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CoronavirusAktuelle Zahlen und Entwicklungen

Im Coronavirus-Zeitalter sind wir alle zahlensüchtig: Wie viele gemeldete Coronavirusfälle gibt es in Deutschland? Verlangsamt sich die Ausbreitung des Virus, wie entwickeln sich die Fallzahlen international? Wie die Zahlen zu bewerten sind – ein Überblick.

Von Volkart Wildermuth

Grafik: Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
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Corona-Infektionen in Deutschland
6. Juni 2020, 8:00 Uhr

Infizierte: 184.924
Neuinfizierte: 452
Todesfälle: 8.658
Neue Todesfälle: 23
Aktive Fälle: 7.786

Quelle: Johns-Hopkins-Unversität

Dieser Beitrag wird regelmäßig aktualisiert.
Stand: Text 6. Juni 2020 - Grafiken: 5. Juni 2020

Die nackten Daten sind in dieser Pandemie mit Vorsicht zu genießen. Die Dunkelziffer ist unbekannt, Teststrategien und Meldeverfahren unterscheiden sich von Land zu Land und verändern sich manchmal sprunghaft von einem Tag auf den anderen, wenn etwa die Sterbefälle der Pflegeheime doch noch mitgerechnet werden – wie zuletzt in Frankreich und Großbritannien geschehen. Gut, dass der Erkenntnisgewinn nicht nur in den absoluten Werten steckt, sondern vor allem in den Mustern und typischen Verläufen, die ein Infektionsgeschehen produziert. Damit lässt sich trotz allem einiges anfangen.

Wie viele gemeldete Coronavirusfälle gibt es in Deutschland?

Die am Robert-Koch-Institut (RKI) ermittelte Reproduktionszahl R liegt deutlich unter 1 (4. Juni, 0:00 Uhr: R= 0,57), von zwei Infizierten steckt demnach im Mittel nur einer eine weitere Person an. Auch die Zahl der Neuinfektionen bleibt vergleichsweise niedrig. Die Johns-Hopkins-Universität meldet am 5. Juni 351 Neuinfektionen. Jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die einzelnen Hotspots in den Schlachtbetrieben, Pflegeeinrichtungen, in einer Kirchengemeinde, einem Restaurant und zuletzt einer Shisha-Bar in Göttingen.

Grafik: Neuinfektionen in Deutschland pro Tag (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Neuinfektionen in Deutschland pro Tag (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Beengte Wohnverhältnisse scheinen SARS-CoV-2 ideale Verbreitungsmöglichkeiten zu bieten. Das trifft nicht nur auf Wohnheime für Schlachtarbeiter zu, wie in den Landkreisen Coesfeld, Straubing-Bogen und Osnabrück. Auch in Gemeinschaftsunterkünften für Asylsuchende und Geflüchtete haben sich vermehrt Menschen mit COVID-19 infiziert, so geschehen in Regensburg und St. Augustin. Daneben scheinen Pflegeheime potentiell gefährdet zu sein. Zu COVID-19-Ausbrüchen kam es unter anderem in Einrichtungen in den Landkreisen Lichtenfels und Sonneberg. Gerade in den aufgeführten Wohnsituationen könnten vorsorgliche Tests dazu beitragen, neue Infektionsherde schnell zu erkennen.

Ein Ausbruch mit über 100 Infizierten geht auf einen Gottesdienst der freien baptistischen Gemeinde in Frankfurt/Main zurück. Der Landkreis Leer war fast frei von COVID-19. Dann infizierten sich mehrere Besucher einer geschlossenen Veranstaltung in einem Restaurant. Ob dort die Abstandsregeln eingehalten wurden, ist noch nicht geklärt, doch das Beispiel zeigt, dass die Situation nach wie vor nicht stabil ist. Daher ist es wichtig, solche Hotspots schnell zu erkennen und dann konsequent einzugrenzen.

