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StartseiteSport AktuellSperre für den russischen Sport wird halbiert17.12.2020

Doping-Strafe gegen RusslandSperre für den russischen Sport wird halbiert

Im Dezember 2019 suspendierte die Welt-Anti-Doping-Agentur Russlands Sport erneut. Russland legte Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ein. Jetzt hat das Gericht aus der Vierjahressperre eine Zweijahressperre gemacht. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Lukas Thiele, Marina Schweizer und Matthias Friebe

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Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne (picture alliance / dpa - Dominic Favre)
Das Gebäude des Sportgerichtshofs CAS in Lausanne. (picture alliance / dpa - Dominic Favre)
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Russland wird von den Sommerspielen 2021 in Tokio und von den Winterspielen 2022 in Peking ausgeschlossen. Der Internationale Sportgerichtshof hat in seinem Urteil zum Berufungsverfahren die von der Welt-Anti-Doping-Agentur verhängte Vierjahressperre halbiert.

Worum geht es genau?

Am 9. Dezember 2019 hatte die WADA Russland für vier Jahre von allen internationalen Wettbewerben, wie Weltmeisterschaften und Olympische Spiele, ausgeschlossen. Grund dafür war die Manipulation von Daten aus dem russischen Anti-Doping-Labor. Weil Russland Einspruch gegen die Sperre eingelegt hatte, landete der Fall letztlich vor dem CAS.

Im November 2015 wurde Russland schon einmal suspendiert, nachdem ein Bericht systematisches Doping aufgedeckt hatte. Die Sperre hob die WADA aber im September 2018 wieder auf, obwohl Russland den Betrug weiter leugnete und die geforderten Reformen verweigerte. Russland erhielt allerdings die Auflage, den Betrug anzuerkennen und die Doping-Daten von 2012 bis 2015 an die WADA auszuhändigen. Daraufhin wurden die gefälschten Daten abgeliefert.

Südkorea, Gangneung: Olympia, Eiskunstlauf, Einzel, Damen, Kurzprogramm in der Gangneung Ice Arena. Alina Sagitowa vom Team «Olympische Athleten aus Russland» (OAR) in Aktion. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel) (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)Olympia und WM vier Jahre ohne Russland
Das Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur hat Sanktionen wegen Manipulation von Dopingdaten aus dem Moskauer Labor gegen Russland verhängt.

"Russland hatte alle Möglichkeiten bekommen, sein Haus aufzuräumen wieder auf in die Gemeinschaft des Sports zurückzukommen – auch zu Gunsten der eigenen Athleten und der Integrität des Sports. Aber es hat sich für einen anderen Weg entschieden", sagte im Dezember 2019 Craig Reedie, damals Chef der WADA.

Waren diese Daten so wichtig?

Bei den manipulierten Daten handelte es sich um die russischen Doping-Testdaten zwischen Januar 2012 und August 2015. In diesem Zeitraum sollen massiv Dopingfälle vertuscht worden sein.

Laut den Ermittlern sollen mehr als 15.000 Dateien gelöscht und somit mindestens 145 Sportler geschützt worden sein. Darunter zwei Biathleten: Jewgeni Ustjugow, Olympiasieger von 2010 und 2014, und Swetlana Slepzowa, Olympiasiegerin in Vancouver 2010.  Das bestätigte WADA-Chefermittler Günther Younger: "Wir haben die Beweise. Wir haben halt auch festgestellt, dass Daten gelöscht worden sind. Und teilweise konnten wir sie wiederherstellen."

Wie lief die Verhandlung ab?

Die Verhandlung fand vom 2. bis 5. November in Lausanne statt. Mehr ist jedoch nicht bekannt. Die Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit und an einem geheimen Ort statt.

