Mittwoch, 25. Mai 2022

Olympia in Diktaturen
Was Berlin 1936 und Peking 2022 gemeinsam haben

Menschenrechtsverletzungen, Sportlerinnen als Feigenblatt und Boykott-Bewegungen: Die Ähnlichkeiten zwischen den Spielen von 2022 in Peking mit den Nazi-Spielen von 1936 in Berlin sind frappierend. Beim Sportgespräch ist sich die Runde einig: Zwei aufstrebende Mächte nutzten die Spiele für ihre Instrumentalisierung.

Maximilian Rieger im Gespräch mit Jutta Braun, Andrei Markovits und Steffen Wurzel | 19.02.2022

Adolf Hitler bei den Olympischen Sommerspielen von Berlin 1936
Dr. Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Hans von Tschammer und Osten, von Blomberg als Zuschauer bei den Olympischen Spielen in Berlin, August 1936. (picture alliance / Keystone / STF )
Sportlich verliefen die Olympischen Spiele für Nils van der Poel erfolgreich: Der schwedische Eisschnellläufer holte zwei Goldmedaillen über 5.000 und 10.000 Meter. Dass die Spiele in China ausgetragen wurden, kritisierte van der Poel nach seiner Rückkehr nach Schweden gegenüber der Zeitung Sportbladet aber deutlich.

Die Olympischen Spiele sind ein fantastisches Sportereignis, wo man die Welt vereinen kann und sich Nationen treffen. Aber das tat auch Hitler, bevor er Polen überfiel, und auch Russland, bevor es in die Ukraine einmarschierte.

Der schwedische Eisschnellläufer ist nicht der einzige, der in den vergangenen Wochen und Monaten einen Vergleich zwischen den Winterspielen 2022 und den Spielen in Nazi-Deutschland 1936 angestellt hat. Und es gibt in der Tat einige Gemeinsamkeiten.
Was die Winterspiele in China und die Nazi-Spiele 1936 gemeinsam haben

Gastgeberländer mit Lagersystemen

Sowohl 1936 als auch 2022 finden die Spiele in einem Land statt, in denen Minderheiten verfolgt werden – in Deutschland zum Beispiel Jüdinnen und Juden, in China Uigurinnen und Uiguren.
Und sowohl in Deutschland 1936 als auch in China 2022 gibt es Internierungslager. In Deutschland werden schon seit 1933 vor allem Oppositionelle in KZs inhaftiert, auch die Lager in der chinesischen Provinz Xinjiang sind inzwischen gut belegt.
Im Unterschied zu den Spielen 1936 wusste das IOC aber schon bei der Vergabe der Spiele nach China, dass es die Spiele in eine Diktatur vergibt. Als die Spiele von Berlin vom IOC vergeben werden, regiert hingegen noch die Weimarer Republik - eine Demokratie.

"Das sind schon vertraute Muster"

Die Menschenrechtslage in Deutschland verschlechtert sich nach der Machtergreifung Hitlers und spitzt sich vor Olympia zu. "1936 waren ja bereits die Nürnberger Gesetze in Kraft, das Reichsbürgergesetz, das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, sagt die Sporthistorikerin Jutta Braun im Dlf.
„Also all diese Gesetze, die jüdischen Mitbürgern schwere Einschränkungen auferlegten hinsichtlich ihrer privaten und politischen Rechte. Das war ja alles bekannt.“
Helene Mayer zeigt einen Ausfall in Richtung Kamera.
Die halbjüdische Fechterin Helene Mayer nahm als einzige jüdische Sportlerin im deutschen Team an Olympia 1936 teil. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | AP / pichture-alliance)
Um die ausländischen Gäste nicht zu sehr zu verschrecken, werden zwar während der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen judenfeindliche Plakate abgehangen. Die Verfolgung von Minderheiten geht aber trotzdem weiter, so Braun.

Während der Spiele ist im Norden Berlin ein KZ errichtet worden, das hat auch niemanden interessiert. Die Straßen sind gesäubert worden von sogenannten 'asozialen Elementen', das sind ja auch Muster, die wir aus China kennen. Dass Leute, die man für politisch unsicher hält, für eine Zeit in Gewahrsam genommen werden. Das sind schon sehr vertraute Muster.

Bruch von Völkerrecht kurz vor den Spielen

Zudem marschiert Deutschland 1936 kurz vor den Spielen ins entmilitarisierte Rheinland ein. Mit der Besetzung der 50 Kilometer breiten Zone bricht das Deutsche Reich sowohl den Versailler Vertrag von 1919 als auch den Locarno-Pakt aus dem Jahr 1925. Doch die Aktion bleibt ohne Folgen.
Eine Parallele zum Verhalten Chinas in Hongkong, wo trotz internationaler Abkommen die Demokratiebewegung unterdrückt wird? „China hat in Bezug auf Hongkong massiv internationales Recht gebrochen“, sagt ARD-China-Korrespondet Steffen Wurzel. „Das ist nicht gleichsetzbar, aber vergleichbar, natürlich.“
Kundgebung zum 2. Jahrestag des Beginns der Honkong-Proteste in London im Juni 2021
Kundgebung zum 2. Jahrestag des Beginns der Honkong-Proteste in London im Juni 2021
Vor den Olympischen Spielen - Hongkongs Sportszene unter Druck
Hongkong im Süden des chinesischen Festlandes gehört offiziell zu China, soll aber autonom sein. Seit einem verabschiedeten Sicherheitsgesetz von 2020 wird Kritik am Pekinger Ein-Parteiensystem auch in Hongkong bestraft. Das spürt man nun sogar in der Sportszene der Halbinsel.
Und auch die Motivlage, mit der beide Staaten die Olympischen Spiele für ihre Rolle in der Welt benutzen wollen, sei ähnlich, meint Andrei Markovits, Politikwissenschaftler an der University of Michigan.

