Mittwoch, 08. Februar 2023

Opernsängerin Edda Moser
"Musik, dass die Menschen sich umarmt fühlen"

Wenn das Glück an die Tür klopft, muss man aufmachen, sagt Edda Moser im Rückblick auf ihre lange Opernkarriere. Im Dlf erzählt sie, wie sie die "Königin der Nacht" 1972 im Zorn auf eine Frau sang, von Helmut Kohl und ihrer Liebe zur deutschen Sprache.

Edda Moser im Gespräch mit Christiane Florin | 29.12.2022

Edda Moser, berühmte deutsche Opernsängerin, Sopranistin, Ruhm erlangte sie auch durch ihre Königin-der-Nacht-Arie aus Mozarts Zauberflöte, diese Aufnahme befindet sich in der Raumsonde Voyager 2 und reist seit Jahrzehnten durchs All, Portrait 1994. Edda Moser, famous German opera singer, soprano, she also gained fame for her Queen of the Night aria from Mozart's Magic Flute, this recording is in the Voyager 2 space probe and has been travelling through space for decades, portrait 1994.
Ruhm erlangte Edda Moser unter anderem durch ihre Partie als Königin der Nacht in Mozarts "Zauberflöte" (picture alliance / United Archives / kpa)
Richard Wagners Musik habe sich einfach herrlich gesungen, schwärmte Edda Moser kürzlich in einem Interview. Und doch war es immer Mozart, mit dem ihr Name untrennbar verbunden war. Seine herausfordernden Arien, die so viel Kraft kosteten, dass Edda Moser es Mozart bis heute kaum verzeihen mag. Die „Königin der Nacht“ wurde ihre Paraderolle: glasklar gesungen, treffsicher in der Tonhöhe wie im Ausdruck.
Geboren wird die Sopranistin 1938 in Berlin. Ende der 40er-Jahre zieht Edda Moser mit ihrer Familie nach Weimar. Eine kulturell und künstlerisch prägende Zeit – sie inhaliert die Klassik geradezu, spielt als Kind in Goethes Gartenhaus, wenn ihr Vater, ein angesehener Musikwissenschaftler, die dortige Bibliothek nutzt. Ihre Gesangsausbildung erhält Moser schließlich in West-Berlin.
In den 60er-Jahren folgen Engagements in Würzburg und Hagen. Beruflich eine schwere Phase – fast wirft die Sängerin hin. Doch dann klopft das Glück an ihre Tür, wie sie im „Zeitzeugen“-Gespräch erzählt: Es führt sie an die großen Bühnen der Welt, lässt sie mit den bedeutendsten Musikschaffenden, Dirigenten, Interpretinnen und Interpreten ihrer Zeit zusammenarbeiten.
Heute singt Edda Moser nicht mehr, Kunst und Kultur aber bleiben ihr Leben, der deutschen Sprache hat sie ein eigenes Festspiel gewidmet. Und doch verehrt sie auch die Stille.

Die Kunst zu singen, zu leben, zu lieben

Florin: Frau Moser, ich freue mich sehr, dass wir hier zum Gespräch zusammensitzen. Wir waren ursprünglich für einen Tag im Juli verabredet. Jetzt hat es fast bis zum Jahresende gedauert, und Sie leben noch. Warum ist das keine banale Bemerkung, dass Sie noch leben?
Moser: Ja, das ist ein erstaunlicher Zufall. Ich war in Leipzig gewesen und hatte dort den „Fliegenden Holländer“ in einer wunderbaren Inszenierung und musikalisch absoluter Spitze gehört und bin nach Hause gefahren, ganz wohlgemut, mit meinem Auto, und zu Hause brach ich zusammen. Durch einen Zufall hat eine Freundin angerufen, wie es mir ginge – ja, ich hab ne Grippe. Ah, sagt sie, da komm ich aber, da werde ich Ihnen aber helfen.
Und ab da weiß ich nichts mehr und habe eine Nahtoderfahrung gehabt, dass ich dachte, sterben ist eigentlich sehr schön, der Weg dahin ist schwierig wahrscheinlich. Und dann kam ich zu mir und saß in einem Auto, und die haben mich dann, die Nachbarn, in eine Klinik gefahren, die Rhein-Klinik in Linz. Da bin ich dann 14 Tage in der Intensivstation gewesen, und die haben mich gerettet.
Florin: Haben Sie Musik gehört bei dieser Nahtoderfahrung?
Moser: Nein, nein, ich liebe die Stille. Wenn ich Musik hören will, gehe ich in die Oper und ins Konzert.
Florin: Und wenn es so gewesen wäre, dass Sie jetzt nicht mehr unter uns wären, wären Sie mit sich im Reinen gewesen?
Moser: Ja, ich habe abgeschlossen mit allem. Ich habe viel, viel Schönes erlebt. Etwas ist mir nie begegnet, eine wirklich große Liebe. Die hab ich eigentlich nur gefunden in meiner Musik. Ich habe nie jemanden gefunden, an den ich mich lehnen konnte, das gab es in meinem Leben leider nicht.
Florin: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Moser: Das liegt natürlich an mir. Ich hab den Charme eines Dobermann, und das ist nicht unbedingt jedem genehm.
Florin: Sie waren zu stark?
Moser: Ich musste stark sein. Ich musste stark sein, und ich musste ja meine Idee, ich musste meine Ideale, meine Hoffnungen auf dem Berufsweg erfüllen. Es ist alles erfüllt worden, nahezu alles, aber da gibt’s ja noch andere Dinge im Leben.
Florin: Ist es ein Klischee, dieses Entweder-oder, also entweder die große Liebe im Leben, also im Beziehungsleben, oder die Liebe zur Kunst, zur Musik, die ganz ausgelebt werden will? Oder gibt es auch beides, kennen Sie Beispiele dafür, dass beides geht?
Moser: Ich denke, es gibt beides. Ich hab ja Kolleginnen, die ich sehr geschätzt habe – Lisa della Casa oder Edith Mathis –, die das eben verwirklichen konnten, aber mir ist es nicht gelungen. Ich war ja immer auf Reisen, ich hab ja viele, viele Jahre nur im Hotel gelebt. Und da man ständig schweigen musste, um diesen Beruf bis zur Vollendung wirklich in manchen Partien, die mir Gottlob gelungen sind, hatte ich einfach keinerlei Möglichkeiten, mit Menschen näher zusammenzukommen.

"Ich war in einer anderen Welt"

