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StartseiteEssay und DiskursÜber Minsk20.12.2020

Belarus - Texte und Stimmen (1/7)Über Minsk

Die Medien zeigen die großen Straßen und Prospekte von Minsk seit dem 9. August 2020 als Zentrum von Demonstrationen hunderttausender Menschen gegen Machthaber Lukaschenko und die manipulierte Präsidentschaftswahl. Für Europäer ist Minsk bislang eher eine Durchfahrts-Stadt. Über Minsk führt der Weg von Berlin nach Moskau.

Mit Texten von Artur Klinaŭ und Thomas M.Bohn

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Blick auf die weißrussische Hauptstadt Minsk (dpa / picture alliance / Simon Daval)
Blick auf die belarussische Hauptstadt Minsk (dpa / picture alliance / Simon Daval)
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Artur Klinaŭ beschreibt in seinem Buch "Minsk. Sonnenstadt der Träume" die Architektur, die großen Straßen und Prospekte von Minsk. Ausgehend von seinem Foto-Essay "Sonnenstadt. Visuelles Poem über Minsk" schrieb er 2006 im Auftrag des Suhrkamp Verlags "Minsk. Sonnenstadt der Träume". Der Titel spielt auf "La città del Sole" des italienischen Philosophen und Politikers Tommaso Campanella an. Klinaŭ präsentiert das Zentrum der belarussischen Hauptstadt, deren Straßenbild die Gebäude der dreißiger bis fünfziger Jahre im stalinistischen Stil prägen, wagt aber auch einen Blick in die Hinterhöfe.

Dazu gesellen sich Texte des Osteuropakundlers Thomas M. Bohn, der 2004 über den Wiederaufbau der belarussischen Hauptstadt Minsk nach dem Zweiten Weltkrieg habilitierte. Minsk wurde nach 1945 als sozialistische Musterstadt geplant und aufgebaut. Die Stadtplaner fanden hierzu ideale Voraussetzungen vor: Weißrussland war bis vor dem Zweiten Weltkrieg ein reines Agrarland und zudem hatten die deutschen Besatzer die Stadt komplett zerstört. Am Beispiel von Minsk verdeutlicht Thomas M. Bohn den Wandel des städtebaulichen Leitbildes in der Sowjetunion von den 1930er- bis in die 1950er-Jahre und die damit verbundene Errichtung des "Systems der geschlossenen Städte".

Artur Klinaŭ wurde 1965 in Minsk geboren. Architekturstudium, Bildender Künstler, Fotograf, Schriftsteller. Vorsitzender der Belarus Association of Contemporary Art, seit 2001 Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift über weißrussische Kultur "pARTisan". Seine Romane "Schalom. Ein Schelmenroman" und "Šklatara" (dt. "Altglas"), erschienen 2010 und 2013. Auf der Biennale in Venedig 2012 vertrat Klinaŭ Belarus mit der Arbeit "The Last Supper". Seit 2009 arbeitet Artur Klinaŭ auch als Artdirector und Drehbuchautor für verschiedene belarussische Mystikthriller. Er lebt in Minsk.

Thomas Bohn, geboren 1963 in Hannover, ist Slawist und Historiker, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Bohn ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, in der Südosteuropa-Gesellschaft, Herausgeber der Reihe "Historische Belarus-Studien" und seit 2020 Sprecher der Belarussisch-Deutschen Geschichtskommission. In diesem Zusammenhang tritt er für den Gebrauch der Landesbezeichnung Belarus als Alternative zu Weißrussland ein.

Eine Luftaufnahme zeigt unzählige Demonstranten  am 16. August 2020 in Minsk, Belarus. In der belarussischen Hauptstadt und anderswo im Land gab es täglich Demonstrationen, nachdem Präsident Alexander Lukaschenko den von Kritikern als betrügerisch bezeichneten Wahlsieg vom 9. August verkündet hatte. (Getty Images ) (Getty Images )"Wir haben uns vor diesem Sommer nicht gekannt"
Aus Ohnmacht ist Entschlossenheit geworden, Belarus ist von heute auf morgen aus dem Dornröschenschlaf erwacht. – Wie ist das möglich? Was sind die Ursachen? Wie konnte unbemerkt ein so selbstbewusstes Volk heranwachsen?


