Corona-Medikament Paxlovid könnte frühzeitig verabreicht schwere Verläufe verhindern

Das Covid-19-Medikament Paxlovid des US-Pharmakonzerns Pfizer gilt als Hoffnungsträger im Kampf gegen die Pandemie. In den USA hat es eine Notfallzulassung erhalten. Lassen sich die Auswirkungen der bevorstehenden Omikron-Welle in Deutschland damit stoppen? Experten sind skeptisch.

Von Arndt Reuning | 23.12.2021

Herstellung Pille von Pfizer gegen Covid-19
Der Arzneimittelhersteller Pfizer zeigt hergestellte Pillen gegen Covid-19. (Uncredited/Pfizer/dpa)
Die Zahlen sehen vielversprechend aus: Werden Hochrisiko-Patienten drei Tage nach Beginn ihrer Symptome behandelt, kann Paxlovid das Risiko für eine Hospitalisierung oder einen tödlichen Ausgang um knapp 90 Prozent senken, verglichen mit einem Placebo. Und sogar wenn ein Patient das Medikament erst fünf Tage nach Symptombeginn erhält, liegen seine Chancen nicht sehr viel niedriger. So berichtet es der Pharmakonzern Pfizer in einer Pressemitteilung.

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Paxlovid gibt Grund zur Hoffnung

Für den Infektiologen Philipp Schommers von der Uniklinik Köln ist das eindeutig ein Grund zur Hoffnung: „Wir haben die originalen Studiendaten ja noch nicht gesehen leider, nur durch die Pressemitteilung von Pfizer. Aber wenn die sich so bewahrheiten, und wir dieses Medikament auch in genügender Menge zur Verfügung haben in Deutschland, könnte es doch eine deutliche Besserung zu allen bisher bekannten Medikamenten geben, ja.“
Neben der hohen Wirksamkeit sei es vor allem die Form der Verabreichung, die das antivirale Medikament von Pfizer von allen anderen Mitteln abhebt, die bisher in der Klinik zum Einsatz kamen, sagt Philipp Schommers: „Das Einzige, was wir bisher zur Behandlung von Frühinfizierten hatten, wo man gesehen hat, dass es effektiv war, zumindest bis Omikron kam, waren monoklonale Antikörper. Und diese Antikörper konnte man aber immer nur intramuskulär oder intravenös verabreichen – das heißt, man musste sie spritzen. Und die meisten Patienten konnten sie sich nicht selbst verabreichen.“

Das erste Corona-Medikament in Pillenform

Paxlovid hingegen kann in Pillenform einfach geschluckt werden. Zweimal täglich, fünf Tage lang. Der Hausarzt könnte es verschreiben, sobald sich Symptome zeigen. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Medikament rechtzeitig die Ausbreitung des Virus im Körper stoppen kann, so dass es gar nicht erst zu einem schweren Verlauf kommt, sagt der Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg, Hans-Georg Kräusslich.
„Es ist kein Medikament, mit dem man erwarten kann, dass Personen, die schwer erkrankt auf der Intensivstation liegen, einen deutlichen Vorteil erzielen werden. Aber sehr wohl ein Medikament, das bei Risikopatienten, also älteren Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen, wenn früh gegeben, einen erheblichen Vorteil bewirken kann.“

Paxlovid verhindert schwere Verläufe

Der antivirale Wirkstoff in dem Medikament verhindert, dass sich das Virus im Körper vermehren kann. Dazu blockiert es eine bestimmte Komponente des molekularen Maschinenparks des Erregers: ein Enzym, das dabei hilft, die Eiweißmoleküle des Virus in ihre endgültige Form zu bringen. Eine sogenannte Protease. Der Paxlovid-Wirkstoff wird daher auch als Protease-Hemmer oder -Inhibitor bezeichnet.
Solche Protease-Hemmer kämen bei der Behandlung von Viruserkrankungen bereits häufiger zum Einsatz, sagt Hans-Georg Kräuslich: „Man muss das gegen jedes neue Virus dann erneut entwickeln, die wirken nicht kreuz, die wirken nicht gegen viele verschiedene Viren. Und das ist jetzt in diesem Wirkstoff gegen SARS-CoV-2 eben entsprechend gelungen.“

Der Protease-Hemmer wirkt auch gegen die Omikron-Variante

Monoklonale Antikörper haften sich an die Spike-Proteine auf der Oberfläche von SARS-CoV-2 und verhindern so das Andocken an Körperzellen. Doch weil diese Enterhaken bei der Omikron-Variante von Mutationen übersät sind, passen diese Abwehrmoleküle nun nicht mehr. Die Omikron-Protease hingegen trägt nur eine einzige Mutation. Und daher dürfte Paxlovid auch während der Omikron-Welle weiterhin hochwirksam sein. Im biochemischen Experiment zumindest konnte der Wirkstoff die Omikron-Protease blockieren, erklärt Hans-Georg Kräusslich.
„Wir können also mit hoher Sicherheit annehmen, dass die aktuell zirkulierende Omikron-Variante immer noch gut von diesem Wirkstoff gehemmt werden kann. Inwieweit sich dann sich dann in Zukunft dann dort Resistenzen ausbilden können oder nicht, das kann man kaum vorhersagen.“

Die EMA prüft die Zulassung von Paxlovid

Die europäische Zulassungsbehörde EMA prüft das Medikament im beschleunigten Rolling-Review-Verfahren. Dabei werden die Ergebnisse der klinischen Studien der Behörde zur Verfügung gestellt, sobald sie erhoben wurden – und nicht erst als Komplettpaket am Ende der Tests.
„Insofern ist die Hoffnung, dass der Zeitrahmen bis zu einer möglichen Zulassung kürzer sein wird. Ob das dann im Januar sein wird oder etwas später, ist schwer vorherzusagen. Auch im Moment kann es aber, sofern verfügbar, als Notfallmedikation unter entsprechenden Bedingungen schon eingesetzt werden.“
Ob es eine schnell anbrandende Omikron-Welle brechen kann, ist daher fraglich. So sieht das auch Philipp Schommers von der Uniklinik Köln: „Ich glaube, zur Pandemiebeendigung oder zur Pandemiebekämpfung ist immer noch das beste Mittel letztlich Impfungen - und jetzt wahrscheinlich bald auch wieder Kontaktbeschränkungen. Wenn aber dieses Medikament in ausreichender Menge zur Verfügung steht, wird es wahrscheinlich auch schon Kliniksaufenthalte verhindern. Ob es das Gesundheitssystem dann insgesamt entlasten kann, das hängt natürlich dann auch von der Höhe der Inzidenz ab.“
Und die dürfte durch die Omikron-Variante in absehbarer Zeit stark ansteigen.