Florin: Sie sind 84 Jahre alt – darf ich sagen, oder?
Moser: Ja, Sie dürfen das sagen.
Florin: Gab es eine Zeit, in der Sie Ihr Alter nicht genannt haben?
Moser: Ja, natürlich. Man hat das eben, solange man in dem Beruf ist… Wenn die Leute immer das Wort sagen, „ach, Sie singen noch“, hab ich immer gesagt, ich verbitte mir das „noch“. Das Alter ist der Punkt, wo man weiß, es hört auf. Aber solange man diesen Beruf ausübt, kann man sich’s gar nicht vorstellen, dass man einmal aufhören muss.
Selbst darin hab ich, sagen wir mal, Professionalität eben mir selber beweisen können: Ich habe „Salome“ gesungen an der Wiener Staatsoper, und am nächsten Morgen hab ich gesagt, so, das war’s, schöner geht nicht, ich höre auf. Damit die Leute nicht sagen, oh Gott, die singt noch immer. Sie sollen sagen, schade, sie singt nicht mehr.
Florin: Das war 1994.
Moser: Ja.
Florin: Und danach haben Sie Ihr Alter genannt?
Moser: Nein, das hat man auch nicht von mir verlangt oder erwartet, dass ich das sage, und außerdem, jeder wusste, wie alt ich bin. Ich hab nie daraus ein Rätsel gemacht oder so etwas, das finde ich gefährlich. Wenn einer sagt, ach, die ist ja schon … – kommt bei mir nicht infrage, das sind alles Sachen, da steh ich drüber.
Florin: Sie haben vor einigen Jahren in einem Film von Rosa von Praunhein mitgemacht, „Operndiven – Operntunten“ heißt dieser Film. Sehen Sie sich als Operndiva, als Diva, die Göttliche?
Moser: Nein, man selber sieht sich so nicht, das Publikum macht einen dazu.
Florin: Sind Sie unglücklich, wenn das Publikum Sie so sieht, oder unzufrieden?
Moser: Nein. Ich meine, wenn die Leute eben das sagen … Vieles hat mich auch nicht erreicht, weil ich mich immer sehr von den Menschen ferngehalten habe. Ich hab nie Gespräche mit Publikum in dem Sinne, mit Autogrammjägern oder so was gehalten, das gab es gar nicht.
Florin: War es Ihnen wichtig, entrückt zu wirken?
Moser: Ich hab nicht darauf…, dass ich entrückt wirkte, ich war entrückt. Ich war in einer anderen Welt.
Florin: Durch die Kunst?
Moser: Durch die Kunst, absolut, und vor allen Dingen durch die unglaubliche Konzentration. Was man als Sänger anbieten muss an Disziplin, an Schönheit, an sagen wir mal auch angenehm sein, wenn man ein deutsches Lied gesungen hat und so, hab ich immer sozusagen mit meinem Publikum hinter dem Lied gestanden, und wir haben alle zusammen gelitten, ich auf der Bühne und die unten im Publikum. Und ich hab immer gedacht, wenn das Publikum wüsste, wie wichtig es ist, die würden alle Lampenfieber haben.

Was Musik bedeutet – Anfänge, Prägungen, Herausforderungen

Florin: Sie stammen aus einem bildungsbürgerlichen Berliner Elternhaus, sehr kultursinnig. Ihr Vater, Hans Joachim Moser, war ein bekannter Musikwissenschaftler, hat Standardwerke geschrieben, unter anderem über Heinrich Schütz …
Moser: Das ist wahr.
Florin: Über Ihre Mutter erfährt man wenig.
Moser: Ja, meine Mutter war eben der damaligen Zeit entsprechend, sie hat uns – fünf und dann vier Kinder – behütet und geschützt. Ich bin ja in einer Zeit groß geworden, wo der Hunger selbstverständlich war. Sonntags gab’s Kartoffelschalen – was sich heute keiner mehr vorstellen kann, was Hunger ist, dass man Hungerödeme hat, wo man dann auch kein warmes Wasser hatte, um die Schorf an den Beinen abzuwaschen.
Da hat die Mutter nachts um zwei uns aus dem Bett geholt und hat den Schorf von unseren Beinen gewaschen, damit sie die Beine, die offen waren vor Hunger, neu verbinden konnte. Und wir haben gebrüllt wie die Wahnsinnigen, weil es unglaublich schmerzhaft war und schwierig war, und meine Mutter musste all unsere Schreie und unsere Tränen ertragen. Und sie konnte ja nichts Anderes tun als uns trösten irgendwie.
Florin: Das war in der Zeit, in der Kindheit im Krieg.
Moser: Das war das Ende des Krieges, wo Deutschland am Boden war, und wir lebten in Berlin. Ich habe Berlin gesehen als zerworfene Stadt, und man hat als Kind ja gar nichts anderes gekannt. Angefangen zu leben hab ich in Weimar und dann später in Leipzig.
Florin: Welche Rolle hat da die Musik gespielt – war sie Trost, war sie die andere Welt?
Moser: Die Musik war Rettung. Wir waren damals aus unserem Haus – wir wohnten in Babelsberg, da war diese Potsdamer Konferenz, die war hier in Babelsberg –, und wir mussten innerhalb von 20 Minuten aus dem Haus und wurden in irgendein Haus… Vater, der Musikwissenschaftler, sollte suchen, wo die Familie unterkommen kann. Also mein Vater war begeistert, kam nach drei Stunden irgendwie und sagte, er hätte ein wunderbares Haus gefunden. Wir sind da also hin, das war ein Haus, hatte weder Fenster noch Türen, aber eine Bibliothek und einen Flügel. Aber es war Juni, und im Juni konnte man eben – es war 45, also ganz kurz nach dem Ende des Krieges …
Da kann ich mich an eine Sache erinnern: Wir Kinder haben da gespielt, und meine Mutter war wie immer auf Jagd nach irgendeinem Essen, und da stand plötzlich in diesem Haus, das ja keine Türen hatte, ein Russe – besoffen, mit aufgepflanztem Bajonett. Mein Vater saß irgendwo da hinten in einem anderen Zimmer und spielte an dem Flügel, und es war verboten, dass man Radio hatte. Und da sagte dann dieser Russe: Wo Radio? Und wir sagten, wir haben kein Radio – sagten wir Kinder, mein Bruder Jörg war ja älter ich, zwei Jahre. Und der Russe wollte einfach wissen, wo die Musik herkam.
Und da sind wir rüber zu unserem Vater, haben gesagt, Vater, komm, da ist ein Russe. Und der Russe stand da mit seinem Gewehr und zielte auf meinen Vater und sagte: Wo Radio? Und mein Vater sagte zu diesem Russen: Komm, komm! Und der Russe ging in das Zimmer, wo das Klavier stand, und mein Vater setzte sich an den Flügel und spielte „Ein feste Burg ist unser Gott“. Da sah ich, was Musik bedeutet.

"Ich lese zwar die Bibel, die hat aber nichts mit der Kirche zu tun"