Doping-Experte Hajo Seppelt sagt jedoch, dass es im Vorfeld der Entscheidung massiven Einfluss auf die Verhandlung von Seiten der betroffenen Parteien gegeben habe. Als Beispiel nennt er im Gespräch mit dem Deutschlandfunk internationale Verbände wie den internationalen Eishockey-Verband IIHF, der die Weltmeisterschaft 2021 in Russland austragen wolle - und mächtige Personen aus dem IOC, die auf "Schmusekurs" mit Russland seien und sich stets eine Schwächung der Sanktionen gewünscht hätten: "Deswegen kann man nicht ausschließen, dass hier massiver Einfluss dazu beigetragen hat, dass die Sperre oder Strafe halbiert worden ist."

Die olympische und die russische Flagge nebeneinander bei den Winterspielen in Sotschi 2014. (AFP / Andrej Isakovic) (AFP / Andrej Isakovic)Letztlich geht es um Glaubwürdigkeit
Der CAS verhandelt über die von der WADA gegen Russland verhängten Sanktionen wegen Staatsdopings. Für FAZ-Redakteur Christoph Becker ist das ein wichtiger Prozess in der langen sportrechtlichen Auseinandersetzung.

Was bedeutet die Sperre für Russland?

Russland darf in den kommenden zwei Jahren nicht an Olympischen Spielen und vielen Weltmeisterschaften teilnehmen. Darunter fallen beispielsweise die Olympischen Sommerspiele in Tokio im kommenden Jahr und die Winterspiele in Peking 2022. Dazu dürfte Russland als Nation auch nicht an Weltmeisterschaften wie der Fußball-WM 2022 antreten oder Weltmeisterschaften ausrichten. Bei kontinentalen Meisterschaften, wie der Fußball-EM im kommenden Jahr, wäre ein Start aber erlaubt, da diese wie auch WM-Qualifikationen nicht unter die Sanktionen der WADA fallen. Dies trifft demnach auch auf das Champions-League-Finale 2021 in St. Petersburg zu.

"Ich glaube Russland ist getroffen", sagt Doping Experte Hajo Seppelt. Gerade mit Blick auf die Bedeutung des Sports auch für den russischen Patriotismus sei der zweijährige Ausschluss von Olympischen Spielen eine drastische Sanktion: "Man wird froh sein, dass es nicht vier Jahre geworden sind."

Russlands Anti-Doping-Agentur Rusada dementiert das angebliche Doping-Eingeständnis seiner Chefin. (picture alliance / Anton Denisov / Sputnik / dpa) (picture alliance / Anton Denisov / Sputnik / dpa)Erste Doper aus manipulierten Daten identifiziert
Nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur Russland für ihre manipulierten Daten für vier Jahre gesperrt hat, sind nun erstmals Namen von Sportlern im Zuge der russischen Datenmanipulationen bekannt geworden.

Unter welchen Bedingungen dürfen russische Sportler starten?

Unter bestimmten Voraussetzungen dürften russische Athleten bei den oben genannten Veranstaltungen als "neutrale Athleten" starten. Die russische Hymne darf nicht gespielt oder gesungen werden, die russische Fahne nicht auf Teamkleidung getragen oder gehisst werden. Am wichtigsten: Die Athleten müssen beweisen, nicht Teil des Staatsdopings gewesen zu sein. Journalist Hajo Seppelt kritisiert im Deutschlandfunk hingegen, dass im Kleingedruckten durchaus stehe, dass wieder "Russland" auf den Trikots stehen dürfe. 

Welche Bedeutung hat das Verfahren für die Sportwelt?

Der FAZ-Journalist Christoph Becker sagte im Dlf: "Mancher spricht jetzt davon, das sei der wichtigste sportgerichtliche Prozess seit Jahren. Und das ist nicht so ganz falsch, weil die ausgesprochene Sanktionierung, gegen die sich die Rusada jetzt wehrt, die schärfsten sind, die es bisher gab." Dazu dürfe man die Rolle Russlands in den internationalen Sportverbänden nicht unterschätzen. Russland ist hier ein enorm wichtiger Player", sagte Becker. "Es gibt zahlreiche Verbände, die durch Russland maßgeblich finanziert werden und wo Russen an der Spitze der Verbände stehen. Insofern gibt es auf der Ebene der internationalen Sportverbände großes Interesse, dass Russland nicht über Jahre hinaus ausgeschlossen wird."

