Dienstag, 07. Dezember 2021

Kampf gegen das CoronavirusNeue Medikamente zur Behandlung von Covid-19

Die Entwicklung von wirksamen Medikamenten gegen Covid-19 hinkt derjenigen von Impfstoffen hinterher. Zuletzt meldeten nun zwei Unternehmen vielversprechende Studienergebnisse. Großbritannien hat einem der neuen Medikamente bereits eine Zulassung erteilt. Ein Überblick.

10.11.2021

Themenbild / Symbolfoto Corona-Pille von Pfizer
Das US-Pharmaunternehmen Pfizer berichtete von einer hohen Wirksamkeit seiner Anti-Corona-Tablette (imago/Sven Simon)
Die britische Arzneimittelbehörde (MHRA) ließ am 4. November 2021 die weltweit erste Tablette zur Behandlung von Covid-19 zu. Das antivirale Mittel Molnupiravir wurde vom Pharmakonzern Merck Sharp & Dohme entwickelt. Einen Tag später gab US-Rivale Pfizer bekannt, dass seine Cornona-Pille Paxlovid in klinischen Tests eine hohe Wirksamkeit gezeigt habe. Auch Pfizer, das zusammen mit dem deutschen Biotechnologie-Unternehmen Biontech schon den erfolgreichen Corona-Impfstoff Comirnaty auf den Markt gebracht hat, bemüht sich nun um eine schnelle Zulassung seines Präparats.
Welche Wirksamkeit haben die neuen Anti-Corona-Tabletten?
Paxlovid, das in Kombination mit einem älteren antiviralen Mittel namens Ritonavir eingesetzt wird, verhindert nach Angaben von Pfizer sehr erfolgreich schwere Krankheitsverläufe bei Hochrisikopatienten. Eine Zwischenanalyse von Testergebnissen habe ergeben, dass das Medikament das Risiko von Krankenhauseinweisungen und Todesfällen bei Covid-19-Patienten um 89 Prozent senke, teilte Pfizer mit. Das gelte bei Behandlungen innerhalb von drei Tagen nach den ersten Covid-19-Symptomen, ähnliche Werte hätten sich bei Behandlungen innerhalb von fünf Tagen nach den ersten Symptomen ergeben.
Den vorläufigen Ergebnissen zufolge ist Paxlovid damit wirksamer als das Medikament Molnupiravir von Konkurrent Merck Sharp & Dohme. Dieses soll einer klinischen Studie des Herstellers zufolge das Risiko einer Krankenhauseinlieferung und eines tödlichen Krankheitsverlaufes halbieren. Zugelassen wurde das Medikament in Großbritannien für Menschen, die mindestens einen Risikofaktor für die Entwicklung eines schweren Krankheitsverlaufs aufweisen, darunter ein unterdrücktes Immunsystem, Übergewicht, hohes Alter, Diabetes und Herzerkrankungen. Die MHRA empfiehlt, es innerhalb von fünf Tagen nach Auftreten der Symptome anzuwenden.