Florin: Musik, auch Glauben, Religion?
Moser: Na, wissen Sie, mit meinem Glauben, das ist so eine Sache. Ich lese zwar die Bibel, die hat aber nichts mit der Kirche zu tun. Ich habe mit der Kirche nicht viel, sagen wir mal, in meiner Seele, obgleich ich natürlich die großen Oratorien alle gesungen habe. Und wenn man Mozart-Requiem gesungen hat oder „Missa solemnis“ oder Matthäus-Passion, dann wusste man, es gibt einen Gott, irgendwo. Aber das, was uns die Kirche erzählt und diese Lumpen – es gibt natürlich Ausnahmen –, was wir erleben müssen über die Kirche, das ist schon sehr bitter.
Florin: Wann haben Sie gemerkt, ich habe eine besondere Stimme?
Moser: Tja, eigentlich hab ich es nicht bemerkt, sondern mein Vater. Mein Vater, dem gefiel das immer, ich hab da immer so nett vor mich hin gesungen und so, und dann sagte mein Vater, ja, er hätte eine Gesangslehrerin, da sollte ich mal hin. Aber da kam ich dann dahin, eine sehr feine Dame, entzückend, sprach ständig und immer nur auf ihren Hund ein. Hab ich gesagt, das ist das wohl nicht. Und dann hab ich meinem Vater gesagt, die redet nur mit dem Hund, kann auch nicht Klavier spielen, also das klappt nicht.
Florin: Wie alt waren Sie da?
Moser: Da war ich 17, also nach dem Stimmbruch.
Florin: Also da ging’s auch schon besser, da war diese Zeit des Hungers und der Kartoffelschalensuppen vorbei.
Moser: Das war natürlich dann besser, ganz klar, aber viel war es auch nicht mehr, aber egal. Jedenfalls kam ich dann zu irgendeinem Gesangslehrer, der schlug mir mit der vollen Faust immer in den Magen, da hab ich gesagt, das kann es auch nicht sein. Und dann hab ich in der Deutschen Oper Berlin – ich hatte also am Konservatorium studiert, wo mein Vater eben Direktor war, wir kriegten auch Regieunterricht und so weiter da im Konservatorium …
Florin: Gesang haben Sie da studiert?
Moser: Ich hab da schon Gesang gehabt, aber eher Repetition und einfach musikalische Grundbildung. Und da war eben dann auch ein Lehrer, der Regie machte, Werner Kelch hieß er. Der guckte mich immer so an und der sah, dass ich keine Hemmungen hatte in meiner Bewegung, denn ich hatte in Weimar, wie wir in Weimar waren … Weil ich schweres Bronchialasthma hatte, haben die Eltern mich dann in die Ballettschule geschickt, und da hab ich tanzen gelernt, dass ich eben einfach meinen Körper beherrschen konnte.
Und der Kelch hat das da gesehen in dem Konservatorium, wie ich mich bewege, und sagte zu mir, ich eröffne die Deutsche Oper Berlin mit „Butterfly“ und wollen Sie die Kate Pinkerton machen? Ich hatte weder Ahnung, wer die Kate Pinkerton ist, „Butterfly“ war mir auch nicht so unbedingt nah. Also jedenfalls, ich wurde dort engagiert für zehn Mark am Abend, aber immerhin, das war für mich …
Und da war eine Pianistin, Hertha Klust, sehr berühmt, die größte Begleiterin eben zur damaligen Zeit, und da hab ich mich immer hingesetzt und so und sagte ihr: Sagen Sie mal, wissen Sie nicht, wo man Gesang studieren könnte, irgendwo. Ja, sagt sie, es gibt eine Gerty König in Berlin, da bin ich dann hingegangen, und die hat mir dann die Technik beigebracht. Die Körperbeherrschung des Singens, das hat die mir also alles gezeigt und so weiter, anhand und mit meinem Ballettkönnen. Alle mochten mich, weil ich mich gut bewegen konnte.
Florin: Und für wen war das anstrengender, für Sie oder für die Gesangslehrerin?
Moser: Für beide. Und ich hab’s auch nicht am Anfang sofort verstanden. Es ist auch eine ganz bestimmte Art, wie man seinen Gaumen belüftet. Das sind Dinge, die man natürlich erst verstehen muss. Ich weiß nicht, wie ich meinen Gaumen belüfte, heute ist das eine Selbstverständlichkeit für mich. Aber so hat sie das mir beigebracht, und dann hab ich singen gelernt, bin ins Engagement gekommen, und später hab ich dann noch einmal eine richtige Lehrerin, wie ich dann das schwere Fach übernommen hab.
Edda Moser (Rheinbreitbach und Koeln, li.) und Bundespraesident Frank-Walter STEINMEIER (re.), Ehrung und Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Buerger und Buergerinnen durch den Bundespraesidenten im Schloss Bellevue zum Thema "Mut zur Zukunft: Grenzen ueberwinden", Berlin, Deutschland am 02.10.2019. Ã
Moser bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2019 (picture alliance / SvenSimon / Jan Kuppert)

"Man muss ohne Mühe singen"

Florin: Sie haben mal über Gesangsunterricht gesagt, es kann da gut sein, dass man als Nachtigall reingeht und als Eule wieder rauskommt. Sie sind schon streng in Ihren Meinungsäußerungen.
Moser: Das würde man wohl so sagen, ja. Ich bin unerbittlich, weil ich eben sage, wir müssen eben mit unserem Gesangskönnen einfach die Menschen bewegen, das geht nur über die Technik. Wenn irgendeiner eine Mühe merkt im Publikum, ist es aus. Man merkt das, man merkt es ja auch selber. Aber man muss ohne Mühe singen, und das ist die Beherrschung des Körpers.
Florin: Gab es in Ihrer Familie, die natürlich sehr musikalisch war, wo Kunst, wo Musik zum Alltag gehörte, wie Sie es vorhin beschrieben haben, gab es da nicht die Vorstellung für die Tochter, nun heirate, dann bist du versorgt, geh nicht in diese brotlose Welt der schönen Künste?
Moser: Nein, bei uns überhaupt nicht. Mein Vater hatte ja auch gesungen, hat aber dann, als die Nazis kamen, hat mein Vater die Stimme verloren und hat dann nicht mehr gesungen, aber meine Mutter hat wunderbar gegeigt. Dadurch war eben die Musik eine absolute Selbstverständlichkeit. Die haben eben gesehen, Eddchen geht zum Theater. Das wussten  … Wie ich drei Jahre alt war, wussten die Leute, die geht zum Theater. Ich habe Mutterns Hut getragen und die viel zu großen Schuhe und habe also schon da sozusagen meine Botschaft gehabt.
Florin: Sie haben in Berlin studiert und hatten danach Engagements in Würzburg und in Hagen. Jetzt nichts gegen Würzburg und Hagen, aber sicherlich nicht die Orte, an denen das kulturelle Leben so pulsiert. Hatten Sie damals schon Träume von der Mailänder Scala oder von der Met in New York?
Moser: Ja, aber selbstverständlich, für mich war die Wiener Staatsoper eben einfach der Traum, aber ich kann jedem nur raten, der diesen schweren Beruf eben machen will, erst in die Provinz zu gehen, um kennenzulernen, was ist eigentlich Theater. Und meine beiden besten Freundinnen waren in Hagen und haben mich erzogen, wie man sich auf der Bühne benimmt, wie man grüßt, wie man den Mund hält, wenn es nicht nötig ist, möglichst nichts zu sagen und zu schauen und in sich aufzunehmen, was kommt da auf mich zu. Und die Nervosität muss man, man muss sich ans Lampenfieber gewöhnen.
Florin: Ist das Lampenfieber oder ist das auch Angst?
Moser: Lampenfieber ist Angst. Die Angst vor dem Versagen, dass einem der Text wegbleibt, eben dass man eine falsche Phrase singt oder so. Alle diese Dinge lernt man an einem kleinen Theater.
Florin: Ist das eine Angst vor sich selbst, vor dem Publikum, dem Dirigenten?
Moser: Nein, eigentlich vor dem eigenen Versagen. Dass einem etwas nicht einfällt. Aber man muss lernen, mit der eigenen Angst fertig zu werden, die hört ja nie auf.
Florin: Sie haben sich vorhin als unerbittlich selbst beschrieben. Vermutlich sind Sie auch unerbittlich gegenüber sich selbst, also Ihre unerbittlichste Kritikerin. Gab es Versagen in Ihrer Karriere?
Moser: Versagen, richtig versagen nicht. Aber als ich dann eben merkte, ich kann in „Königin der Nacht“ nicht mehr singen, dass man sich in den Griff nimmt und klug und eiskalt mit sich selber zu Gericht geht und sagt, was kannst du, was kannst du nicht mehr, das muss man. Man darf sich nie schönreden oder hoffen, dass man, wie man sich Make-up ins Gesicht macht, dass man hofft, dann nicht so alt auszusehen.
Diese Dinge muss man lernen und ganz streng mit sich sein. Das heißt aber auch, streng mit seiner Umgebung, dass man nicht lauert auf Komplimente, das ist, was Sänger, die eben aufhören mit ihrer jugendlichen Kraft, die lässt ja nach, jeder hört auf, dass man da eiskalt sagt, warst du gut oder was?
Und ich habe immer Leute gehabt, die meine Vorstellungen aufgenommen haben von einem Stehplatz aus. Dadurch konnte ich immer die Bänder nach der Vorstellung abhören. Und wenn ich selber mich irgendwie geirrt hatte oder ein Gefühlt hatte, das war nicht in Ordnung, zu hoch zu singen, zu tief zu singen oder so, da muss man eiskalt sein.

