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StartseiteInterview"Beteiligte haben es Högel viel zu leicht gemacht"06.06.2019

Lebenslänglich für ehemaligen Pfleger"Beteiligte haben es Högel viel zu leicht gemacht"

Er sei zufrieden mit dem Urteil über den Patienten-Serienmörder Niels Högel, sagte der Chefarzt Karl H. Beine im Dlf. Er kritisierte gleichzeitig, dass nicht richtig hingeschaut worden sei. Krankenhäuser müssten Frühwarnzeichen schneller nachgehen. Dafür sei allerdings eine adäquate pflegerische Personalausstattung notwendig.

Karl H. Beine im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

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Umriss von Spritze, Hand und Patient (picture alliance / ZB)
Wie konnte Niels Högel so viele Patienten umbringen? Weil niemand sehen wollte, dass so etwas in seinem Haus geschehen könne, erklärt der Mediziner Karl H. Beine (picture alliance / ZB)
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Dirk-Oliver Heckmann: 43 Morde hatte Niels Högel zugegeben. Doch der Verdacht stand im Raum, dass er für weit mehr Morde verantwortlich ist. Fünf Jahre lang konnte der ehemalige Krankenpfleger seine Taten vollziehen, ohne dass irgendjemand ihm in den Arm gefallen wäre. Heute endete der Mammutprozess vor dem Landgericht Oldenburg.

Mitgehört hat Professor Karl H. Beine. Er ist Chefarzt am St.-Marien-Hospital in Hamm, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten-Herdecke. Er hat sich intensiv mit dem Fall befasst und ist Autor des Buchs "Tatort Krankenhaus. Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert". – Guten Tag, Herr Beine.

Karl H. Beine: Guten Tag, Herr Heckmann.

Heckmann: Herr Beine, hat Sie das Urteil an der einen oder anderen Stelle irgendwie überrascht, oder war das absehbar?

Beine: Das Urteil hat mich nicht überrascht. Es ist für mich klar, dass im Einzelfall die Beweisführung immens erschwert ist durch lange, lange zurückliegende Todeszeitpunkte und durch technische Schwierigkeiten, Substanzen, zum Beispiel Narkosemittel, die auch für gewöhnlich verwendet werden, zu unterscheiden von solchen, die Högel widerrechtlich gegeben hat, nicht verschrieben, gegeben hat. Insofern überrascht mich das Urteil nicht, und ich bin zufrieden damit, dass das Gericht ihn rechtskräftig verurteilt hat wegen zusätzlich 85 Morden, die zweifelsfrei nachweisbar waren, wobei die Dunkelziffer derjenigen Taten, die er begangen hat, vermutlich sehr viel höher liegt.

"Vom Blatt abgelesene Erklärung"

Heckmann: Niels Högel hatte sich ja gestern bei seiner abschließenden Stellungnahme bei den Angehörigen entschuldigt. Unsere Korrespondentin hat das gerade auch noch mal erwähnt. Das hat ihm nicht viel genützt?

Beine: Das hat ihm nichts genützt – insofern, als die Schuld und die Nachweise in den Einzelfällen möglich gewesen ist. Und selbstverständlich ist die vom Blatt abgelesene Erklärung, die Niels Högel in wohlgeschliffenen Worten dort zu Protokoll gegeben hat, nicht identisch mit einer wirklichen Anteilnahme, mit einer wirklichen Empathie und mit einem wirklichen Einsehen in die Dimension der Schuld, die Niels Högel auf sich geladen hat. Ihre Kollegin hat ja gerade auch aus dem Gerichtssaal heute berichtet, dass er äußerlich unbewegt diese Erklärung des Vorsitzenden Richters zur Kenntnis genommen hat.

Heckmann: Er ist jetzt mit dem heutigen Tag zum zweiten Mal verurteilt worden. Sind damit alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden?

Beine: Nein! Damit sind nicht alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden, weil es ist selbstverständlich so, dass im Verlauf des Prozesses bei der Einvernahme der Zeugen aus Oldenburg und aus Delmenhorst viele Ungereimtheiten zu Tage getreten sind, die den dringenden Verdacht nahelegen, dass sehr frühzeitig Verdachtsmomente aufgekommen sind, die eigentlich zu ganz anderen Reaktionen hätten führen müssen, als sie geführt haben.

"Es wurde zumindest nicht richtig hingeschaut"

Wenn ein Krankenhaus hingeht und einen Krankenpfleger aus einer Abteilung herausnimmt, in eine andere versetzt, und auch dort kommt es zu Ungereimtheiten, und ihm dann anschließend ein gutes Zeugnis schreibt, dann ist das eine Umgehensweise mit verdächtigem Verhalten, das eigentlich solche fatalen Konsequenzen begünstigt. Und man kann sagen, dass die beteiligten Leute in Oldenburg und Delmenhorst es Niels Högel viel zu leicht gemacht haben.

Heckmann: Das heißt, es wurde weggeschaut, bewusst weggeschaut?

Beine: Es wurde zumindest nicht richtig hingeschaut und es wurden die falschen Konsequenzen gezogen. Es ist so, dass in dem Prozess zu hören war, dass Listen gefertigt wurden, in denen der Todeszeitpunkt von Patienten abgeglichen wurde mit den Anwesenheitszeiten von Personal, und Niels Högel war mit Abstand am meisten anwesend. Und daraus den Schluss zu ziehen, dass das nicht ausreichend ist, um Ermittlungsbehörden zu kontaktieren, so wie von der damaligen Geschäftsführung geschehen, das ist für mich nicht nachvollziehbar und das ist zumindest eine Fehleinschätzung, um es wertneutral zu formulieren.

