
Ist es Zufall oder tieferer Sinn, dass von der Zahl Drei eine besondere Suggestionskraft ausgeht. Vielleicht – da wären wir schon bei der Psychologie – weil jedes dritte Element eine Zweierbeziehung verändert und neue Spannungen, Rollen oder Perspektiven entstehen lässt. In Familien oder Gruppen kann dieses Dritte Konflikte sogar stabilisieren, verschieben oder auflösen.
Zugleich gibt die Drei oft den Rhythmus vor. Wir starten auch immer mit „Achtung, fertig, los!“. Und im 3/4-Takt beginnen wir, uns fast selig im Kreis zu drehen. Die Drei ordnet Bewegungen, bringt die klassische Logik mit ihrem Schlachtruf „tertium non datur“ – „ein Drittes gibt es nicht“ - ins Trudeln. Wo sie mitgedacht wird, kann es auch einen dritten Weg geben, einen Ausweg aus den Dilemmata unserer Zeit der Polarisierungen.
„Eros is a triangle“ meint die kanadische Dichterin und Altphilologin Anne Carson. Sie entwickelt ihre These am berühmten Fragment 31 der Dichterin Sappho:
„Es scheint mir Göttern gleich jener
Mann zu sein, der dir gegenüber
Sitzt und nahe dir, wenn du süß redest,
Zuhört,
Und wenn du liebreizend zulächelst – das wahrlich
Hat mein Herz in der Brust erschüttert:
Mann zu sein, der dir gegenüber
Sitzt und nahe dir, wenn du süß redest,
Zuhört,
Und wenn du liebreizend zulächelst – das wahrlich
Hat mein Herz in der Brust erschüttert:
Sobald ich auf dich blicke,
vermag ich keinen Laut mehr zu sprechen.“
vermag ich keinen Laut mehr zu sprechen.“
Was beschreibt das Fragment? Ein Stelldichein zwischen Mann und Frau. Er hört – verliebt vermutlich – zu, sie redet – verliebt vermutlich – süß. Und dann ist da eine dritte Person, die nicht Teil der Handlung ist, sondern die Szene stumm beobachtet. Sie wäre vielleicht gern an der Stelle des Mannes, der ihr göttlich erscheint, aber nur, weil die begehrte Frau „süß“ zu ihm redet. Und schon ist das Karussell in Gang. Es ist die dritte, die Außenstehende, die alle Symptome des Liebesschmerzes zeigt. Das wahre Begehren liegt bei ihr.
„Sobald ich auf dich blicke,
vermag ich keinen Laut mehr zu sprechen.
aber meine Zunge zerbricht und fein
sofort ein Feuer läuft mir unter die Haut,
und mit den Augen nichts mehr sehe ich, und es dröhnen
mir die Ohren,
und mir ergießt sich der Schweiß, und ein Zucken
ergreift mich ganz, und grüner als das Gras bin ich
Vom Totsein kaum entfernt …“
vermag ich keinen Laut mehr zu sprechen.
aber meine Zunge zerbricht und fein
sofort ein Feuer läuft mir unter die Haut,
und mit den Augen nichts mehr sehe ich, und es dröhnen
mir die Ohren,
und mir ergießt sich der Schweiß, und ein Zucken
ergreift mich ganz, und grüner als das Gras bin ich
Vom Totsein kaum entfernt …“
Fragment 31 wurde oft im Sinn der Eifersucht gedeutet, aber das, so findet Anne Carson, trifft die Sache überhaupt nicht. Was Sappho uns hier zeige, sei die tiefere Struktur der Liebe selbst: Damit Eros in Gang komme, bedürfe es genau dieser drei Komponenten: „Lover, beloved and that which comes between them." – „Liebende*r, Geliebte*r und das, was zwischen sie kommt.“
Man könnte diese Konstellation platt verstehen: „Ah, das Liebesdreieck!“ Und: „Ja, das Begehren ist immer am stärksten, wenn…, ja, wenn etwas verboten ist, unerreichbar oder sich entzieht“, „die Kirschen in Nachbars Garten“ und so weiter. Postromantisch könnte man die Dreierstruktur auch als List abtun, als simplen Trick. Aber Anne Carson beharrt darauf, diese List nicht vorschnell abzutun. Sappho zeige, dass Eros ganz grundsätzlich eine triadische Struktur aufweist, er ist eine Sache von zweien, die als Triangel funktioniert, als ein Schaltkreis mit drei Polen.