Belarus - Texte und Stimmen

Eine Reihe in sieben Teilen

Ergänzend zur aktuellen Berichterstattung zu den politischen Vorgängen in Belarus wollen wir Ihnen in dieser Sendereihe Eindrücke verschaffen über die gesellschaftliche Veränderung, über Protest, weibliche Revolution und die kulturelle Welt des Landes.

Heute können Sie in Essay & Diskurs mehr "Über Minsk" erfahren, die Hauptstadt von Belarus. Für Europäer ist Minsk eher eine Durchfahrtsstation als ein Ort, an dem es zu halten lohnt. Über Minsk führt der Weg von Berlin nach Moskau. Oder der von Kiew nach Vilnius. Zuletzt floh der Wirecard-Manager Jan Marsalek spektakulär klandestin von München über das österreichische Bad Vöslau mit dem Privatflugzeug nach Minsk ins Nirgendwo – ein weiteres Durchfahrtsbild, das in diesem Jahr geprägt wurde.

Die Sonnenstadt Minsk

In seinem Buch "Minsk. Sonnenstadt der Träume" beschreibt der weißrussische Künstler, Fotograf und Architekt Artur Klinaŭ in wunderbaren höchstpersönlichen Annäherungen die Architektur und Geschichte von Minsk, seiner Heimatstadt, in der er 1965 geboren wurde:

"Wenn Sie mit dem Zug aus Europa nach Minsk reisen, empfängt Sie die Sonnenstadt mit ihrem prächtigen Torplatz. Zuvor fährt Ihr Zug zwanzig Minuten durch die Industrievororte. Sie werden kaum Fabriken sehen, weil diese dem Betrachter nur ihre langen, korridorartigen Mauern, Lagerhallen und alle möglichen sonderbaren Bauwerke zukehren. Am Torplatz liegt der Hauptbahnhof der Stadt. Einst gab es zwei Bahnhöfe. Dann erlosch die Nord-Süd-Strecke. Dafür schwoll der Verkehr auf der West-Ost-Strecke so stark an, daß der Torplatz mit seinem Bahnhof zu einem Tag und Nacht belebten Treffpunkt der Sonnenstadt wurde. Hier fahren ständig Züge von Westen nach Osten vorbei, aus Berlin, Paris, Brüssel oder Prag, unterwegs in die Hauptstadt des ehemaligen Imperiums, nach Moskau. Früher stand hier ein anderes Bahnhofsgebäude, aus den fünfziger Jahren. Als es den neuen Ansprüchen nicht mehr genügte, wurde es abgerissen und an seiner Stelle ein neuer, an eine gigantische Krake erinnernder Bau errichtet, auf dessen zahlreichen Ebenen Dutzende von rund um die Uhr geöffneten Geschäften, Cafés, Wartesälen und Restaurants untergebracht waren."

Artur Klinaǔs Buch entstand als "Reiseführer durch die Sonnenstadt", nachdem 2006 die symbolische Zeltstadt der studentischen Widerstandsbewegung gegen das Lukaschenko-Regime auf dem Minsker Oktober-Platz nach wieder einmal problematischen Präsidentschaftswahlen brutal geräumt wurde.

Klinaǔs Fotoband mit begleitendem Essay zeigt Minsk als belarussische Konstruktion einer Machtzentrale. Und es zeigt die Absurditäten auf, die das diktatorische Regime in der weißrussischen Gesellschaft hervorruft.

Später mehr davon.

Zentrum in Minsk, Belarus (dpa/picture alliance/Henadz Zhinkov/Xinhua)Zentrum in Minsk, Belarus (dpa/picture alliance/Henadz Zhinkov/Xinhua)

Als sozialistische Musterstadt geplant

Dazu gesellt sich heute ein Text des Osteuropakundlers Thomas M. Bohn, der 2004 über den Wiederaufbau von Minsk nach dem Zweiten Weltkrieg habilitierte und dafür ausführlich in den Archiven und Bibliotheken der Stadt recherchierte.

