Nahostkonflikt
Die Hisbollah – Israels Gegner im Libanon

Israel und die mit dem Iran verbündete Hisbollah-Miliz bekämpfen sich im Libanon. Israel fordert von Beirut die Entwaffnung der Miliz. Doch der Einfluss der libanesischen Regierung auf die Hisbollah ist gering. Welche Rolle spielt sie im Libanon?

    Menschen in dem von der Hisbollah kontrollierten Dahieh Viertel im Süden Beiruts in Trümmern halten ein Foto eines Politikers mit schwarzem Turban  hoch
    Unterstützung für die Hisbollah in Dahieh, einem von schiitischen Muslimen bewohnten Vorort Beiruts (picture alliance / SIPA / Frederic Munsch )
    Seit Wochen stehen Israel und die Hisbollah im Libanon erneut in einem offenen Krieg. Nun hat es direkte Gespräche zwischen israelischen und libanesischen Vertretern über ein mögliches Friedensabkommen gegeben – zum erstes Mal seit Jahrzehnten.
    US-Angaben zufolge sollen diese Verhandlungen weitergehen. Israel will bei den Gesprächen vor allem eine Entwaffnung der mit dem Iran verbündeten Hisbollah-Miliz im Libanon durchsetzen. Doch die libanesische Regierung hat auf die Hisbollah nur begrenzten Einfluss.
    Die Hisbollah lehnt sowohl ihre Entwaffnung als auch die Gespräche mit Israel ab. Ihr ist vor allem daran gelegen, ihre militärische und politische Rolle im Libanon zu sichern. Zum Auftakt des Treffens feuerte sie nach eigenen Angaben Raketen in Richtung in Israel.

    Inhalt

    Der erneute Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon

    Israel und die Hisbollah befinden sich zum zweiten Mal binnen zwei Jahren im Krieg. Der Konflikt der beiden Parteien im Libanon ist seit dem jüngsten Irankrieg wieder aufgeflammt.
    Mit den erneuten Angriffen der USA und Israels auf den Iran hat sich die mit der Islamischen Republik verbündete libanesische Hisbollah-Miliz eingeschaltet. Seitdem greift sie trotz einer im November 2024 vereinbarten Waffenruhe Israel mit Drohnen und Raketen an. Insbesondere der Norden Israels steht unter Dauerbeschuss. Das israelische Militär wiederum beschießt Ziele im gesamten Libanon.
    Die Spannungen zwischen Israel und der Hisbollah hatten sich bereits nach dem Tod von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah deutlich verschärft. Er kam im September 2024 durch einen israelischen Angriff ums Leben.
    Die libanesische Regierung ist in dem aktuellen Konflikt keine aktive Kriegspartei. Sie hatte sich 2024 zu einer Entwaffnung der Hisbollah verpflichtet. Dies ist aber bislang nicht gelungen, auch weil die libanesische Armee als deutlich unterlegen gegenüber der Schiiten-Miliz gilt. Der Iran finanziert die Hisbollah und steuert sie auch teilweise, der Einfluss der libanesischen Regierung auf die Miliz ist hingegen begrenzt.
    Die libanesische Regierung hat bei den Gespräche mit Israel eine Waffenruhe und einen Abzug der israelischen Soldaten aus dem Süden des Libanon gefordert. Die libanesische Seite habe bei den Gesprächen deutlich gemacht, dass sie nicht länger unter Besatzung der Hisbollah stehen wolle, sagte der israelische Vertreter in Washington, Jechiel Leiter.