Königin der Nacht – Männer an der Macht

Florin: Jetzt haben wir schon einen Zeitsprung gemacht, wir waren ja eigentlich noch in Würzburg und in Hagen. Und dann kam ein Moment, der Opernstoff sein könnte, weil man es doch häufig auch liest, die Hauptdarstellerin erkrankt, jemand muss einspringen. Das ist dann der große Moment, mit dem die Karriere beginnt. So ist es Ihnen in Berlin ergangen. Sie sind in Berlin eingesprungen, und damit fing eigentlich die ganz große Karriere an.
Moser: Ja, bei Hans Werner Henze, da war eben eine Sängerin, die den Abend nicht singen konnte. Da war der sehr berühmte Manager Witiko Adler, die Konzertdirektion Adler, der hatte mich gesehen bei irgendeinem Chor. Ich hatte mich eigentlich aufgegeben, weil nach Hagen habe ich gesagt, ich bin für den Beruf nicht geeignet, ich habe keine Nerven.
Dann war es irgendwie so, irgendwie hieß es, ja der RIAS-Kammerchor sucht Ergänzungssänger, wenn der Karajan die Neunte machte, dann war der mit 34 Sängern nicht zufrieden, der brauchte einen größeren Chor. Bei dem Vorsingen hat mich der Witiko Adler gehört, der kam danach dann zu mir, aber es war vorher, dass einmal der RIAS-Kammerchor mich mittags anrief und sagte, Frau Moser, es ist etwas Grauenvolles passiert, eine Sängerin ist nicht besetzt worden, weil wir es nicht gewusst haben. Ja, wann ist das Konzert? Ja, morgen Abend.
Florin: Da sind Sie eingesprungen?
Moser: Da bin ich eingesprungen. Da habe ich diese Partie innerhalb von Stunden übernommen, in dem Konzert hat mich der Adler gehört und hat gesagt, wer sind Sie? Ich sage, ich bin niemand. Und er so, ja, warum sind Sie hier? Er war immer ein bisschen flapsig. Da habe ich gesagt, na ja, Gott, ich singe „Die Königin der Nacht“, das kann ich. Da sagte er, aha, ja  … Und dann hat er mich drei Tage später angerufen und hat mich Hans Werner Henze vorgestellt.
Edda Moser, berühmte deutsche Opernsängerin, Sopranistin, Ruhm erlangte sie auch durch ihre Königin-der-Nacht-Arie aus Mozarts Zauberflöte, diese Aufnahme befindet sich in der Raumsonde Voyager 2 und reist seit Jahrzehnten durchs All, Portrait 1976. Edda Moser, famous German opera singer, soprano, she also gained fame for her Queen of the Night aria from Mozart's Magic Flute, this recording is in the Voyager 2 space probe and has been travelling through space for decades, portrait 1976.
Edda Moser im Jahr 1976 (picture alliance / United Archives / kpa)
Florin: Und dann ging es nach London, nach Dresden, Sie wurden Karajan vorgestellt. „Die Königin der Nacht“, Sie haben sie jetzt ja erwähnt, Sie haben die Geschichte auch schon sehr oft erzählt, aber natürlich kann man nicht über Sie sprechen, nicht mit Ihnen sprechen, ohne diese „Königin der Nacht“. Und auch die, gerade auch die Plattenaufnahme, die legendäre, die hat ja eine Vorgeschichte.
Moser: Na ja, das sind so die kleinen Querelen, die Intrigen, die von dummen Menschen  … Wissen Sie, dumme Menschen sind so schrecklich, weil Dummheit hört ja nicht auf, Bosheit hört auf, Dummheit nicht. Und da haben mich viele eben auch beneidet oder so da hatte jemand gesagt, ob ich die „Königin der Nacht“ könnte und so weiter, es gäbe doch viel bessere. Da hat dann eben Sawallisch gesagt, Sie macht es.
Florin: Der Dirigent Wolfgang Sawallisch. Gut, die Zeile heißt ja auch oder die berühmteste Zeile daraus heißt ja auch: Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen. Sie haben das damals ja so tatsächlich auch gesungen, wutentbrannt, vielleicht etwas wutentbrannter als sonst.
Moser: Na ja, ich habe eben gesagt, denen werde ich es mal zeigen, wer hier „Die Königin der Nacht“ kann. Gut, die Frau, die mich nicht wollte, war die Frau vom Sawallisch. Und da hat dann der … Wir haben hier die Schallplatte gemacht, und die wollte auf der Schallplatte eine andere Sängerin, die Frau des Dirigenten.
Da habe ich gesagt, na, das werden wir aber sehen. Da habe ich dann eben meine ganze Emotion, natürlich auch, um Mozart zu dienen, natürlich, klar, habe ich dann eben „Die Königin der Nacht“ so gesungen mit diesem Zorn. Und das hat funktioniert.
Florin: War das häufiger eine Einstellung in Ihrem Leben, denen werde ich es zeigen oder der werde ich es zeigen?
Moser: Kaum, die Leute hatten alle sehr viel Respekt vor mir, weil sie eben wussten, dass ich selten falsch singe oder selten schlecht singe. Ich habe mich immer hinter meine Stimme gestellt, habe gesagt, das wird schon gehen. Ob Karl Richter, dieser heilige Mann, mit dem ich eben sehr viel gesungen habe, auch Karajan, der große Mann, und dann Bernstein, ich habe eben alle großen Dirigenten erleben dürfen.
Florin: Wir reden jetzt von Anfang der 70er-Jahre, 1972 ist diese legendäre Aufnahme entstanden. Wurde es damals einer Frau zugestanden, dass sie Zorn zeigte, Wut zeigte, Entschiedenheit zeigte, auch den Willen zu einer großen, weltweiten Karriere?
Moser: Wissen Sie, ich habe keinen gefragt, ich habe nur gesungen. Das hat sich dann ergeben. Der Karajan hat gesagt, wir fahren jetzt nach New York, und ich fuhr mit Karajan nach New York und habe da also im Ring, ich war eine von den Rheintöchtern gesungen, dann habe ich den Karajan auf dem Flur zufällig in der Oper, in der Metropolitan getroffen und habe gesagt, Herr von Karajan, ich möchte hier gerne vorsingen, denn mit der Rheintochter, da falle ich nur auf, wenn ich falsch singe. Und da hat der Karajan gesagt, ah, ja, ja, ja – und ist weitergegangen.
Und eine Stunde später klingelt bei mir das Telefon, Rudolf Bing war am Telefon persönlich und sagte, Miss Moser, ich höre, Sie wollen mir vorsingen, na dann kommen Sie mal morgen oder so. Dann bin ich dahingegangen, habe „Die Königin der Nacht“ an der Metropolitan Oper vorgesungen und stand da mutterwindallein vor diesem riesigen, riesigen Haus und habe einfach gesungen. Ich habe weder an Gott geglaubt noch an irgendetwas, habe gesagt, ich bin da, ich darf es tun.
Und das ist eben, wenn das Glück an die Tür klopft, muss man aufmachen – und nicht sagen, ach, ich muss erst mal nachdenken.
Florin: Sie haben vorhin die etwas zähen Anfänge geschildert, Würzburg und Hagen, und dann ging es sehr schnell, dass Sie auf den größten Bühnen dieser Welt gestanden haben. Was war das, Können, Disziplin, Zufall, Glück?
Moser: Ach, es war alles. Es war eigentlich auch von den Leuten, die mir zugehört haben, Neugierde, denn die haben gesagt, diese Puppe da, die da mit ihrem kurzen Kleid angehüpft kommt, ein ganz nettes Mädchen, sieht niedlich aus und so, die haben gesagt, keiner konnte sich das vorstellen. Dann habe ich losgelegt.
Und das verlange ich natürlich dann auch später von den Studenten oder von den Sängern, die heute schon namhaft sind, da sage ich, nun mal ran an den Feind! Ich war eben immer irgendwo glücklich. Ich habe gesagt, es geht, ich kann es. Wenn mir die Chance geboten wird, dann muss ich sie erreichen und ergreifen.

