alle und jeden: „‚Wie verhalten sich Wahrhaftigkeit, Liebe, Gerechtigkeit zur wirklichen Welt?‘“ Seine Antwort: „Gar nicht!“
Sinnlosigkeit, erklärt Nietzsche, entsteht dann, wenn alle Versuche missraten, „Vernunft und Göttlichkeit“ in die Weltgeschichte „hineinzudeuten“. Und was bleibt danach übrig? Seine Auskunft klingt bedrückend aktuell: Übrig bleibt der Wille zur Selbstbehauptung, der entfesselte Wille zur Macht.
Hat Nietzsche nicht recht behalten? In einigen Weltteilen haben Schlägertypen das Kommando übernommen, Fürsten der Finsternis, die ihre Staaten in Raubtiere verwandeln. Sie predigen Gewalt und Härte, ihr Appetit ist grenzenlos. Einige versuchen, ihre Nachbarn zu fressen, Wladimir Putin zum Beispiel, der von Weihrauchschwaden umhüllte Menschenfeind. Der Präsident der russischen Kulturnation glaubt an den erlösenden Tod, an Krieg, Zerstörung und sinnlose Opfer – er glaubt an den Nihilismus.
Ein Todfeind des Lebens ist auch das klerikalfaschistische Regime im Iran. Wer auf die Straße geht und protestiert, wird abgeschlachtet, Allah ist groß, Allah ist mächtig. Die Theokratie betet, bevor sie ihre Killer losschickt. Im sudanesischen Bürgerkrieg hungern und sterben Zehntausende – die fortgeschrittene Zivilisation, die bald den Mars besiedeln will, schaut weg oder liefert die Waffen. Und der mächtigste Vertreter des transatlantischen Humanismus? – Donald Trump droht damit, die „iranische Zivilisation“ auszulöschen, ja: auszulöschen. Vor einem Jahr hatte der oberste Hüter westlicher Werte erklärt, er akzeptiere kein Recht und kein Gesetz über sich. „Nur meine eigene Moral. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“ Mit Nietzsche gesagt: Der höchste Wert des amerikanischen Präsidenten ist der Wille zur Macht.
„Nihilismus“ – schon das Wort ist wie ein Bannstrahl. Es bezeichnet nicht nur ein Unbehagen in der Kultur, sondern auch einen dunklen Sog, einen Willen zur Selbstzerstörung, eine Sehnsucht nach dem Ende. Es ist, als wolle eine Gesellschaft von allem befreit werden – von unerfüllten Hoffnungen, von einer dunklen Last, schließlich von der Freiheit selbst. Als sei ihr die eigene Lebensweise nicht mehr geheuer, setzt sie alles daran, sie mit aktivem Nihilismus abzuschütteln, denn wer die Krise beschleunigt, der hat sie schneller hinter sich. Es ist aktiver Nihilismus, wenn die US-Regierung den Kampf gegen den Klimawandel sabotiert und den Fossilkapitalismus befeuert, den selbstmörderischen Raubbau an der Natur.
Aktiver Nihilismus ist auch der globale Rüstungswahn. 2,5 Billionen Euro haben die Regierungen im vergangenen Jahr für Tötungsmaschinen ausgegeben, inzwischen wächst die Zahl der nuklearen Sprengköpfe wieder. Noch ein paar Jahre Überrüstung und die Erde gleicht einem potenziellen Schlachtfeld, vernarbt von Atomraketensilos, Panzersperren, Stacheldrahtzäunen, Minenfeldern und Aufmarschräumen. Die Menschheit präpariert sich für das große Sterben.
Abgebrühte Historiker könnten sagen: Nichts Neues unter der Sonne. Im Kampf zeigt sich das Wesen des geschichtlichen Lebens und Friede ist nur ein Waffenstillstand auf Zeit. Das Projekt der versöhnten Moderne ist gescheitert, seine Illusionskulisse zerbrochen. Heute, nach den Jahren der Selbsttäuschung, springt die Geschichte wieder ins alte Gleis. Der Wille zur Macht ist zurück, das Game of Thrones beginnt von Neuem. Deshalb reden alle von der Apokalypse – und vom Aufhalter, der das Schlimmste verhindern soll.