Minsk wurde nach 1945 als sozialistische Musterstadt geplant und gebaut. Die Stadtplaner fanden hierzu ideale Voraussetzungen vor: Weißrussland war bis vor dem Zweiten Weltkrieg ein reines Agrarland und zudem hatten die deutschen Besatzer die Stadt komplett zerstört. Am Beispiel von Minsk untersuchte Thomas M. Bohn den Wandel des städtebaulichen Leitbildes in der Sowjetunion von den 1930er- bis in die 1950er-Jahre und die damit verbundene Errichtung des sogenannten "Systems der geschlossenen Städte". Bohn lehrt heute Osteuropäische Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist Herausgeber der Reihe "Historische Belarus-Studien". Seit 2020 ist er auch Sprecher der Belarussisch‑Deutschen Geschichtskommission und tritt für den Gebrauch der Landesbezeichnung Belarus als Alternative zu Weißrussland ein.

Apropos: Wir machen in der heute beginnenden siebenteiligen Sendereihe zu Belarus keine eigenen sprachlichen Experimente, sondern folgen den Autorinnen und Autoren und ihren Übersetzer*innen, die in der Mehrzahl auf Russisch schreiben oder geschrieben haben.

Hören Sie Auszüge aus dem 2008 veröffentlichten Buch "Minsk – Musterstadt des Sozialismus: Stadtplanung und Urbanisierung in der Sowjetunion nach 1945":

"In der Sowjetunion erschien 1967 zum 50. Jahrestag der 'Großen Sozialistischen Oktoberrevolution'" ein Bildband über die weißrussische Hauptstadt Minsk, der mit einem ungewöhnlichen Foto aufwartete. Es zeigt eine Familie in einem überdachten Pferdewagen, der die sozialistische Magistrale entlangfährt. Im Hintergrund zeugen Busse und PKW von einem regen Straßenverkehr. Links und rechts sind am Bildrand schemenhaft die Fassaden stalinistischer Wohn- und Geschäftshäuser zu erkennen. Die Bildunterschrift suggeriert, dass es sich bei der Szene um eine Kuriosität handele:

'Ausländische Gäste kommen zu jeder Jahreszeit nach Minsk. Und wenn sie der Stadt wieder den Rücken kehren, lassen sie ein wenig Herzblut zurück. In Flugzeugen und Zügen, im Auto und … sogar zu Pferde streben Leute aus allen Enden der Welt nach Minsk.'

Mit diesen Worten wird unterstellt, die aus dem 'Großen Vaterländischen Krieg' hervorgegangene Retortenstadt sei zu internationalem Ansehen gelangt."

Von dem lokalen Kolorit, das aus der Verbindung zwischen Tradition und Moderne resultiert, ist hingegen nicht die Rede. Siedelt eine Bauernfamilie mit ihrem Hab und Gut vom Land in die Stadt über oder bedient sie lediglich den Kolchosmarkt mit den Ernteerträgen ihres privaten Hoflandes? Findet sich eine Gruppe Schaulustiger zusammen oder wollen Fußgänger lediglich die Straße überqueren? Bilden Kutschen in der Innenstadt die Ausnahme oder gehören sie zur Tagesordnung? Sind die Passanten in der Stadt geboren oder stammen sie aus dem Dorf?

Jedenfalls lässt sich das Phänomen der Verländlichung und Verdörflichung in Bezug auf Minsk für die Boomphase der sechziger Jahre anhand der Migrationszahlen und der Bauernhaus-Areale darstellen.

Mangelwirtschaft und Wohnungsnot 

Hingegen soll der Bildband, in den das Foto mit dem Pferdewagen 1967 geraten ist, nicht nur die Überwindung des Kapitalismus, sondern auch den Sieg über den Faschismus dokumentieren. Er präsentiert daher neoklassizistische Wohnpaläste und monumentale Denkmäler, ignoriert aber den dörflichen Charakter und die infrastrukturellen Defizite weiter Teile des Stadtgebiets. Weil das Konzept der 'sozialistischen Stadt' angesichts der Mangelwirtschaft und der Wohnungsnot realiter an Überzeugungskraft einbüßte, wurde daraufhin der Mythos der 'Heldenstadt' kreiert. Ob der Rückgriff auf die Partisanen die ideologisch angestrebte Symbiose von Arbeitern und Bauern zu festigen vermochte, bleibt indes zu bezweifeln. In puncto sozialistische Moderne sollte mit Blick auf das produzierende Gewerbe oder das bedeutendste Industriewerk in der weißrussischen Hauptstadt auf der symbolischen Ebene zumindest eines festgehalten werden: Das sowjetische Minsk war keine Stadt der Pferdegespanne, sondern eine Stadt der Traktoren.

