Montag, 08. August 2022

Heinrich Böll, "Bild" und die RAF
Der Skandal um Bölls "Spiegel"-Essay im Januar 1972

Ende 1971 fasste Heinrich Böll seine Wut auf die kampagnenartige RAF-Berichterstattung der "Bild" in einen "Spiegel"-Essay. Er erschien am 10. Januar 1972 mit einem zugespitzten Titel. Böll hatte eher deeskalieren wollen, doch im Endeffekt spaltete sein Text und befeuerte die denunziatorische Debatte über RAF-Sympathisanten.

Von Norbert Seitz | 10.01.2022

Heinrich Böll, damals PEN-World-Präsident, am 17. November 1972
Der Schriftsteller Böll im November 1972, wenige Monate nach dem "Spiegel"-Essay und kurz vor Erhalt des Literatiurnobelpreises (picture-alliance / akg-images / Gert Schuetz)
„Überhaupt diese Gruppenbenennung, Sympathisanten, Helfershelfer, Humus, auf dem alles gewachsen ist“, klagt der Schriftsteller und PEN-Präsident Heinrich Böll im Frühjahr 1972. „Damit wird ein Klima der Denunziation geschaffen, in dem kein Intellektueller mehr arbeiten kann. Ich kann in diesem gegenwärtigen Hetzklima nicht arbeiten.“
Bölls Stimme hat moralisches Gewicht, als er sich entschließt, in die Offensive zu gehen, nachdem ein Banküberfall in Kaiserslautern mit tödlichem Ausgang sogleich mit der Roten Armee Fraktion RAF in Verbindung gebracht wird. Sein Essay im Magazin "Der Spiegel" vom 10. Januar 1972 ist überschrieben „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ Es geht um Ulrike Meinhof.
Der Hamburger Protestforscher Wolfgang Kraushaar schildert den Hintergrund von Bölls publizistischem Vorpreschen: „Der Auslöser für seinen Essay war ja die Tatsache, dass es einen Artikel in der "Bild"-Zeitung gegeben hat mit der Überschrift ‚Baader-Meinhof-Bande mordet weiter‘, einen Tag vor Heiligabend 1971 publiziert. Und die 'Bild'-Zeitung hatte sich damit festgelegt auf etwas, was überhaupt noch nicht feststand, wer derjenige oder diejenigen waren, die einen Polizisten erschossen hatten.“

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„Und da ist der Böll an die Decke gegangen und hat diesen Essay verfasst und hat ihn an den 'Spiegel' geschickt. Und wie der 'Spiegel' so ist, haben sie die Überschrift verändert. Sie haben den Namen weggelassen von der Meinhof. Und das war das Einfallstor für alle, die auf ihm herumgehauen haben. Weil sie gesagt haben: 'Da sieht man, dass er Teil der Bande ist'", erinnert sich Udo Knapp, Ex-APO-Aktivist und letzter Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds.
Doch schon bald stellt sich heraus, dass die "Bild"-Zeitung mit ihrem Verdacht richtig liegt, auch wenn sie zunächst den Fehler begeht, die Unschuldsvermutung zu ignorieren und sich damit als Brandanzünder zu betätigen. Die gespaltene öffentliche Empörung über Böll oder "Bild" kennt landesweit und lagerübergreifend keine Grenzen. Der Rechtsjournalist Christian Bommarius, späterer Berichterstatter von RAF-Prozessen und Pressekonferenzen beschreibt die völlig angespannte Lage.
„Zunächst muss man mal die Situation bedenken, in der die Bundesrepublik damals war. Das war eine ganz aufgeheizte Atmosphäre. '68 lag noch nicht lang zurück, der Vietnamkrieg lief, die Amerikaner rüsteten auch da nochmal auf, haben da noch einmal einen Hafen vermint, was dann zu Demonstrationen hier führte. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich nun der Terror der RAF.“