Das Zeitalter der transatlantischen Demokratien begann mit den großen Verfassungsrevolutionen in England, in den Vereinigten Staaten und in Frankreich. Bereits in den Gründerjahren der USA hieß es „America first“, doch gemeint war etwas ganz anderes als heute. Gemeint war, dass Amerika ein Leuchtfeuer ist in einer dunklen Welt der Knechtschaft. Amerika sprengt die Ketten, das Land der Freien und Gleichen geht voran und alle anderen sollen folgen. Freiheit, glaubte der glühende Demokrat Thomas Paine, ist das Endziel der Geschichte und deshalb sei „die Sache Amerikas die Sache der gesamten Menschheit“. Und Alexander Hamilton, einer der Gründerväter, warnte: Sollte ihr Experiment scheitern, sei dies „ein Unglück für die gesamte Menschheit“.
Man muss sich diese Sätze vor Augen halten, um die Schockwellen zu verstehen, die der Amtsantritt von Donald Trump ausgelöst hat. Waren die USA – trotz ihrer zahllosen Verbrechen – einmal das Zugpferd des liberalen Weltgeistes, so rollt ihr amtierender Präsident nihilistischen Gewaltherrschern den roten Teppich aus. Trumps Anbiederung an Diktatoren erinnert an die viel belächelte Konvergenztheorie aus dem Kalten Krieg. Eines fernen Tages, so hieß es, würden sich Kapitalismus und Sozialismus annähern und voneinander lernen. Heute erleben wir eine Konvergenz des Autoritären und vormals liberale Länder streifen die Demokratie ab wie eine fremde Haut. Nach dem Mauerfall war die Zahl demokratisch gewählter Regierungen rapide gewachsen. Derzeit schrumpft sie wieder.
Nein, noch ist der Kampf um die Freiheit nicht verloren. Doch sollte in den USA die MAGA-Bewegung auch weiterhin triumphieren und die radikale Rechte weltweit an die Macht kommen, dann hätten Amerikas Gründerväter sich über den Weltlauf geirrt. Das Endziel, das Telos der Geschichte, ist nicht die vernünftige Freiheit, nicht der Frieden auf Erden, nicht die plurale Einheit der Menschheit. Stattdessen zerfiele die Weltgesellschaft in das Gegeneinander autoritärer, von imperialer Gier getriebener Mächte. Trotz aller Unterschiede ähnelten sie sich: Überall herrschen nihilistische Typen mit Kettensäge, Geheimpolizei und Gesichtserkennung. Einige wenige Länder sind liberal angemalt und sehen aus wie eine Demokratie. Sie sind aber keine mehr.
Angenommen, die Weltgesellschaft würde sich in diese Richtung entwickeln, dann hätte sich das vernichtendste Urteil erfüllt, das je über die Moderne gefällt wurde. Es stammt von einem Philosophen, der 1933 den Führer führen wollte – von Martin Heidegger. In seinen Augen war die Moderne von Anfang an eine Epoche ohne eigenes Recht und ohne eigene Wahrheit. Die politischen Ordnungen, die sie hervorgebracht habe, seien in ihrem Wesenskern alle identisch, sie hätten sich bloß unterschiedlich kostümiert. Ob Amerikanismus oder Bolschewismus – in der Moderne ist alles „DASSELBE“. Alle Systeme, so Heidegger, sind „seinsvergessen“; alle betreiben sinnlose Weltbemächtigung und sinnlose Traditionszerstörung. Nihilismus ist die Wahrheit der Neuzeit, eine andere hat sie nicht. Im bestialischen Kampf aller gegen alle, notiert er im Zweiten Weltkrieg, erlebt sie ihren verdienten Untergang.
