Donnerstag, 06. Oktober 2022

Missbrauchsfall Winfried Pilz
Ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft gegen Kardinal Woelki?

Nach einem Bericht von Dlf/"Christ & Welt" zum Missbrauchsverdacht gegen den bekannten Geistlichen Winfried Pilz und zur Rolle von Kardinal Rainer Maria Woelki in dem Fall wurde Strafanzeige gegen Woelki erstattet. Auch das Erzbistum Köln reagierte.

Von Raoul Löbbert und Christiane Florin | 14.09.2022

    Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki
    Nach der gemeinsamen Recherche von Dlf und "Christ & Welt" erstatteten drei Priester Anzeige gegen den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
    Am 31. August 2022 veröffentlichten "Christ & Welt"/"Die Zeit" und der Deutschlandfunk die Ergebnisse einer gemeinsamen Recherche. Diese legt zum einen den Verdacht nahe, dass der prominente römisch-katholische Geistliche Winfried Pilz mehr junge Männer missbraucht hat als bisher angenommen und zum anderen, dass das Erzbistum Köln offenbar früher als bislang bekannt Hinweise auf weitere Missbrauchsbetroffene im Fall Pilz erhalten hat, diesen jedoch nicht hinreichend nachging. Pilz, der 2019 starb, war 17 Jahre lang Rektor von Haus Altenberg, einer großen Jugendeinrichtung des Erzbistums Köln, später Präsident des Kinderhilfswerks „Die Sternsinger“.
    Zudem lieferten die Recherchen von Dlf und "Christ & Welt" Anhaltspunkte für Zweifel am Inhalt einer eidesstattlichen Versicherung, die Kölns Erzbischof Rainer Maria Woelki Anfang August 2022 abgegeben hat. In Folge der Berichterstattung gingen mehrere Strafanzeigen bei der Polizei ein, darunter von drei Priestern. Das Erzbistum Köln reagierte ebenfalls und wies den Verdacht einer eidesstattlichen Falschaussage zurück. Auch Kardinal Woelki selbst tat dies in mehreren Interviews.
    "Christ & Welt" und der Deutschlandfunk haben weiter recherchiert und zu den Erklärungen des Erzbistums weitere Nachfragen gestellt.

    Strafanzeigen gegen Kardinal Woelki

    Die Staatsanwaltschaft Köln habe ein Ermittlungsverfahren gegen Kardinal Rainer Maria Woelki eingeleitet wegen „falscher Versicherung an Eides statt“, berichteten am 10. September mehrere Medien. Auslöser war die investigative Recherche von Deutschlandfunk und "Christ & Welt" über bislang unbekannte Missbrauchsvorwürfe gegen den Kölner Geistlichen Winfried Pilz, ehemals Rektor der Jugendeinrichtung „Haus Altenberg“ und Präsident des Kinderhilfswerks „Die Sternsinger“.
    Nach Erscheinen des  Berichts hatten drei Priester Strafanzeige gegen Woelki erstattet. Als Beleg für die „Ermittlung“ wurde ein „Bestätigungsschreiben“ der Staatsanwaltschaft angeführt, das die Anzeigeerstatter kurz zuvor veröffentlicht hatten.

    Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Anfangsverdacht vorliegt

    Doch so ist es nicht - oder vielleicht noch nicht. Denn was die Anzeigeerstatter für die Information über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens hielten, ist, wie ein Sprecher der Staatsanwalt bestätigt, nur eine formelle Anzeigenbestätigung. Nach mehreren Anzeigen gegen Woelki prüft die Staatsanwaltschaft in einer Vorermittlung vorerst nur, ob ein Anfangsverdacht vorliegt – nicht mehr, nicht weniger. Dazu bediene man sich öffentlicher Quellen, so der Sprecher.
    Heißt im Klartext: Ermittlungen gegen Woelki wurden bisher nicht aufgenommen, befragt wird noch niemand, dafür liest man in der Kölner Staatsanwaltschaft gerade intensiv Zeitung sowie andere Veröffentlichungen, in denen etwas über die Causa Pilz steht.