Dreißig Jahre nach dem Erscheinen des angesprochenen Reiseführers begannen meine Bemühungen, das 'Minsker Phänomen' zu ergründen. An einem schönen Septembertag des Jahres 1997 traf ich mit zwölfstündiger Verspätung in einer Belavia-Maschine in der weißrussischen Hauptstadt ein. Während der Autofahrt über den spätabendlichen Prospekt fühlte ich mich in ein Freiluftmuseum des Sozialistischen Realismus versetzt. Am nächsten Vormittag wurde ich bei der Registrierung in den Archiven von der Aufgeschlossenheit gegenüber einem ausländischen Besucher überrascht. Damit hatte ich mein Forschungsthema gefunden: die 'sozialistische Stadt', ein Problem, das seit dem Untergang der Sowjetunion der Historisierung unterworfen ist.

Alles in allem habe ich, immer wieder durch den Semesterbetrieb unterbrochen, zwölf Monate in einer Stadt verbracht, die sich einst als Sonnenstadt des Sozialismus gerierte und nach Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit der Republik Belarus’ zur Kommandozentrale eines autoritären Regimes pervertierte.

"'Minsk ist eine der langweiligsten Städte der Welt.' Bertolt Brechts 'Die befreite Stadt' lebt sofort wieder auf", schrieb der russische Schriftsteller Vladimir Karpov.

Schenkt man den Worten des ostdeutschen Schriftstellers Stefan Heym Glauben, dann formulierte kein geringerer als Bertolt Brecht einen Aphorismus, welcher der weißrussischen Hauptstadt Minsk (auf weißrussisch auch Mensk) nicht gerade zur Ehre gereicht. Demzufolge habe Brecht im Jahre 1955 bezüglich der stalinistischen Kulturpolitik die Auffassung vertreten, von einer Sowjetliteratur könne erst dann wieder gesprochen werden, wenn ein Roman erscheine, der mit dem folgenden Satz beginnt: 'Minsk ist eine der langweiligsten Städte der Welt.'

Stadt mit revolutionärer Tradition

Aus dem Munde eines berufenen Sozialisten mutet diese Aussage sonderbar an. In marxistisch-leninistischer Lesart konnte die weißrussische Hauptstadt immerhin auf eine revolutionäre Tradition und auf eine Feuertaufe im Zweiten Weltkrieg zurückblicken. Minsk wurde in der Sowjetunion als die Stadt des I. Parteitages der russischen Sozialdemokratie gefeiert und durfte sich darüber hinaus seit 1974 mit dem Titel 'gorod geroj – Heldenstadt' zieren. Auch wenn es Brecht letzten Endes nur auf die Fixierung eines der Fantasie entsprungenen Bildes angekommen sein soll, entspricht die von Stefan Heym kolportierte Geringschätzung der sowjetischen Provinz doch einem negativen Stereotyp. Demnach hat Weißrussland außer Sümpfen nichts zu bieten und ist, historisch gesehen, nur als Durchgangszone für ausländische Armeen von Interesse. Minsk wird in dieser verkürzten Sicht zu einem imaginären Ort, der im Dreieck der Metropolen Warschau, Leningrad (resp.) St. Petersburg und Moskau verschwindet.

Einer Ironie der Geschichte gleich begann in dem Jahr, auf das Brechts Diktum datiert wird, die Zeitschrift Belarus’ mit der Veröffentlichung eines Romans, der dem Wiederaufbau der Stadt Minsk nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet war. Es handelte sich um 'Za hodam hod – Jahr für Jahr' von Vladimir Karpov. Und dieser Roman versprach indes alles andere als Langeweile.

'Vyzvaleny horad ažyvae adrazu – Die befreite Stadt lebt sofort wieder auf.'

…lautet der signifikante erste Satz. Diese Aussage erzeugt Spannung und weckt Erwartungen. Karpov personifiziert die Stadt und haucht ihr Leben ein. Er beschreibt einen Organismus, ohne sich über seine Spezies auszulassen. Indem er die Partisanenideologie und den Mythos der Roten Armee aktiviert, schleudert er jeglichen Untergangsszenarien, die mit der deutschen Besetzung verbunden waren, die Behauptung entgegen, Minsk habe sich wie ein Phönix aus der Asche erhoben. Vergegenwärtigt man sich das Ausmaß der Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg, so gibt es gegen die Reverenz vor der 'Stunde Null' im Grunde genommen nur etwas einzuwenden, wenn man die Planungsgeschichte der weißrussischen Hauptstadt bis in die Mitte der dreißiger Jahre zurückführt. Weit bedenklicher hingegen ist die der Aussage des Schriftstellers zugrunde liegende Interpretation der Stadt als ein autonomes Subjekt.

Ein Ort des Mangels und der Widersprüche

Die Metapher, die Karpov verwendet, ist die einer 'Wiedergeburt'. Wenn man diesem Bild folgt, hat man die Renovierung der Bausubstanz und die Konsolidierung der Gesellschaft vor Augen. Von beidem konnte im stalinistischen Minsk aber nicht die Rede sein. Vielmehr erfolgten nach dem Abzug der deutschen Besatzer ein regelrechter Bevölkerungsaustausch und ein einschneidender Stadtumbau. Vom 'alten' Minsk, von der zarischen Gouvernementshauptstadt, von der Stadt der jüdischen Händler und der russischen Beamten blieb nichts mehr erhalten. Stattdessen entstand das, was bereits in der Zwischenkriegszeit anvisiert worden war, nämlich ein 'neues' Minsk, die Hauptstadt einer Sowjetrepublik, realiter eine Stadt der proletarisierten weißrussischen Bauern.

Allen Verklärungen der Propaganda zuwider bestach Minsk im ersten Nachkriegsjahrzehnt nicht durch ein städtebauliches Gesamtensemble, sondern durch monumentale architektonische Einzelprojekte. Es gab außerhalb der Parteiöffentlichkeit keine urbane Gesellschaft, sondern allenfalls eine Mixtur von unterschiedlichen sozialen Milieus und Subkulturen. Minsk glich nicht zuletzt aufgrund seiner zahlreichen Holzhausviertel einem überdimensionalen Dorf. Es war keine Musterstadt für den 'neuen Menschen', sondern ein Ort des Mangels und der Widersprüche. Angesichts des Bevölkerungsdrucks vom Land und der Enge der Behausungen versagte die Kontrolle über die Bewohner. Einerseits blieb der Aggregatzustand der Masse amorph, weil unter den Bedingungen des Stalinismus jeglicher Dichte zum Trotz keinerlei Bindungen zwischen den Elementen der atomisierten Gesellschaft eingegangen werden konnten. Andererseits schlug die Abschottung gegen Einwanderer fehl, weil die Schließmechanismen durch Sondergenehmigungen und Fahrlässigkeit außer Kraft gesetzt wurden. Wir haben es mit einer Sphinx zu tun, die als socialističeskij gorod, als 'stalinistische' oder 'sozialistische Stadt' zu bezeichnen ist. Angesichts der Tatsache, dass die Klassiker des Marxismus-Leninismus keine Stadtutopie entwickelt hatten, handelte es sich bei der 'sozialistischen Stadt' bisher eher um ein Schlagwort als um einen Fachterminus.

Alle Zeichen waren auf die Unterordnung des Individuums unter die von der Führung vorgegebenen Verheißungen ausgerichtet. Am Ende kam die eigenartige Kreatur der 'sowjetischen' oder 'kommunistischen Stadt' zur Welt. Ein neuer Funktionalismus diktierte Bewegung und Rhythmus. Technischer Fortschritt diente als Wechsel für eine glückliche Zukunft. Egalisierung und Homogenisierung der Gesellschaft wurden vorgegaukelt. […]

Letztendlich krankte die historische Russland- und Sowjetunionforschung daran, dass zentrale Analysekategorien der westlichen Stadtgeschichte, wie Bürgertum und Öffentlichkeit, für das Zarenreich in Bezug auf die erste urbane Transformation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nur bedingt greifen und auf die Industrialisierung und Verstädterung unter Stalin und seinen Nachfolgern überhaupt nicht anwendbar sind.

Das Zentrum von Minsk (dpa/picture alliance/Global Look Press)Das Zentrum von Minsk (dpa/picture alliance/Global Look Press)

Perestroika sorgt für Wiederbelebung

Erst das Wiederaufleben der Zivilgesellschaft während der Perestroika und die Öffnung der Grenzen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sorgten des Osteuropa‑Historikers Karl Schlögel zufolge für eine 'Rückkehr der Städte' im östlichen Europa."