Damit ist das Reizwort gefallen: die Neuzeit. Mit diesem Wort verbindet sich ein alter Verdacht und ein jahrhundertelanger Streit. Der Verdacht lautet: Was wir „die Neuzeit“ nennen, ist eine Erfindung gottloser Freigeister, die eine heilige christliche Wahrheit zerstört haben: die Wahrheit, dass die Menschheitsgeschichte ein Telos hat, ein gottverbürgtes Ziel, einen ewigen Sinn. Es ist die Neuzeit, die ein Loch in den Himmel reißt. „Seit Kopernikus“, schreibt Nietzsche, „rollt der Mensch aus dem Zentrum ins x“. Das „x“ ist die große Leere, das große Nichts.
Wie Martin Heidegger, so verstand auch Carl Schmitt die Neuzeit als nihilistisches Projekt. Für den Rechtsgelehrten, dem Hitler zum Verhängnis wurde, startet sie ebenfalls im „Heroenzeitalter des europäischen Rationalismus“, an der Wende zum 17. Jahrhundert. Bacon, Galilei, Kepler, Descartes, Grotius, Hobbes, Spinoza, Newton – sie alle, schreibt Schmitt, begannen damit, das christliche Mittelalter abzuwickeln. Sie verlassen das theologische „Zentralgebiet“ und leiten eine Serie von Neutralisierungen und Relativierungen ein. Nicht lange, und die Welt ist aus den Fugen. Bald ist Gott kein wirkendes Wesen mehr, sondern lediglich ein „‚Parasit der Ethik’“. In der mörderischen Gegenwart des 20. Jahrhunderts offenbart die Neuzeit schließlich ihre innere Wahrheit. Der alte Gott ist tot. Die neuen Götter heißen Wirtschaft und Technik, leere Freiheit und nihilistische Selbstbehauptung.
In einer dunklen Stunde, im Winter 1941/42, kommt ein verzweifelter Max Horkheimer ebenfalls auf das frühe 17. Jahrhundert zu sprechen. Auch er, der marxistische Philosoph, glaubt darin die schattenhaften Anfänge der Moderne zu erkennen. In Shakespeares Hamlet, schreibt Horkheimer, erobern Figuren die Bühne, die bereits von der Eiseskälte des bürgerlichen Subjekts umweht werden. Ihnen gehe es nicht mehr um die moralische Wahrheit, sondern allein ums Überleben, um Kampf und Selbstbehauptung – um den Willen zur Macht. „Der Rest ist Schweigen.“ Kein Wunder also, dass das frühmoderne Subjekt den Tod als absolute Katastrophe empfindet, denn auf ihn folgt nur noch: das Nichts. Nichts gibt es mehr zu hoffen, denn die Weltgeschichte ist – wie im 20. Jahrhundert – aller sinnvollen Bezüge und Ziele „entkleidet“. „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
Hitlers barbarischer Krieg, die Vernichtung der europäischen Juden, die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki – auch der katholische Theologe Romano Guardini sah im 20. Jahrhundert „das Ende der Neuzeit“ gekommen. In seiner gleichnamigen, 1950 erschienenen Schrift beklagt er den Hochmut, mit dem die Neuzeit geglaubt habe, sie könne sich ohne Bezug auf Gott, allein kraft ihrer Vernunft, aus sich selbst begründen. Seit der Renaissance träumte sie vom Paradies auf Erden – und landete in der Hölle. Wissenschaftler eroberten den Thron Gottes – und erfanden die Atombombe. Sie ersetzten die Demut vor der Schöpfung durch die Verdinglichung der Natur – und endeten im ökologischen Nihilismus. Die neuzeitliche Vernunft, so wird Guardini nicht müde zu behaupten, konnte den religiösen Sinn des Mittelalters zwar zerstören, doch ersetzen konnte sie ihn nicht. Und dann brachte er einen Satz zu Papier, den der Philosoph Theodor W. Adorno kaum anders formuliert hätte: Die Wildnis der unmittelbaren Natur sei domestiziert. Doch die bezwungene Wildnis kehre „innerhalb der Kultur selbst wieder“ – als nackte Macht und nackte Selbstbehauptung. Als Nihilismus eben.