Beiden ist es sehr, sehr wichtig, die Olympischen Spiele für ihr Aufstreben zu instrumentalisieren. Und ich würde sogar weitergehen: zu instrumentalisieren gegenüber den liberalen Demokratien des angloamerikanischen Westens.

Ein Unterschied zwischen den Spielen sei aber, dass 1936 die Repräsentation von staatlicher Stärke im Vordergrund gestanden habe, so Jutta Braun. „Olympia ist ja immer eine Arena gewesen, wo sich nicht nur Demokratien, sondern auch autoritäre Regime präsentieren konnten. Aber das Stand eben 1936 im Vordergrund.“ Inzwischen spiele der ökonomische Aspekt eine deutlich größere Rolle, der die nationale Selbstdarstellung fast überstrahle.

Das IOC hilft mit

Sowohl 1936 als auch 2022 sind die Menschenrechtsverletzungen in den Gastgeberländern bekannt. Daher gibt es im Vorfeld der Spiele auch Boykott-Bewegungen. 1936 steht sogar ein kompletter Boykott im Raum, während es 2022 vor allem um einen diplomatischen Boykott geht.
Vor den Spielen 1936 spielen gerade die USA lange mit dem Gedanken, keine Sportlerinnen und Sportler zu den Spielen zu schicken. Bei den deutschen Olympia-Organisatoren herrscht daher große Sorge vor einem Boykott. Aber das IOC hilft mit, die Stimmung in den USA zu drehen.
"Man darf nicht vergessen, und das finde ich sehr, sehr wichtig daran zu erinnern, dass das IOC damals gemeinsam mit der NS-Sportführung diese Idee der sogenannten Alibi-Juden entwickelt hat. Zwei Frauen damals, Helene Mayer und Gretel Bergmann, eine Fechterin, eine Hochspringerin. Die sind eigens für diese Spiele nominiert worden, um das Ausland zu beschwichtigen", sagt Sporthistorikerin Braun.
Zwei Frauen betrachten die Skulptur der Leichtathletin Gretel Bergmann.
Gretel Bergmann gehörte in den 1930er Jahren zu den erfolgreichsten Hochspringerinnen der Welt und wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft 1936 aus dem deutschen Olympiateam geworfen. (Picture Alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Eine Sportlerin als Feigenblatt

Die Abstimmung im zuständigen amerikanischen Sportverband geht dann mit 58 zu 56 gegen einen Boykott aus. Doch kaum sind die Amerikaner auf dem Schiff gen Europa, wurde Gretel Bergmann von den Nazis wieder aussortiert. Sie hatte ihren Zweck erfüllt.
Eine Sportlerin als Feigenblatt – auch das hat sich bei Olympia in China abgespielt. Die uigurische Skilangläuferin Dinigeer Yilamujiang hatte bei der Eröffnungsfeier in Peking den Fackellauf abgeschlossen und das Olympische Feuer entzündet. Der Aufschrei auf der Weltbühne war groß.
Die beiden Fackelläufer, die uigurische Langläuferin im chinesischen Team, Dinigeer Yilamujiang (l), und der Nordische Kombinierer Zhao Jiawen, stehen mit der Olympischen Fackel bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele.
Die beiden letzten Fackelläufer: die uigurische Langläuferin Dinigeer Yilamujiang (l) und der Nordische Kombinierer Zhao Jiawen. (dpa/Cao Can)
"Das wurde natürlich aus genau denselben Gründen – Stichwort: Charade, Camouflage – gemacht, um eben der Welt vorzugaukeln: Schaut her, hier darf sogar eine uigurische Wintersportlerin diese Olympische Flamme anzünden. Man kann das im Grunde wirklich schablonenartig übereinanderlegen“, sagt ARD-Korrespondent Wurzel.
„Und nicht nur das. Es ging ja noch weiter. Bei einem der beiden Wettkämpfe durfte Dinigeer Yilamujiang gar nicht mehr antreten, auch sie wurde still und heimlich aus dem Verkehr gezogen. Weil sie sozusagen nur herhalten musste, um die Flamme anzuzünden. Man kann das im Grunde wirklich schablonenartig übereinanderlegen.“
Anmerkung der Redaktion: Als das Gespräch am 16.2. aufgezeichnet wurde, war Yilamujiang nach ihrem ersten Wettkampf aus der chinesischen Staffel gestrichen worden. Am Tag der Abschlussfeier am 20.2. lief sie aber beim 30 Kilometer Langlauf-Rennen mit. Wir haben deswegen eine Passage, die sich auf die Streichung aus dem Team bezog, gelöscht.