Donnerstag, 06. Oktober 2022

Konkurs vor 25 Jahren
Der Untergang der Bremer Vulkan-Werft

Die Schließung der Großwerft „Bremer Vulkan“ am 15. August 1997 bedeutete das Ende des stadtbremischen Schiffbaus - und viele hundert Arbeitslose. Gründe waren Auftragsmangel, das Festhalten am Containerschiffbau – und fragwürdiges Agieren der Geschäftsleitung.

Von Günter Beyer | 15.08.2022

Arbeiter im Jahr 2000 auf der  1997 geschlossenen Bremer Vulkan-Werft vor dem unvollendeten Kreuzfahrtschiff-Neubau "Costa Olympia"
Arbeiter im Jahr 2000 auf der bereits geschlossenen Bremer Vulkan-Werft vor dem unvollendeten Kreuzfahrtschiff-Neubau "Costa Olympia" (picture-alliance / dpa)
„In diesem tiefgreifenden strukturpolitischen Dilemma stimmen Konkursverwalter und Landesregierung darüber überein, dass auf den Handelsschiffneubau in Vegesack zukünftig verzichtet werden muss.“
Auf dem Werftgelände in Bremen-Vegesack laufen Männer zu ihren Spinden, holen persönliche Gegenstände heraus. Heute, am 15. August 1997, ist der letzte Tag für die Großwerft Bremer Vulkan. Die letzten Schiffe aus den Orderbüchern sind fertig. Danach kommt … nichts mehr. Die Werft im Norden Bremens wird geschlossen: Damit endet eine langjährige Tradition. An diesem Platz sind exakt 1.111 Schiffe gebaut worden. "Der „Vulkan“ war eine Institution:
„Wir beehren uns Ihnen mitzutheilen, daß wir die Schiffswerft und Maschinenfabrik der Firma Johann Lange käuflich erworben haben und die Geschäfte und den Betrieb unter der Firma Bremer Vulkan, Schiffbau und Maschinenfabrik, fortführen wollen.“

Bremen-Vegesack - vom Fischerdorf zum Industrie-Standort

Gegründet wird der Bremer Vulkan im Jahre 1893 von einem Konsortium aus Reedern und Großkaufleuten. Die Compagnons wollen Schiffe aus Stahl bauen. Maschinen zur Metallbearbeitung wie Kesselschmiede, Dreherei und Gießerei gehören von vornherein zur Grundausstattung.

Vor dem Ersten Weltkrieg mausert sich der „Bremer Vulkan“ zur größten Werft Deutschlands und liefert jedes Jahr 40.000 Bruttoregistertonnen Schiffsraum ab. Aus dem idyllischen Fischerort Vegesack ist in kurzer Zeit ein Industrievorort geworden.

Der "Vulkan" in den Weltkriegen

Im Ersten Weltkrieg hält der „Vulkan“ an seiner zivilen Ausrichtung weitgehend fest, stellt aber elf Minensuchboote und acht U-Boote fertig. Nach Kriegsende steigt der Industrielle August Thyssen als Mehrheitsgesellschafter ein. Im Zweiten Weltkrieg wird der „Vulkan“ heftig von den Alliierten bombardiert, Produktion ist kaum noch möglich. Da entsteht in Marine- und Werftkreisen die Idee, die Montage der U-Boote zehn Kilometer entfernt in einen „bombensicheren“ Riesenbunker zu verlegen, den Bunker Valentin:
Von der derzeitigen Gefolgschaft des Bremer Vulkan … werden etwa 4000 nach Valentin übersiedeln.“ - verspricht der Bremer Vulkan dem Oberkommando der Kriegsmarine.

Küchenherde statt Kreuzer?

Doch der Bunker Valentin, das militärische Zweigwerk des Vulkan, wird vor Kriegsende nicht mehr fertig, U-Boote werden dort nie hergestellt. Die Werft lebt nach dem Krieg von Schiffsreparaturen und der Herstellung von Küchenherden und Lokomotiven. In den 50er und 60er-Jahren kommt sie allerdings rasch auf die Füße
„Obwohl wir so viele Beschäftigte waren, drei-, viertausend Leute, war das im Grunde `ne große Familie. Jeder kannte jeden. Der Vater hat da gearbeitet, der Opa hat da gearbeitet, das waren Generationen, die auf‘m ‚Vulkan‘ gearbeitet haben. Das war so. Der ‚Vulkan-Adel‘ stand mal groß in der Zeitung,“

Alles auf die Karte Containerschiff gesetzt

Zum „Vulkan-Adel“ zählt auch Hasso Kulla, der letzte Betriebsratsvorsitzende. Er hat 1957 als Schiffbau-Azubi angefangen: „Das war selbstverständlich, genau. Das gehörte sich so.“
Das Containerschiff steigt in den 70er und 80er-Jahren auf zum Inbegriff moderner Warenlogistik. Auch der Bremer Vulkan baut fast nichts anderes mehr. Und:
„Am Anfang war ja der ‚Vulkan‘ sehr erfolgreich. Das ist ja immer das Typische, dass der Erfolg natürlich irgendwo auch besoffen gemacht hat.“- sagt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. 1987 übernimmt der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Hennemann die Leitung des Konzerns.

Vision eines "ozeanischen Jahrhunderts“

Zu diesem Zeitpunkt bauen Japan, Südkorea und später China Containerschiffe bereits viel kostengünstiger. Europa hat seinen Vorsprung verloren. Statt auf Strukturwandel setzt Hennemann auf Expansion. Er kauft marode Firmen auf, die in seine Vision eines angeblich kommenden „ozeanischen Jahrhunderts“ passen. Dazu Rudolf Hickel:
„Was entstanden ist, war ein Gemischtwarenladen. Und der Gemischtwarenladen, der hatte Anlagen, der hatte Beteiligungen, der hatte Elektronik, der hatte den Schiffbau, der Schiffbau war aber sehr stark konzentriert auf die alten, auf die Containerschiffe, nicht auf Spezialschiffbau.“

Abgezweigte Millionen

Hennemanns Wilderei quer durch die Branchen finanziert er mit Geldern, die nach der Wende eigentlich als Investitionen in den ehemaligen DDR-Schiffbau in Wismar, Stralsund und Rostock fließen sollten. 850 Millionen DM verschwinden so in Hennemanns Kasse.
Als er zurücktreten muss, hinterlässt er einen konkursreifen Konzern: Die Bremer Traditionswerft, eines der renommiertesten Schiffbauunternehmen Europas, muss schließen. 1.800 „Vulkanesen“ stehen auf der Straße.