Etwas Drittes muss also hinzukommen, wobei dieses „Dritte“ vermutlich alles sein kann, ein Mensch, eine Distanz, eine Verschiebung, eine Störung oder ein Raum, in dem die Liebe stattfindet. „Die dritte Komponente“, so schreibt Anne Carson, „spielt eine paradoxe Rolle, denn sie verbindet und trennt zugleich; sie markiert, dass zwei nicht einer sind.“ Und weiter schreibt sie: „Wenn die Schaltkreispunkte sich verbinden, springt Wahrnehmung hervor. Und es wird auf dem triangulären Pfad … etwas sichtbar, das ohne die dreiteilige Struktur nicht sichtbar wäre. Sichtbar wird die Differenz von dem, was ist und was sein könnte.“
Erstens: Die Drei als Trickster
Wie bedeutsam ist die Drei? Betrügt sie uns oder ist sie eine fundamentale Wahrheit? Wie in einem Kippbild kann sie erscheinen, mal trivial, mal tiefgründig, und vermutlich ist sie beides. Wenn sie aber bedeutsam ist, die Drei, was sagt sie dann?
Omnipräsent bis fast schon zum Überdruss ist sie im deutschen Volksmärchen und die Brüder Grimm waren besessen davon: die drei Federn, die drei Glückskinder, die drei Männlein im Walde, die drei Spinnerinnen, der Teufel mit den drei goldenen Haaren et cetera et cetera. Schon in den Titeln kommt die Drei überproportional häufig vor, aber noch viel öfter ist sie das leitende Strukturelement der Märchen selbst. „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.“ Drei Mal darf die Müllerstochter raten, wie der Name des Zwergs lautet, der ihr drei Nächte lang geholfen hatte, Stroh zu Gold zu spinnen.
Drei Mal – so oft wie wir heute versuchen dürfen, einen Pin-Code richtig einzugeben, bevor das Bankkonto gesperrt ist und der Schlamassel beginnt.
Im Märchen geht’s dagegen noch einmal gut. Rumpelstilzchen zieht den Kürzeren. Beim dritten Mal nämlich klappt es, die Müllerstochter, die inzwischen Königsgattin wurde, errät den richtigen Namen und darf ihr Kind behalten.
Die Märchen erzählen von drei Versuchen, drei Prüfungen, die zu bestehen sind, oder drei Geschwistern, bei denen eines aus der Reihe tanzt. Es ist immer das dritte, das jüngste oder das einfältigste oder das Stiefkind, das am Anfang die geringsten Aussichten hat, aber schlussendlich das große Los zieht. Wie bei Aschenputtel und ihren beiden bösen Schwestern. Das dritte Kind wird erlöst oder es bringt Erlösung.
Interessant ist auch das Motiv der drei Wünsche, die im Märchen als drei Zauberdinge auftreten – Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack – oder eben als drei Dinge, die man sich wünschen darf.
Drei Gaben, nämlich ewige Seligkeit, Gesundheit und ein schönes Haus erhalten die armen Leute, die den lieben Gott beherbergt haben. Ein Vogelrohr, das alles trifft, eine Fiedel nach der jeder tanzt, und eine Bitte, die nicht abzuschlagen ist, bekommt der barmherzige Knecht in dem antisemitischen Märchen Der Jude im Dorn.
Das Wünschen hilft im Märchen aber meist nur denen, die sowieso gut sind. Die Bösen scheitern stets an ihrer Gier und Dummheit. Johann Peter Hebel erzählt, nach einer französischen Vorlage, das Märchen von einem Ehepaar, das Besuch von einer schillernden Bergfee bekommt. Drei Wünsche lässt sie ihnen frei und acht Tage Bedenkzeit dafür. Schon bald äußert die Ehefrau beim Kochen unbedacht, sie hätte zu den Kartoffeln gerne eine Bratwurst. Flugs erscheint diese auch in der Pfanne. Aus Wut über den vertanen Wunsch, wünscht der Ehemann seinem dummen Weib die Wurst an die Nase. „Wie gewünscht so geschehen“ sitzt sie dort fest, „wie angewachsen in Mutterleib, und hieng zu beyden Seiten hinab wie ein Husaren‑Schnauzbart“. Der dritte Wunsch, man weiß es schon, muss dazu herhalten, die Wurst wieder wegzuwünschen.
Die Drei bringt zwar Erlösung, aber ganz ist ihr auch nicht zu trauen.
Dass sie im Märchen so oft vorkommt, liegt an der Magie der Drei, sie gilt als eine heilige Zahl, als das Maß der Vollendung.
„Achtung, fertig, los“, rufen wir. „Gut, besser, am, besten“ – auch die Steigerungsformen hören auf bei drei.
Die Forschung hat vermutet, dass die Verehrung dieser Zahl auf archaische Zeiten zurückgeht, in denen Zählsysteme noch nicht voll ausgebildet waren. Eins. Zwei. Vieles. Die Drei jedenfalls schafft eine Reihe – sie ist der erste Schritt zu einer Serie und der letzte zu einer geschlossenen Form.
Ganz prosaisch und ohne viel heilige Magie lässt sich ihre privilegierte Rolle im Märchen auch damit erklären, dass sie als Erzählstruktur so gut funktioniert.
Denn Anfang – Mitte – Schluss, der schlichte Dreiakter, ist die basalste Form einer Geschichte. Exposition – Dilemma – Lösung. Die Königin verliert den Ball, der Frosch hilft und will seinen Lohn, aber einmal gegen die Wand geworfen, verwandelt er sich in einen Prinzen und kann geheiratet werden. Wir lieben das. Und drei Eisenreifen sprengen sich vom Herzen des treuen Dieners Heinrich, so erleichtert ist er über die Erlösung seines verwunschenen Herrn im Froschkönig.
Die Drei schließt den Kreis oder sie markiert den Beginn einer Serie. Bei zwei aufeinander folgenden Ähnlichkeiten haben wir begriffen, wie der Hase läuft: Aha, da wiederholt sich was. Beim dritten Element könnte es so weiter gehen – oder auch nicht. Das Dritte schert gern aus und macht genau über Abweichung das Muster klar. „Treffen sich ein Franzose, ein Engländer, ein Deutscher…“, „Treffen sich ein Priester, ein Rabbi, ein Imam…“ Viele Witze funktionieren nach diesem Schema. Als Drittes kommt das Unerwartete, das wir bereits erwarten. Der Slapstick verkehrt diese Regel seinerseits noch einmal durch Verzögerung: Sechs Mal stolpert der Diener James in Dinner for one über den Tigerkopf, bevor er dann, wie zufällig, beim siebten Mal am Hindernis vorbeiläuft. Wir lachen.
„Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz“ – die Drei hat eine gewisse Rhythmik, die sie auch zu einer bevorzugten rhetorischen Figur macht, dem so genannten Trikolon. „Veni, vidi, vici.“ „Liberté, Égalité, Fraternité.“ „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Drei Mal klopfen wir aufs Holz, um Unglück abzuwenden.
Kognitiv ist die Drei leicht zu merken, sie garantiert eine gewisse Varianz, ohne dass die Sache zu kompliziert oder zu langwierig wird. Das Marketing kennt diesen Mechanismus als „rule of the three“ – small, medium, large; Basis, Standard, Premium: Überfordere die Kunden nicht, aber gib ihnen die Möglichkeit einer Wahl, die mehr ist als das vermaledeite Entweder/Oder und weniger als zu stressige Überfülle.
Wie tief geht das Bedürfnis nach der Drei? Ist sie vielleicht sogar physiologisch in uns verankert, fest verdrahtet im Körperempfinden? Drei Dimensionen hat die menschliche Wahrnehmung im Raum, der hoch ist, tief und breit. In die Trias Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilen wir die Zeit. Aus drei Grundfarben – rot, gelb, blau – lassen sich alle anderen Farbtöne mischen. Und das Farbensehen im Auge, die so genannte Trichromasie, läuft über drei Arten von Zapfen auf der Netzhaut, für kurze, mittlere und lange Wellenlängen: blau – grün – rot. Drei Gehörknöchelchen leiten Töne im Ohr weiter.
Auf dem Dreiklang – mit Moll und Dur, die jeweils durch aufeinander geschichtete Terzen entstehen – basiert die Harmonielehre seit dem Barock. Dieses System und die dazu passenden Hörgewohnheiten sind zwar kulturell geprägt, leiten sich aber aus der Naturtonreihe und bestimmten Obertonverhältnissen ab, die – mathematisch genau zu berechnen – einen Dur-Dreiklang ergeben.
Auch wenn das Meiste im menschlichen Körper auf die Zahl eins oder zwei geht – zwei Augen, eine Nase, zwei Nieren, ein Herz und so weiter – scheint das Gefühl, der Takt der Drei, im Leib irgendwo verankert. Im Herzschlag vielleicht. Denn obwohl der nur zwei Schläge hat – Systole und Diastole – gibt es da doch eine Verzögerung, einen Nachhall im zweiten Schlag, der sich zur Drei hin öffnet.
Bedeutest du nun etwas, du Drei, ja oder nein? Die Drei ist ein Trickster, ein Hütchenspieler. Bei diesem Spiel wird eine Kugel unter einer von drei kleinen Schachteln, Bechern oder Nussschalen verborgen. Der Spielleiter verschiebt die Behältnisse und fragt: Wo ist nun die Kugel? Der Trick funktioniert, weil wir glauben, dass die Drei einfach genug sei, um dem Verwirrspiel und dem Weg der verborgenen Kugel zu folgen. Aber die ist nie da, wo wir sie vermuten. Weil sie weggenommen wurde inzwischen und anderswo untergeschoben oder weil – wie im verwandten Zaubertrick mit drei Bechern und drei Kugeln – eine verborgene vierte Kugel im Spiel ist.
Zweitens: Die Drei als Wahrheit
Ja, die Drei ist ein Trickster. Und doch gibt es hier eine tiefere logische, philosophische und auch spirituelle Wahrheit: Die klassische Logik, die auf Aristoteles zurückgeht, kennt den Syllogismus: Aus einem Ober- und einem Untersatz lässt sich – zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten – analytisch ein richtiger Schluss ziehen:
Alle Menschen sind sterblich.
Alle Griechen sind Menschen.
Also sind alle Griechen sterblich.
Alle Griechen sind Menschen.
Also sind alle Griechen sterblich.
Oder in unserem Fall:
Kein Dreieck ist ein Quadrat.
Alle Quadrate sind Rechtecke.
Kein Dreieck ist ein Rechteck.
Alle Quadrate sind Rechtecke.
Kein Dreieck ist ein Rechteck.
Eigenartigerweise fußt die klassische Logik auch auf genau drei Grundsätzen, nämlich:
1. dem Satz der Identität. A ist gleich A, etwas ist immer sich selbst gleich.
2. dem Satz vom Widerspruch. Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht zur selben Zeit und in derselben Hinsicht wahr sein.
3. – ironischerweise – dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. Es gibt keine dritte Möglichkeit dazwischen. Tertium non datur.
2. dem Satz vom Widerspruch. Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht zur selben Zeit und in derselben Hinsicht wahr sein.
3. – ironischerweise – dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. Es gibt keine dritte Möglichkeit dazwischen. Tertium non datur.
Viele weitere Dreien gibt es in der Philosophiegeschichte, von Platons dreigeteiltem Seelenbild – als Wille, Begierde und Vernunft – über Plotins Stufenmodell von Einem, Geist und Psyche bis hin zu den Modalitäten: möglich, wirklich und notwendig und zur Kantischen Kategorientafel, die zwar in vier Päckchen, aber mit jeweils drei Begriffen aufgeteilt ist.
Bleiben wir aber kurz beim Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Die klassische Logik operiert, wie gesagt, in drei Schritten. Sie selbst ist aber zweiwertig: Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. Ein Ding ist ein Ding, eine Identität ist identisch. Es war Hegel, der das – Zitat – „tote Gebein der Logik“ einmal kräftig zum Tanzen brachte. Wir kennen seine Dialektik als eine Klappermühle des Dreischritts von These, Antithese und Synthese. Aber das fasst nicht den eigentlichen Sinn. Der besteht nämlich in etwas, das man als den „Spirit der Drei“ bezeichnen könnte: Hegels Idee ist, dass das Identische eben nicht mit sich identisch ist, oder besser: Es ist identisch und nicht identisch zugleich. Tertium datur.
Hegels Behauptung ist nicht unlogisch, nur anders logisch als gewohnt, nämlich spekulativ logisch: Sie funktioniert, weil er das Sein als Prozess auffasst. Am Anfang seiner „Wissenschaft der Logik“ steht das reine Sein, das nichts ist als Sein, also irgendwie auch nichts und daher in sein Gegenteil übergeht, das reine Nichts aus dem dann, weil das Nichts doch etwas ist, das Werden hervorgeht. Im Werden sind Sein und Nichts aufgehoben und zugleich mehr geworden, als sie vorher waren. Das Dritte kommt hier nicht von außen, sondern es geht hervor aus dem Einen, das sich in sich spiegelt und auffaltet. Hier entsteht etwas Neues, weil die Dinge nicht feststehen, nicht ein Bollwerk sind aus unvermitteltem Entweder/Oder, Wahr/Falsch, Gut/Böse.
„Schau einfach nur länger hin“, scheint diese Philosophie zu sagen. „Gib einer Sache Zeit und sie wird sich wandeln, sie wird bleiben, was sie war und doch anders werden. Weil sie lebt.“ Und gilt das nicht auch für den Takt in der Musik? Die Zwei ist ein Marsch – bam/bam, bam/bam – die Drei aber, als Drei-Viertel- oder Sechs‑Achtel-Takt, ist ein Tanz, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, fertig ist der Walzer. Immer bringt die Drei Bewegung ins Spiel. Oder sie stabilisiert und beruhigt. Je nach dem.
Hegels Dialektik war inspiriert von der christlichen Trinitätslehre oder sie kann in gewisser Hinsicht auch als deren philosophischer Ausdruck gelesen werden: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind nicht identisch, also verschieden, aber doch sind sie Eins.
Ein Renaissance-Gemälde von Jerónimo Cósida veranschaulicht die unlogische Logik sehr schön: Da hält ein dreigesichtiger Gott auf dem Thron ein Dreieck im Schoß, dessen äußere Punkte jeweils mit den Namen „PATER“ – „FILIUS“ – „SANCTUS“ beschriftet sind: Auf den Schenkeln des Dreiecks steht „non est“: „pater non est filius non est spiritus“. Im Mittelpunkt des Dreiecks befindet sich das Wort „Deus“ und von allen drei Ecken führen Linien dorthin: Der Vater ist nicht der Sohn ist nicht der Geist – aber alle drei sind Gott, oder anders gesagt: Hypostasen, also Seinsweisen, des einen Göttlichen.
Man könnte also sagen: „Eins ist Drei und Drei ist eins.“ Die Drei ist hier nicht quantitativ zu verstehen, als eine abgegrenzte Zahl in ihrer „abstrakten Bestimmung der Äußerlichkeit“, wie Hegel sagen würde. Die Drei ist hier eine Qualität, nämlich Einheit von Verschiedenem. Das wäre ihr tieferes Mysterium – oder zumindest eines ihrer Geheimnisse.
Ginge das alles nicht auch mit Zweiheit? Ist die Dreieinheit mehr als Zweieinheit, mehr als die zwei Seiten einer Medaille? Kulturhistorisch jedenfalls treten auffällig viele Göttergestalten als Dreiheit auf – auch wenn sie nicht immer trinitarisch zu verstehen sind. Im alten Ägypten bildeten Isis, Osiris und Horus eine Art heilige Familie. Im Hinduismus sind Brahma, Vishnu und Shiva – Schöpfer, Erhalter und Zerstörer – die so genannte „Trimurti“. In weiblicher Form tritt das indisch-göttliche Dreigestirn als „Tridevi“ auf. Im griechisch-mythologischen Götterkosmos hat Kronos drei Söhne: Zeus, Poseidon und Hades. Ganz zu schweigen natürlich von den drei Moiren, den Schicksalsgöttinnen, Klotho, die den Lebensfaden spinnt, Lachesis, die seine Länge abmisst, und Atropos, die ihn abschneidet. Und so weiter und so weiter.
Neben der Dreifaltigkeit haben sich auch andere stets wiederkehrende Dreiergruppen tief ins christlich-ikonografische Bewusstsein eingeprägt: Die heilige Familie: Maria, Josef, Jesuskind. Oder Jesus am Kreuz und neben ihm die beiden Schächer. Links der böse, rechts der gute. Oder Christus als Weltenrichter und ihm zur Seite die Mutter Maria und Johannes, als die beiden Fürbitter für die Menschen. Schön und weniger bekannt ist das Motiv der Anna Selbdritt: Die heilige Anna mit ihrer Tochter Maria und deren Sohn Jesus. In solchen Gruppen, die oft wie kleine Berge aufgebaut sind, gibt es eine klare Spitze. Wie beim Siegertreppchen steht da einer ganz oben, herausgehoben und flankiert von zwei nachgeordneten, aber extrem wichtigen Stützelementen. So wird aus der ungeraden Drei dann, wenn auch hierarchisch, eine Symmetrie.
Der Gräzist Hermann Usener spricht in einem alten Aufsatz mit dem Titel „Dreiheit“ von einer „Zwingherrschaft der Drei“, und irgendwie ist das plausibel. Als sei die Drei, wenn schon nicht eine logische, so doch zumindest eine Art anthropologischer Konstante.
Und im Grunde ist das völlig banal, natürlich: Vater, Mutter, Kind.
Die Psychologie, allen voran die Psychoanalyse, arbeitet stark mit dem Begriff der Triangulierung. Kurz seien auch hier ein paar Dreiergruppen in der Theoriebildung erwähnt: Freud teilt den psychischen Apparat in Ich, Es und Über-Ich; Lacan spricht vom Imaginären, Realen und dem Symbolischen; Erikson von Körper, Psyche und Gesellschaft; George Herbert Mead von „I, Me and Generalized Other“ und so fort.
Beim Triangel tritt zu Zweien ein Drittes hinzu. Es kann wie bei Vater, Mutter, Kind direkt aus der Dyade hervorgehen, als Fortentwicklung in die nächste Generation. Im Dritten, dem Gemeinsamen, beziehen sich die Zwei aufeinander. Es ist das C, in dem sich A und B treffen oder – hegelisch ausgedrückt – in dem A und B aufgehoben sind. Und wenn es nicht das Kind ist, so ist es der Hund oder das gemeinsame Haus oder ein Projekt, irgend etwas Drittes im Außen vermag und muss vielleicht auch die Zwei verbinden, etwas Drittes, in dem sie sich spiegeln können. In der systemischen Familientherapie, bei Murray Bowen etwa, spielt die Figur des „emotionalen Dreiecks“ die entscheidende Rolle – demnach gleicht der oder die Dritte aus, stabilisiert das System, kann Ängste abfedern und notfalls wird aus dem Familiensystem weiter nach außen hin trianguliert. Denn das ist das Beglückende an dieser Konstellation: Die Last kann verteilt werden oder, um es mathematisch auszudrücken: Der dritte Punkt spannt die Linie zur Fläche auf. Da ist schon viel mehr Raum für alles Mögliche.
Die dritte Person ist Vermittler, das weiß jede Mediatorin, jeder Mediator, die ja genau diese Rolle einnehmen. Zugleich ist das Dritte auch das Spaltelement schlechthin: Wo drei Menschen zusammen sind, schließen sich gern zwei gegen den Dritten zusammen. Das Skatspiel basiert auf dieser Dynamik – einer gegen zwei. In manchen psychotherapeutischen Kontexten wird der Begriff „Triangulierung“ ausschließlich zur Bezeichnung einer krankhaft toxischen Beziehungsstruktur verwendet. Es werde in solchen Beziehungen eine dritte Person oder ein drittes Element verwendet, um den Zweiten zu manipulieren.
Und welche ist denn nun die eigentliche Zahl der Liebesbeziehung? Die Zwei oder die Drei? Oder etwas dazwischen, die 2,5 etwa? Denn oft erscheinen drei als zu viel und zwei als zu wenig. „Die Stellung des Ödipuskomplexes ist eine dreigliedrige“, schreibt Sigmund Freud in Das Ich und das Es, „Das Kind merkt, dass der Vater ihm den Weg zur Mutter verlegt; seine Identifizierung mit dem Vater nimmt durch diese Wahrnehmung eine feindselige Tönung an und wird identisch mit dem Wunsch, den Vater bei der Mutter zu ersetzen.“
Die Dyade Mutter-Kind ist das Urbild aller späteren Bindungen. Der Vater tritt als Drittes hinzu. Als Störenfried macht er die ausschließliche Zweisamkeit kaputt und wird dann auch – nach Freud zumindest – im ödipalen Dreieck vom Sohn mit Todeswünschen bedacht.
Gleichzeitig ist der oder die Dritte – das muss immer wieder betont werden – Rettung aus der alles vereinnahmenden Dyade. Wir alle würden im Schwitzkasten symbiotischer Verschmelzung ersticken, wenn nicht hin und wieder von außen ein fremdes Element hinzuträte. Wenn sich da nicht ein Fenster öffnete. Ein Ich kommt eben nicht über ein Du, sondern nur über ein Du + x wirklich zustande.
Drittens: Die Drei als Utopie
Was ist die Drei? Das Ungerade. Sie ist die Unwucht, die Brechung der Symmetrie, sie ist der erste Schritt ins Unendliche und doch geschlossene Form. Sie ist stabil und bewegt, denn der Zopf hält mit drei Strängen und jonglieren wird mit drei Bällen richtig schön. Welch eine Zahl!
Und doch erscheint sie als zutiefst altmodisch. Jeder Dreikäsehoch kann heute bis drei zählen, aber das reicht nicht aus, um die Komplexität gegenwärtiger Verhältnisse zu fassen. Der klassischen Logik mit ihrer Zweiwertigkeit von wahr und falsch sind längst andere an die Seite getreten, die intuitionistische Logik zum Beispiel, die den Satz vom ausgeschlossenen Dritten aufhebt, oder die Fuzzy-Logik. Das angemessene Bild für Beziehungsverhältnisse ist das Netz. Eine Verbindung von vielen einzelnen Punkten. Wir sprechen von Rhizomen und Myzelen und der „Multitude“, von fluiden Verhältnissen, Diversity und Polyvalenzen. Zu Recht. Denn die Wirklichkeit selbst ist ein Strudel, der kaum mehr in einfachen Oppositionen oder Dreier-Konstellationen konzeptuell zu fassen wäre. Vorbei sind die Zeiten, als der Ausdruck „drittes Geschlecht“ noch radikal klang und etwas erklärte, als der „dritte Weg“ eines Anthony Giddens die Sozialdemokratie modernisieren sollte – heute ist „Der III. Weg“, schlimm genug, nur noch der Name einer deutschen rechtsradikalen Splitterpartei.
Vermutlich wurde die Drei samt ihrer Weisheit einfach verschluckt, aufgehoben oder zersprengt ins All der multilateralen Verknüpfungen. Gleichzeitig, wie eigenartig, erscheinen Gesellschaften derzeit polarisiert wie nie. Politisch und emotional bilden sich Gräben, geht, wie es so schön heißt, „die Schere der Ungleichheit“ immer weiter auseinander, man spricht von zerrissenen Ländern und Brandmauern. Als riefe zu viel Komplexität auf der einen Seite die simpelsten Denkfiguren auf der anderen hervor. Ratlos steht man vor politischen Systemen, die mit hochmodernen Waffen Kriegslogiken aus dem 19 Jahrhundert verfolgen. Vor Autokraten oder autoritativen Parteien, die massiv Social Media einsetzen um nationalistische Ideologien durchzusetzen, die regressiv auf Tradition, Abschottung und Sicherheit setzen. Auf die eine Familie in ihren vier Wänden am vierbeinigen Tisch. Denn der steht fest wie alles Gerade.
Die Drei als Zahl ist definitiv zu klein und zu einfach, um die Welt zu ordnen oder Verhältnisse aufzumischen. Sie wird uns aus den gegenwärtigen Dilemmata nicht retten. Sie ist keine Speziallösung für alle Probleme. Und doch: Etwas am Tertium datur, dem „Spirit der Drei“ ließe sich vielleicht halten und auch produktiv einsetzen.
„All good things come in three“, aller guten Dinge sind drei. Die Redensart stammt aus dem frühmittelalterlichen Rechtswesen. „Thing“ oder „Ding“ war der Name für eine Gerichtsversammlung, die drei Mal im Jahr stattfand. Drei Mal hatte ein Beklagter die Möglichkeit, hier seine Sache zu vertreten. Erschien er nicht, konnte beim dritten Mal in Abwesenheit das Urteil über ihn gesprochen werden.
Die Drei ist also doch ein Bastard: Du musst schon kommen, die Chance ergreifen. Du kannst warten mit der Entscheidung zwischen a und b, entweder/oder – aber ewig Zeit für deine Wünsche hast du nicht. Die Drei ist eben offen, aber doch eine geschlossene Form. Ach ja: Demokratische Gewaltenteilung – Legislative, Exekutive, Judikative – hört auf die Drei. Weil drei sich gegenseitig kontrollieren und in Schach halten, nicht entweder paktieren oder sich spalten wie zwei es so gerne tun.
Wenn wir die Drei nicht nur als Zahl, als bloße Quantität verstehen, sondern als eine Qualität, dann lässt sie sich als eine Denkweise der Offenheit begreifen, die sich gegen erstickende Einheit genauso wendet wie gegen schizoid-paranoide Ausschließlichkeiten.
Das wäre eine Denkweise, aus der eine Haltung folgt, sozusagen eine „Ethik der Drei“. Diese Haltung beinhaltete Ambiguitätstoleranz, ohne sich aber im endlos Beliebigen oder anything goes zu verlieren. Denn die Drei ist agil, aber nicht nomadisch. Sie ist bewegt, aber doch gehalten. Schließlich ist sie eine Beziehungsform: Immer reagiert sie situativ auf die anderen Komponenten im Spiel. Sind zwei zu einig, dann spaltet sie. Sind beide entzweit, dann vermittelt sie. Gibt es keinen Ausweg, dann verlässt sie das Spiel. Mal ist sie der lebendige Kompromiss, dann wieder das Moratorium: Nicht jetzt musst du handeln, aber auch nicht nichts tun. Warte ab. Die Drei ist der lebendige Weg in der Mitte, der ausgehaltene Widerspruch. Sie ist der Raum zwischen der Eins und der Zwei, sie ist Bewegerin, Vermittlerin, Befremderin. Je nach dem. Und manchmal ist sie einfach nur die Tür nach draußen.
Epilog:
Ich frage verschiedene Menschen zur Drei. Der Grafiker findet sie „schwierig“, weil sie nicht symmetrisch zu bauen sei.
Die Informatikerin findet sie „komisch“, weil sie in der Welt der der Bits und Bytes – die immer in geraden Paketen gezählt werden – nicht vorkommt.
Der Architekt kann mit ihr nicht viel anfangen: Ein Dreieck habe als Grundriss zu wenig Fläche und sei im Raum zu dominant.
Der Mathematiker erzählt mir von der nächsten Generation der Quantenrechnung, die nicht mehr mit Qubits, sondern Qutrits arbeiten werde. Wobei Qutrits wesentlich potenter, aber auch instabiler seien als Qubits.
Die Musikerin setzt sich an den Flügel und spielt Triolen und moduliert Dreiklänge und erwähnt Beethoven, dessen Kompositionen klar dialektisch aufgebaut seien. „Die Drei hat immer einen Schwung“, sagt sie. Und dann zeigt sie auf die Saiten des Klaviers. Ab der kleinen Oktave sind jeweils für einen Ton drei Saiten gespannt. Beim Klavierstimmen komme es darauf an, die Saiten nicht exakt gleich zu spannen, sondern mit einer minimalen Varianz. Damit sie ein bisschen chorisch klingen.
Ein Ton, drei Saiten und ein Klang, der sich ausbreiten kann. Welch schönes Bild, das mehr ist als nur eine Metapher.










