Nachrichtenmüdigkeit
Keine Lust mehr auf Katastrophen

Weil sie von Krieg und Krisen gestresst sind, meiden inzwischen viele Menschen Nachrichten. Helfen könnte es, wenn Medien mehr über positive Entwicklungen und Lösungen berichten, zeigt der aktuelle Digital News Report des Reuters Institute.

Von Annika Schneider und Christoph Sterz | 14.06.2023
Eine Frau schaut erschöpft auf ihren Smartphonebildschirm.
Jeder zehnte erwachsene Internetnutzende in Deutschland meide oft gezielt Nachrichten, steht im Reuters Digital News Report 2023. (Imago/Panthermedia)

Was ist Nachrichtenmüdigkeit?

Nachrichtenmüdigkeit, auch bekannt unter dem englischen Begriff News Avoidance, meint die Tendenz, dass immer mehr Menschen sich bewusst dagegen entscheiden, aktuelle Meldungen zu lesen, anzusehen oder anzuhören. Sie fühlen sich von negativen Nachrichten gestresst, zum Beispiel bei Meldungen zur Klimakrise, zur Invasion der Ukraine oder zur Inflation. Bei aktueller Berichterstattung im Radio oder Fernsehen schalten sie ab oder um, Online-Meldungen ignorieren sie bewusst oder scrollen weiter.
Evolutionsbedingt reagiere der Mensch auf negative Ereignisse fünfmal stärker als auf neutrale oder positive Nachrichten, sagt Ellen Heinrichs, Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institutes, eine Einrichtung, die sich für Journalismus und konstruktiven Dialog einsetzt. Die vielen Konflikte, über die aktuell berichtet werde, seien für viele Menschen eine psychische Belastung, erklärte sie im Deutschlandfunk. Eine Reaktion sei es, sich von aktueller Berichterstattung abzuwenden.

Wie verbreitet ist die Vermeidung von Nachrichten?

Fast zwei Drittel der erwachsenen Internetnutzenden in Deutschland geben an, Nachrichten gelegentlich zu meiden. Das steht im aktuellen Reuters Institute Digital News Report, für den im Januar 2023 knapp 94.000 Menschen auf sechs Kontinenten befragt wurden. Die deutsche Studie führte das Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg durch.
Die Befragungen der vergangenen Jahre zeigen, dass die Nachrichtenvermeidung seit 2017 in allen Altersgruppen zugenommen hat. 29 Prozent der Menschen in Deutschland, die Nachrichten mindestens gelegentlich meiden, gehen gezielt bestimmten Themen aus dem Weg, allen voran Berichten zum Krieg in der Ukraine. Aber auch Nachrichten zu Unterhaltung und Prominenten, Sport und Gesundheit (zum Beispiel zur Corona-Pandemie) werden häufiger gemieden.
Betroffen seien tendenziell mehr Jüngere und Menschen, die ein geringes Vertrauen in Nachrichtenmedien hätten oder eine extremere politische Orientierung aufweisen, sagte die Medienforscherin Julia Behre, die an der Studie mitgearbeitet hat.
"Nachrichten vermeiden heißt nicht automatisch, dass Nachrichten grundsätzlich nicht genutzt werden", betont sie. Manche Menschen hätten generell ein geringes Interesse an aktueller Berichterstattung, andere mieden sie nur zu bestimmten Tageszeiten und informierten sich stattdessen gezielt. Untersucht worden sei die Nutzung von Nachrichtenmedien - also eine bestimmte Form der Information. Das heiße nicht, dass Menschen, die selten auf Nachrichten zugreifen, sich überhaupt nicht politisch informieren.

Was könnte helfen?

Der Digital News Report zeigt, dass viele Menschen sich andere Nachrichten wünschen: Mehr als die Hälfte der Befragten, gab an, an positiven oder lösungsorientierten Nachrichten interessiert zu sein. In manchen Formaten werden deswegen ausschließlich oder zusätzlich "gute Nachrichten" vermeldet.
Angesichts der erdrückenden Nachrichtenlage wünschten sich viele Nutzerinnen und Nutzer ein Gegengewicht und etwas Leichtigkeit, sagte Leonard Reinecke, Professor für Medienwirkung und Medienpsychologie an der Universität Mainz. Er finde Formate mit Fokus auf guten Nachrichten "eine gesunde Ergänzung des normalen Nachrichten-Repertoires", sagte er dem Deutschlandradio - solange man ernste Nachrichtenthemen nicht komplett ausblende und sich nicht "eskapistisch verkrieche". Echte Nachrichtenvermeider werde man damit aber nicht erreichen.
Viele Medienhäuser beschäftigen sich außerdem mit so genanntem konstruktivem Journalismus. Laut Bonn Institute soll Berichterstattung nicht nur Probleme anprangern, sondern auch mögliche Lösungen in den Blick nehmen – also beispielsweise die Klimakrise nicht in immer neuen Katastrophenmeldungen beschreiben, sondern auch recherchieren, wer Ideen hat, um die Erderwärmung zu verlangsamen. Diese Lösungsansätze sollen allerdings nicht einseitig propagiert, sondern faktenbasiert, kritisch und objektiv betrachtet werden. Das bedeutet auch, Hürden und Grenzen aufzuzeigen.
Zusätzlich soll der konstruktive Journalismus mehr Perspektiven abbilden als die zwei Seiten, die in der klassischen Konfliktberichterstattung oft zu Wort kommen. Das soll dazu führen, dass Berichterstattung weniger vereinfachend und polarisierend ausfällt. Außerdem sollen Journalistinnen und Journalisten dem Konzept zufolge zu einem konstruktiven Dialog beitragen, indem sie nicht nur Unterschiede zwischen Konfliktparteien aufzeigen, sondern auch Gemeinsamkeiten darstellen.
Menschen, die oft die Nachrichten vermeiden, seien eher an Informationen interessiert, die ein Gefühl von Hoffnung stiften, Lösungen aufzeigen und zu einem tieferen Verständnis beitragen, sagte Medienforscherin Behre - "und nicht nur ständige Nachrichten-Updates zu immer den gleichen Ereignissen". Das Verständnis von Nachrichten wandele sich insbesondere bei jüngeren Menschen, die viele verschiedene Kanäle nutzen würden.

Welche Formate gibt es schon?

Ausschließlich positive Nachrichten beinhaltet unter anderem der im Juni gestartete "Happy News Podcast" des BBC World Service. Dort geht es zum Beispiel um die besten Kinderbücher der Welt, aber auch um Belangloses wie etwa Geräusche, die Hörerinnen und Hörer glücklich machen, darunter der Herzschlag eines Embryos.
Auch in Deutschland gibt es inzwischen viele explizit positive oder lösungsorientierte Formate, zum Beispiel in eigenen Newslettern von "Spiegel" und "Focus", im Online-Magazin "Perspective Daily", in "Das Gute zum Wochenende" von ZDF heute oder bei den "Daily Good News" von WDR Cosmo.
Konstruktiver und lösungsorientierter Journalismus ist in vielen Redaktionen inzwischen ebenfalls Thema. Beispiele dafür, auf Deutsch und in anderen Sprachen, finden sich in einer Datenbank des internationalen Solutions Journalism Networks. Die Sammlung umfasst über 15.000 Beiträge.