    Ziele der Hisbollah: Stärkung der Schiiten und Kampf gegen Israel

    Die schiitische Hisbollah, die "Partei Gottes", die ihren Hauptsitz im Libanon hat, besteht aus einer politischen Partei und einer bewaffneten Miliz. Sie sieht sich selbst auch als eine soziale Wohltätigkeitsorganisation. Die militante Hisbollah leitet ihre Politik und auch ihr Selbstverständnis aus islamistischen Positionen ab, dem Wunsch nach Stärkung der Schiiten weltweit und einer anti-westlichen Haltung. Auch der bewaffnete Kampf gegen Israel steht im Mittelpunkt der Organisation.
    Sie wurde offiziell 1982 von der iranischen Revolutionsgarde gegründet, um israelische Truppen im Libanon zu bekämpfen. Seit 1975 herrschte im Libanon ein Bürgerkrieg, in den auch die damals im Libanon ansässige PLO eingebunden war. 1982 führten israelische Streitkräfte daher einen Libanon-Feldzug mit dem Ziel, die bewaffneten palästinensischen Strukturen zu zerschlagen.
    "Es waren die iranischen Revolutionsgarden, die 1982 die Hisbollah gründeten, damit sie den Kampf gegen die israelische Besetzung von Teilen des Südlibanon aufnehmen konnte", so Nahostexperte Guido Steinberg. Er bezeichnet die Hisbollah daher als "eine Erfolgsgeschichte", besonders für den Iran. Denn die Islamische Republik konnte so ihren Einfluss in der arabischen Welt ausbauen.
    Durch die Schutzmacht Iran gelang es der Hisbollah, zur dominierenden Kraft im Libanon aufzusteigen. Als die libanesischen Konfliktparteien 1990 den Bürgerkrieg beendeten und abrüsteten, behielt sie als einzige Gruppierung ihre Miliz. 1992 zog sie ins libanesische Parlament ein. Melani Cammett, Professorin und Nahostforscherin an der Harvard-Universität in den USA, sagte der ARD zum 40. Jahrestag der Hisbollah: "Sie genoss in ihrer Rolle als Widerstandsorganisation gegen Israel lange Zeit weite Popularität im gesamten Libanon, weil sie als beste Verteidigung gegen Israel gesehen wurde, das Teile des Libanon bis 2000 besetzt hielt."
    Dass Israel sich schließlich im Jahr 2000 aus dem Libanon zurückzog, wird von der Hisbollah immer noch als ultimativer Sieg gesehen.
    Seit 2005 ist die "Partei Gottes" durchgehend Teil der Regierung. Vielen gilt sie als "Staat im Staat". Im Laufe der Zeit zeigte sich der bewaffnete Flügel der Hisbollah aufgrund seiner Angriffe auf andere Gruppen im Libanon sowie Terroranschläge auf ausländische Ziele immer mehr als gewaltsam vorgehende, extremistische Organisation. Mehrere Länder, darunter die Vereinigten Staaten im Jahr 1997 und Deutschland im Jahr 2020, stuften die Hisbollah daher als terroristische Organisation ein.

    Unterstützung und Steuerung aus dem Iran

    Auch wenn die Hisbollah durch die Angriffe und gezielten Tötungen von Führungskräften seitens Israels erheblich geschwächt ist, spielt sie im Libanon und darüber hinaus noch immer eine wichtige Rolle.
    Serge Dagher, Generalsekretär der christlich dominierten Kataeb-Partei sagt: "Ja, Schiiten stellen etwa 30 Prozent der Libanesen. Wir akzeptieren, dass die Hisbollah ihre Gefolgschaft hat, auch ihre politische Präsenz in der Regierung und im Parlament. Aber die Hisbollah ist heute riesengroß geworden. Und warum? Wegen ihrer kompromisslosen Allianz und ihrer totalen Unterordnung gegenüber dem Iran."
    Von dort bekomme sie finanzielle Unterstützung, sagt er. „Und sie versucht, ihre gesamte schiitische Religionsgemeinschaft hinter sich zu versammeln – und das gelingt ihr sehr gut.“
    Aus ihrem Bündnis zum Iran machte die Hisbollah nie ein Geheimnis. Der inzwischen verstorbene Hisbollah-Chef Nasrallah sagte einmal in einer Rede: „Wir müssen unseren Dank an die islamische Republik im Iran richten. Sie gaben uns ihre Expertise und Erfahrungen. Sie brachten uns bei, was ein Kampfgeist ausmacht. Sie brachten für uns Opfer und Märtyrer und sie tun es auch bis heute noch.“
    Mehr und mehr entwickelte sich die Hisbollah von einem lokalen Akteur im Libanon zu einer regional einflussreichen Kraft. Seit 2013 sandte sie Tausende Kämpfer ins Nachbarland Syrien, um Machthaber Baschar al-Assad zu unterstützen. Nach Assads Sturz Ende 2024  zog sich die Hisbollah weitgehend aus Syrien zurück. Aktiv ist sie noch im Grenzgebiet.
    Die Hisbollah ist zudem auch im Irak und im Jemen aktiv, und unterstützt die Terrororganisation Hamas im Gaza-Streifen.
    Israel betrachtet die Hisbollah heute als größte unmittelbare Bedrohung – besonders im Hinblick auf die Sicherheit Nordisraels, auf das die Hisbollah immer wieder Raketen abfeuert.

