Sonntag, 19. Mai 2024

Sexueller Übergriff bei WM
Der Fall Rubiales: Hat der Fußball ein Männerproblem?

Der für seinen sexuellen Übergriff scharf kritisierte Luis Rubiales, Präsident des spanischen Fußballverbandes, bewegt sich in einem männlich geprägten Machtapparat. Sandra Schwedler, Aufsichtsratsvorsitzende des FC St. Pauli, kritisiert die Strukturen im Fußball und wünscht sich mehr Solidarität aus der männlichen Fußballwelt.

Sandra Schwedler im Gespräch mit Maximilian Rieger | 26.08.2023
Luis Rubiales, Präsident des spanischen Fußballverbandes, hält bei der außerordentlichen Generalversammlung der RFEF eine Rede und verteidigt sich für den sexuellen Übergriff gegenüber Jennifer Hermoso.
Luis Rubiales, Präsident des spanischen Fußballverbandes RFEF, verteidigt sich nach seinem sexuellen Übergriff gegenüber Spielerin Jennifer Hermoso. Er kämpft nach dem Skandal um den Kuss bei der WM-Siegeszeremonie um seine Position. (IMAGO / Pacific Press Agency / IMAGO / Hugo Ortuño)
Spaniens Fußball-Verbandschef Luis Rubiales hat am Freitag (25.08.2023) einen Rücktritt im Zuge seines sexuellen Übergriffs gegenüber Fußballspielerin Jennifer Hermoso ausgeschlossen. Und damit nicht genug: Nach dem Skandal um den erzwungenen Kuss auf die Lippen bei der Ehrung der Weltmeisterinnen und der folgenden Empörung auf der ganzen Welt, eskaliert der Verband den Konflikt weiter - nachdem das gesamte Frauen-Team in den Streik getreten ist.

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So droht der Verband insbesondere Hermoso nun mit einer Klage, bezichtigt sie ihrerseits der Lüge. Rubiales, der von der FIFA nun erstmal für 90 Tage suspendiert wurde, inszenierte sich bei einer außerordentlichen RFEF-Generalversammlung in einer öffentliche Rede als das vermeintlich wahre Opfer eines "falschen Feminismus" – und wurde dabei von einem in weiten Teilen männlichen Publikum im Saal beklatscht.

Männer haben den Fußball "jahrelang geprägt"

Im Deutschlandfunk-Gespräch wollte Sandra Schwedler, Aufsichtsratsvorsitzende des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli, nicht von einem generellen "Männerproblem" im Fußball sprechen.
Allerdings betonte Schwedler, die die einzige Frau im deutschen Profifußball in ihrer Position ist: "Aber was ich wahrnehme, ist, dass natürlich Männer jahrelang diesen Sport geprägt haben. Und damit vorgegeben haben, wie etwas zu sein hat, das als 'das Normale' tituliert haben und damit einen großen Teil der Gesellschaft, nämlich alles, was nicht männlich ist, ausgeschlossen oder kleingehalten hat."

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Einer dieser Männer, die in Deutschland den Fußball jahrelang geprägt haben, ist Karl-Heinz Rummenigge. Der 67-Jährige, mittlerweile zurück beim FC Bayern München als Mitglied im Aufsichtsrat, war Rubiales nach dem sexuellen Übergriff zuletzt zur Seite gesprungen.
Er hatte am Rande des "Sport Bild"-Awards gesagt: "Wenn man Weltmeister wird, ist man emotional. Und was er da gemacht hat, ist – sorry, mit Verlaub – absolut okay." Als er damals die Champions League gewonnen habe, "habe ich Männer geküsst – nicht auf den Mund zwar, aber aus Freude."

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Rummenigges Aussage bezeichnete Schwedler im Dlf-Interview als bezeichnend dafür, "wie dramatisch eigentlich die Situation ist. An dieser Stelle nicht das Reflexionsvermögen zu besitzen."
Die Aufsichtsratsvorsitzende des FC St. Pauli empfand Rummenigges Vergleich als "verheerend, weil ein Karl-Heinz Rummenigge sich dieser Macht, dieser Machtdemonstration und dieser Machtstrukturen im Fußball überhaupt nicht bewusst ist."

Schwedler kritisiert "reine Männerbündnisse"

Währenddessen solidarisierten sich einige Frauen-Vereine wie Nürnberg und Werder Bremen mit Hermoso, genau so die deutschen Nationalspielerinnen Lina Magull und Laura Freigang.
Bis auf den spanischen Fußballer Borja Iglesias (Betis Sevilla), der sich dem Streik der spanischen Nationalspielerinnen anschloss und seinerseits verkündete, er werde bis auf Weiteres nicht mehr für das Männer-Nationalteam spielen, herrscht in der Männer-Fußballwelt aber eher Zurückhaltung in der Causa vor.

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Schwedler würde sich speziell von Männern "mehr Solidarität" wünschen: "Männer profitieren mehr von dem System, deshalb braucht es auch mehr Männer, die sagen: 'Ich bin gerade Profiteur von diesem System. Ich muss da etwas stützen.'"
Sie vermisst generell ein größeres "Bewusstsein" für Machtstrukturen im Fußball: "Das ist halt auch einfach nicht mal böse Absicht bei vielen, sondern einfach nicht gelernt, weil es immer normal ist, dass es immer nur um die Männer ging." Der Fußball habe "jahrelang so funktioniert", weil sich "reine Männerbündnisse gegenseitig geschützt haben".

Verbände in der Pflicht, "Dinge anzustoßen"

Um diese starren Strukturen aufzubrechen, brauche es "eine Top-Down-" als auch "Bottom-Up"-Bewegung, erklärte Schwedler. So seien einerseits die "Verbände wie die DFL oder der DFB" gefordert, "noch viel stärker da reinzugehen und bestimmte Dinge anzustoßen". Andererseits müssten "mehr Vorbilder" in den Vereinen in die Vorstände hochgezogen werden.

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Schwedler stieß auch einen grundsätzlichen Gedanken an: "Vielleicht muss man erst einmal darüber nachdenken, wie eigentlich Fußball im Jahre 2023 strukturiert sein sollte." Sie kann sich etwa vorstellen, dass Sexismus auch bereits in den Nachwuchsleistungszentren als Teil der Ausbildung von Spielerinnen und Spielern thematisiert wird.