Böll schoss weit übers Ziel hinaus

Heinrich Bölls empörter "Spiegel"-Essay ist nicht Ausdruck eines Sympathisantentums, das terroristische Mordtaten verharmlosen möchte. Es geht ihm eher um eine Deeskalation, die ihm freilich misslingt, weil er dabei falsche Töne anstimmt.
So gipfelt Bölls Philippika in einem abwegigen Vorschlag: „Kein Zweifel - Ulrike Meinhof lebt im Kriegszustand mit dieser Gesellschaft. Es ist inzwischen ein Krieg von 6 gegen 60 Millionen, ein sinnloser Krieg. Ulrike Meinhof will möglicherweise keine Gnade, wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht.  Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozess. Und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozess machen, wegen Volksverhetzung.“
Wer Heinrich Böll Böses will, der kann solche Einlassungen auch als solidarische Geste gegenüber der RAF missverstehen.
„Dieser Text war tatsächlich so etwas wie ein Fanal. Er hatte eine enorme Wirkung, im Sinne einer Spaltung der Öffentlichkeit. Einerseits klinkte sich Böll in die Anti-Springer-Kampagne ein, die die APO in den 68er-Jahren bereits praktiziert hatte. Andererseits hat er versucht, das zu übertragen auf die Auseinandersetzung mit der RAF“, sagt der Zeithistoriker Wolfgang Kraushaar. Böll sei in seiner Wortwahl polemisch entgleist und sei in der Beurteilung der gewiss nicht zimperlichen BILD-Kampagne gegen die RAF weit übers Ziel hinausgeschossen.
"Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, das ist nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus, das ist Hetze, Lüge, Dreck."
Heinrich Böll 1972 im "Spiegel"
Dieser aufgeregte Befund gerät hernach zur kultischen Sentenz einer hysterisch überschäumenden radikal-linken Szene, die flugs dabei ist, die realen Verhältnisse in der frühen Bundesrepublik mit haltlosen NS-Analogien zu überziehen.

"Da war ein völlig schräges Bild"

Auch Bölls mitleidsheischende Gegenüberstellung '6 versus 60 Millionen' ist unter Sympathisanten höchst willkommen.
Christian Bommarius: „Natürlich war völliger Unsinn diese Frontstellung, die er mit diesem Bild schuf: dieses kleine Häuflein, man könnte auch anfügen: von 6 Aufrechten gegen 60 Millionen gewaltbereiten Kleinbürgern und Ex-Nazis. Das war ein völlig schräges Bild, das war überhaupt nicht die Situation. Tatsächlich haben die RAF-Leute dem Staat, der Bundesrepublik den Krieg erklärt. Und die Aufgabe wäre eigentlich gewesen, ihre Kriegserklärung nicht anzunehmen.“
Der Banküberfall und die Erschießung eines Polizisten am 22. Dezember 1971 in Kaiserslautern sind Auftakt einer anderthalb Jahre andauernden logistischen Vorbereitung der RAF auf den eigentlichen Stadtguerilla-Kampf. Erst werden Waffen und Sprengstoff gestohlen sowie Pässe und andere Papiere gefälscht.
Bis es dann richtig losgeht mit der sogenannten Mai-Offensive, die sich zwischen dem 11. und 24. dieses Monats 1972 abspielt. Sechs Sprengstoffanschläge richten sich gegen Militäreinrichtungen der USA, wie dem Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg, zwei gegen Polizeibehörden, ein gezieltes Racheattentat gegen Bundesrichter Wolfgang Buddenberg. Bilanz: Vier Tote und 74 Verletzte. Darüber hinaus der Anschlag auf das Axel-Springer-Hochhaus in Hamburg, der trotz zahlreicher Verletzter noch relativ glimpflich abläuft, weil die meisten der dort deponierten Bomben am Ende nicht zünden.
RAF-Sympathisanten kritisieren die Bombenleger hinterher, beim Anschlag auf das Springer-Haus den Tod von Verlagsangestellten und –arbeitern in Kauf genommen zu haben. Dies hat nach den Forschungen von Wolfgang Kraushaar zu dramatischen Konsequenzen innerhalb des Führungszirkels der RAF geführt.
„Das wurde dann während des Hauptverfahrens gegen die RAF nochmals ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gehoben. Und zwar durch Gudrun Ensslin, die nämlich dort vor Gericht bekannt gab, dass dieser Anschlag nicht im Sinne der RAF gewesen sei. Und es war bekannt, dass die Idee dazu Ulrike Meinhof gehabt hatte.“
Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll mit Loretta King, der Witwe von Martin Luther King jr., von auf der ersten großen Friedensdemo in Bonn im Oktober 1981
Böll war politisch engagiert, unter anderem für Abrüstung - hier mit Martin Luther Kings Witwe Loretta 1981 in Bonn (picture-alliance / Sven Simon)