    Eine eidesstattliche Versicherung und ein Brief

    Worum es geht: Per eidesstattlicher Versicherung erklärte Woelki Anfang August, erst in der vierten Juni-Woche mit dem Fall Pilz befasst worden zu sein. Ein Brief, der Deutschlandfunk sowie "Christ & Welt" vorliegt und über den beide Medien Ende August berichteten, zeigt jedoch: Schon am 6. Mai hatte Woelkis Büroleiterin „Matteo Schuster“, einen mutmaßlichen Betroffenen im Fall Pilz, zum Gespräch geladen; ein Mitarbeiter aus Woelkis Interventionsstelle sollte auch dabei sein. Der Brief trägt den Briefkopf und das Wappen des Erzbischofs. Wörtlich lautet der Text: „Der Herr Kardinal bat mich bei Ihnen anzufragen, ob sie am Montag, dem 27. Juni 2022 um 9.20 Uhr die Möglichkeit hätten, zu einem Gespräch in das Erzbischöfliche Haus zu kommen. An diesem Termin wird Herr … aus der Interventionsstelle anwesend sein.“
    Nach Veröffentlichung der Recherche erklärte das Erzbistum, der Einladungsbrief sei von seinem Büro verschickt worden, ohne Befassung Woelkis. Der Kardinal habe nach Veröffentlichung des Gercke-Gutachtens jene Personen zu Gesprächen eingeladen, die im Kontext mit Missbrauchsfällen ein persönliches Gespräch mit ihm wünschen, erklärte die Pressestelle. Wenn gegenüber den zuständigen Stellen ein Gesprächswunsch geäußert werde, dann sei sein Büro durch Kardinal Woelki angewiesen, „selbständig einen Termin zuzuweisen und selbständig die Einladung zu koordinieren und den Termin abzustimmen“. Herr Kardinal Woelki selbst werde dann erst unmittelbar vor dem stattfindenden Termin damit befasst, wer Gesprächspartner sei und bekomme auch erst dann eine inhaltliche Vorbereitung auf den Termin.

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    Diese Auskunft lässt vermuten, schriftliche Einladungen dieser Art kämen im erzbischöflichen Arbeitsalltag häufig vor. Wie das Erzbistum auf Nachfrage von Deutschlandfunk und "Christ & Welt" mitteilt, war Matteo Schuster jedoch im Mai 2022 der einzige Betroffene, der zu einem Treffen mit dem Kardinal schriftlich geladen wurde.

    Betroffener erhob bereits 2021 neue Missbrauchsvorwürfe

    Markant ist noch etwas anderes: Im März 2021 legte die Kölner Kanzlei Gercke-Wollschläger ein Auftragsgutachten über alle Missbrauchsfälle im Erzbistum vor. Dafür hatten die Juristen auch mit Woelki über seinen Umgang mit Missbrauchsverdachtsfällen gesprochen. Der Kardinal werde, heißt es da im Kapitel „Auskunft von Erzbischof Dr. Rainer Maria Woelki“ auf Seite 272, „über  den Eingang von Verdachtsmeldungen informiert“. Und weiter: „Er erhalte dann in der Regel von der Leiterin der Interventionsstelle einen Entwurf zur Unterschrift, mit welchem er sie mit der Durchführung der kanonischen Voruntersuchung beauftrage.“
    Matteo Schuster erhob bereits 2021 gegenüber der Interventionsstelle des Erzbistums Missbrauchsvorwürfe gegen Pilz. In jenem Jahr gingen, wie es in einer Mitteilung der erzbischöflichen Pressestelle vom 29. Juni heißt, neue Vorwürfe gegen Pilz ein. Recherchen von „hoher Komplexität“ seien die Folge gewesen. Dessen ungeachtet wurde Woelki damals aber laut Pressestelle nicht über die Verdachtsmeldung Schusters informiert.
    Warum nicht? "Der Grund dafür war", erklärt die Pressestelle des Erzbistums auf Anfrage, "dass es sich bei Herrn S. zum Tatzeitpunkt weder um einen Minderjährigen noch um einen erwachsenen Schutzbefohlen gehandelt hatte. Die Interventionsordnung fand bei der Meldung von Herrn S. somit keinerlei Anwendung".
    Wie genau die Schutzbedürftigkeit geprüft wurde, bleibt unklar. Fakt ist: Zum angeblichen Tatzeitpunkt wohnte Schuster im Haus Altenberg im Bergischen Land. Pilz habe, wie Schuster im Gespräch mit dem Dlf erzählte, sich um "Heranwachsende, vor allen Dingen männliche Jugendliche, die im Grunde ihr Leben nicht richtig bestritten hatten" gekümmert. Er selbst hatte eine gebrochene Biografie hinter sich, Pilz schätzte ihn als Ikonenmaler und verhalf ihm zu Aufträgen. Davon lebte Schuster. Er war finanziell und emotional abhängig von Pilz.

    Viele Verantwortliche waren mit Fall Pilz befasst

    Viele Verantwortliche des Erzbistums waren in der Vergangenheit mit dem Fall Pilz befasst. So hatte bereits 2012 ein anderer mutmaßlich Betroffener Pilz beschuldigt, ihn missbraucht zu haben. Zwei Jahre später erließ der damalige Erzbischof Meisner ein Strafdekret gegen Pilz. Ansgar Puff, heute Weihbischof und 2012 Personalchef, befragte Pilz damals mit der Justiziarin. 2018 war dann Mike Kolb, der heutige Personalchef, mit dem Fall befasst, in jenem Jahr meldete das Erzbistum den Fall der Staatsanwaltschaft nach.
    Ebenfalls befasst: Woelkis langjähriger Generalvikar Markus Hofmann. Das verriet Woelki jüngst in einem Interview mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Am Freitag, den 24. Juni habe Hofmann ihm, eine Mail geschrieben, so Woelki. In der habe Hofmann ihm mitgeteilt, was er in einem Jour fixe angeblich vergaß zu erwähnen, dass nämlich im Fall Pilz in Bälde ein Aufruf an weitere Betroffene verschickt werde - der Aufruf erging dann am 29. Juni. Bleibt noch Woelkis Büro, das für ihn Einladungen verschickt. Es wird geleitet von einer wichtigen Vertrauten des Kardinals.
    Bildnummer: 59885151  Datum: 04.01.2008  Copyright: imago/epdWinfried Pilz, Präsident des Kindermissionswerks Die Sternsinger , spricht am Freitag (04.01.08) bei einem Empfang einer Delegation der Sternsinger bei Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt. Die rund 200 Mädchen und Jungen im Alter zwischen fünf und 18 Jahren überbringen ihren Segen seit 1984 in das Bundeskanzleramt und nunmehr zum dritten Mal zu Merkel. Die bundesweite Eröffnungsveranstaltung der mittlerweile 50. Sternsingeraktion fand am Mittwoch in Speyer statt. (Siehe epd-Meldung vom 04.01.08) DER ABDRUCK DES EPD-FOTOS IST HONORARPFLICHTIG! Sternsinger zu Gast bei Bundeskanzlerin Angela Merkel xas x0x 2008 hoch Europa Deutschland Berlin Personen Politik Bundeskanzler Politiker Politikerinnen Religionen Christentum Katholische Kirche Römisch-katholische Kirche  59885151 Date 04 01 2008 Copyright Imago epd Winfried Pilz President the  the Star Singer speaks at Friday 04 01 08 at a Reception a Delegation the Star Singer at Chancellor Angela Merkel in Chancellery the Around 200 Girl and Boys in Age between five and 18 Years convey theirs Blessing since 1984 in the Federal Chancellery and Now to third times to Merkel the Nationwide Opening Ceremony the now 50 Star Singer action took place at Wednesday in Speyer instead See epd Message of 04 01 08 the Imprint the epd Photos is  Star Singer to Guest at Chancellor Angela Merkel  x0x 2008 vertical Europe Germany Berlin People politics Federal Chancellor Politicians Politicians Religions Christianity Catholic Church Roman Catholic Church
    Von 2000 bis 2010 war Winfried Pilz Präsident des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" (imago stock&people / imago stock&people)
    Inwieweit diese Erkenntnisse die eidesstattlichen Versicherung Woelkis in Frage stellen, muss nun die Kölner Staatsanwaltschaft prüfen. Unbestreitbar hatte Woelki aber vor der vierten Juni-Woche zumindest persönlich mit Winfried Pilz zu tun. Der starb am 23. Februar in Görlitz. Zwei Tage später versicherte Kardinal Woelki in einer von ihm unterschriebenen Todesanzeige den Trauernden: „Als Erzbischof bin ich dem Verstorbenen über das Grab hinaus für seinen Dienst im Erzbistum Köln in großer Dankbarkeit verbunden.“