Die Freundschaft mit Helmut Kohl

Florin: Beim Durchlesen und Durchhören der vielen Interviews, die es mit Ihnen gibt, da fällt auf, dass Sie über Frauen, vor allem über Dirigentengattinnen, nicht so freundlich reden, um es mal diplomatisch auszudrücken, wie über die Männer, mit denen Sie gearbeitet haben. Vom heiligen Mann haben Sie vorhin gesprochen, da sprechen Sie sehr bewundernd von. Haben Sie ein Faible für mächtige Männer?
Moser: Ja, ich meine, im Leben sind mir sehr viele mächtige Männer begegnet wie Helmut Kohl, wie Hans-Dietrich Genscher.
Florin: Aber auch in der Musik mächtige Männer, ein Dirigent war zumindest damals ein mächtiger Mann.
Moser: Ich habe ja nur mit mächtigen Männern gesungen. Ich bin ihnen gefolgt, sagen wir es mal so. Und ich war eben pflegeleicht insofern, dass ich nur gesungen habe. Da waren mir Kolleginnen einfach auch Vorbild wie zum Beispiel Hanna Schwarz, die stand und sang, und der Himmel ging auf. Und ich sage, siehst du, so muss man das machen. Nicolai Gedda hat in einer Stille dagestanden, Peter Schreier oder Theo Adam, die wurden alle Freunde anhand meiner Art, aber die waren mir alle Vorbild.
Florin: Unter Emanzen-Verdacht standen Sie nicht?
Moser: Nein, nein, ich hatte einen frechen Mund, aber ich meine, ich habe mich eben nur manchmal gewehrt und war eben als Berlinerin natürlich schlagfertig. Und wir waren ja in Berlin trainiert einfach, man hat immer „Die Insulaner“ gehört oder so etwas. Und das waren für mich Leute, die mit Geist und Charme witzig sein konnten und sich wehren konnten. Das war für mich ein Vorbild, alle, ich meine …
Florin: Das Kabarett, „Die Insulaner“, das müssen wir vielleicht dazusagen.
Moser: Das war im Berliner Kabarett, ja.
Florin: Sie haben eben die Politik angesprochen, Sie haben den mächtigen Mann Helmut Kohl angesprochen. Der war einer Ihrer Bewunderer.
Moser: Er war ein Freund.
Florin: Sie waren mit ihm befreundet.
Moser: Ich war mit ihm befreundet.
Florin: Was hat er an Ihnen bewundert?
Moser: Ich glaube, der hat meine Stimme gemocht. Der kam in Salzburg, bei den Festspielen, immer, wenn ich gesungen habe, war der da. Und viele, also … Ich hatte immer Leute, die, sagen wir mal, in dem Sinne keine Musiker waren, aber die mochten einfach, wie ich war. Das hat dem Helmut Kohl gefallen.
Und Hans-Dietrich Genscher habe ich durch seine Frau kennengelernt, die mich einfach mal auf irgendeinem Konzert sah und hörte. Und die hat gesagt, wollen Sie uns nicht mal besuchen, ich höre, Sie wohnen doch in der Nähe von Bonn. Bis zu seinem Tod war ich mit Genscher befreundet und ich bin mit seiner Frau bis heute befreundet.
Kammersängerin Edda Moser mit Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) während eines Empfangs im August 1989 in Salzburg (Ãsterreich). Foto: Istvan Bajzat +++(c) dpa - Report+++
Moser und Kohl 1989 bei einem Empfang in Salzburg (picture-alliance / dpa / Istvan Bajzat)
Florin: Es hieß, dass Sie die Bäume an Ihrem Haus in der Nähe von Bonn so gepflanzt haben, dass Helmut Kohl unbeobachtet zu Ihnen kommen konnte, als er noch Kanzler war.
Moser: Klar! Er kam da, er kam oft, dann habe ich immer seine Freunde eingeladen, weil die Hannelore schon sehr krank war und verboten hatte, dass er irgendwelche Leute mit nach Hause nimmt. Dann habe ich die eingeladen und so. Da waren eben wunderbare … Ackermann war eigentlich immer da mit seiner wunderbaren Frau, der Pressemann eben. Und so waren eben viele da.
Florin: Jetzt hoffe ich mal, dass die Witwe Helmut Kohls uns nicht verklagt, aber ich frage es, was haben Sie an ihm bewundert, an dem Freund Helmut Kohl?
Moser: Einfach seine Art. Er wirkte ja in der Öffentlichkeit mitunter linkisch, aber er war hochgebildet, war ein Freund der Gesellschaft und mochte es sehr gerne. Und wir haben ihn natürlich dann gefragt, er wusste, der Ecki, sein treuer Ackermann, der ihn immer gebracht hat und so weiter, die wussten, was in meinem Haus besprochen wird, geht garantiert nicht raus, das wusste er. Es wurde wirklich Tacheles geredet. Aber er hat natürlich nie von seinen, sagen wir mal, von seinen  … Es interessierte ihn auch nicht, zu Hause bei mir eben über seine Politik zu reden.
Florin: Schade, das hätte ich Sie jetzt gerne gefragt. Sie haben ihm ja die Welt der Musik erklärt, die Welt der Oper erklärt.
Moser: Genau.
Florin: Hat er sich von Ihnen auch mal politischen Rat geholt?
Moser: Nein, nein, nein, überhaupt nicht. Ich meine, ich war absolut unbegabt in jeder Form von Politik, ich habe vielleicht einen gesunden Menschenverstand, aber für die Politik braucht man viel mehr, man braucht eine große Menschlichkeit, die er auch hatte. Dass wir dort eben über die Kultur reden konnten und über Literatur und so weiter, das war ihm einfach angenehm, dass er wusste, da wird Politik an der Garderobe abgegeben.
Florin: Hat ihm „Die Königin der Nacht“ gefallen, diese rächende Frau?
Moser: Es hat ihm imponiert. Und er wusste  …
Florin: Die hohen Töne, das dreigestrichene F.
Moser: Das F, na ja, das wusste Helmut Kohl natürlich nicht, aber er wusste einfach, dass ich furchtlos war. Vielleicht hat ihm, das kann sein, dass meine Furchtlosigkeit, diese schweren, schweren Arien von Mozart zu singen, auch die Konzertarien, die gehen ja auch bis zum grünen L, das hat ihm imponiert, dass ich das voller Mut gesungen habe.