Aktuell ist das möglich, wie ein Blick auf die Karte der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen zeigt. COVID-19 scheint auf dem Rückzug zu sein: ein einziger roter Fleck in ganz Deutschland, nur drei in orange. Dagegen finden sich ausgedehnte weiße Flächen ohne Neuinfektionen. Ein wichtiger Erfolg, auf dem man sich aber nicht ausruhen sollte. Das Virus ist noch da. Es kann jederzeit wieder in Erscheinung treten, und wenn die Gelegenheit günstig ist, die Epidemie neu anfachen.

Es ist eine der neueren Erkenntnisse, dass "Superspreading" für das Pandemiegeschehen zentral ist. Vielleicht nur zehn Prozent der Infizierten könnten für 80 Prozent des Pandemiegeschehens verantwortlich sein. Gelegentlich ist die Rede von "Superspreadern". Doch das Phänomen bezieht sich weniger auf einzelne Personen, die das Virus besonders effektiv verbreiten, als vielmehr auf Situationen, in denen sich viele leicht anstecken. Das kann eine Zumba-Stunde sein, eine Chorprobe, ein Clubabend oder auch ein dicht gedrängtes Zusammenleben in einer Unterkunft. Für die Eindämmung der Epidemie ist es entscheidend, solche Ereignisse schnell zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Epidemiologen befürchten eine zweite COVID-19-Welle, wenn die Verhältnisse für das Virus günstiger werden – etwa durch klimatische Faktoren im Herbst oder auch durch die Wiederaufnahme des Schulbetriebes nach den Sommerferien. Dann wird es wieder zu neuen Infektionsherden kommen. Damit genug Kapazität vorhanden ist, um sie zu erkennen und zu bekämpfen, sollte das Ziel bis dahin lauten: null Fälle in möglichst weiten Teilen Deutschlands.

Grafik: Wenn in einer Stadt oder einem Landkreis in sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet werden, tritt ein Notfallmechanismus in Kraft.  (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Wenn in einer Stadt oder einem Landkreis in sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet werden, tritt ein Notfallmechanismus in Kraft. (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Im Dashboard des Robert-Koch-Instituts werden die Meldungen der Landkreise und kreisfreien Städte laufend aktualisiert. Am 5. Juni, 0 Uhr, lag demnach bundesweit eine kreisfreie Stadt über der Grenze von 50  Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner (Ausnahme Bayern: 35), ab der ein Notfallmechanismus gilt: Bremerhaven in Bremen (53,7).

Im Mittel liegen alle Bundesländer weit unter dem Grenzwert. Am stärksten betroffen ist derzeit Bremen mit zuletzt 17,9 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Am weitesten zurückgedrängt wurde das Virus in Mecklenburg-Vorpommern (0,2).

Grafik: Die Bundesländer im Vergleich: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Bundesländer im Vergleich: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Die Reproduktionszahl R

Im Internet wurde diskutiert, dass die Reproduktionszahl R schon vor Beginn der Kontakteinschränkungen auf unter 1 gesunken sei und danach über Wochen nicht mehr weiter abfiel, obwohl Großveranstaltungen abgesagt, Schulen geschlossen und Kontaktverbote erlassen wurden. Demnach wären wir umsonst zu Hause geblieben. Tatsächlich erklärt das Robert-Koch-Institut den Effekt damit, dass in etwa zur gleichen Zeit immer mehr Tests durchgeführt und deshalb mehr Infizierte entdeckt wurden. Das habe die Werte von R vorübergehend angehoben. Auch dieses Beispiel zeigt, dass jede Kenngröße nur in Kenntnis der Umstände richtig interpretiert werden kann.

Das Modell des RKI ergibt derzeit R-Werte, die sich zwischen 0,6 und 1,2 bewegen (4. Juni: R-4-Tage=0,57). Die Modelle der TU Ilmenau und des Helmholtzzentrums für Infektionsforschung gehen von etwas anderen Annahmen aus und liegen niedriger. Alle drei Modelle liefern eine statistische Schwankungsbreite, die mit niedrigeren Fallzahlen derzeit noch einmal größer wird. Auch die Tatsache, dass an Wochenenden und Feiertagen Meldungen liegenbleiben, führt zu einer künstlichen Dynamik, die auf den R-Wert durchschlägt. 

Deshalb veröffentlicht das RKI inzwischen zusätzlich zu dem bisherigen R-Wert einen geglätteten R-Wert, der weniger stark auf statistische Schwankungen in den Tageszahlen reagiert. Der bekannte "sensitive R-Wert" mittelt über vier, der neue "geglättete R-Wert" über sieben Tage. Das erleichtert es, stabile Trends zu erkennen. (4. Juni: R-7-Tage=0,80). Auf der anderen Seite reagiert der neue geglättete R-Wert später. Er spiegelt das Geschehen vor gut zwei Wochen wieder, während der sensitive R-Wert das Infektionsgeschehen vor sieben bis 14 Tagen beschreibt.

Die Reproduktionszahl ist eine rechnerische Größe, die sich aus den gemeldeten Neuinfektionen ergibt. Sie hilft, die relative Entwicklung einer Epidemie abzuschätzen: Bremst oder beschleunigt sie – und wie schnell? Doch über die Wucht der Epidemie sagt R ohne absolute Einordnung nur wenig aus. Wenn eine Epidemie bei 30.000 Neuinfektionen am Tag mit R=1 stagniert, ist das Geschehen ungleich dramatischer als R=1 bei 300 Neuinfektionen am Tag. Deshalb muss uns zusätzlich zu R auch die Zahl der Neuinfektionen interessieren.

Grafik: Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Der Großteil der COVID-19-Patienten in Deutschland hat die Infektion inzwischen überstanden. Die Johns-Hopkins-Universität registriert am 5. Juni 167.909 Genesene. Es handelt sich dabei um eine Schätzung, denn in Deutschland werden Genesene nur zum Teil gemeldet. Im Grunde wird jede und jeder Infizierte nach zwei Wochen wieder als gesund betrachtet, wenn keine andere Information, also etwa ein Krankenhausaufenthalt vorliegt. Wenn man nun diese Zahl der Genesenen und der Verstorbenen von der Zahl der positiv auf COVID-19 Getesteten abzieht, so ergeben sich die aktiven Fälle – also die Zahl der Personen, die heute an der Infektion leiden.

Grafik: Aktive Fälle in Deutschland (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Aktive Fälle in Deutschland (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Diese Gruppe der aktuell Erkrankten wuchs im März stetig an. Am 6. April erreichte ihre Zahl mit über 70.000 einen Höhepunkt und geht seitdem zurück. Stand 5. Juni sind es in Deutschland laut Johns-Hopkins-Universität nur noch 7.928 aktive Fälle.

Demgegenüber hinkt die Entwicklung bei den Todeszahlen hinterher. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens vergehen zwischen einer Infektion, einem schweren Verlauf der Krankheit und schließlich dem möglichen Tod gut drei Wochen. Die Toten der nächsten Tage haben sich zu einem Zeitpunkt infiziert, zu dem die Fallzahlen noch höher lagen. Zweitens steckten sich zunächst hauptsächlich Menschen im Alter zwischen 15 und 59 Jahren an, wohl weil diese Altersgruppe aktiver ist.

Nach und nach breitete sich das Virus aber auch unter älteren Personen aus und die haben eine deutlich schlechtere Prognose, wie die Ausbrüche in Pflegeheimen in Düsseldorf oder Sonneberg zeigen. Auch in der folgenden Darstellung gehen die Schwankungen vor allem auf Meldeprobleme und nicht auf ein täglich wechselndes Infektionsgeschehen zurück. Am 5. Mai etwa wurden 0 Todesfälle gemeldet, was nicht plausibel ist. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich um einen Datenfehler handelte und die Fälle am darauffolgenden Tag gemeldet wurden, was zu einem vergleichsweise hohen Wert am 6. Mai führte.

Das Schlimmste scheint inzwischen überstanden: Am 5. Juni meldet die Johns-Hopkins-Universität 33 Tote. Solange kein neuer Hotspot in Pflegeeinrichtungen oder Orten mit vorwiegend älteren Menschen auftritt, sollte SARS-CoV-2 nur noch vereinzelt Opfer fordern.

Grafik: Todesfälle in Deutschland pro Tag (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Todesfälle in Deutschland pro Tag (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Während die Todeszahlen quasi einen Blick in die Vergangenheit der Epidemie liefern, braucht es für den Blick in die Zukunft andere Größen: die Verdopplungszeit etwa, also der Zeitraum, in dem aus 1.000 Infizierten 2.000, 4.000, 8.000 Infizierte werden. Sie ist ein gutes Maß, um die Entwicklung abzuschätzen, solange die Fallzahlen sich exponentiell entwickeln. Doch das ist in vielen Ländern nicht mehr der Fall. In Deutschland etwa zählt inzwischen ein anderes Maß: die Zahl der aktuell Infizierten und ihre prozentuale Veränderung im Vergleich zu den Vortagen. 

Was sagt uns die prozentuale Veränderung der aktiven Fälle in Deutschland?

Anfang März wuchs die Gruppe der aktuell Infizierten hierzulande an einem Tag um mehr als 50 Prozent. Dieses erhebliche Wachstum schwächte sich ab, lag aber Mitte März noch immer bei rund 30 Prozent. Bewegt sich das prozentuale Wachstum über 0 Prozent, so wächst die aktive Gruppe. Inzwischen aber hat die Kurve die Nulllinie unterschritten. Das prozentuale Wachstum ist negativ, und das heißt: Die aktive Gruppe schrumpft, weil ein Teil der Infizierten gestorben ist, vor allem aber weil mehr Menschen genesen als neu erkranken. Man kann es sich vorstellen wie eine Radtour. Mussten wir bisher bei Gegenwind strampeln, weht der Wind plötzlich von hinten, denn es gibt immer weniger Leute, die andere anstecken könnten. Deutschland hat einen ersten fragilen Wendepunkt der Epidemie erreicht. 

Was allerdings ebenfalls gut zu erkennen ist in dieser Grafik: Wir haben kaum Spielraum für Versuch und Irrtum. Wenn die Lockerungen im öffentlichen Leben zu mehr Ansteckungen führen, dann kippt die Entwicklung sehr schnell wieder in Richtung Wachstum: Der Wind bläst dann wieder von vorn, wir müssen uns mehr anstrengen und kommen trotzdem nicht schneller voran. Mancher Epidemiologe (Interview Michael Meyer-Hermann in Forschung aktuell, 22.04.2020) hätte sich für das bundesdeutsche Experiment mehr Sicherheitsabstand zur Nulllinie gewünscht, doch fürs erste hat es gereicht: Die Kurve hat sich der roten Linie angenähert, überschritten hat sie sie bis dato nicht.

Grafik: Wachstum der aktiven Fälle in Deutschland (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Wachstum der aktiven Fälle in Deutschland (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Auf diese Kurve wird die Politik achten müssen. Sollte sie weiter ansteigen, wäre das ein wichtiges Warnzeichen, dass sich eine erneute Ansteckungswelle anbahnt. Die Ostertage scheinen jedenfalls dem Abwärtstrend genauso wenig geschadet zu haben wie die Wochen nach dem Lockerungsbeginn am 20. April. Wichtig ist dabei immer, den Zeitverzug von zwei bis drei Wochen zu beachten zwischen Infektion, Auftreten der Symptome, Testergebnis und Meldekette.

Die Ausbreitung des Coronavirus im internationalen Vergleich

Am vergangenen Pfingstwochenende meldete die Johns Hopkins-Universität erstmals sechs Millionen Fälle von SARS-CoV-2. Pro Tag kamen zuletzt weltweit etwa 130.000 neue Fälle dazu, die meisten davon in Nord- und Südamerika. Aber auch in Südafrika, Indien und Iran ist das Virus (wieder) im Aufwind – von einem Abflauen der Pandemie kann keine Rede sein.

Als gemeinsamer Ausgangspunkt für den Vergleich der unterschiedlichen nationalen Epidemien dient der Tag, an dem der hundertste Fall registriert wurde. Der hängt natürlich auch von der Dunkelziffer im jeweiligen Land ab – hier gibt es große Unterschiede. Trotz dieser Unsicherheit lassen sich durchaus Entwicklungen nachzeichnen.

Besonders Ländern in Ost-Asien ist es gelungen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Das gilt beispielsweise für Südkorea, Taiwan und sogar für die chinesische Region Hubei, wo die Pandemie ihren Ausgang nahm und es dramatische Verhältnisse mit vielen Toten gab. Seitdem kommt es immer wieder zu lokalen Ausbrüchen, die mit großem Aufwand bekämpft werden, um eine zweite Welle zu verhindern. China weitet zum Beispiel in Wuhan die Tests nach Neuinfektionen massiv aus. Und auch in und um Seoul in Südkorea kam es zu einem Anstieg von Neuinfektionen. Die Regierung hat daher die Lockerungen zum Teil zurückgenommen, öffentliche Einrichtungen bleiben bis zum 14. Juni geschlossen.

Grafik: Kontinente im Vergleich anhand der Neuinfektionen über sieben Tage pro 100.000 Einwohner  (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Kontinente im Vergleich anhand der Neuinfektionen über sieben Tage pro 100.000 Einwohner (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Andere Länder wie etwa die USA haben lange gezögert. Aktuell zählt das Land mehr als 1,87 Millionen Infizierte und rund 110.000 Tote. Die Gesamtzahl der Neuinfektionen sinkt zwar, was aber vor allem daran liegt, dass die Zahlen im Hotspot New York zurückgehen. In anderen Bundesstaaten geht der Trend nach oben. Trotz eindringlicher Warnungen von Experten wurden in vielen Bundesstaaten die Beschränkungen gelockert. Epidemiologen der Universität Washington haben ihre Prognose für die Auswirkungen der Epidemie inzwischen angepasst. Sie schätzen, dass bis Anfang August fast 150.000 US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner an COVID-19 sterben könnten (Unsicherheitsbereich: 113.000 - 227.000 Todesfälle). Ob die aktuellen Unruhen die Epidemie zusätzlich anheizen, ist offen.

Mit Sorge betrachtet wird auch die Entwicklung in Brasilien, wo zuletzt an einem Tag bis zu 30.000 neue Coronainfektionen gemeldet wurden. Mangelnder politischer Wille, gegen das Virus vorzugehen, trifft hier auf ein schwaches Gesundheitssystem, in dem nur wenig getestet wird. Während in den Statistiken nur rund 615.000 COVID-19-Fälle auftauchen, schätzen Experten die tatsächlichen Fallzahlen auf das mehr als Zehn- bis Fünfzehnfache. Auch andernorts nimmt die Epidemie Fahrt auf, sodass Lateinamerika der neue Hotspot der Pandemie zu werden droht.

Vom afrikanischen Kontinent hört man von Ausbrüchen, die sich nicht überall in den offiziellen Statistiken widerspiegeln. Die Sterberate dürfte im vergleichsweise jungen Kontinent deutlich unter der anderer Kontinente bleiben. Doch wie viele Menschen sind infiziert? Hier gehen die Einschätzungen weit auseinander. Fürs erste ist etwa Ruanda mit 370 Infizierten und 1 Toten glimpflich davongekommen. Jetzt wagt das Land die Rückkehr aus dem Lockdown, ebenso Südafrika und Nigeria. Insgesamt meldet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 2. Juni für den Kontinent 150.610 Fälle, die meisten in Südafrika mit 34.257 Fällen. 4.281 Menschen sind bisher gestorben. Hotspots sind Südafrika und Ägypten. Die WHO warnt in einer aktuellen Studie, in einer ersten, langsam über Afrika hinweg ziehenden Welle könnten bis Ende des Jahres bis zu 190.000 Menschen sterben.