Aktion "Wasserschlag" und Verhaftung führender RAF-Mitglieder im Mai/Juni 1972

Am 31. Mai 1972 findet dann die Großfahndungsaktion 'Wasserschlag' statt, bei der die gesamte Schutzpolizei dem BKA unterstellt wird. 'Wasserschlag' ist die Bezeichnung des BKA-Präsidenten Horst Herold, mit einem Schlag ins Wasser die Fische – gemeint sind damit geflüchtete RAF-Mitglieder – in Bewegung zu bringen.
So heben – bis dato einmalig – alle Hubschrauber des Öffentlichen Dienstes gleichzeitig ab, auf Autobahnen werden Sperren errichtet. Auch die Bevölkerung wird zur Mitwirkung aufgefordert und die Medien sind in die Großfahndung mit eingebunden.
Herold möchte die Terrorabwehr so umfassend wie nur möglich anlegen und nicht nur der Polizei überlassen: „Die Bekämpfung des Terrorismus kann nicht von den Beamten der allgemeinen Kriminalität geschehen. Dazu bedarf es einer Fülle umfassender gesellschaftspolitischer Hintergrundkenntnisse.“
Die Resultate dieser aufwändigen Aktion waren eher dürftig. Aber bereits am Tag darauf, dem 1. Juni 1972, erzielt die Polizei einen spektakulären Fahndungserfolg in Frankfurt am Main.
Die RAF-Führungsmitglieder Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe werden hier von der Polizei aus ihrem Versteck getrieben und nach einem Schusswechsel verhaftet. Baader kommentiert später: „Alle juristischen Kategorisierungen sind nur der kodifizierte Ausdruck realer Machtverhältnisse.“ [*]

Hausdurchsuchung bei Böll

Am Tag der Verhaftung Baaders findet auch in Langenbroich in der Voreifel eine Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll statt. Der Betroffene übermittelt Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher eine Beschwerde.
14 Tage später, in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1972, ereignet sich in Hannover die nächste spektakuläre Verhaftung, als ein Mann und eine Frau beim Lehrer und Bildungsgewerkschafter Fritz Rodewald anläuten und um ein Quartier bitten. Dieser wird von seiner Lebensgefährtin darüber informiert, ist aber misstrauisch, ehe er sich entschließt, die Polizei zu verständigen, die sogleich ein Sonderkommando zur Festnahme der Quartiersuchenden einsetzt.
„Bei dem Mann stellte sich heraus, dass es das RAF-Mitglied Gerhard Müller war. Und bei der Frau, die sich unheimlich gewehrt hatte, konnte man erst durch eine Röntgenaufnahme sicher sein, dass es sich um eine Mitgründerin der RAF handelte, nämlich im Ulrike Meinhof.“
Von nun an gilt Fritz Rodewald in der linken Szene als der größte nur vorstellbare Verräter, als eine Art Negativikone, der unterstellt wird, mit Ulrike Meinhofs Verhaftung letzten Endes auch zu ihrem späteren Suizid in Stammheim beigetragen zu haben. Rodewald führt fortan eine schattenhafte unglückliche Existenz, muss um sein Leben bangen, auch wenn er RAF-Verteidigern Spendengelder zukommen lässt, um wieder gut zu machen, was unter Sympathisanten der RAF nicht wieder zu gut zu machen ist.
Dazu Udo Knapp, Ex-Aktivist und späterer Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen: „Es sind viele gewesen, die in diesem Umfeld waren und bei vielen hat's an der Tür geklopft. Frage: Können wir bei Euch übernachten für ein paar Tage? Und ich kenne welche, die darunter tierisch gelitten haben, dass sie die Tür wieder zugemacht haben. Und ich kenn' aber auch welche, die die Tür aufgemacht haben. Die damit nix zu tun hatten, aber dieses solidarische Erleben, was unsere Jahre da geprägt hat, das gibt man doch nicht einfach wieder her. Das ist ein Generationsplus von ganz besonderer Qualität."