In seinem Stück Hamletmaschine blickt auch Heiner Müller zurück auf das frühe 17. Jahrhundert. In den Augen des DDR-Dramatikers inszeniert Shakespeare einen historischen Verrat: Europa, die kolonialistische Weltökonomie, ermordet die Utopie, und so betritt der Götze der Neuzeit die Bühne, der Nihilismus aus Geld und Macht. „Hoffnung der Generationen / In Blut Feigheit Dummheit erstickt / Gelächter aus toten Bäuchen / Heil COCA COLA.“ Müllers 1979 uraufgeführte „Hamletmaschine“ ist eine Abrechnung mit der gescheiterten Moderne – und eine Abrechnung mit Nietzsches begeisterter Shakespeare-Deutung. Dieser hatte das Stück gefeiert, weil Hamlet den christlichen Lügenschleier zerrissen und die Sinnlosigkeit des Lebens erkannt habe: den Abgrund, den Schrecken, das Nichts. Hamlet ist der erste Nihilist der Moderne, er glaubt an nichts mehr. Nicht der Zweifel lähmt ihn, sondern die Gewissheit: Gott ist tot. Wie großartig!
Was macht das frühe 17. Jahrhundert eigentlich so interessant? Warum ist es die Referenzepoche für die Krise der Gegenwart? Eine Erklärung lautet: Weil damals die Weichen in die moderne Welt gestellt wurden. Isaac Newton vollendete die wissenschaftliche Revolution und brachte die mittelalterliche Lehre von der creatio continua ins Wanken. Diese Lehre behauptete, dass Gott die Welt nicht bloß am Anfang erschaffen hat, sondern sie weiterhin und stets aufs Neue hervorbringt. Newton erschütterte den tröstlichen Glauben an die Kontinuität der Geschichte: Wenn sich – physikalisch gesehen – die Dinge nur dann bewegen, sofern äußere Kräfte auf sie einwirken, dann ist Gott aus dem Spiel. Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Weltgeschichte auf einen sinnvollen Endzweck zusteuert, auf ein Ziel. „Telosschwund“ nennen Philosophen diese Ernüchterung. Übrig blieb dann nur ein einziges, ein zielloses Ziel: der Wille zur Macht und der Wille zur Selbstbehauptung.
Doch stimmt der pessimistische Befund überhaupt? Darüber entbrannte vor 50 Jahren ein Streit zwischen Philosophen. Aufgeregt diskutierten sie die „Legitimität der Neuzeit“, ihr Eigenrecht und ihre Selbstbegründung. Ist sie eine Schöpfung aus dem Nichts? Oder ist sie – wie Konservative glaubten – eine Schöpfung des Nichts? Besteht die Wahrheit der Neuzeit allein in sinnloser Selbststeigerung, in leerer Freiheit und Traditionszerstörung?
Der Streit schien vergessen, doch heute betrachtet man ihn mit anderen Augen. Angesichts eines brennenden Planeten und einer geopolitischen Realität, in der Krieg und Frieden bruchlos ineinander übergehen, drängt sich die Frage auf: Haben die Kritiker der Moderne recht behalten? Entpuppt sie sich tatsächlich als grenzenloser Wille zur Macht? Und könnte man Nietzsches triumphierenden Ausruf „Gott ist tot“ nicht in den Satz übersetzen: „Die Vernunft ist tot“? Eines ist jedenfalls kaum zu bestreiten: So wie die Menschen an der Schwelle zur Neuzeit an den Heilsversprechen des Mittelalters zweifelten, so zweifeln sie heute an den Verheißungen der kapitalistischen Moderne. Nun ist sie es, die ihren Telosschwund erlebt, den Verlust ihrer Gewissheiten. Gestern noch war die Zukunft ein leuchtendes Versprechen. Heute erscheint sie als eine Drohung.