Die Unerbittliche – Retterin der deutschen Sprache

Florin: Wir haben jetzt schon viel über die Oper gesprochen. Wichtig war Ihnen auch immer das Lied.
Moser: Ja, das kann man wohl sagen.
Florin: Johannes Brahms am Sonntagmorgen mit Christoph Eschenbach am Piano. Johannes Brahms, Ihr Vater hat noch auf dem Schoß von Johannes Brahms gesessen.
Moser: Dass Sie das wissen, das freut mich sehr.
Florin: Dieses Kunstlied ist eine bedrohte Gattung?
Moser: Es stirbt einfach, aber das liegt nicht am Publikum. Das deutsche Lied – einfach durch das Management und durch die Konzertunternehmer – findet nicht mehr statt. Und dazu fehlen auch die Sänger, die eben mit schönsten Stimmen, mit vor allen Dingen exzellenter Diktion, was ja alles den Berg runtergeht. Alle diese Dinge werden verwahrlost und verschlammt, und ein Lied ist nur dann bewegend, wenn man den Text versteht.
Florin: Sie sind ja dann doch eine Art Politikerin geworden, eine Art Sprachpolitikerin, mit Ihren Festspielen der deutschen Sprache in Bad Lauchstädt. Festival wollten Sie nicht.
Moser: Da gehe ich natürlich…, weil es ja kein deutsches Wort ist. Ich sage auch eines, ich habe ja gar nichts gegen englische Ausdrücke, solange man aber in der deutschen Sprache einer Sache Farbe, Inhalt und die deutsche Sprache pflegt, bin ich natürlich hinterher, dass man diese Wörter benutzt.
Aber es gibt unendlich viele Dinge, die heute man gar nicht mehr – wie Geborgenheit oder Ungemach –, Worte, die man einfach nicht benutzt. Und ich bestehe darauf, wenn ich bei Leuten bin, irgendwo eingeladen bin oder so, und einer sagt, okay, gucken alle sofort zu mir, weil sie eben sagen, was wird sie jetzt sagen?
Florin: Zu dem Wort okay?
Moser: So, dann mussten meine Studenten immer einen Euro zahlen.
Florin: Also Ungemach, zu der Verbreitung dieses Wortes haben Sie ja gerade beigetragen. Also, Sie sehen sich durch diese Festspiele als Sprachretterin?
Moser: Ich bemühe mich einfach, einem Publikum zu zeigen, wie schön die deutsche Sprache ist, dass es ein Lustgefühl ist, wirklich deutsch zu reden. Darauf bestehe ich!
Florin: In einem Beruf, in dem Sie selbstverständlich Italienisch gesungen haben.
Moser: Das war absolut selbstverständlich.
Florin: Das war etwas Anderes dann, wenn man als Deutsche Italienisch singt, weil der Operntext, das Libretto, das erfordert, dann ist das etwas anderes?
Moser: Das ist einfach in italienischer Sprache komponiert.
Florin: Und Primadonna, wenn ich das jetzt in einem deutschen Satz verwende, da haben Sie aber nichts gegen?
Moser: Nein, überhaupt nicht.
Florin: Das ist aber ja auch kein deutsches Wort.
Moser: Primadonna ist Italienisch, die erste Dame. Primadonna ist einfach ein Begriff geworden. Ich habe ja nichts gegen Englisch, aber wenn es falsch angewendet wird und unnötig angewendet, dann gehe ich natürlich irgendwie in die Luft.
Florin: Ein deutsches Wort für okay?
Moser: Gibt es gar nicht, das ist auch gar nicht nötig.
Florin: Nicken oder was sollte man dann  … ?
Moser: Entweder sagt man, das ist in Ordnung, das ist genau dasselbe, das ist in Ordnung oder okay, das ist die gleiche Zeit, die man braucht.
Edda Moser auf der Bühne beim Festspiel der deutschen Sprache in Bad Lauchstädt
Edda Moser 2013 beim Festspiel der deutschen Sprache in Bad Lauchstädt (imago / Köhn)

Gendergerechte Sprache "ist ein Schwachsinn, absolut nicht nötig"

Florin: Ich habe jetzt lange überlegt, ob ich das Thema anschneiden soll, aber ich mache es mal, gendergerechte Sprache, ich vermute, da kocht der Hölle Rache in Ihrem Herzen?
Moser: Nein, wissen Sie, dieses Gendern ist einfach eine Verunglimpfung unserer Sprache. Wenn ich sage Künstler, Doppelpunkt, -innen, das ist einfach eine Schande. Die Zeit muss sein, Künstlerinnen und Künstler zu sagen. Briefträger, Doppelpunkt, -innen, da kriege ich einfach, da wird mir einfach schlecht!
Florin: Aber das entspringt ja dem Bedürfnis, auch Menschen anzusprechen oder gerecht über Menschen zu sprechen, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen. Vielleicht gibt es eine kreativere, andere Lösung, um diesen Menschen gerecht zu werden.
Moser: Ich habe mein ganzes Leben lang mit homosexuellen Menschen zu tun gehabt – und es ist einfach die Achtung, die man den Leuten entgegenbringen muss und soll und darf und kann, das ist, was ich eben  … Ich habe meine allerbesten Freunde, sagen wir mal, im Beruf oder so etwas, die sind eben homosexuell. Und sie haben meine größte Liebe, meine größte Zärtlichkeit, und ich bin mit denen wirklich bis zum Tode zusammen. Aber die haben ja auch etwas gegen diese Genderei. Das ist ein Schwachsinn, absolut nicht nötig.

"Ich bin urkonservativ, immer schon gewesen"

Florin: Sind Sie eine Konservative?
Moser: Ich bin urkonservativ.
Florin: Immer schon gewesen oder geworden?
Moser: Immer schon gewesen, das sind die Meister gewesen, die vor mir waren, die eben  … Dieses ist die Erziehung meiner Eltern natürlich, und die Oper ist ja auch eine Tradition, die in die alten Zeiten eben zurückreicht. Und darum, da ich ein ganzes Leben lang eben der Musik verbunden war, ist es kein Wunder, dass ich eben mich mit den Werten schmücken, will ich nicht sagen, sie sind meine Lebensluft.
Florin: Aber die Künstler, die Komponisten, deren Werke Sie gesungen haben, waren ja keine Konservativen. Ich weiß zwar nicht, ob Mozart jetzt heute mit Genderstern sprechen würde, aber Mozart war ja kein Konservativer, Beethoven war kein Konservativer, die Konservativen haben aufgeschrien bei Beethovens Neunter, wie kann man nur einen Chor in eine Sinfonie einbauen! Also, wie bringen Sie das zusammen, dass Kunst nicht konservativ ist?
Moser: Das ist einfach die Genialität. Mozart war nicht von dieser Welt, Brahms war nicht von dieser Welt, sie waren einfach eben mit so unglaublichen Gaben beschenkt worden und konnten diese Gaben eben verwandeln in Sinfonien und die Menschen retten, die konnten einen ja retten – wie das Lutherlied oder so etwas. Das war für uns  … Da bin ich aufgewachsen.
Alle diese Dinge, ich befasse mich sehr viel mit Philosophie, das kommt natürlich durch meine Einsamkeit, dass ich eben sehr viele Stützen suche in der Philosophie. Und ob ich Spinoza lese oder so etwas, all diese Sachen verlangen einfach von mir, dass ich diesen Dingen mich öffne – und das ist einfach die alte Zeit. Und ich muss sagen, ich bin nicht schlecht gefahren, die Leute hören mir gerne zu. Jeder will von mir irgendetwas hören, nicht unbedingt gesungen, auch gesprochen. Das ist meine Lebenserfahrung und das ist mein Traditionsbewusstsein.
Florin: Aber diese Vorstellung, dass früher etwas besser war, gerade in der Kunst oder in der Sprache, diese Vorstellung ist ja auch sehr alt und hat sich eigentlich selten bewahrheitet, denn es kam ja dann doch immer etwas sehr Gutes, Geniales, obwohl so viele gesagt haben, da kommt nichts mehr.
Moser: Da geht es dann um den Geschmack, was passt zu mir, das kann ganz neu sein. Die Leute haben mich alle bewundert, wie ich Henze gesungen habe. Und die anderen haben sich die Haare gerauft, wie kann man so etwas überhaupt lernen. Ich habe gesagt, ich habe es mir angeeignet und es hat mir gepasst. Und Henze hat einmal, wo wir ein Konzert hatten in Berlin, da sagte er, er möchte sich nicht überschätzen, aber ich soll seine Musik singen, wie ich Mozart singe.
Da war ich eben einfach, da habe ich gedacht, ja, so geht es auch. Viele Dinge, die modern sind, bewundere ich, mir hat erst jetzt die Medizin das Leben gerettet, ich war schon weg. Aber die Neuerungen der Medizin sind genauso wie Neuerungen von philosophischen Ideen, obgleich ich moderne Philosophen nicht unbedingt mag.
Florin: Das hätte mich jetzt auch gewundert, wenn Sie sagen würden, die moderne Philosophie, was immer das auch sein mag.
Moser: Nein, da gehöre ich nicht hin.
Florin: Sie sind entschieden in Ihrem Urteil, unerbittlich haben Sie es genannt. Gab es Urteile, die Sie revidieren mussten?
Moser: Manchmal mit Menschen, die man dann eben kennenlernte, die mir eigentlich grässlich waren, und dann wusste ich oftmals dann, ihre Art entstand aus Leid. Da habe ich, sagen wir mal, Verständnis, aber mitunter eben auch, dass ich eben sage, ich hätte das anders gelöst.
Florin: Und Werke, von denen Sie sagen, da hatte ich am Anfang keinen Zugang oder denen habe ich unrecht getan, die habe ich mir dann im Laufe des Lebens – auch mit einer gewissen Lebenserfahrung – erschlossen, musikalische Werke, die Sie erst später gesungen haben?
Moser: Nein, kann ich nicht sagen. Ich habe natürlich manche moderne Musik gesungen, aber zum Beispiel so ein Mann wie Boulez konnte nie die Herzen berühren. Ich bin dafür da, die Menschen zu trösten. Und die Musik, die ich singe, muss dazu sein, dass die Menschen sich umarmt fühlen.
Ich habe die Menschen immer umarmt – und mit Henze klappte es. Aber ich konnte nicht, wenn Menschen eben diese moderne Musik, die ich dann manchmal gesungen habe, die Menschen waren mir fern. Die Liebe ist die größte Macht auf der Welt, und wenn in einer Musik keine Liebe ist, kann man es vergessen. Das war immer so, ich habe alles im Gefühl gemacht. Und wenn mein Gefühl eisig blieb oder so, dann wusste ich, da stimmt etwas nicht.