Für Doping-Experte Hajo Seppelt ist die Halbierung der Strafe ein Offenbarungseid für die Glaubwürdigkeit des Systems. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk kommt er zu dem Schluss: "Aus Sicht derjenigen, die gehofft haben, dass ein effektives Anti-Doping-System etabliert werde, das auch Länder bestrafen kann, ist das ein Schlag ins Gesicht." 

Wie reagiert die Sportwelt? 

In Sportdeutschland fallen die Reaktionen auf das Urteil mehrheitlich enttäuschend aus: Zwar begrüßte der Deutsche Olympische Sportbund die "grundsätzliche Bestätigung" der Sanktionen, bedauerte aber zugleich deutlich, dass es nicht zu dem von der Wada geforderten Strafmaß von vier Jahren gekommen ist. Als zweischneidiges Schwert bezeichnete auch Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages, die Entscheidung des Cas: "Sperre ja, aber Halbierung: Die Begründung hierfür überzeugt mich jedoch nicht."

Drastischer fällt die Reaktion beim Verein Athleten Deutschland aus: "Wir sind enttäuscht und verärgert, dass die Sanktionen so deutlich verwässert wurden", kritisierte der für internationale Politik zuständige Maximilian Klein. "Das schafft kein Vertrauen in das weltweite Anti-Doping-System, dessen Glaubwürdigkeit (...) so sehr gelitten hat." Ähnlich sieht es Nada-Chefin Andrea Gotzmann. Aus ihrer Sicht hätte der langjährige Betrug die größtmöglichen Konsequenzen haben müssen. Doping-Experte Hajo Seppelt spricht mit Blick auf das Urteil nicht nur von einem "Schlag ins Gesicht", sondern glaubt darin auch die Handschrift von IOC-Chef Thomas Bach zu erkennen, der für den weicheren Kurs gegenüber Russland eingetreten ist.

Für Wada-Chef Witold Banka ist der Cas-Spruch Sieg und Niederlage zugleich. Die Wada sei zwar hocherfreut darüber, dass sie den Fall gewonnen habe und die Richter die "dreiste und illegale Manipulation der Labordaten" bestätigt haben. Dennoch zeigte sich Banka enttäuscht darüber, dass die von seiner Agentur empfohlene Vier-Jahres-Sperre nicht bestätigt wurde. Der internationale Leichtathletik-Verband "World Athletics" machte in einer Mitteilung deutlich, dass das Urteil nichts daran ändere, dass erst im März 2021 intern geprüft werde, ob Athleten des suspendierten russischen Leichtathletikverbands RusAF als neutrale Athleten an Sportveranstaltungen teilnehmen dürfen.

In Russland fallen die Reaktionen erwartungsgemäß anders aus: Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada würdigte das Urteil als Sieg des gesunden Menschenverstandes. Rusada-Interimschef Buchanow sieht das Urteil als Beweis für eine vernünftige Haltung gegenüber sauberen Sportlern. Das Nationale Olympische Komitee in Russland kritisierte das Urteil hingegen. In einer Stellungnahme von NOK-Chef Posdnjakow heißt es: "Es gibt keinen Grund für eine teilweise oder vollständige Bestrafung der Rusada und folglich auch nicht für Sanktionen gegen die Teilnehmer des Prozesses."

Ist das Urteil der Schlusspunkt der Affäre?

Zumindest juristisch dürfte das Urteil wegweisend sein. Danach ist zwar noch ein Einspruch vor dem Schweizer Bundesgericht möglich, dort wird aber nicht noch einmal inhaltlich geurteilt. Auch ein Gang russischer Sportler vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist nicht ausgeschlossen.

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