Sympathisanten und die Gewaltfrage

Seit der Gefangenenbefreiung der Kaufhausbrandstifter um Andreas Baader und deren Abtauchen in den Untergrund kursiert hierzulande der fragwürdige Topos vom Sympathisanten. Auch Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher bringt ihn 1972 ins Spiel.
„Es ist unbestritten, dass die Terroristen Unterstützung und Sympathie bei verschiedenen Leuten finden, nicht nur, dass man sie beherbergt, sondern auch dadurch, dass man ihre gewalttätigen Handlungen bagatellisiert oder beschönigt.“
Die Schriftstellerin Carolin Emcke verlor Jahre später - im November 1989 - ihren Patenonkel, den Bankier Alfred Herrhausen, beim Attentat von RAF-Terroristen der übernächsten Generation. In ihrem 2008 erschienenen Buchessay „Nachdenken über die RAF“ versucht sie sich an einer Erklärung der „klammheimlichen Freude“ von Sympathisanten:
„Speiste sich diese stille Zustimmung zu den Morden der RAF nicht zuletzt aus diesem Reflex: Wenn einmal das Schicksal Erfolgreichen Leid zufügt, erfüllt es mit Genugtuung. Wenn es von Elend und Kummer Verschonte einmal erwischt, wenn die Mächtigen einmal Ohnmacht erfahren müssen, dann genießen es viele mit Freude.“
Wie Aktivisten plötzlich an die Gewalt als Momentum der Geschichte zu glauben anfangen, erlebte Udo Knapp persönlich bei der legendären Schlacht am Tegeler Weg in Berlin-Charlottenburg Jahre davor, am 4. November 1968, als es aus Anlass eines Prozesses gegen den APO-Anwalt Horst Mahler zu schweren Auseinandersetzungen von Demonstrantinnen und Demonstranten mit der Polizei kam.
„Da war ich auch, da habe ich auch Steine geschmissen, das war wie eine Befreiung, weil die Polizisten weggelaufen sind. Dann war hinterher ein großes Teach-in. Und da wurde es schon deutlich, dass es zwei Positionen gab. Ein Erschrecken darüber, wie leicht es war, diese Steine zu schmeißen, und damit einen Effekt zu erzielen. Das war wie Adrenalin, das war euphorisierend. Und es war wie, als ob sich dadurch eine Machtperspektive öffnete.“
Heinrich und Annemarie Böll 1983 unter Protestierenden in Mutlangen
Böll mit seiner Frau Annemarie 1983 bei einem Protest gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen (picture-alliance / dpa / Harry Melchert)

Sympathie für die Morde oder fürs politische Bewusstsein?

