Kommentar: Frankreichs Jugend verliert das Vertrauen in die Politik

Marode Schulgebäude und Unterrichtsausfälle sind nur Auslöser der Schülerproteste in Frankreich. Wo demokratische Institutionen aus Sicht der jungen Generation an Glaubwürdigkeit verlieren, gewinnen extreme Rechte und radikale Linke an Attraktivität.

Von Stephan Detjen |
Junge Menschen haben eine Statue am Platz der Republik erklommen, schwenken Plakate und protestieren, 6.10.2026 in Paris.
Schüler und Studierende erleben ein politisches System in Frankreich, das nicht in der Lage ist, Lösungen für wesentliche Probleme des Landes zu entwickeln (picture alliance / Abitbol Shana / ABACA)
Man muss sich nur einmal vorstellen, die Studierenden in Berlin wären ähnlich unterwegs wie ihre Kommilitonen in Frankreich. In der deutschen Hauptstadt ist seit bald einem halben Jahr das Hauptgebäude der Technischen Universität wegen erheblicher Baumängel gesperrt. Auch weitere Gebäude, Hörsäle und Bibliotheken können nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden, weil der Berliner Senat es über Jahre versäumt hat, notwendige Sanierungen in die Wege zu leiten. Nennenswerte Proteste der Studierenden dagegen gab es nicht. Bisher.
In Paris dagegen herrscht im Universitätsviertel rund um die Universität Sorbonne in diesen Tagen eine Stimmung, die ältere Beobachter an das Jahr 1968 erinnern. Damals breitete sich die Studentenrevolte aus dem Pariser Quartier Latin über ganz Europa aus. Es war eine Zeit des Umbruchs. Viele der jungen Leute, die seit mehr als zwei Wochen in ganz Frankreich Schulen und Universitäten blockieren, spüren, dass auch sie in der Zeit eines epochalen Umbruchs leben. Sie wollen ihn mitgestalten.

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Junge Generation: Vertrauensverlust in das politische System

Marode Schulgebäude, Unterrichtsausfälle, Lehrermangel an vielen Schulen Frankreichs sind nur der vordergründige Auslöser der Proteste. Um die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, hat die Regierung jetzt eine kurzfristige Personalinitiative versprochen und einen Dialog angekündigt. Zugleich kursieren täglich neue Bilder von massiven Polizeieinsätzen mit Schlagstöcken und Tränengas. Das heizt die Stimmung bei denen weiter auf, die nicht allein gegen konkrete Mängel an Schulen protestieren, sondern wegen tiefergehender Probleme auf die Barrikaden gehen.
Der Protest eines großen Teils der jungen Generation ist nicht zuletzt Ausdruck eines Vertrauensverlusts. Schüler und Studierende erleben ein politisches System in Frankreich, das nicht in der Lage ist, Lösungen für wesentliche Probleme des Landes zu entwickeln. Es wird von einer Regierung ohne parlamentarische Mehrheit mehr notverwaltet als regiert.

Präsident Macron: Vom Hoffnungsträger zur Hassfigur

Entscheidungen über dringend notwendige Reformen der sozialen Sicherungssysteme wurden auf die Zeit nach der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr verschoben. Premierminister Lecornu hat gerade erst wieder einen Sparhaushalt vorgestellt, den er per Dekret ohne Zustimmung der Nationalversammlung in Kraft setzen will.
Auch die Gestaltungsmöglichkeiten künftiger Regierungen werden angesichts der exorbitanten Staatsverschuldung eng begrenzt sein. Der scheidende Staatspräsident Emmanuel Macron ist am Ende seiner Amtszeit von einem europäischen Hoffnungsträger zur Hass- und Spottfigur in weiten Teilen des eigenen Landes geworden, vor allem bei der Jugend.
Ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl ist ein Stichentscheid um die Nachfolge Macrons zwischen der Rechtspopulistin Marine Le Pen und dem radikal Linken Volkstribun Jean-Luc Mélenchon das im Augenblick wahrscheinlichste Szenario. Die Polarisierung zwischen den politischen Extremen, die Deutschland bei den letzten Wahlen auf Landesebene erlebt hat, ist in Frankreich auf nationaler Ebene viel weiter vorangeschritten. Das fördert auch die Bereitschaft der jungen Generation, in disruptiven Konzepten die Lösung für die Zukunftsfragen zu sehen. Die extreme Rechte und die radikale Linke in Frankreich haben deshalb gleichermaßen massiven Zulauf aus der Jugend.

Zeichen einer globalen Krise: Polarisierung zwischen Extremen

Nur ein Teil der Probleme, die sich in den gegenwärtigen Protesten verdichten, sind spezifisch französischer Natur. Aber die Polarisierung zwischen politischen Extremen, die Auszehrung der bürgerlichen Mitte und der Vertrauensverlust sind Symptome einer über das Land hinausreichenden Krise, die auch in Deutschland immer deutlicher und beunruhigender wahrnehmbar sind. Wenn es stimmt, dass manche Entwicklungen in Frankreich nur weiter vorangeschritten sind als in Deutschland, ist es eine Frage der Zeit, bis auch in Berlin Studierende und Schüler auf die Straße gehen.