Donnerstag, 08. Dezember 2022

Nachwuchsförderung im Sport
Leistung auf allen Ebenen

Wer ein Sportstipendium bekommen möchte, muss vor allem herausragende sportliche Leistungen bringen. Die Sportstiftung NRW möchte mit diesem Prinzip brechen, und auch die Persönlichkeit der Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt rücken.

Von Christian von Stülpnagel | 19.11.2022

Sporthalle mit Spielern, die sich am Spielfeld bespechen. Im Vordergrund ist ein gelb-blauer Volleyball zu sehen.
Volleyball-Nachwuchs der SCC Juniors. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)
Jahrelang hat sich die Sportstiftung NRW vor allem darauf konzentriert, Trainerinnen und Trainer bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Seit einigen Jahren engagiert sich die Stiftung auch bei der Förderung von Athletinnen Und Athleten, besonders von Nachwuchstalenten. Mit fast drei Millionen Euro hat die Stiftung 2021 junge Sportlerinnen und Sportler gefördert. Wie dieses Geld verteilt wird, ändert sich jetzt.

"Warum sollst du jetzt unterstützt werden"

Ab 2023 geht es nicht mehr nur rein um sportliche Aspekte. Laut den neuen Förderrichtlinien geht es auch um „die Persönlichkeit der Athletinnen und Athleten“, um „mündige“ Sportler. Neben Bestzeiten zählen auch ehrenamtliches und soziales Engagement, erklärt der Geschäftsführer der Sportstiftung NRW, Max Hartung: „Wir unterstützen Sportlerinnen und Sportler, die noch nicht ganz oben angekommen sind. Und da muss man eine Auswahl treffen und die wollen wir jetzt erweitern und die Sportlerinnen und Sportler ganz direkt ansprechen und sagen: ‚Warum solltest du denn jetzt unterstützt werden? Was machst du aus? Was gibst du zurück?‘ Und die Frage wollen wir stellen. Und das ist, glaube ich, eine gute Erweiterung zu den bisherigen Auswahlmechanismen.“
Die sportliche Leistung soll aber auch in Zukunft im Mittelpunkt der Förderung stehen, sagt Hartung. Anders als bisher soll die Persönlichkeit der Sportlerinnen und Sportler aber nicht nur durch Trainer*innen bewertet werden, die die Athlet*innen bei der Stiftung empfehlen. In Zukunft setzt die Stiftung auf eine Selbstpräsentation der Bewerberinnen und Bewerber: "Der Auswahlprozess wird bestehen aus eine Einschätzung, wie es sportlich aussieht. Dabei werden wir die zuständigen Fachverbände um Hilfe bitten. Aber das ist ein Teil und dann eben einen Fragebogen bezüglich der Persönlichkeit und ein Anschreiben und ein Video der Sportlerinnen und Sportler. Und das wird dann hier von Gutachtern bepunktet, wobei der erste Teil die sportliche Leistung und Perspektive der Teil ist, der am stärksten gewichtet wird.“

Collin Kaepernick oder Megan Rapinoe als Vorbilder

Aber eben nicht nur. Auch wenn die Bewerberinnen und Bewerber zum Beispiel Kindertraining anbieten oder ihre Sportart in die Öffentlichkeit rücken, fließt das jetzt mit ein. Denn Sportler können mehr, als nur sportliche Höchstleistungen bringen, davon ist Hartung überzeugt. Sie können gesellschaftliche Debatten anregen und sich für die gute Sache stark machen: „Angefangen hat das ja wie so oft in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo Sportlerinnen und Sportler sich gesellschaftspolitisch extrem engagiert haben, wenn man Colin Kaepernick oder Megan Rapinoe denkt. Wir sagen: ‚Mensch, das sind doch auch tolle Vorbilder, auch für die Jungen hier in Nordrhein-Westfalen und solche Sportlerinnen und Sportler gibt es auch in Deutschland.‘ Und da wollen wir die Botschaft senden, dass wir das wertschätzen.“
Hartung ist seit einem Jahr der Geschäftsführer der Sportstiftung NRW. Vorher war der Fechter Gründungsmitglied und Präsident von Athleten Deutschland, der unabhängigen Athletenvertretung im Deutschen Sport. Eine Erfahrung, die ihm gezeigt hat, wie wichtig das Engagement von Sportlern in der Gesellschaft ist. Etwa wenn die Hockeyspielerin Nike Lorenz bei den olympischen Spielen mit einer Regenbogenbinde aufgelaufen ist, oder Sarah Voss im Ganzkörperanzug geturnt ist: „Das sind natürlich so Geschichten, die mich persönlich bewegt haben und wo ich denke auch, dass es das ist. Das ist toll. Und das zeigt vielleicht auch den jungen Sportlern und Sportlern, dass sie auch mitgestalten können, den Sport um sich herum und mittelbar natürlich auch, ja, die Menschen um sich herum und die Gesellschaft insgesamt.“

Mündige Athleten werden in Europa immer präsenter

Die Selbstorganisation der Athletinnen und Athleten, nicht nur in Deutschland wird sie immer wichtiger: „In anderen Ländern gibt es solche Organisationen schon länger, aber momentan nicht mit dieser Schlagkraft wie Athleten Deutschland“, sagt Maximilian Seltmann. Der Wissenschaftler von der deutschen Sporthochschule in Köln erforscht mit einem internationalen Forscherteam die Anstellungsverhältnisse im Spitzensport: „Was man auf jeden Fall feststellen kann, ist das Athleten, insgesamt auch vielleicht länderübergreifend dazu tendieren, sich zu organisieren, sich auszutauschen, sich über die verschiedenen Dinge, die ihre Karriere betreffen, auch zu informieren und da ja Netzwerke zu bilden und gemeinsam auch eine Stimme vielleicht zu haben.“
Im Vergleich zu anderen Ländern, wo Förderung etwa über die Nationalen Oylmpischen Komitees vergeben werde, sei das Fördersystem in Deutschland mit den vielen Stiftungen und die Athletenprogramme bei Bundeswehr, Zoll und Polizei sehr ausdifferenziert: „Für Athleten bietet das natürlich Flexibilität. Also ich habe mehrere Möglichkeiten. Allerdings es ist zum Teil halt auch echt schwierig, dadurch zu navigieren.“
In anderen Bundesländern, so sagt es Max Hartung, spiele die Entwicklung der Persönlichkeit bei der Sportförderung noch keine so prominente Rolle. Ob die Arbeit der Sportstiftung NRW für sie eine Blaupause sein könnte, will er noch nicht voraussagen. Denn schließlich sei das neue Förderkonzept auch für die eigene Stiftung Neuland.