Mittwoch, 17. August 2022

Jenseits der gängigen Klavierwerke
Schlachtenmusik eines schwarzen Sklaven

1861 begann der Amerikanische Bürgerkrieg. In diesem Jahr komponierte der afroamerikanische Sklave Thomas Wiggins eine Schlachtenmusik, die in den Südstaaten ein richtiger Hit war und dann vergessen wurde. Der Pianist Jeremy Denk stieß durch Zufall auf das zukunftsweisende Werk und hat es beim Klavier-Festival Ruhr 2021 präsentiert.

Am Mikrofon: Jonas Zerweck | 20.03.2022

Kanonen auf Rädern mit türkisfarbener Patina stehen hintereinander auf einer Wiese.
Solche Kanonen kamen auch in der "Battle of First Manassas" im Julie 1861 zum Einsatz, deren Schläge in der Schlachtenmusik Eingang fanden. (imago stock&people)
Seit seiner Kindheit war Tom Wiggins Sklave auf einer Plantage in den Südstaaten. Er war blind und konnte nicht auf dem Feld arbeiten. Er war musikalisch hochbegabt, schon als kleiner Junge spielte er virtuos Klavier, wie sein Stück „The Battle of Manassas“ beweist. Es die Komposition eines Zwölfjährigen und ein echtes Erlebnis.

Donnernde Klangerfindung

"Mich fasziniert daran, auf welche unglaubliche Art das Stück der Zeitgeschichte voraus war", sagt der Pianist Jeremy Denk. "In der Schule haben wir gelernt, dass Henry Cowell das Toncluster erfunden hat, also wenn du einfach einen Haufen Tasten runterdrückst. Aber nein, tatsächlich hat Tom Wiggins das Toncluster erfunden."
Tom Wiggins komponiert sein „Battle of Manassas“ 1861, also zu einer Zeit, als in Europa Richard Wagner seinen hochromantischen "Tristan" zu Papier brachte. Charakterisiert durch Soldatenhymnen der Union Truppen und der Konföderierten zeichnet Wiggins den Verlauf des Kampfes nach, inklusive Kanonenschüssen, realisiert durch Toncluster.

Wechselwirkungen zwischen Wiggins und Beethoven

Der US-Amerikaner Jeremy Denk hat diese musikalische Entdeckung mit zwei weiteren Werken schwarzer Komponisten kombiniert. In den USA gibt es schon seit einigen Jahren einen spürbaren Sinneswandel, die Werke schwarzer Komponisten häufiger in Konzerten zu spielen. In der programmlichen Dramaturgie des Konzerts führt die Erfahrung von Coleridge-Taylors Komposition oder auch dem "Battle of Manassas" tatsächlich auch zu einem neuen Hören von Beethovens letzter Klaviersonate.
Johann Sebastian Bach
Partita Nr. 5 in G-Dur, BWV 829

Samuel Coleridge-Taylor
„They Will Not Lend Me a Child” from: 24 Negro Melodies, op. 59

Thomas Wiggins
The Battle of Manassas

Scott Joplin / Louis Chauvin
Heliotrope Bouquet

Frederic Rzewski
Winnsboro Cotton Mill Blues

Ludwig van Beethoven
Sonate Nr. 32 in c-Moll, op. 111

Jeremy Denk, Klavier
Aufnahme vom 15.11.2021 aus der Gebläsehalle im Landschaftspark Nord, Duisburg