Wie zuvor in Asien ist inzwischen auch in Europa die exponentielle Entwicklung vielerorts gestoppt. Besonders schwer betroffen waren Italien und Spanien, dort sank die Zahl der Neuinfizierten zuletzt deutlich. Großbritannien (UK) hingegen verzeichnet inzwischen mehr Tote als Italien und nimmt damit eine traurige Spitzenposition in Europa ein. Es ist sinnvoll, nicht nur auf die absolute Zahl der Fälle zu blicken, sondern sie mit der Größe der Bevölkerung zu vergleichen. In der folgenden Darstellung sticht bei den Neuinfektionen pro Tag neben Spanien das kleine Belgien hervor. Es schien bis April besonders schwer von COVID-19 betroffen. Doch Belgien erfasst auch alle COVID-19-Verdachtsfälle mit – die absoluten Zahlen könnten täuschen. Die größte Dynamik in Europa verzeichnet Russland. Hier verbreitete sich das Virus zuletzt exponentiell. Aktuell werden bis zu 9.000 Neuinfektionen pro Tag registriert. 

Grafik: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner im Ländervergleich (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner im Ländervergleich (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Von sich reden machen zwei nordeuropäische Länder: Island und Schweden. Skitouristen hatten das Virus aus dem österreichischen Ischgl nach Island gebracht. Die isländischen Behörden testeten daraufhin ihre gesamte Bevölkerung – die Kurve kletterte steil nach oben. Aber genau deshalb konnte der Ausbruch auch schnell eingedämmt werden. Wichtig ist es, die Größe der Bevölkerung im Blick zu behalten. Island zählt nur etwa 360.000 Einwohner, Schweden dagegen zehn Millionen. Obwohl die Kurve in Island viel dramatischer wirkt, erkrankten dort an den schlimmsten Tagen nur rund 70 Personen, in Schweden waren es 600 pro Tag. 

Grafik: Schweden und seine Nachbarländer im Vergleich anhand der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner  (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Schweden und seine Nachbarländer im Vergleich anhand der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Finnland und Norwegen haben sehr schnell Beschränkungen beschlossen, wohingegen Schweden in erster Linie auf die Vernunft der Bevölkerung setzt und kaum testet. Tatsächlich scheinen viele Menschen und Betriebe freiwillig Kontakte einzuschränken und zum Beispiel Homeoffice zu ermöglichen. Trotzdem konnte sich das Virus ausbreiten und besonders in Pflegeheimen viele Todesfälle verursachen. Die Sterbezahlen sind auf die Bevölkerungsgröße heruntergerechnet in Schweden etwa vier Mal so hoch wie in Deutschland. Im Vergleich zu Spanien und Italien wiederum schneidet das Land erheblich besser ab.

Schweden wird immer wieder als Beispiel genannt für ein Land, das ohne rigide Regeln und ohne das Gesundheitssystem zu überlasten auf dem Weg zur Herdenimmunität sein könnte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht im schwedischen Ansatz ein Modell für die Zeit nach einem Shutdown oder Ausgangsbeschränkungen. Denn die freiwilligen Kontaktbeschränkungen lassen sich länger durchhalten als das verordnete Herunterfahren der Gesellschaft. Entscheidend ist, wie ein Land langfristig durch seine COVID-19-Epidemie kommt.

Ob die Strategie unterm Strich zu mehr oder weniger Toten führen wird, ist derzeit nicht absehbar. Viel wird davon abhängen, ob es im Herbst zu einer zweiten Welle kommt, und Schweden damit besser zurechtkommt als andere Länder. Doch schon jetzt werden kritische Stimmen im Land lauter: Während in weiten Teilen Europas die Grenzen geöffnet und Reisewarnungen zurückgenommen werden, begnen die Nachbarländer Schweden mit Misstrauen. Am 5. Juni hat das Land nun eine deutlich intensivere Teststrategie angekündigt. Das dürfte in den nächsten Wochen zu einer steigenden Zahl von Neuinfektionen führen. Der Ausschlag am 3. und 4. Juni in den Johns Hopkins Zahlen lässt sich damit allerdings noch nicht erklären, sondern gründet auf einer Änderung im Meldeverfahren. 

Wie viele Menschen sterben an COVID-19?