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Wie wirken die neuen Anti-Corona-Tabletten?
Paxlovid gehört zur Klasse der Protease-Hemmer. Der Wirkstoff blockiert ein Enzym, das das SRARS-CoV-2 zur Vermehrung benötigt. "Dieser Protease-Inhibitor bindet sehr genau im aktiven Zentrum der Protease, das ist ein früher Schritt im Vermehrungszyklus dieses Virus", erläuterte Peter Salzberger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, im Dlf. Im Resultat kann sich das Virus in der Zelle nicht vermehren und damit auch keine weiteren Zellen infizieren. "Die Viruslast wird dadurch sehr rasch reduziert", so Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg.
Die Merck-Pille Molnupiravir hat einen anderen Wirkmechanismus, der darauf abzielt, bei der Virusreproduktion Fehler in dessen Gencode einzuschleusen. Durch diese Mutationen wird dem Virus die Fähigkeit zur weiteren Vermehrung genommen. Da Molnupiravir und Paxlovid die Virusvermehrung an unterschiedlichen Stellen angreifen, könnte man beide Medikamente sogar möglicherweise kombinieren, so Infektiologe Salzberger. Denkbar wäre das etwa bei ganz schweren Verläufen.
Welche Vorteile bieten die neuen Anti-Corona-Tabletten?
Molnupiravir und Paxlovid werden in Pillenform verabreicht. Dies sei ein Riesenvorteil im Vergleich zu bisherigen Therapiemöglichkeiten, sagte Salzberger. Denn sowohl Remdesivir, das bislang einzige in der EU zugelassenen Medikament zur Behandlung von Covid-19, als auch monoklonale Antikörper, die zweite Möglichkeit bei schweren Verläufen, müssen intravenös gegeben werden.
"Und das kann zum Beispiel der Hausarzt nicht regelhaft in seiner Praxis erledigen", so Salzberger. "Die Applikation als Tablette ist natürlich viel, viel einfacher und viel leichter zu bewerkstelligen. Und natürlich auch überall auf der Welt."
Welche Nachteile haben die Anti-Corona-Pillen?
Sowohl Paxlovid als auch Molnupiravir müssen in den ersten drei bis fünf Tagen nach dem Auftreten erster Covid-Symptome eingenommen werden. Allerdings gehen die meisten Infizierten nicht zeitnah zum Arzt, sondern erst, wenn es ihnen richtig schlecht geht. Dann sei es aber möglicherweise schon zu spät für den Einsatz antiviraler Tabletten, so die Einschätzung von Salzberger. Paxlovid werde nicht helfen, einen Patienten zu retten, der schon auf der Intensivstation liegt.
Coronavirus
Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Über mögliche Nebenwirkungen der Tabletten ist derzeit noch nichts bekannt. Pfizer teilte lediglich mit, dass die schweren Nebenwirkungen in der Behandlungsgruppe seltener waren als in der Placebo-Gruppe. Salzberger wertet dies als gutes Zeichen. Vor dem Einsatz von Paxlovid müsse jedoch geklärt werden, inwiefern sich die Protease-Hemmer mit anderen Medikamenten vertragen, vor allem solchen, die Patienten aufgrund von Vorerkrankungen einnehmen müssen.
Wann ist mit einer Zulassung in der EU zu rechnen?
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hatte Ende Oktober angekündigt, den Einsatz von Molnupiravir zu prüfen. Nach der Zulassung des Medikaments in Großbritannien, erklärte die EMA, das Prüfverfahren beschleunigen zu wollen. Auch in den USA befindet sich Molnupiravir im Zulassungsverfahren.
Für Paxlovid hatte Pfizer bereits im Oktober bei der US-Arzneimittelbehörde (FDA) einen Antrag auf eine Notfallzulassung gestellt. Die Ergebnisse der klinischen Tests sollen der FDA nun so schnell wie möglich übergeben werden. Wegen der überzeugenden Ergebnisse sei die Studie mit rund 1.200 Probanden vorzeitig beendet worden. Obwohl die Zulassung noch aussteht, haben sich die USA laut Präsident Joe Biden bereits Millionen Einheiten des Medikaments reserviert. Auch Großbritannien sicherte sich erste Chargen.
Werden Impfungen nach der Zulassung der Anti-Corona-Pillen überflüssig?
Die neuen Covid-Medikamente von Pfizer und Merck seien nur ein weiteres Instrument zur Bewältigung der Pandemie aber kein Ersatz für Impfungen, betonen Ärzte und auch die Vertreter der Pharmaunternehmen. Sich nicht impfen zu lassen, sei ein tragischer Fehler, sagte etwa Pfizer-Firmenchef Albert Bourla. "Das ist ein Medikament zur Behandlung für diejenigen, die krank werden." Wegen Anti-Covid-Tabletten auf eine Impfung zu verzichten, sei keine gute Option, meinte auch Salzberger. "Für Patienten auf der Intensivstation wird dieses Medikament nicht mehr einsetzbar sein."
Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet.
Corona-Impfstoffe in der Übersicht
Die EU-Behörde EMA hat bisher drei Corona-Impfstoffe zugelassen – von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca. Wie die Impfstoffe wirken, was über Nebenwirkungen bekannt ist und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt – ein Überblick.
Das Mainzer Unternehmen Biontech, das gemeinsam mit dem Partner Pfizer den erfolgreichen Covid-19-Impfstoff Comirnaty entwickelt hat, warnt davor, dass das Virus eventuell eine Resistenz gegen die Wirkstoffe in den Tabletten bilden könnte. "Wir wissen, dass einzelne Behandlungen mit Inhibitoren bei Viruserkrankungen oft zur Entwicklung von Resistenzen führen", sagt Vorstandschef Ugur Sahin. "Wir müssen abwarten und sehen, wie sie Impfstoffe ergänzen."
(Quellen: Arndt Reuning, Dlf, dpa, afp, Reuters)