    Hisbollah ist in der libanesischen Gesellschaft fest verankert

    Die militant-islamische Hisbollah ist eine starke politische Kraft im Libanon. Die libanesische Verfassung, so Ayman Mhanna, Direktor der Samir-Kassir-Stiftung für Meinungs- und Pressefreiheit, regelt die Machtverteilung zwischen den unterschiedlichen Konfessionen Christen, Muslimen und Schiiten penibel. De facto sei der Proporz aber schon längst zugunsten der schiitischen Hisbollah außer Kraft gesetzt. "Keine wichtige Entscheidung, weder die Wahl eines Präsidenten, die Vertrauensfrage im Parlament, noch die Auswahl der Minister hat Bestand, ohne dass die Hisbollah sie vorher abgesegnet hat. Weil die Entscheidungsträger nicht das Risiko eingehen wollen, die Hisbollah gegen sich aufzubringen", sagt Mhanna.
    Ein ausgeprägtes Wohlfahrtssystem mit eigenen Krankenhäusern und Schulen sichert ihr die Unterstützung vieler, meist schiitischer, Libanesen. Dazu kommt: "Die Hisbollah verfügt über ihre eigenen Fernsehsender, mit denen sie die Menschen erzieht oder ihnen eine Gehirnwäsche verpasst. Sie machen aus normalen Menschen Kämpfer, die bereit sind, loszuziehen, um in Syrien zu sterben oder im Irak oder im Jemen oder im Iran", so Serge Dagher.
    Die Hisbollah hat jedoch Kritiker und Gegner. Nicht zuletzt, weil sie als Teil der Regierung als mitschuldig gilt, an jahrzehntelanger Korruption und Vetternwirtschaft, die den Libanon ins Chaos gestürzt hat. Auch wächst der innenpolitische Druck auf sie. Im März 2026 verbot die libanesische Regierung der Miliz militärische Aktivitäten.

    Die Schlagkraft der Miliz ist geschwächt

    Im Laufe der Jahre hat die Hisbollah ihre militärische Macht ausgebaut. „Ihre Daseinsberechtigung bezieht sie vor allem aus ihrem Militär. Ich würde sie nicht mal mehr paramilitärisch nennen, weil ihre Kampfkraft weit über die vieler regulärer Armeen hinausgeht - im Libanon und weit über den Libanon hinaus“, sagt Ayman Mhanna.
    Das Council on Foreign Relations in den USA schätzte im Jahr 2020, dass die Miliz bis zu 20.000 aktive Kämpfer und etwa 20.000 Reservisten hat und über ein Arsenal an Kleinwaffen, Panzern, Drohnen und verschiedenen Langstreckenraketen verfügt. Analyst und Brigadegeneral a.D. Assaf Orion vom israelischen Institut für nationale Sicherheitsstudien sagt, die Hisbollah besitze "ein größeres Arsenal an Artillerie als die meisten Nationen".
    Die Hisbollah rühmt sich ihrer Waffen und behauptet, sie könne alle Teile Israels treffen. In einem Bericht des Zentrums für strategische und internationale Studien aus dem Jahr 2018 wird die Hisbollah als "der weltweit am schwersten bewaffnete nicht-staatliche Akteur" bezeichnet.
    Der Iran liefert der Hisbollah Waffen und Geld. Nach Schätzungen der Vereinigten Staaten hat der Iran der Hisbollah in den vergangenen Jahren jährlich Hunderte von Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.
    Welche Schlagkraft die Miliz heute hat, ist unklar. Die Hisbollah veröffentlicht keine eigenen Verlustzahlen. Insidern zufolge wurden jedoch seit Anfang März 2026 mehr als 400 ihrer Kämpfer getötet. Durch jüngere israelische Angriffe gilt sie als erheblich geschwächt.

    dh, csh