Die allermeisten Menschen überstehen eine COVID-19-Erkrankung ohne große Probleme, etwas Fieber, ein trockener Husten, vielleicht nicht einmal das. Aber 20 Prozent der Patientinnen und Patienten, also eine oder einer aus fünf, erkranken schwer und müssen in der Klinik behandelt werden. Fünf Prozent der Erkrankten benötigen eine Beatmung. Ein erheblicher Teil kann auch dann nicht gerettet werden. Solche Verläufe treffen durchaus nicht nur ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In den USA breitete sich das Virus zunächst unter jungen, aktiven Personen aus. Deshalb finden sie sich dort häufig in den Notaufnahmen. Immer wieder sterben auch scheinbar gesunde, kräftige Menschen an SARS-CoV-2. 

Das Risiko für einen so dramatischen Verlauf steigt allerdings mit dem Alter erheblich an. Besonders Menschen jenseits der Siebzig haben ein erhöhtes Sterberisiko. Ebenso Personen mit Herz-Kreislauf-Leiden, einer Zuckerkrankheit, Atemwegsproblemen oder Bluthochdruck. 

Die Kurve der Todesfälle steigt nicht so steil an wie die der Infizierten, schließlich stirbt nach wie vor nur ein kleiner Bruchteil der Patientinnen und Patienten. Sie hinkt auch hinterher, denn ein möglicher Todesfall tritt im Durchschnitt erst ungefähr drei Wochen nach der Infektion ein. COVID-19 ist zwar in der chinesischen Provinz Hubei ausgebrochen, längst verzeichnen aber Italien, Spanien, Frankreich, die USA, Großbritannien (UK), der Iran, Brasilien, Russland, Belgien und auch Deutschland mehr Tote. 

Grafik: Todesfälle in den letzten sieben Tagen pro 100.000 Einwohner im Ländervergleich (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Todesfälle in den letzten sieben Tagen pro 100.000 Einwohner im Ländervergleich (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Dass die Kurve der Sterbezahlen nicht gleichmäßig der Zahl der Infektionen folgt, kann unterschiedliche Gründe haben. Etwa ein von Anfang an nicht gut aufgestelltes Gesundheitssystem oder ein plötzlicher Ansturm von COVID-19-Patienten, der die Kapazitäten überfordert. Auch das Alter der Opfer spielt eine große Rolle. In Deutschland haben sich zu Beginn der Epidemie eher jüngere Leute infiziert – zum Beispiel in den Skigebieten. Dann aber breitete sich das Virus auch unter älteren Menschen aus, und die haben ein höheres Sterberisiko. Deshalb verlief die Kurve der kumulierten Todeszahlen auch in Deutschland zwischenzeitlich etwas steiler. Plötzliche Sprünge dagegen hängen oft mit einer Änderung im Meldeverfahren zusammen. In den Alten- und Pflegeheimen ist oft schwer zu klären, ob die Betroffenen mit oder an COVID-19 gestorben sind. Manche Länder nehmen Sterbefälle dann gar nicht in die Statistiken auf bzw. entschieden zu einem späteren Zeitpunkt, entsprechende Fälle nachzumelden, so geschehen in Frankreich und Großbritannien.

Wenn die Todesfälle auf die Einwohnerinnen und Einwohner eines Landes bezogen werden, sticht wieder Belgien hervor. Die Regierung betont, dass sie konsequent auch alle Toten in den Altersheimen erfasst. Stimmt das, würden andere Länder die Zahl der COVID-19-Toten unterschätzen.

Auch die Recherche zur Übersterblichkeit, die die New York Times am 24. April veröffentlicht hat, legt den Schluss nahe, dass bei weitem nicht alle COVID-19-Sterbefälle als solche erfasst oder erkannt werden. Für zehn Länder hat die Tageszeitung die aktuellen Sterbezahlen mit dem langjährigen Mittel verglichen und kommt auf bis zu 36.000 Tote durch COVID-19, die in den Statistiken nicht auftauchen. Denkbar wäre, dass etwa auch Herzinfarktpatienten, die aus Angst vor Ansteckung die Klinik meiden, zur Übersterblichkeit beitragen. Doch solche Fälle erklären sicher nicht den ganzen Umfang der Übersterblichkeit.  