Allein im Weltall

Florin: Fühlten Sie sich mächtig in diesem Moment auf der Bühne?
Moser: Nein, nein, kann ich nicht sagen. Ich habe mich ja immer doch eben auf der Bühne, da war ich immer im Ensemble. Was in der Musik oder auf der Bühnenpräsenz eben halt ist, ist die Einsamkeit. Mit der muss man sich zurechtfinden. Die Einsamkeit, einerseits, sagen wir mal, eine gewisse Abschottung, aber man fühlt sich einfach auf der Bühne einsam.
Aber ich kann mich erinnern, ich habe „Die Entführung aus dem Serail“ gesungen, James Levine hat dirigiert an der Metropolitan Oper, er war einsam, ich war einsam. Und was wir da für eine Musik gemacht haben in der Traurigkeitsarie, da habe ich gesagt, es muss doch irgendwo einen Gott geben, dass solche Punkte so zusammentreffen wie eine mathematische Lösung, das war James Levine, Mozart, Orchester und ich da oben auf der Bühne in meiner Einsamkeit.
Florin: Levine, da schauen Sie aber doch jetzt wahrscheinlich anders drauf – mit all dem, was man über ihn weiß.
Moser: Er war krank, aber so schrecklich arm dran, er rannte ja den Kindern nach und hat große Verbrechen begangen. Aber als Musiker ist er absolut ein Gott gewesen.
Florin: Das können Sie so trennen?
Moser: Das muss ich so trennen.
Florin: Die Kunst von dem Menschen.
Moser: Ja, das tue ich einfach. Und der Mensch war ein verlorener, aber hat in der Musik vielleicht seinen Trost versucht, zu finden, denn er konnte sich selber ja auch nicht leiden. Wenn einer so fett ist, er hat sich fett gefressen aus lauter Angst und Kummer. Er wusste, dass er ein Verbrecher ist.
Florin: Es gibt einen Dokumentarfilm über Hermann Prey, auch ein großer Mozart-Sänger  …
Moser: Wunderbar, wunderbar.
Florin: … und in diesem Film zeigt sich diese Einsamkeit, von der Sie vorhin gesprochen haben, und zugleich, dass die Einsamkeit, die Verletzbarkeit etwas ist, von dem man künstlerisch profitieren kann – und dass das auch gefährlich ist, dass man vom Leiden künstlerisch profitieren kann.
Moser: Gefährlich ist es nicht, die Einsamkeit, man hat eben, sagen wir mal, die Einsamkeit ist auch eine Flucht, damit man das Große, was man kann, vollbringen kann, das geht nicht mit Geschwätz und anderen Leuten, sondern man muss ganz für sich sein und mit Gott und muss sagen, ich darf dienen. Das hat der Hermi auch gemacht. Ich meine, ich war mit dem Hermi sehr befreundet, wir haben uns sehr, sehr gut verstanden.
Florin: Hermi ist Hermann Prey.
Moser: Ja. Das war ja eine Generation, zu der ich gehören durfte.

"Was ich bereue, ist, dass ich nie wirklich geliebt worden bin von einem Mann"

