Sonntag, 26. Juni 2022

Dekolonisierung
Frantz Fanon: Für eine afrikanische Revolution

Wer sich mit Fragen zu Rassismus und Antikolonialismus beschäftigt, kommt an Frantz Fanon nicht vorbei. Der Psychiater und Theoretiker engagierte sich im Befreiungskampf Algeriens gegen Frankreich. Unter dem Titel „Für eine afrikanische Revolution“ ist jetzt eine Text-Sammlung Fanons erschienen.

Von Marc Engelhardt | 13.06.2022

Frantz Fanon: "Für eine afrikanische Revolution"
Frantz Fanon: "Für eine afrikanische Revolution" (MÄRZ Archiv)
Was geben privilegierte, weiße Twens im Urlaub am Pool in Hawaii zu lesen vor? Wenn man dem US-Serienhit „White Lotus“ glauben darf, dann gehört „Die Verdammten dieser Erde“ zu den wichtigsten „Props“ auf dem Sonnendeck. Und so ist Frantz Fanons anti-koloniales Manifest siebzig Jahre nach Erscheinen mal wieder in der Popkultur angekommen. Kein Wunder, wie der Philosoph Kwame Anthony Appiah kürzlich in der „New York Review of Books“ behauptete: Fanons Leser hätten darin schon immer nur das gelesen, was sie lesen wollten, und Widersprüche ignoriert. Für Appiah liegt das auch daran, dass das kurze Leben des auf den Antillen geborenen Fanon von Widersprüchen geprägt war. Wie sich diese in seinem Werk wiederspiegeln, lässt sich in dem Band „Für eine afrikanische Revolution“ verfolgen – einer Sammlung von 28 Reden, Aufsätzen und Briefen. Darin etwa Fanons Rede vor dem ersten Kongress schwarzer Schriftsteller, in der er 1956 die Mechanismen kolonialistischer Regime so beschreibt:
„Diejenige Gesellschaft, die militärisch und ökonomisch unterdrückt wird, wird entmenschlicht vermittels einer polydimensionalen Methode. Ausbeutung, Folterung, Razzien, Rassismus, kollektive Liquidierungen, rationelle Unterdrückung lösen auf verschiedenen Ebenen einander ab, um aus dem Einheimischen buchstäblich ein Objekt in den Händen der Besatzernation zu machen.“
Sätze wie diese zeigen: Fanons Analyse hat nichts von ihrer Aktualität verloren – weder im neokolonialen noch im Kriegskontext. Als er diese Rede hielt, hatte er sich längst abgewandt von der Négritude-Bewegung seines früheren Lehrers Aimé Césaire. Dessen Idee der schwarzen Selbstbehauptung war dem Psychiater Fanon schnell zu unpolitisch.

Frankreichs Gewaltherrschaft in Algerien

Wie Fanon sich stattdessen radikalisierte, lässt sich etwa dem emotionalen „Brief an einen Franzosen“ entnehmen, in dem er eine vernichtende Bilanz der französischen Gewaltherrschaft in Algerien zieht.
„Millionen von Ungebildeten, die nicht schreiben, nicht unterschreiben können. Millionen von Fingerabdrücken auf Protokollen, die ins Gefängnis führen. Auf den Akten des Herrn Kadi. Auf den Einschreibungslisten der algerischen Schützenregimenter. Millionen ausgebeuteter, betrogener, bestohlener Fellachen.“
Als Fanon seine Stelle als Chefarzt der psychiatrischen Abteilung einer Klinik unweit von Algier kündigte, arbeitete er im Untergrund bereits für die Nationale Befreiungsfront FLN. Von Tunis aus wurde er ganz offiziell einer der FLN-Diplomaten und ihr Propagandist. Die Texte aus dem FLN-Organ „El Moudjahid“, anonym erschienen, aber Fanon zuschreibbar, lassen trotz des anprangernden Tonfalls oft tief blicken: Etwa, wenn Fanon die Folterungen durch französische Soldaten als unverzichtbaren Teil des Kolonialsystems beschreibt.
„Der Polizist, der in Algerien foltert, verstößt nicht gegen das Gesetz. Seine Handlungen befinden sich im Rahmen des kolonialistischen Systems. Indem er foltert, beweist er nur wahrhafte Treue zum System. […] Jeder Franzose muss in Algerien zum Folterknecht werden. Wenn Frankreich in Algerien bleiben will, gibt es keine andere Lösung als die Beibehaltung einer permanenten militärischen Besatzung und eines mächtigen Polizeiapparats.“

Traum vom afrikanischen Befreiungskampf

Dass gegen eine solche Herrschaft Gewalt nicht nur denkbar, sondern notwendig ist, ist ein Kern seines Hauptwerks „Die Verdammten dieser Erde“. Was das für den Befreiungskämpfer Fanon bedeutete, der mehreren Anschlägen seiner Gegner nur knapp entging, zeigt das Protokoll einer Reise durch die malische Sahara, über die er die FLN mit Waffen versorgen wollte. Daraus aber wurde nichts, ebenso wenig wie aus seinem Wunsch, Afrika werde Algerien im Befreiungskampf helfen, damit Algerien danach Afrika befreie. Im letzten Text der Sammlung, geschrieben in seinem Todesjahr, scheint Fanon bereits aller Illusionen beraubt.
„Es ist eine Tatsache, dass es in Afrika, heute, Verräter gibt. Man hätte sie denunzieren und sie bekämpfen müssen.“
Zwischen den gelben Pappdeckeln von „Für eine afrikanische Revolution“ befindet sich ein roher, brutaler Fanon. Lauter ungeschliffene Texte, an denen entlang sich der intellektuelle Weg des wohl bedeutendsten Anti-Kolonialisten verfolgen lässt. Das ist spannend und erhellend. Was fehlt, ist indes eine ausführliche Einführung, die den biografischen und historischen Kontext erläutert. Das Vorwort aus der Erstauflage von 1964 – eine Information, die dem deutschen Leser vorenthalten wird – reicht dafür nicht aus. Das Buch sollte man dennoch lesen. Und dazu für den Kontext den brillanten Essay von Kwame Anthony Appiah über Fanon, der in der Juni-Ausgabe des „Merkur“ auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.
Frantz Fanon: „Für eine afrikanische Revolution. Politische Schriften“, herausgegeben von Barbara Kalender, Übersetzung: Einar Schlereth, März Verlag, 259 Seiten, 22 Euro.