Für Deutschland hat das Robert-Koch-Institut (RKI) am 30. April erstmals Zahlen zur Übersterblichkeit vorgelegt. Einen Überblick gibt das Statistische Bundesamt. Demnach ist im März eine Übersterblichkeit erkennbar, die leicht über den gemeldeten COVID-19-Todesfällen liegen könnte.

Die Sterblichkeitsrate

Viel diskutiert wird die unterschiedliche Sterberate in verschiedenen Ländern. Bei dieser Case Fatality Ratio (CFR) handelt es sich um den Anteil der Infizierten, der am Ende stirbt. Dieser Wert hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von der Qualität des Gesundheitssystems. Entscheidend ist vor allem auch die Teststrategie eines Landes und die damit zusammenhängende Dunkelziffer. Je mehr getestet wird, desto niedriger liegt tendenziell die CFR – ein statistischer Effekt, der mit der Gefährlichkeit des Virus oder der Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser nichts zu tun hat.

Grafik: Die Sterblichkeitsrate im Ländervergleich (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Sterblichkeitsrate im Ländervergleich (Stand: 5. Juni 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Deutlich zu erkennen ist dies an der Entwicklung der Sterblichkeitsrate in den USA: Als die Behörden anfingen, in großem Stil zu testen, sank die Sterblichkeitsrate – obwohl gleichzeitig immer mehr Menschen starben. Eine niedrige Sterblichkeitsrate ist also bedingt aussagekräftig.

Wie hoch die Sterblichkeit durch SARS-CoV-2 tatsächlich ist, kann im Moment noch nicht exakt beziffert werden. Allerdings legen Daten aus Gangelt im Landkreis Heinsberg erstmals einen Wert für die CFR einer deutschen Gemeinde vor – nämlich 0,37 Prozent. Das Forschungsteam unter Leitung des Bonner Virologen Hendrik Streeck hat daraus die Dunkelziffer für ganz Deutschland abgeschätzt, wonach sich bis zu 1,8 Millionen Menschen, also etwa 2,2 Prozent der deutschen Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert haben könnten. Diese Abschätzung gründet auf einer sehr kleinen Stichprobe und ist für ganz Deutschland nur bedingt aussagekräftig. Von einer Herdenimmunität wäre Deutschland aber auch nach dieser Abschätzung noch weit entfernt. Die Studie wurde auf dem Preprint-Server der Universität Bonn veröffentlicht und ist noch nicht begutachtet.

Robert-Koch-Institut (RKI) oder Johns-Hopkins-Universität?

Ob man auf die Zahlen des RKI schaut oder auf die der Johns-Hopkins-Universität: Die Trends sind identisch, auch wenn sich die absoluten Werte ein wenig unterscheiden. Das liegt daran, dass beim RKI die offiziell gemeldeten Fälle verwendet werden. Es braucht einige Tage, bis Verdachtsfälle diagnostiziert und getestet sind, und die Information vom Gesundheitsamt vor Ort über das Bundesland nach Berlin gelangt. Seit kurzem wird versucht, diese Verzögerung mit Hilfe einer Modellrechnung, dem sogenannten "Nowcast", aus den Statistiken herauszurechnen. Das soll einen präziseren Blick auf die Gegenwart liefern. 

Die Johns-Hopkins-Universität greift auf die Daten des RKI zu, ergänzt sie aber mit Modellen und weiteren Quellen (Veröffentlichungen der lokalen Behörden und der Weltgesundheitsorganisation sowie Berichte aus Medien/Internet).

Beide Datenquellen haben ihre Berechtigung. Beide hinken der tatsächlichen Situation hinterher. Vor allem im internationalen Vergleich muss man zudem von erheblichen Verzerrungen in der Abbildung des Geschehens ausgehen, die zum Teil strukturellen, zum Teil politischen Ursprungs sind.

(Redaktion: Andrea Kampmann, Christiane Knoll, Josh Moriarty, Charlotte Voß, Volkart Wildermuth, Anne Göbel)


Anmerkung der Redaktion: In der Grafik "Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik" haben wir eine falsche Position der Fallkurven korrigiert. (25.5.2020)

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