"Über Minsk" – heute als Auftakt der Reihe Belarus –Texte und Stimmen. Soweit der Osteuropakundler Thomas M. Bohn, der 2008 seine Habilitationsschrift über den Wiederaufbau der weißrussischen Hauptstadt Minsk nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht hat. In seinen Studien bestätigte sich Bohns Eindruck, dass die Nachkriegszeit in der postsowjetischen Historiographie keine Rolle spielt. Weißrussische Historiker blicken noch nicht über die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinaus. Als innovativ bezeichnet Thomas M. Bohn lediglich den Ansatz des Fotografen und Architekten Artur Klinaŭ.

Ausgehend von dessen Foto-Essay "Sonnenstadt. Visuelles Poem über Minsk" präsentiert Klinaŭ das Zentrum, Straßenbild, die Gebäude der dreißiger bis fünfziger Jahre im stalinistischen Stil und das Minsker Eigenleben in den Hinterhöfen. Daneben setzt er die Erzählung weißrussischer Geschichte vom Großfürstentum Litauen über die Sowjetzeit bis zur Gegenwart.

Der Titel spielt auf das Werk "La città del Sole" des italienischen Philosophen Tommaso Campanella aus dem Jahr 1602 an, das den wirtschaftlichen und politischen Aufbau eines idealen Staates darstellt – eine bis heute viel zitierte politische Utopie. "Minsk. Sonnenstadt der Träume":

"Als Kind erschreckten mich die riesigen freien Flächen der Sonnenstadt. Nicht, daß ich Angst vor Ihnen gehabt hätte, aber sie waren von allen Seiten von einem für mich unverständlichen Gefühl der Gefahr durchweht. Vielleicht lag es an der besonderen Perspektive eines kleinen Menschen. Wenn dein Horizont nicht auf einem Meter siebzig, sondern auf siebzig Zentimetern liegt, kann ein Gegenstand, der Erwachsenen normal erscheint, dir bedrohlich vorkommen. Wenn man erst sechs Jahre alt ist und inmitten dieser riesigen freien Flächen unter der brennenden Sonne steht – und in dieser Stadt brennt die Sonne immer sengend, schließlich sind es bis zum nächsten Schatten, in den man sich flüchten kann, nicht zehn Schritte, sondern viel, viel mehr – erfaßt einen ein Gefühl der Unruhe. Du spürst, daß dein Körper eine vernachlässigbare Größe auf dieser riesigen Fläche ist, unter dem durchdringend blauen Himmel, an dem langsam und erhaben seltsam deformierte Göttergestalten wie Apoll, Venus und Amor, gigantische Pferdeköpfe, Kaneluren und antike Vasen dahinziehen. Ab und zu, wenn die Wolke und die Fläche, auf der du stehst, in eine Linie geraten, gleitet ein riesiger Schatten über den Platz. Du siehst, wie er zuerst an den Wänden der Gebäude weit hinten, am anderen Ende des Platzes erscheint, wie er dann herunterkriecht und sich langsam auf dich zu bewegt und dabei das ausgeblichene Ocker des Asphalts grau färbt. Einen Augenblick später hat er dich erreicht, für eine Weile schwindet die Hitze, das Atmen fällt leichter, aber einen Augenblick später kehrt die Sonne in der Reihenfolge zurück, in der der Schatten erschienen ist, und du stehst erneut in der sengenden Sonne unter dem abgrundtiefen blauen Himmel. […]

Als Kind mochte ich die Sonnenstadt nicht. Zwar wohnten wir in der Lomonossow‑Straße und damit auf ihrem Territorium, aber unser Haus lag bereits in den sentimentalen Randgebieten der Stadt, hinter denen ein ganz anderes Minsk begann. Einige hundert Meter entfernt erstreckte sich ein Viertel, das Selchosposelok hieß – LPG-Siedlung. Es hatte wirklich etwas Bäuerliches. Kleine Holz- und Ziegelhäuser mit Gärtchen und Ackergrundstücken, Labyrinthe kleiner Straßen. Es hieß, dort lebten Zigeuner, und überhaupt sei es gefährlich hinzugehen, denn außer den Zigeunern gebe es dort noch alles mögliche andere kriminelle Gesocks. Mir scheint, das waren bloß Gerüchte, auf jeden Fall fühlten wir uns von dieser Nachbarschaft nicht bedroht und gingen im Winter gern zum Schlittenfahren auf den riesigen Hügel, der sich unmittelbar neben der LPG-Siedlung erhob. Wobei es gut sein kann, daß dort wirklich Zigeuner lebten. Von Zeit zu Zeit fuhren aus den engen Sträßchen der Siedlung schwarzbrauige Männer auf Pferdefuhrwerken geschäftig in Richtung Stadtrand.

