Kohlendioxid-Entfernung
Das unterschätzte Problem nach dem Ausstoß

Mehr als 100 Staaten wollen bis 2050 klimaneutral werden. Ohne aktive CO₂-Entnahme ist dieses Ziel kaum erreichbar. Ein neuer internationaler Bericht offenbart nun ein Problem, das in der Klimadebatte bislang zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.

    Mehrere Schornsteine einer Fabrik stoßen dichten grauen Rauch in einen orange‑goldenen Abendhimmel aus. Darunter liegen dunkle Gebäude, bläuliche Landschaft und Strommasten am Horizont.
    Die Welt stößt weiter zu viel CO₂ aus. Doch die Technologien, die das Klimagas wieder aus der Atmosphäre holen sollen, kommen kaum voran. (picture alliance / Daniel Kubirski )
    Industrie- und Schwellenländer kommen bei der Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre deutlich langsamer voran als geplant. Das zeigt der aktuelle Bericht zum Stand des sogenannten Carbon Dioxide Removal (CDR).

    Inhalt

    Fast die gesamte CO₂-Entnahme erfolgt über Wälder  

    Um bis 2050 klimaneutral zu werden, reicht es nicht, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken. Der neue Bericht zeigt: Die Welt muss künftig auch große Mengen Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre entfernen. Genau dabei geht es aber deutlich langsamer voran als nötig: Die G20-Staaten haben bislang nur etwa ein Fünftel der Maßnahmen umgesetzt, die für den Ausbau der CO₂-Entnahme geplant waren.  
    Weltweit werden derzeit rund 2,2 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr aus der Atmosphäre entfernt. Das klingt nach viel. Tatsächlich stammt aber fast die gesamte Menge aus Aufforstung und Wiederaufforstung, sagt Oliver Geden, Klimapolitikexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und Mitautor des Berichts. Demnach werden Bäume angepflanzt, die CO₂ in ihre Biomasse einbauen. 
    Technische Verfahren, die Klimagase wieder einfangen, spielen dagegen bislang kaum eine Rolle. Dazu gehören etwa Anlagen, die Kohlendioxid direkt aus der Luft filtern, oder Biomassekraftwerke mit CO₂-Abscheidung. Zusammen entfernen sie derzeit lediglich rund zwei Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Das reicht bei weitem nicht aus. Nach Berechnungen der Autoren müssten neuartige Verfahren bis 2030 bereits 70 bis 100 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr entfernen. 

    Warum Aufforstung allein nicht reicht  

    Wälder gelten als wichtige Kohlenstoffspeicher. Doch die Fachleute warnen davor, sich ausschließlich auf sie zu verlassen. „Wir erleben ja auch schon Klimawandel. Da kann natürlich so ein Waldbrand schnell CO₂ auch wieder entlassen“, sagt Sabine Fuss, Ökonomin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und an der Berliner Humboldt-Universität.  
    Wälder bleiben dennoch ein wichtiger Teil der Lösung. Sie bieten jedoch keine Garantie für eine dauerhafte Speicherung. Deshalb setzen Wissenschaftler zusätzlich auf technische Verfahren – auch wenn diese bislang deutlich teurer sind. Weltweit gibt es laut dem Report derzeit 46 Demonstrationsprojekte solcher Technologien. Viele davon befinden sich noch in einer frühen Entwicklungsphase.  
    Fuss betont zudem, dass CO₂- Senken – also Systeme oder Methoden, die Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen und speichern - durch den Klimawandel stärker schwanken können. Deshalb sei es wichtig, ein breites Portfolio aus natürlichen Senken (z.B. Wälder, Böden) und technischen Senken (z.B. CO₂-Abscheidung und -Speicherung) zu nutzen. Diese Kombination mache die CO₂-Entnahme robuster gegenüber den Folgen des Klimawandels.  

    USA sind Vorreiter bei neuen Technologien  

    Besonders weit bei neuen Technologien sind die USA. Dort stehen fast alle großen Biomassekraftwerke mit CO₂-Abscheidung, die bereits in Betrieb sind. Außerdem entstehen dort die ersten großen Anlagen zur direkten CO₂-Entnahme aus der Luft. Wirtschaftsingenieur Gregory Nemet von der Universität Wisconsin verweist auf Projekte in Texas und Louisiana. Die Anlagen sollen seinen Angaben zufolge jeweils rund 500.000 Tonnen CO₂ pro Jahr aus der Luft filtern – etwa so viel, wie ein Kohlekraftwerk jährlich ausstößt. 
    Doch die Entwicklung bleibt unsicher. Unter US-Präsident Donald Trump wurden Fördermittel für mehrere Projekte infrage gestellt, so Nemet. Damit könnte ausgerechnet das Land, das derzeit als Vorreiter gilt, den Ausbau bremsen.  

    Für die Klimaziele wird deutlich mehr CO₂-Entnahme benötigt  

    Nach Einschätzung der Autoren wird für den Klimaschutz die CO₂-Entnahme langfristig unverzichtbar sein. Bestimmte Emissionen, etwa aus der Zementindustrie, lassen sich kaum vollständig vermeiden. Sie müssen deshalb ausgeglichen werden. Selbst wenn diese Emissionen deutlich sinken, bleibt eine große Lücke, die durch CO₂-Entnahme geschlossen werden muss.  
    Bis 2050 müssten dafür jährlich rund neun Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden. Beim derzeitigen Tempo werde jedoch höchstens etwa 40 Prozent dieser Menge erreicht. Oliver Geden fordert deshalb mehr politisches Handeln. Regierungen müssten klare Vorgaben schaffen und Anreize setzen, damit neue Technologien schneller wachsen können. Geden formuliert die Konsequenz besonders deutlich: „Ohne CO₂-Entnahme gibt es keine Netto-Null.“  
    Die CO₂-Entnahme wird also für viele Klimaziele unverzichtbar. Doch während die Welt weiter große Mengen Treibhausgase ausstößt, kommt der Ausbau entsprechender Technologien nur langsam voran. Die Botschaft des Berichts ist damit klar: Die Welt muss ihre Emissionen schneller senken. Gleichzeitig muss sie den Aufbau der CO₂‑Entnahme massiv beschleunigen, sonst lassen sich zentrale Klimaziele kaum noch erreichen. 

    Onlinetext: Olivia Gerstenberger