Alt ist die Neuzeit geworden und schleichend scheint sie in jenen Zustand enthemmter Selbstbehauptung überzugehen, den Thomas Hobbes im Jahr 1651 beschrieben hat. Desillusioniert vom Gemetzel der konfessionellen Bürgerkriege, schilderte der englische Philosoph seine Gegenwart als Mars auf Erden: Kalt, verschlossen und undurchdringlich sei das Menschenwesen. Jeder imitiere die Boshaftigkeit des anderen, jeder wolle nur seine Macht und seinen Besitz vermehren. Der Mensch sei des Menschen Wolf, denn dunkle Begierden trieben ihn an: Neid, Missgunst, Konkurrenz. Der von der Bibel beschworene pfingstliche Geist der Sprache, vermerkt Hobbes, existiere nicht. Auch ein Telos, ein Sinn in der Geschichte, sei unauffindbar. Nur eines schütze die Menschen vor ihrer angeborenen Gewalt: die Unterwerfung unter einen autoritären Herrscher.
Wie immer bei Ewigkeitsaussagen, so ist auch hier Vorsicht geboten, denn sie sind Wasser auf die Mühlen der Gegenaufklärung. Für Heidegger und Schmitt gab es am Liberalismus nie etwas zu verteidigen, sie schwärmten lieber von herrischen Führern und zeitlos gültigen Ordnungen. Endlosen Spott und reichlich Häme würden sie über die heutige Weltlage ausgießen, über die globale Anarchie, die nach der Krise der Globalisierung übriggeblieben ist. Schon immer, würden sie lästern, hat die Neuzeit ihre Utopien mit der Realität verwechselt. Freiheit, Mündigkeit, Vernunft – es gibt sie nicht. Der Mensch will keine Autonomie, der Mensch wartet auf Befehle.
Bevor solche Falschmeldungen die Runde machen: Das neuzeitliche Denken entstand nicht aus gottloser Hybris oder nihilistischem Größenwahn. Es entstand, weil das soziale Elend zum Himmel schrie und theologisch nicht mehr zu rechtfertigen war. Das Mittelalter, schrieb der Philosoph Hans Blumenberg, „ging zu Ende, als dem Menschen die Schöpfung als Vorsehung nicht mehr glaubhaft gemacht werden konnte“. Das heißt: Wer sich mit den empörend ungerechten Verhältnissen nicht abfinden wollte, der betrachtete die Geschichte als ein unvollendetes Projekt und wollte sie mithilfe von Vernunft und Wissenschaft verbessern. Was sollte der liebe Gott dagegen haben?
Heute muss der Anspruch der Moderne erneut gegen den Sturmlauf der Rechten verteidigt werden, der Anspruch auf eine eigene Wahrheit, auf Fortschritt und Freiheit. Wie Immanuel Kant 1784 schrieb, sind wir dabei ganz auf uns allein gestellt. „Die Natur hat gewollt: dass der Mensch alles (…) gänzlich aus sich selbst herausbringe, und keiner anderen Glückseligkeit (...) teilhaftig werde, als die er sich selbst (…) durch eigene Vernunft verschafft hat.“
Allerdings, zu dieser Einsicht gehört auch der schonungslose Blick ins Sündenregister der Moderne. Konservative Kritiker haben recht, wenn sie sagen, der Fortschrittsglaube sei die brachiale Säkularisierung religiöser Heilsversprechen. Auch für ihren Vorwurf, die Moderne befördere das moralfreie Experiment des Menschen mit sich selbst, gibt es traurige Belege. Ist es nicht ein Fall nihilistischer Selbstermächtigung, wenn Zeitgenossen auf die Idee kommen, gentechnisch manipulierte Wesen zu züchten – posthumane Sklaven für den Menschenpark? Für den amerikanischen Investor Elon Musk ist der Mensch bekanntlich ein „Fleischcomputer“ auf zwei Beinen. Eines Tages, so hofft er, könne man ihm mithilfe von Bio-Chips eine neue Software aufspielen – eine Version, die ihn härter, widerstandsfähiger und zugleich unterwürfiger macht. Käme es zu diesem Update, dann würde sich die technische Moderne als neofeudales Elitenprojekt entlarven. Die Revolutionäre aus dem Silicon Valley „köpfen“ das demokratische Ancien Régime, um eine digitale Adelsherrschaft zu errichten – mit einem Volk aus programmierten Untertanen.