Unser Haus war kein Palast, sondern ein gewöhnlicher Wohnblock, wie es sie in dieser Stadt zu Tausenden gibt. In unserem Viertel standen zwar noch Volkspaläste, aber es waren nur wenige. Die Sonnenstadt hörte hier bereits auf, weshalb die Paläste, die sich hierher verirrt hatten, nicht so pompös waren wie jene auf dem Prospekt. Dafür befand sich nicht weit von meinem Haus eine prächtige Stuckmauer. Sie gehörte zu einem riesigen Militärgelände, an dem unsere Straße abrupt endete. Als Kind kam mir die Mauer sehr lang und sehr hoch vor, sie zog sich über einen halben Kilometer an der Straße entlang. Alle zwanzig Kinderschritte wurde sie von einer Figur auf einem Sockel unterbrochen, den eine unregelmäßige Reliefkugel zierte. Ich wußte nicht, wie dieses Element heißt, aber es sah aus wie ein Kohlkopf aus Gips. Hinter der Mauer ragten die Spitzdächer länglicher, gelber Kasernen empor. Von dort schallten immerzu Soldatenlieder herüber. Als kleine Buben rannten wir zu der Mauer, um die Lieder zu hören. Natürlich wollten wir sehen, was dort passierte, aber die Sockel mit den Kohlköpfen waren so hoch, daß wir nur lauschen konnten, wie sich Hunderte Füße auf der anderen Seite an ihnen vorbei bewegten und dabei einen regelmäßigen Rhythmus stampften Manchmal trampelten die Füße parallel zu der Mauer, manchmal entfernten sie sich, manchmal näherten sie sich. Von Zeit zu Zeit wurde das freundliche Trampeln von einem gellenden Schrei unterbrochen: 'Kom-pa-nie – singen!' Dann erscholl es hinter der Mauer mit Hunderten Stimmen: 'Es geht ein Soldat durch die Sta-aa-aadt, er kennt nicht die Stra-aaaße, vom Lächeln der Mä-ää-äädchen, ist die Stra-aaa-ße ganz hell!...'

Gleich hinter der Mauer begann die Straße, die zum Prospekt führte und durch die wir in das 'Gastronom' gingen. In unserer Stadt hießen aus irgendeinem Grund alle Lebensmittelgeschäfte Gastronom, obwohl die Auswahl in keiner Weise diesem erhabenen Namen entsprach. Zwar wurde die Sonnenstadt unvergleichlich besser mit Proviant versorgt als andere Städte im Land des Glücks. Bei uns gab es fünf, sechs Wurstsorten im Regal. Vielleicht nannten sich die Geschäfte deswegen so stolz Gastronom. Schließlich gab es Städte, in denen man überhaupt keine Wurst kaufen konnte, deshalb hießen die Geschäfte dort einfach 'Produkty' – 'Lebensmittel'. […]

Neben den Gastronom-Geschäften stand meist ein weiteres Objekt, das uns magisch anzog – ein Mineralwasserautomat. Wir rannten dorthin, um für drei Kopeken Wasser mit Sirup zu trinken. Die Automaten sahen aus wie die Mojdadyre aus den Kinderbüchern. Mit erhobenen rechteckigen Köpfen standen sie zu zweit oder in Dreier- oder Vierergruppen auf der Straße. Ihre erstaunt geöffneten Mäuler starrten mich immer tumb an, wenn ich auf sie zuging, meine Hand in den trapezförmigen Schlund steckte und drei Kopeken in den Rachen warf. Der Kopf überlegte einige Augenblicke, dann füllte er mit einem leichten Brausen wie von Flugzeugturbinen das Glas mit Mineralwasser. Manchmal überlegte der Kopf lange und blickte drein, als verstünde er nicht, was man von ihm wollte. Dann mußte man die Finger zur Faust ballen und ihm mit aller Kraft eins in die erstaunte Fresse knallen. Meistens half das, und in das Glas schäumte das kalte Wasser mit den kitzelnden Bläschen, das besser schmeckte als alles andere auf der Welt. […]

