Kolumne zur SWR-Kontroverse um Lisa FitzDas führt Fernsehen ad absurdum

Die Kabarettistin Lisa Fitz verbreitet in einer Sendung Falschinformationen zur Corona-Pandemie, und der SWR verteidigt das zunächst als Meinungsfreiheit. Solche Kommunikationsausfälle könnten in Zukunft vermieden werden, findet Marina Weisband: Sender sollten sich selbstbewusster an ihren Auftrag erinnern.

Von Marina Weisband | 22.12.2021

Die Kabarettistin Lisa Fitz, hier 2020 bei einer Veranstaltung in Rheinland-Pfalz
Die Kabarettistin Lisa Fitz, hier 2020 bei einer Veranstaltung in Rheinland-Pfalz (imago images/BOBO)
Es gibt Prominente, die nur noch prominent sind durch ihre Versuche, sich irgendwie im Rampenlicht zu halten. Meist auf unangenehme Weise. Sie werden am Leben gehalten durch Redaktionen, die sagen: „Ey, da brauchen wir aber noch ein bisschen Contra, noch ein bisschen Reibung rein. Wen kennen wir denn, der völlig abwegige Meinungen vertritt?“ So stelle ich mir das jedenfalls vor.
So eine Person scheint die Kabarettistin Lisa Fitz inzwischen wohl zu sein. Jetzt hat sich der SWR mit einem Auftritt von ihr in die Nesseln gesetzt, bei dem sie wissenschaftlich gestützte Modellierungen „Panikmache“ nannte, sich über vorsichtige Menschen lustig machte und eine irrsinnig falsche Zahl von Toten durch die Corona-Impfung behauptete.

Freiheit der Meinung, dass es 5000 Impftote gab

Warum lässt der öffentlich-rechtliche Sender auf allgemeine Kosten eine Frau auf einer sehr großen Plattform mitten in einer Katastrophe Verschwörungstheorien verbreiten? Meinungsfreiheit. So klang es jedenfalls in der ersten Stellungnahme des SWR an. Der habe sich entschieden, das Stück zu senden, „um die Pluralität der vorkommenden Meinungen in der Spätschicht zu beweisen“.
Meinungsfreiheit. Die Freiheit der Meinung, dass es 5000 Impftote gab. Man kann auch die Freiheit anderer Meinungen fordern: dass die Erde flach sei, oder dass Lisa Fitz mir 5000 Euro schuldet. Nach Kritik ist das auch dem SWR aufgefallen und der Sender hat die Sendung inzwischen aus der Mediathek genommen und erklärt, die Meinungsfreiheit ende bei falschen Tatsachenbehauptungen. So weit so gut, der Schaden ist erstmal angerichtet.

Der SWR eine ganze Menge tun können

Zwei Dinge fallen mir auf, die auch in Zukunft zu Stolperfallen werden könnten. Erstens: Es gab eine ganze Menge, was der SWR hätte tun können zwischen Ausstrahlen und Nichtausstrahlen. Zum Beispiel Zahlen zu einer akuten und brisanten Krise vorher redaktionell prüfen – macht meine Redaktion ja auch immer vorher mit meinen Texten, und ich bin dankbar. Eine Einblendung mit einer Korrektur. Schnitt der falschen Tatsachenbehauptung.  Oder zumindest, im Nachhinein die richtige Zahl zu nennen und sie ins Verhältnis zu setzen. Und jedenfalls ist die Kommunikation, das zuerst als Meinungsfreiheit zu verteidigen und dann doch zu depublizieren, zumindest ungeschickt gewesen.
Porträtfoto von Marina Weisband
@mediasres-Kolumnistin Marina Weisband (Lars Borges)
Zweitens: Der Sender hat in seiner Erklärung selbst zugegeben, „in der Abwägung eines möglichen und erwartbaren Vorwurfs der Zensur versus Meinungsfreiheit“ gehandelt zu haben. Sprich: Er hat erwartet, dass Leute schreien, es kämen nicht genug verschiedene Meinungen zum Thema Impfen zu Wort. Generell kann ich beobachten, dass wir nicht zu wenige Meinungen haben.

Sender sollten sich weniger treiben lassen

Es gibt ein extrem differenziertes Spektrum von Meinungen, wann wer wie wo geimpft werden sollte, genauso wie die Sinnhaftigkeit und die Zielgruppen einer etwaigen Impfpflicht immer wieder diskutiert werden. Es gibt aber Menschen, zum Beispiel die Querdenkerbewegung oder die Rechtsradikalen, die sie zunehmend vereinnahmen, denen völlig abwegige Behauptungen im Fernsehen fehlen. Und sie schreiben zehntausende wütende Leserbriefe an Redaktionen, um das zu ändern. Redaktionen, die dem nachgeben oder davor Angst haben, verlieren eines aus dem Blick: Diese Menschen wollen ihre Arbeit sabotieren.

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Sie werden nie zufrieden sein. Weil ihr Ziel darin besteht, den Diskurs kaputt zu machen. Ich brauche im Fernsehen keine Meinungsfreiheit darüber, ob die Erde rund sei. Ich brauche auch keine Meinungsfreiheit darüber, ob Antisemitismus möglicherweise gut ist. Und ich brauche keine Meinungsfreiheit darüber, ob Corona eine Pandemie ist. Das führt Fernsehen ad absurdum. Und das ist hier auch das Ziel.
Ich glaube, solche Kommunikationsausfälle können in Zukunft vermieden werden, wenn Sender sich selbstbewusster an ihren Auftrag erinnern: informieren, bilden, unterhalten. Und sich weniger treiben lassen von Menschen, die sie in erster Linie zerstören wollen.