Kommentar zur Limbach-Kommission
Ein Stoppschild für Bremser

Die Rückgabe von NS-Raubgut soll beschleunigt werden. Ändern muss sich daher die oft intransparente Arbeit der Limbach-Kommission, kommentiert Stefan Koldehoff: Dort sollten mehr Fachleute und weniger honorige Zeitgenossen über Raubkunst urteilen.

Von Stefan Koldehoff | 13.03.2024
Matthias Weniger, Leiter der Provenienzforschung des Bayerischen Nationalmuseums, hält zwei in der NS-Zeit geraubte Silberbecher in der Hand. Das Bayerische Nationalmuseum in München hat erstmals mehrere in der NS-Zeit geraubte Silberobjekte an jüdische Nachfahren der Besitzer in Israel zurückgegeben.
Zwei in der NS-Zeit geraubte Silberbecher. Das Bayerische Nationalmuseum gab ihn an jüdische Nachfahren der Besitzer in Israel zurück (picture alliance / dpa / Christina Storz)
Nun wird korrigiert, was schon lange überfällig ist. Nun stärkt der Staat bei Streitfällen um NS-Raubkunst in deutschen Museen endlich die Seite der NS-Verfolgten und Bestohlenen. In Kürze reicht ihr Wunsch, das Vermittlungsgremium einzuschalten aus, um ein Verfahren in Gang zu setzen. Zwei Jahrzehnte lang konnte die Kommission nur tätig werden, wenn beide Seiten einwilligten. Viel zu lang haben deshalb vor allem jüdische Familien vor deutschen Schreibtischen immer wieder und zum Teil jahrelang darum bitten müssen, dass ihr Verfolgungsschicksal anerkannt und dass über ihr gestohlenes Eigentum gesprochen wurde.
Viele Träger von Museen, Bund, Länder und Kommunen haben sich dem in der Vergangenheit verweigert. Manche NS-Verfolgte erlebten deshalb nicht mehr, dass ihr ehemaliges Eigentum zurückgegeben wurde.
In den letzten Jahren hatte sich die ablehnende Einstellung bei den Museen und ihren Trägern zwar grundlegend zum Positiven verändert – vor allem durch öffentlichen Druck im In- und Ausland. Noch immer gibt es aber, wie der Fall des Picasso-Gemäldes „Madame Soler“ in München zeigt, Ministerien und Behörden, die es ablehnen, die Beratende Kommission auch nur anzurufen.
Bei einer internationalen Konferenz in Washington und bei einer Anhörung des Bundestags-Kulturausschusses hatten Expert*innen daran gerade erst wieder massive Kritik geübt. Nun also soll die einseitige Anrufung möglich sein – und die Kommission bei Weigerungen auch von sich aus schon früh eigene Verfahren einleiten können. Und es soll eine zweite Instanz geben.
Ändern muss sich jetzt aber auch die Arbeit der Kommission selbst. Die war lange Zeit sehr intransparent. Anhörungen fanden hinter verschlossenen Türen statt. Dokumente zum Beispiel, auf denen Empfehlungen beruhen, werden bis heute nicht veröffentlicht. Der Datenschutz lieferte dafür den Vorwand.
Auch die personelle Zusammensetzung der Kommission wird kaum bleiben wie bisher: alles honorige Zeitgenossen, aber deutlich zu wenige Fachleute.

Vertrauen der Museen wurde beschädigt

Außerdem gab es Fälle, bei denen der berechtigte Eindruck entstehen konnte, das Urteil der Kommission habe schon vor Beginn des Verfahrens festgestanden – manchmal durchaus auch zu Gunsten von Anspruchstellern. Dadurch aber wurde das Vertrauen in die Kommission und ihre Unabhängigkeit auf der anderen Seite, bei zahlreichen Museen, nachhaltig beschädigt.
Ein anderes großes Problem aber bleibt auch weiterhin bestehen: Wie geht dieses Land der Täter mit jenen gestohlenen Kunstwerken um, die sich nicht in Museen befinden, sondern in privaten Sammlungen? Für die nämlich sind in Deutschland alle Rückgabefristen seit Jahrzehnten abgelaufen – und das lässt sich nach Meinung von Juristen auch nicht mehr korrigieren.
Stefan Koldehoff ist Chefreporter Kultur für die drei Deutschlandradio-Programme
Stefan Koldehoff ist Chefreporter Kultur für die drei Deutschlandradio-Programme
Stefan Koldehoff, geboren 1967 in Wuppertal, studierte Kunstgeschichte, Politikwissenschaften und Germanistik und arbeitete als freier Journalist unter anderem für "taz", "FAZ" und "Die Zeit". Seit 2001 ist er Redakteur in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunks.