Dienstag, 07. Dezember 2021

Impfmüdigkeit bei steigender Corona-Inzidenz"Es ist eine sehr gute Idee, sich jetzt impfen lassen"

Druck und Impfprämien seien kein gutes Motivationsmittel, um die Impfquote zu steigern, sagte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie Christine Falk im Dlf. Besser seien "aufsuchende" Impfangebote und weitere Aufklärung. Die Delta-Variante gefährde künftig vor allem Nicht-Geimpfte.

Christine Falk im Gespräch mit Stefan Heinlein | 06.08.2021

Menschen warten in einer Schlange ohne vorherige Anmeldung auf ihre Corona-Impfung vor einem Impfbus.
Die Immunologin Christine Falk plädiert für "aufsuchende" Impfangebote - statt Druck auszuüben auf die Menschen (dpa/Frank Rumpenhorst)
Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt weiter - laut Robert Koch-Institut (RKI) mehrere Wochen früher und schneller als im Sommer 2020. Und das, obwohl bereits mehr als 50 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen SARS-CoV-2 geimpft ist, etwas mehr als 60 Prozent hat zumindest eine Impfdosis erhalten.
Als Grund für den neuerlichen Anstieg der Coronafälle gilt die als besorgniserregend eingestufte Delta-Variante des Virus. Sie ist um ein vielfaches ansteckender als der Wildtyp und die Mutante Alpha (B.1.1.7) und dominiert inzwischen auch das Infektionsgeschehen in Deutschland. In einer für Erbgutanalysen ausgewählten Repräsentativen Stichprobe, wurde Delta in 97 Prozent der Fälle gefunden, schreibt das RKI in seinem jüngsten Wochenbericht.
Injektionsnadeln und Ampullen mit Impfstoff liegen auf einem Tisch.
Wie man die Impfquote erhöhen kann
Eine Impfpflicht soll es in Deutschland nicht geben, diskutiert wird aber, ob geimpfte Menschen schneller und mehr Freiheiten bekommen sollten als andere. Mit welchen weiteren Mitteln ließe sich die Impfquote erhöhen? Und wäre eine Impfpflicht überhaupt verfassungsrechtlich durchsetzbar? Ein Überblick.
Trotz dieser Entwicklung und eines Überangebots an Vakzinen stockt das Impftempo mittlerweile deutlich. Das wird auch an dem geringen Abstand zwischen dem Anteil der vollständig Geimpften und denjenigen, die erst einmal immunisiert sind, deutlich.
Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk, denkt, dass die nachlassende Impfbereitschaft zum Teil auch der Urlaubszeit geschuldet ist. Darüber hinaus herrsche aber auch sehr viel Verunsicherung in Bezug auf das Impfen. Druck aber auch Anreize wie Shopping-Gutscheine seinen jedoch kein gutes Motivationsmittel, betonte die Professorin von der Medizinischen Hochschule in Hannover. Besser sei es, weiter zu informieren - über die Sicherheit der Impfungen und welche Sicherheit sie bieten - und niederschwellige, "aufsuchende" Impfangebote zu machen.

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Das Interview im Wortlaut:
Stefan Heinlein: Nie war es so einfach wie heute, einen Impftermin zu bekommen. Dennoch wird das Impftempo immer langsamer. Woran liegt es?
Christine Falk: Zum Glück ist es so, dass man jetzt nicht mehr sich wie ein Hacker vorkommen muss, um einen Impftermin zu bekommen, und das ist ein großer Fortschritt. Ich denke, dass ein Teil vielleicht auch der Urlaubszeit geschuldet ist. Das ist ein bisschen die Hoffnung. Und ich glaube, ein Teil ist, dass die Leute sich fragen, warum sie sich impfen lassen sollen, weil sehr viel Verunsicherung da ist, und da muss man sagen, es ist eine sehr gute Idee, sich jetzt impfen zu lassen, weil man deutlich sicherer in den Herbst kommt, weil man dann die Gefahr reduziert, sich zu infizieren, sich und andere, und weil es ein für sich persönlich sicherster Schritt ist, sich impfen zu lassen.
Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet.
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Vielleicht muss man noch ein bisschen betonen, dass wir seit Wochen steigende Zahlen haben und dass es deshalb wirklich eine gute Idee ist, sich jetzt impfen zu lassen, damit man geschützt ist für den Herbst und den Winter, weil diese Delta-Variante zirkuliert. Wir werden sie nicht wegkriegen und sie wird mehr zirkulieren, und zwar vor allem in Menschen, die nicht geimpft sind.

"Angst ist immer ein ganz schlechter Ratgeber"

Heinlein: Muss man diesen verunsicherten Menschen jetzt Angst machen, damit sie bereit sind, sich impfen zu lassen?
Falk: Angst finde ich immer eine ganz schlechte Art der Kommunikation. Überzeugung würde ich jetzt viel besser finden, wenn man noch mal ganz deutlich kommuniziert, dass wir einen großen Erfolg haben mit 53 Prozent vollständig, zweimal geimpfter Personen und über 60 Prozent einmal geimpfter Personen, dass wir wissen, wie gering das Risiko ist, Nebenwirkungen zu haben. Da gibt es einen Bericht vom Paul-Ehrlich-Institut, der jeden Monat rauskommt. Das heißt, die Sicherheit haben wir sehr gut in den letzten Wochen und Monaten gesehen.
Wir wissen, dass die Impfstoffe, wenn man zweimal geimpft ist, über 80 Prozent schützen vor einer symptomatischen Infektion, vor schweren Verläufen noch mehr. Das heißt, Information und die Sicherheit zu geben, dass wir sehr genau wissen, was wir tun, wenn wir impfen, ist ein viel besserer Weg, als Angst zu machen. Ich finde, Angst ist immer ein ganz schlechter Ratgeber.

Sicherheitslage beim Impfen sehr gut

Heinlein: Frau Professor Falk, diese wissenschaftlichen Argumente, die Sie gerade genannt haben, die sind ja hinlänglich bekannt. Aber wie kann man die Unschlüssigen, die Impfunwilligen tatsächlich jetzt erreichen? Denn dort spielen ja oft eher irrationale Motive und Argumente eine Rolle.
Falk: Da ist es, glaube ich, so, dass es ein wichtiger Schritt ist, Fragen zu beantworten, die die Unsicherheit befeuern – zum Beispiel Fragen wie, warum ist das so schnell gegangen. Da kann man eindeutig antworten, die Impfstoffe wurden seit 20 Jahren entwickelt. Das heißt, was neu ist, ist nicht die Impfstrategie, sondern das Virus, was wir wirklich durch die Sicherheitsberichte sehr gut wissen, wie das Nebenwirkungsprofil ist, und dass es sehr gut wirkt, wenn man wie wir in Deutschland den Luxus hat, das zu optimieren. Zum Beispiel der AstraZeneca-Impfstoff, der sehr viel besser ist als sein Ruf, hat dazu die Empfehlung der Stiko, die Altersgruppe anzupassen mitunter 60jährigen, die Empfehlung rauszunehmen, dazu geführt, dass es kaum noch neue Fälle von diesen Sinusvenen-Thrombosen gab.
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Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Das heißt, in Deutschland haben wir eine sehr gute Sicherheitslage, die die Menschen auch wirklich davor schützt, große Risiken einzugehen, und insofern kann man vielleicht auch dieser emotionalen Frage, warum man sich impfen lassen soll, sagen, weil es die sicherste Möglichkeit ist, sich für den Herbst und Winter vorzubereiten, und weil es nicht nur für einen selbst einen großen Schutz bedeutet, sondern weil es gleichzeitig auch die Bevölkerung an sich in diese Richtung eines kollektiven Impfschutzes bringt. Herdenimmunität finde ich nicht so einen ganz tollen Begriff, weil man rennt ja nicht einer Herde hinterher, aber das gemeinsame Ziel, möglichst viele Menschen zu schützen und zu impfen, kann vielleicht auch eine Motivation sein. Ich würde immer darauf vertrauen, die Motivation in den Vordergrund zu stellen.

"Wir müssen die Unentschlossenen erreichen"

Heinlein: Dennoch: Wie hoch, Frau Professor Falk, ist nach Ihren Erkenntnissen die Zahl der Menschen, die diesen Argumenten nicht aufgeschlossen gegenübersteht, die tatsächlich nur schwer zu erreichen sind für die Impfungen? Haben Sie darüber wissenschaftliche Erkenntnisse?
Falk: Da gibt es Cornelia Betsch aus Erfurt, die sehr gut untersucht hat, wo die Verteilung ist. Die Menschen, die für sich entschlossen haben, sich nicht impfen zu lassen, der Anteil ist nicht so hoch. Ich glaube, die Unentschlossenen sind mit über 20 Prozent ungefähr die Menschen, die wir erreichen müssen, und da ist ein aufsuchendes Impfangebot, glaube ich, ein ganz wichtiger Aspekt. Das bedeutet, dass nicht die Menschen zum Impfstoff kommen müssen und zum Impfzentrum, sondern der Impfstoff zu den Menschen.
Die Bratwurst ist ehrlicherweise ein sehr guter Hinweis, wie das funktionieren kann. Wenn das funktioniert, dass man kulinarische Anreize gibt, wunderbar, dann sollten wir das doch einfach aufnehmen. In soziale Brennpunkte zu gehen, ist ein wichtiger Punkt. Viele Kommunen und Städte tun das bereits, dass wir versuchen, die Menschen dort abzuholen, auf Marktplätzen, mit Drive-in-Zentren. Das sind Dinge, die wir, glaube ich, forcieren müssen, damit es möglichst niedrigschwellig möglich ist, sich jetzt impfen zu lassen.

"Im Moment bin ich bei der Bratwurst"

Heinlein: Die Bratwurst ist eine gute Idee. Nun hat heute der Linken-Politiker Dietmar Bartsch auch einen Einkaufsgutschein ins Gespräch gebracht. Auch das eine gute Idee?
Falk: Es sind immer diese Diskussionen, wo man sich fragt, was ist wirklich eine gute Idee. Ich finde die Bratwurst deshalb besser, weil wenn wir finanzielle Anreize wie Einkaufsgutscheine geben und da mit Geld herumhantieren, dann fragt man sich, wie soll das denn in der Zukunft aussehen. Wir wollen doch etwas erreichen, was eigentlich selbstverständlich wäre, wenn man sich selbst noch mal überlegt, wie schütze ich mich – am besten durch eine Impfung -, dann mache ich das.
Wenn man dann noch einen kleinen Anreiz braucht, finde ich das besser, als wenn man jetzt Gutscheine oder sogar Geldideen in den Raum wirft. Auch diese Verlosungsgeschichten finde ich nicht so gut. Auch da gibt es ja gute Analysen aus der Soziologie, dass man wirklich versucht, die Menschen mit einem möglichst niedrigschwelligen Anreiz zu motivieren. Ich weiß nicht, ob Gutscheine und andere Dinge wirklich hilfreich sind, denn es ist doch die Frage, wie sehen wir das in der Zukunft. Das wird ja nicht die letzte Impfkampagne sein, die wir möglicherweise haben. Insofern bin ich bei der Bratwurst im Moment, oder was immer es kulinarisch sein sollte.

Unglückliche Verknüpfungen zum Wahlkampf

Heinlein: Die Bratwurst ist nicht die Idee der Bundesregierung, von Jens Spahn, sondern der Bundesgesundheitsminister versucht offensichtlich noch einen anderen Weg. Jens Spahn will Geimpften Privilegien gewähren und Ungeimpften mehr Härten zumuten. Darüber wird gerade in Berlin diskutiert. Kann dieser Druck die Menschen dazu bewegen, die Ärmel hochzukrempeln?
Falk: Ich glaube, da sehen wir im Moment eine etwas unglückliche Zeit solcher Verknüpfungen, da wir die Wahlen im September haben. Deswegen finde ich es immer schwierig, dann zu bewerten, was ist wirklich für die Menschen gedacht und was ist der Wahlkampf. Wenn wir mal versuchen, den Wahlkampf einen Moment rauszulassen, dann ist es, glaube ich, so, dass der Druck kein gutes Motivationsmittel ist. Deswegen bin ich immer bei der Erklärung, bei der Motivation und möglicherweise bei niedrigschwelligen Angeboten.
Die Frage, wie man damit umgeht, ist eine, die aus dem Deutschen Ethikrat heraus ja auch mit diskutiert wird. Da sieht man schon, dass man die Frage, wie man Menschen, die doppelt geimpft sind, wieder ermöglicht, ihr soziales Leben besser und freier zu gestalten, ein ganz wichtiger Aspekt ist.
Der Ethikrat hat da ja auch verschiedene Vorgaben gemacht. Alena Buyx zum Beispiel, die auch sagt, man muss nicht endlos die Menschen motivieren, sich impfen zu lassen. Irgendwann kann man den Geimpften nicht mehr vorenthalten, dass sie ihre Freiheitsrechte zurückbekommen. Das ist ein ganz schwieriger Punkt. ich glaube aber, in diesem Moment jetzt im August ist es ganz wichtig, die Menschen zum Impfen zu motivieren. Wie wir dann mit der gesellschaftlichen Frage Geimpfte/Nichtgeimpfte umgehen, werden wir in den nächsten Wochen sehen, und es wird, glaube ich, deutlich einfacher zu diskutieren, wenn die Wahl vorbei ist.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.