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StartseiteSprechstunde"Genesung kann Wochen, sogar Monate dauern"06.10.2020

Langzeitfolgen von COVID-19"Genesung kann Wochen, sogar Monate dauern"

35 bis 85 Prozent der COVID-Erkrankten entwickelten Langzeitfolgen, sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der München Klinik Schwabing, im Dlf. Oft gingen sie von der Lunge aus, könnten aber auch das Herz, den Geruchs- und Geschmackssinn betreffen. In manchen Fällen könnten sogar Depressionen auftreten.

Clemens Wendtner im Gespräch mit Christian Floto

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Ärzte in Schutzkleidung schauen sich ein Röntgenbild einer Lungenentzündung eines COVID-19 Patient an  (picture alliance/Zoonar.com/Robert Kneschke)
Ärzte mit Röntgenbild einer Lungenentzündung eines COVID-19-Patienten (picture alliance/Zoonar.com/Robert Kneschke)
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Eine Infektion mit dem Coronavirus ist mehr als nur eine Atemwegsinfektionen. Das Virus kann vielfältige Beschwerden verursachen, den Geruchs- und Geschmackssinn stören, Nieren- oder Herzprobleme auslösen, in seltenen Fällen auch eine Zuckerkrankheit oder auch neurologische Probleme. Viele Menschen, die die Infektion längst überstanden haben, klagen weiterhin über Probleme. Statistische gesehen am häufigsten seien Erschöpfungszustände, sagte Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Immunologie, Palliativmedizin, Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, im Dlf.

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33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wie lange dauert es im Durchschnitt, bis sich Erkrankte vollständig von einer Corona-Infektion erholt haben?

Unsere Erfahrung ist, dass es durchaus Wochen, sogar Monate dauern kann. Das hängt immer davon ab, über welche Langzeitfolgen wir sprechen. Die sind laut Studienlage durchaus auch sehr häufig: 35 bis 85 Prozent der COVID-Patienten entwickeln auch Langzeitfolgen, die von der Lunge ausgehen, aber auch das Herz betreffen können. Geruchs- und Geschmacksstörungen sind nicht zu vergessen, aber auch weitere Symptome, die schwer zu greifen sind. "Brain Fog" ist ein Begriff im englischsprachigen Raum. Die Patienten sind ein bisschen vernebelt, aber auch Depressionen können auftreten.

Welche Langzeitfolgen treten am häufigsten auf?

Von der Statistik her am häufigsten ist ein Erschöpfungszustand, also eine Art Fatigue, oft verbunden mit einer mangelnden Belastbarkeit im Alltag. Die zweite Langzeitfolge sind Einschränkungen der Lungenfunktion, also Kurzatmigkeit insbesondere bei Belastung.

 Deutet der Erschöpfungszustand auf eine Beteiligung des zentralen Nervensystems bei einer COVID-19-Erkrankung hin?

Es gibt erste Hinweise, dass es wohl auch eine direkte Beteiligung geben könnte, also die Blut-Hirn-Schranke durch die Viren überwunden werden kann. Man kann Veränderungen im Hirngewebe nachweisen. Man weiß auch über den Geruchsnerv, dass es eine sehr direkte "Autobahn" in das Gehirn gibt. Aber es gibt auch andere Hinweise, dass natürlich auch die Entzündungsreaktionen, die den gesamten Körper betrifft, auch natürlich Hirnzellen mit betreffen kann und damit eben auch Störungen, die vielleicht außerhalb der Somatik liegen- psychische Störungen, die ein organisches Korrelat haben könnten.

Wie lange dauern solche Langzeitfolgen an? Wann können sie verschwinden?

Es gibt Hinweise, dass sich Patienten natürlich auch vollständig wieder erholen und auch in den Arbeitsprozess wieder zurückkehren können. Aber man muss ein Augenmerk auf die Patienten haben, bei denen es eben auch chronisch wird. Wir sprechen davon, wenn Symptome mehr als zwölf Wochen bestehen bleiben, dass es eine Chronifizierung geben kann. Und das sind die Patienten, die wir dann natürlich besonders in den Fokus nehmen sollten von ärztlicher Seite aus.

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In ersten Studien hieß es, dass jeder zweite Patient nach vier Wochen noch über mindestens zwei relevante Beschwerden klagt. Stimmt diese Beobachtung noch?

Wir sehen doch nach vier Wochen sogenannte post-akute Beschwerden. Das heißt noch nicht, dass alle Patienten chronische Beschwerden entwickeln. Das trifft definitionsgemäß erst nach drei Monaten zu. Es gibt auch eine interessante Studie bei sehr fitten Athleten, wo 46 Prozent dieser Athleten auch Herzmuskelentzündungen, also eine Myokarditis aufwiesen. Man würde das den Patienten nicht unbedingt ansehen, aber das muss alles auch weiter beobachtet werden, um dann Schlüsse zu ziehen.

Ein Forscher hat kürzlich in einer Tageszeitung seine COVID-19-Erkrankung beschrieben und die Zeit danach. An einem Tag habe er Bäume ausreißen, am nächsten Tag wieder nur im Bett liegen können. Was hat es mit solchen Phänomenen auf sich?

Auch schwankende Stimmungen sind bekannt. Man sollte das auch ernst nehmen. Ganz wichtig sind Psychotherapien, Gesprächstherapien für diese Patienten. Es gibt hier in Bayern auch die Aktion "Bitte stör mich" vom Gesundheitsministerium. Das heißt, man soll sich sehr bewusst auch im häuslichen Umfeld, im Freundeskreis um diese Patientinnen kümmern. Nicht nur alles an professionelle Stellen delegieren und schauen, wie es den Leuten geht und auch schauen, dass aus so einer Stimmungsschwankung nicht doch mehr entsteht wie eine Depression oder eine Angststörung.

Sie haben jeden Tag mit COVID-19 Patienten zu tun. Wie schätzen Sie die Erkrankung von US-Präsident Donald Trump ein?

Wenn man sich an den offiziellen Bulletins der US-Ärzte orientiert, kann man sehen, dass der amerikanische Präsident schon ein symptomatischer Patient war mit Sauerstoffsättigungseinbrüchen und entsprechend auch intensiver behandelt wurde. Er hat Remdesivir bekommen und sogar Dexamethason erhalten.

Remdesivir ist eine Therapie, wenn ein Patient symptomatisch ist, Sauerstoffeinbrüche hat und Lungenveränderungen im CT nachgewiesen wurden. Ist das die Indikationsstellung, würden wir das auch verschreiben. Dexamethason ist eher eine Substanz, die wir in der Spätphase unserem Patienten verordnen würden, wenn das Virus nicht mehr im Vordergrund steht, sondern die Entzündung wieder eingefangen werden müsste.

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