Florin: Sie haben mal gesagt, der Abschied von der Bühne, das sei der Tod.
Moser: Stimmt.
Florin: Diesen Abschied haben Sie 1994 vollzogen mit der „Salome“, wir haben eben schon drüber gesprochen. Das ist jetzt fast 30 Jahre her, wie haben Sie es überlebt?
Moser: Meine Mutter war an meiner Seite, ich war nicht in dem Sinne verlassen. Ich hatte erst mal meinen Mann rausgeschmissen, weil der eben immer wieder mehr wollte, möglichst viel Geld, viel Geld, viel Geld.
Florin: Journalist war das oder?
Moser: Ein Journalist, er war bei der Deutschen Welle. Und ich habe den rausgeschmissen, habe ihn verlassen, er hatte mein ganzes Geld durchgebracht, die Stimme war weg vor lauter Kummer natürlich. So, dann saß ich da und dachte, was jetzt?
Florin: Das kann man sich bei Ihnen gar nicht vorstellen, dass Sie auf einen falschen Mann reinfallen.
Moser: Ach, wissen Sie, ich war jung und ich hatte vorher keinen Mann gekannt. Und er war ein sehr charmanter Mann, ein entzückender Kerl, gebildet und heiter, ein Ungar. Ich bin in einer Tradition der Familie aufgewachsen, der Mann hat immer recht, wenn Vater sagte, der Regen rinnt die Rinne ruff, dann rennt der Regen die Rinne ruff! Das war das Prinzip.
Florin: Das haben Sie akzeptiert?
Moser: So habe ich das akzeptiert. Bis ich darauf kam, dass ich die Stimme verlor. Und ich habe gedacht, wenn ich jetzt nicht abspringe, dann ist die Stimme weg. Und die Stimme war mir wichtiger als die ganze Ehe.
Florin: Wenn ich Ihre Sprechstimme höre, dann würde ich etwas laienhaft sagen, wäre nicht für Sie auch das Chanson infrage gekommen nach dem Abschied von der Opernbühne oder von den Liederabenden?
Moser: Ich bin nicht intelligent, wissen Sie. Als richtige, gute Chanson-Sängerin muss man sehr intelligent sein. Und diese Intelligenz habe ich nicht.
Florin: Je ne regrette rien, passt das zu Ihnen, von der Haltung her?
Moser: Na ja, also, bedauern, ja, nichts bedauern, nichts bereuen, nichts bedauern, nein, ich bereue nichts. Ich sage Ihnen ja, was ich bereue, ist, dass ich nie wirklich geliebt worden bin von einem Mann. Das ist nie geschehen. Und nun bin ich eine alte Frau und betrachte es alles, aber das ist eigentlich der einzige Schmerz, den ich in meinem Leben habe, dass ich nie diese Idealvorstellung verwirklichen konnte, dass zwei zueinander passen.
Florin: Sie haben in einem Interview zu Ihrem 50. Geburtstag gesagt, Sie möchten im Leben weise werden. Sind Sie weise geworden? Sie sagten eben so etwas, fishing for compliments, Sie sind nicht intelligent, weise?
Moser: Das Leben hat mich natürlich in einer gewissen Weise, sagen wir mal, betrachtend gemacht. Ob ich wirklich weise bin, dazu bin ich auch zu egoistisch. Ich bin fürchterlich egoistisch, aber das ist ein Selbsterhaltungstrieb natürlich.
Florin: Woran zeigt sich Egoismus?
Moser: Dass ich sehr einsam bin. Ich habe ganz paar Freunde, aber ich bin einsam.
Florin: Dass Sie keine Kompromisse machen möchten für jemand anderes?
Moser: Kann ich nicht. Wissen Sie, in meinem hohen Alter, manche haben mir gesagt, ob ich nicht in ein Altersheim gehe. Da habe ich gesagt, soll ich mit Leuten, die 84 sind und von ihrer Mischpoke erzählen und von ihren Leiden? Ich denke gar nicht daran! Solange ich Kraft habe und solange ich die Sprache beherrsche, werde ich immer weiter für Bad Lauchstädt stehen, für meine deutsche Sprache. Das ist jetzt sozusagen der Kanal, in dem ich schwimme.
Florin: Die Aufnahme der „Königin der Nacht“, von der wir vorhin gesprochen haben von 1972, die wurde dann einige Jahre später, 1977 ins All geschossen von Cape Canaveral aus. Die kreist an Bord der Voyager II irgendwo im Weltall. Ich habe mal gelesen, sie habe unser Sonnensystem 1989 verlassen.
Moser: Das stimmt, aber sie sendet bis heute. In Cape Canaveral empfängt man alle Zeichen, die die Sonde gibt.
Florin: Da ist eben Ihre „Königin der Nacht“ zu hören, damit sind Sie ja keine Botschafterin der deutschen Sprache, sondern Botschafterin  …
Moser: … der menschlichen Stimme.
Florin: … der menschlichen Stimme, der Menschlichkeit auch?
Moser: Wissen Sie, mit der Hölle Rache kann man nicht so viel Menschlichkeit erwarten, aber sagen wir mal, das künstlerische und das gesangstechnische Können ist ja sozusagen die Botschaft, das ist eine menschliche Stimme imstande zu leisten. Aber da sind ja noch andere Botschaften auf dem Band drauf und so. Ich bin nur sozusagen für die deutsche Gesangskunst ins Weltall geflogen.
Florin: Stellen Sie sich manchmal vor, dass da tatsächlich irgendwo jemand ist, der das hört?
Moser: Das übersteigt meine Vorstellungskraft, ich kann es nur eigentlich hoffen, dass es nicht vergeblich war, dass wir eben von unserer Erde etwas senden. Auf dem Band ist Kinderlachen drauf und Gebrüll auf dem Fußballplatz und so, also, es sind viele Geräusche dieser Erde. Und das Geräusch des menschlichen Singens ist mein kleiner Beitrag.
Edda Moser als Olympia, Gerard Friedmann als Spalanzani und Placido Domingo als Hoffmann (vorn) während einer Probe am 25.07.1980. Die Oper Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach stand am 26.07.1980 im Großen Festspielhaus in der Inszenierung und dem Bühnenbild von Jean-Pierre Ponelle auf dem Programm der Salzburger Festspiele.
Edda Moser links als Olympia in "Hoffmanns Erzählungen", Probenfoto aus Salzburg im Juli 1980 (dpa)

Egoismus und Demut

Florin: Und finden Sie, dass hier auf der Erde Menschen mehr Mozart brauchen könnten?
Moser: Wissen Sie, wer Mozart hören will, der hört ihn. Mozart, ich weiß nicht, wo er ist, aber er kriegt sowieso von mir eins auf den Deckel, wenn ich ihn treffe. Das ist ja manchmal furchtbar schwer zu singen. Und immer die hohen Töne am Schluss, wenn man eigentlich schon erschöpft ist. Bei der Arie kommen dann die spitzen Töne, bei der „Königin der Nacht“ eben oder bei „Constanze“ oder bei den großen Konzertarien, wenn man also sich schon eine Viertelstunde müde gesungen hat, dann kommt das hohe g.
Also, das sind die Sachen, wo ich sage, da hat Mozart eben, da war er nicht menschlich. Aber es ist egal, ich meine, es ist geschrieben. Und wer Mozart hören will, gesendet wird er ja, man muss nur zuhören.
Florin: Singen Sie da noch innerlich mit?
Moser: Nein. Das ist einfach, dass ich mir sage, ich habe alles getan, natürlich höre ich Johann Sebastian Bach, Johann Sebastian Bach, der große Mann, das ist, wissen Sie, wenn man in Leipzig dann in die Thomaskirche geht und am Grab steht, das ist etwas.
Florin: Was ist das?
Moser: Dankbarkeit.
Florin: Das Wort Dankbarkeit ist in unserem Gespräch häufiger gefallen, Sie benutzen auch häufig das Verb dürfen, dass ich das erleben durfte...
Moser: Ja, das ist auch so.
Florin: Sie sind einerseits egoistisch, andererseits demütig.
Moser: Es kommt darauf an, egoistisch bin ich, sagen wir mal, bei Gelegenheiten. Aber wenn es um die große Kunst geht und um ein Wissen und eine Weisheit, eine Schönheit, eine Liebe, da bin ich unglaublich dankbar, auch meinen Eltern.
Florin: Wie blicken Sie ins nächste Jahr?
Moser: Ins nächste Jahr, na ja, wir machen jetzt beim Festspiel der deutschen Sprache, da ist ja Reiner Haseloff, wir machen ein philosophisches Gespräch. Und er leitet das ja und kommt eben auch zur Vorstellung. Und da wir in Sachsen-Anhalt, dieses wunderbare Land mit unglaublichen Kunstschätzen, das ist das, was in meiner Vorstellung eben ist. Und ich versuche natürlich, eben nach Leipzig zu fahren, in die Oper zu gehen, Menschen zu treffen, das ist so, was ich vorhabe.
Aber im Grunde genommen bin ich ja, das ist ja jetzt selbst gewählt, aber beruflich  … Ich meine, ich unterrichte auch nicht mehr, weil die Sänger, die paar, die ich hatte, die eben einfach nicht fleißig genug sind, ich erwarte ganz andere Fleißleistungen. Ich bin einfach nicht mehr in dem Alter, ich muss ja auch etwas vormachen und so weiter und ich meide es eben, mich zu blamieren.
Florin: Also nicht mehr die Fleißleistungen, sagten Sie gerade, von Schülerinnen und Schülern, die deutsche Sprache geht den Bach runter, das deutsche Lied auch. Trotzdem strahlen Sie jetzt nicht gerade eine pessimistische Grundhaltung aus.
Moser: Nein, das ist es. Ich meine, ich bestehe ja auch aus der Hoffnung, warum mache ich das Festspiel der deutschen Sprache? Damit eben die Kostbarkeit nicht verloren geht, damit die Menschen wissen, aha, ich kann mich doch in allem ausdrücken besser als in jeder anderen Sprache, was die Gefühle anbelangt. Da weiß ich ganz genau, unsere deutsche Sprache und unsere deutschen Dichter, die wir ja eben haben, Philosophen, das sind Dinge, die einen eben eigentlich zuversichtlich stimmen, denn lesen kann ich ja, bis ich tot bin.
Und ich habe ja den Halbtod erlebt, deshalb kann ich nur sagen, die paar Jahre, die mir vielleicht noch gegeben sind, die werde ich einfach bewusster erleben als vorher. Ich habe eine ganz andere Beziehung zum Leben, das ist ein Riesengeschenk gewesen, dass ich diese Krankheit hatte. Und ich bin froh, dass ich lebe, dass ich gerettet wurde, dass die Ärzte auf mich aufgepasst haben und dass ich im richtigen Augenblick gefunden wurde. Eine halbe Stunde später wäre ich tot gewesen. Das ist doch toll!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.