Ob da bewusst und vorsätzlich weggeschaut wurde, das vermag ich nicht zu beurteilen. Eins kann ich sicher sagen, dass da mit hoher Wahrscheinlichkeit das Image des Krankenhauses gestellt worden ist über das Wohl für Patienten im Einzelnen.

"Das passiert, indem ich das für unmöglich halte"

Heckmann: Sie sagen, da ist weggeschaut worden. Aber wie ist das zu erklären, dass da weggeschaut wurde? Wie erklären Sie sich das?

Beine: Die Erklärung ist lang. Zum Einen: Niemand hält es für möglich, dass ein Kollege, mit dem ich jahrelang gearbeitet habe, so etwas tut. Wir gehören helfenden Berufen an und wir sind angetreten, um zu lindern und zu helfen, und nicht, um zu schaden.

Der Ort, an dem solche entsetzlichen Verbrechen geschehen sind, sind Krankenhäuser, an denen auch für gewöhnlich gestorben wird. Die meisten Menschen in Deutschland sterben in einem Krankenhaus, jedenfalls mehr als an jedem anderen Sterbeort. Und die Verrichtungen, die Anlässe, mit denen getötet wird – Stichwort Herzstillstand, Stichwort Medikamentengabe oder Spritzengabe –, sind an sich nicht auffällig. Es ist immens schwer zu entdecken.

Heckmann: Aber diese Hinweise – sorry, wenn ich da kurz reingehe –, die gab es ja. Das sagen Sie ja auch. Aber wie kann es denn sein, dass die Kontrollmaßnahmen offensichtlich so schlecht ausgearbeitet sind, dass es ausreicht, dass einzelne Personen immer wieder wegschauen und dadurch ein Serienmord in unvorstellbarem Ausmaß möglich wird?

Beine: Das passiert, indem ich das für unmöglich halte, dass das in meinem Haus passiert, und das geschieht, indem ich hingehe und die öffentliche Wirkung von solchen Fehlereingeständnissen ignoriere und mich in der Illusion wiege, ich könnte ein solches Problem lösen, indem ich diesen Pfleger, diesen Arzt entlasse und ihn weglobe.

Es ist so, dass es ein Mechanismus ist, der an vielen Tatorten zu sehen ist, dass die Verantwortlichen es gescheut haben, sich offen zu diesem Verdacht zu bekennen, und lieber den entsprechenden Mitarbeiter weggelobt haben.

"Wir wissen nichts über das Dunkelfeld"

Heckmann: Was muss geschehen, um eine solche Reaktion zu vermeiden, und ist da ausreichend etwas geschehen? Sind die richtigen Konsequenzen gezogen worden?

Beine: Das, was geschehen muss, ist, dass wir nicht reflexhaft vor die Kameras und die Mikrofone treten und sagen, dieses ist ein entsetzlicher Einzelfall. Ich sage das deshalb, nicht um Menschen zu beunruhigen, sondern deshalb, weil wir es nicht wissen. Wir wissen es wirklich nicht. Wir wissen nichts über das Dunkelfeld.

Es muss klar sein, dass so etwas geschehen ist in Deutschland und weltweit. Es muss klar sein, dass wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren müssen darauf, was sind verdächtige Frühwarnzeichen und wie müssen wir damit umgehen. Und es muss im Zweifel eine externe Beratung geben und es muss im Zweifel die Ermittlungsbehörde benachrichtigt werden, dass in meinem Haus so etwas passiert.

Heckmann: Gibt es Mechanismen, die man einführen könnte, um das in Zukunft zu verhindern?

Beine: Man könnte zumindest das Risiko minimieren, indem wir die Todeszeitpunkte abgleichen mit den Dienstplänen und so Erkenntnisse gewinnen. Und in allererster Linie geht es darum, dass zur Fehlervermeidung es notwendig ist, dass eine adäquate pflegerische Personalausstattung vorhanden ist. Wenn ich permanent gehetzt bin, wenn ich nicht mal das Nötigste geschafft kriege, dann muss ich mich nicht wundern darüber, dass ich fehleranfällig werde und dass ich auch mal wegsehe und bestimmte Dinge übersehe.

Personalnotstand trägt das Seinige bei

Der Personalstand in deutschen Krankenhäusern im Hinblick auf die Pflege ist ungefähr so heute wie vor 25 Jahren, und das bei ganz erheblich gesteigerter Fallzahl und bei ganz erheblich gesteigerten Anforderungen. Das sind Verhältnisse, die solche langen Tatzeiträume und solche hohen Opferzahlen begünstigen.

Heckmann: Das heißt, die mangelnde Ausstattung hat den Fall Högel mit verursacht?

Beine: Die mangelnde Personalausstattung hat zumindest die Länge des Tatzeitraumes mit begünstigt und die Höhe der Opferzahl begünstigt. Das ist eine Geschichte, wo das System als solches sich auch fragen muss, ob nicht wir in diesem Fall und auch in anderen Fällen es den Tätern dadurch viel zu leicht machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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