Zwischen drei Gruppen wird seit den 1970er-Jahren im RAF-Terrorismus unterschieden: die passiven Sympathisanten, die aktiven Unterstützer und die konspirativen Mitglieder, die noch nicht einmal an einer Tat beteiligt gewesen sein mussten, um sich strafbar zu machen.
Das Stigma vom Sympathisanten wird in der damals aufgeladenen Stimmung geradezu inflationär verwandt. Udo Knapp.
„Sympathisanten haben die anderen gesagt und haben ihn als negativen Begriff benutzt. Aber wenn man genauer hinguckt, bestand die Sympathie nicht darin, dass man gesagt hat, es ist richtig, dass ihr Leute erschießt, sondern es ging um das Bewusstsein, dass diese Gesellschaft sich nicht verändert. Und dass man sie mit zivilisierten Methoden, zu denen wir damals gar keinen Zugang hatten, gar nicht verändern kann. Wir waren vor den Fabriken gescheitert, wir waren überall gescheitert. Da waren viele von den Sympathisanten zwar welche, die nie eine Waffe in die Hand genommen hätten, sondern auch die Tür zugeschlagen hätten, wenn sie hätten helfen sollen. Aber im Herzen waren sie auf den Barrikaden der Revolution von Paris.“
Später erlebt der Rechtsexperte Christian Bommarius eine Begegnung der besonderen Art mit Sympathisanten der zweiten RAF-Generation: „Ich wurde mal, als der Hungerstreik der RAF-Gefangenen war, von einer Sympathisantengruppe in eine Kirche eingeladen in Karlsruhe. Und die wollten mit mir über die Freilassung oder das Ende des Hungerstreiks diskutieren. Ich bekam ein Tuch umgebunden. Da fragte ich mich auch: Was sind das für Leute?  Und das waren, wenn man so will, natürlich Geiseln der RAF-Häftlinge in Stammheim.“
"Der Staat hat im Grunde die Fassung verloren. Wir sind den Terroristen auf den Leim gegangen."
Gerhart Baum (FDP), 1972 parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, im Rückblick
In der heftig geführten öffentlichen Debatte um die RAF und ihre Verbrechen schwindet allmählich die Unterscheidung zwischen einem Sympathisanten und einem als Gehilfe oder Begünstiger auftretenden Unterstützer.
Wie Christian Bommarius als journalistischer Zeitzeuge bestätigt: „Ich habe damals an vielen Pressekonferenzen teilgenommen des Generalbundesanwalts. Man stand sofort immer unter Verdacht, wenn man Kritik äußerte an der Behörde, man sympathisiere doch insgeheim mit der RAF. Das war aber damals überhaupt die Atmosphäre in der Bundesrepublik. Man musste wirklich aufpassen.“
Denn es herrscht allgemein Verunsicherung. Viele wissen nicht, wie man den bis dato nie gekannten Terror einordnen soll. „Und der Staat hat da auch nicht die richtigen Worte gefunden. Böll fand sie nicht, und die Justiz fand sie zuerst nicht.“
„Alle, die versucht haben, Brücken zu bauen, wie der Bischof Scharf in Berlin oder Heinrich Böll, wurden verunglimpft. Also der Staat hat im Grunde die Fassung verloren. Wir sind den Terroristen auf den Leim gegangen. Die wollten uns den Krieg erklären. Und wir haben die Kriegserklärung angenommen“, erläutert rückblickend Gerhart Baum, 1972 parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium und später selbst Innenminister.

Sympathisanten - "für das Gute zu schwach, für das Böse zu feige"?

Udo Knapp: „Das ganze Szenarium, dass man den Kampf gegen die RAF stilisiert zu einem Kampf zur Rettung der Demokratie der Bundesrepublik. Die Demokratie war nie gefährdet. Die Staatsmacht hat immer gewonnen.“
Und dennoch – trotz aller alarmistischen Übertreibungen – bleibt die Figur des Sympathisanten von damals aus kritischer Sicht von heute eine eher armselige Erscheinung, wie der Schriftsteller Günter Franzen, selbst vormals linker Aktivist, in einem Essay-Vergleich mit Nazi-Mitläufern zu bedenken gibt:  
„'When the ballroom is empty, and the music is over' – nach Verklingen des letzten Akkords kommt man nicht um die bittere Einsicht herum, dass sich die charakterliche Mediokrität und die ideologische Verführbarkeit des linken Sympathisanten von der des rechten Mitläufers lediglich durch den gesellschaftlichen Kontext unterscheiden. Von wenigen lichten Momenten humaner Gesittung abgesehen, können beide für sich in Anspruch nehmen, für das Gute zu schwach, für das Böse zu feige gewesen zu sein.“
Und Heinrich Böll? Tief gekränkt über den Vorwurf des Sympathisanten, lebt er den Konflikt noch einige Jahre aus. Noch in seinem von Volker Schlöndorff verfilmten Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ verarbeitet er die Gewaltdebatte und die Auseinandersetzung mit der Springer-Presse. Seinem Renommee als Schriftsteller hat der skandalisierte "Spiegel"-Essay kaum geschadet. Im Gegenteil: Im Dezember 1972, im selben Jahr also, bekommt Heinrich Böll den Literaturnobelpreis in Stockholm verliehen.
[*] An dieser Stelle haben wir ein Zitat aufgrund eines falschen zeitlichen Zusammenhangs entfernt.