Auch was die Misshandlung der Natur angeht, so ist Konservativen wie Romano Guardini nicht zu widersprechen. Das „Projekt der Moderne“ hat sich an den Grundlagen des Lebens versündigt, es hat tief in natürliche Prozesse eingegriffen und ist zum erdgeschichtlichen Akteur geworden. Für Immanuel Kant war der Mensch das „Meisterstück der Schöpfung“, ohne ihn, meinte er, sei die Natur „eine bloße Wüste“. Heute wissen wir, dass das „Meisterstück“ die Fähigkeit besitzt, die Erde zurück in eine Wüste zu verwandeln. Artensterben, Megabrände, Dürrekatastrophen, Sintfluten, Wirbelstürme, Polkappenschmelze, Gletscherschmelze, ansteigende Meeresspiegel, die Veränderung der ozeanischen Strömungen – die Kosten unserer Lebensweise lassen sich nicht länger in die Zukunft auslagern. Die Zukunft ist heute.
Es mag seltsam klingen: Die ökologische Misere der Natur und die Verunsicherung unseres Zeitgefühls hängen eng zusammen. Die neuzeitlichen Aufklärer hatten angenommen, die Natur sei der treue Bündnispartner des Fortschritts, gleichsam die wetterfeste Bühne, auf der das Zivilisationsheater zur Aufführung kommt. Zudem glaubten sie, die Zukunft halte bis in alle Ewigkeit einen Überfluss an unverbrauchter Zeit bereit. Doch diesen Überfluss an Zeit gibt es nicht mehr: Die Natur hat nämlich ein Gedächtnis; sie hat die Sünden des Industriezeitalters gespeichert und daher kommt uns die fossile Vergangenheit in Gestalt der Erderwärmung aus der Zukunft wieder entgegen. Wie eine moderne Erbsünde verdunkelt diese Schuld unser progressives Zeitgefühl, die zweifelsfreie Erwartung „Das Morgen wird besser“. Stattdessen wissen wir: So schön wie gestern wird die Erde nie wieder.
Vor 300 Jahren kämpften die Frühaufklärer für die Zukunft des „Menschengeschlechts“; heute geht es darum, überhaupt noch eine Zukunft zu haben. Damit wird das Projekt der Moderne unvermeidlich konservativ, es muss von der Natur retten, was von ihr noch zu retten ist. Die politische Freiheit wäre dann nicht mehr frei, denn Freiheit bestünde in der Einsicht in die ökologische Notwendigkeit. Und das alles unter den Bedingungen einer kapitalistischen Ökonomie, die zwanghaft wachsen und immer weiter wachsen muss.