Einst war die Sonnenstadt voller Skulpturen und Darstellungen der Götter im Land des Glücks. Man konnte sie überall treffen – an den Fassaden und den Interieurs der Paläste, auf den Plätzen, in den Parks und den Grünanlagen. Die große Utopie schuf einen Olymp mit zwei Kammern, eine für die Demiurgen und eine für die heldenhaften Menschen-Götter. Den Platz von Zeus und Apoll nahmen in der ersten Kammer ein: der Große Kommunist, der Große Arbeiter, der Große Soldat, der Große Wissenschaftler, der Große Astronaut, der Große Stahlgießer, der Große Grubenarbeiter, der Große Eisenbahner, der Große Baumwollzüchter, der Große Traktorist, der Große Komsomolze, der Große Bauarbeiter, die Große Weberin, die Große Kolchosarbeiterin und so weiter und so weiter. Dies waren die Demiurgen, die das Land des Glücks geschaffen hatten. In der Sonnenstadt gab es noch einen Lokalkult um den Großen Partisanen, den Helden, der mit den Giganten des Dritten Reichs kämpfte und dessen Abbild besonders häufig in den fernen Vororten der Stadt anzutreffen war. Die Skulpturen der Demiurgen wurden meist auf den Fassaden der Paläste plaziert, und ihre Darstellungen fanden sich in Mosaiken, als Graffito, als Wandmalerei und als Meißelarbeit an den gut sichtbaren Wänden der Gebäude.

Zwei deutsche "Menschen-Götter"

Menschen-Götter im Land des Glücks waren der Große Lenin und der Große Stalin. Zwar war der Große Stalin in meiner Kindheit schon gestürzt, doch es gab im Land noch immer Menschen, die seinem Kult huldigten. Die Skulpturen des Großen Lenin wurden gewöhnlich auf Plätzen aufgestellt. In den Interieurs der Paläste wurden Büsten und kleinere Skulpturen angebracht. In den Apparaten von Metaphysikus, Macht, Weisheit und Liebe hing in den Arbeitszimmern aller Dienstränge eine unendliche Menge von Leninporträts. In den Arbeitszimmern der Staatssicherheit hängten sie lieber das Porträt von Felix Dserschinski auf, ein schmächtiger Onkel von intelligentem Äußeren mit einem Spitzbart und etwas spitzen Ohren.

In der Kammer der Menschen-Götter gab es zwei Deutsche – Karl Marx und Friedrich Engels, deren Skulpturen ebenfalls auf Plätzen aufgestellt wurden, wenn auch zugegebenermaßen nicht so zahlreich wie die Lenins. Auf dem Olymp gab es noch eine Reihe weiterer Deutscher: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, aber von ihnen wurden keine Denkmäler aufgestellt, sondern nur Straßen nach ihnen benannt. Die Straßen wurden nach allen Göttern benannt – nach den Demiurgen und den Götter-Helden. Besonders viele Orte in der Stadt wurden nach Lenin benannt. Als es keine Straße, keinen Prospekt und keinen Platz mehr gab, der nicht bereits nach ihm benannt war, begann man sich seiner anderen Pseudonyme und seiner Mädchennamen zu entsinnen und die Straßen nach diesen zu benennen. Als auch sie ausgingen, wurde sein Name Palästen, Fabriken, Bibliotheken und Universitäten verliehen.

Es gab auch kleine Demiurgen im Land des Glücks – die Großen Pioniere und die Großen Oktoberkinder, deren Skulpturen in Grünanlagen und in den Hofparks standen. Aber sie hatten ebensowenig Glück wie die Venusfiguren mit dem Ruder. Sie standen den Menschen zu nahe, deswegen wurden ihnen zuerst die Nasen abgeschlagen, dann die Ohren und die Arme abgebrochen. Jeder Barbar genießt es, einem Gott ein Ohr abzureißen, wenn er weiß, daß er dafür nicht bestraft wird."

Belarus – Texte und Stimmen: Das waren Auszüge aus Artur Klinaǔs "Minsk. Sonnenstadt der Träume", auf Deutsch erschienen im Suhrkamp Verlag 2006 in der Übersetzung von Volker Weichsel.

(Teil 2 am 25.12.2020)

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