Wie nie zuvor ist die Weltgesellschaft auf kooperatives Handeln angewiesen, doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar ist die Menschheit technisch und wirtschaftlich zusammengewachsen, aber kulturell und politisch bleibt sie tief gespalten. Und erneut dürfen konservative Geister sich bestätigt fühlen: Die Menschheit, sagen sie, gibt es nicht, es gibt nur einzelne Staaten, das Wort „Menschheit“ ist eine semantische Fiktion. Auch der Glaube an „Frieden durch Recht“ sei ein Hirngespinst, also jene Entwicklung, die mit der UN-Charta und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begann. Realistisch dagegen sei eine globale Zukunft, in der sich wechselnde Staatenbündnisse mit bewaffnetem Argwohn gegenüberstehen. Stabile planetarische Feindschaft in geopolitischen Großräumen – das wäre dann der Höhepunkt der Gattungsintelligenz, zu mehr hätten es die Menschen nicht gebracht. Das animal rationale erwies sich als unfähig, in vernünftiger Freiheit sein gemeinsames Schicksal zu organisieren. Stattdessen hat es eine nihilistische Elite hervorgebracht, die über mehr Geld verfügt als die ärmere Hälfte der Menschheit. Und was macht sie damit? In ihrem kosmischen Größenwahn konstruiert sie intergalaktische Raketen, um die Erde, die zu ruinieren sie mitgeholfen hat, Richtung Mars zu verlassen. Dort soll eine neue Neuzeit beginnen, nachdem die alte so langsam verglüht.
„Die Menschheit gibt es nicht“ – das ist einerseits wahr. Andererseits gibt es durchaus das globale Ganze, jeder spürt es, es wird von Jahr zu Jahr heißer. Deshalb ist es längst nicht ausgemacht, ob die menschengemachte Naturkatastrophe nicht doch ein politisches Wunder bewirkt – und die überforderten Staaten dazu zwingt, die „brennendsten“ Probleme gemeinsam zu bearbeiten. Die notwendigen Energien müssten sie aus kollektivem Neinsagen gewinnen, aus der Einsicht: Wie es ist, so kann es nicht bleiben. So wäre denn – Ironie der Geschichte – ein konservativer Verdacht doch noch wahr geworden, nur ganz anders: Der Verdacht, der Moderne ginge es allein um sich selbst, nur um ihre Selbsterhaltung. Doch, genau darum geht es tatsächlich. Es geht um die Selbsterhaltung eines klein gewordenen Planeten, eines kosmischen Winzlings, dessen Bewohner ein gemeinsames ökologisches Schicksal teilen.
Friedrich Nietzsche schrieb seine Sätze über den Nihilismus zu einer Zeit, als die industrielle Revolution das deutsche Biedermeier bereits überrollt hatte. Auf den Traditionsbruch reagierte der Pfarrerssohn mit stoischem Rückzug; er wollte sich die neuen Verhältnisse ästhetisch vom Leib halten und sie – jenseits von Gut und Böse – als bloßes Schauspiel betrachten.
Die Nietzscheaner von heute könnten geneigt sein, eine ähnliche Haltung einzunehmen. Sie könnten Gefallen daran finden, dem aktuellen Irrsinn mit fröhlichem Fatalismus als Zuschauer beizuwohnen – wo Altes untergeht, wird Neues entstehen. Würde Nietzsche dabei mitmachen und heute noch einmal so leichtsinnig den Nihilismus bejubeln? Würde er sagen: Lehnt euch zurück und genießt den Titanenkampf der Mächte? Vermutlich nicht. Für Nietzsche bedeutete der Nihilismus einen Akt der Befreiung – das Ziel allen Handelns war er nicht. Statt Lügen und Doppelmoral forderte sein Zarathustra „Redlichkeit“, einfach nur: Redlichkeit. Dabei wanderte er durch die Natur, als bliebe sie auf ewig unberührt: „Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, die Euch von überirdischen Hoffnungen reden!“
Hätte Nietzsche geahnt, wie unheilvoll die Zivilisation einmal in die Natur eingreifen würde, wäre er entsetzt gewesen. Er hätte den fossilen Furor als aktiven Nihilismus empfunden und die Klimakrise als unheimlichen Gast am Tisch der Moderne. Nietzsche, darf man vermuten, hätte protestiert und sich auf die Seite seines Bewunderers Michel Foucault geschlagen. „Jahrtausende hindurch“, schrieb dieser, war der Mensch ein „lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“










