Klimawandel
Überhitztes Paradies: Ist das Mittelmeer noch zu retten?

Das Mittelmeer heizt sich rasant auf und ist zum Klima-Hotspot geworden. Korallen sterben, die Artenvielfalt und die Küsten sind bedroht. Doch strikte Schutzzonen zeigen: Das Ökosystem kann sich erholen. Lässt sich das Binnenmeer noch retten?

    Die Sonne geht auf Sardinien am Horizont über dem Meer auf.
    Die Idylle trügt: Wie überall im Mittelmeer stresst der Klimawandel auch rund um Sardinien das ökologische Gleichgewicht. (picture alliance / greatif / Florian Gaul)
    Wer im Hochsommer an den Küsten Mallorcas, Siziliens oder Zyperns ins Wasser steigt, sucht Abkühlung. Doch die Suche bleibt immer öfter vergeblich: In den vergangenen Jahren haben Messstationen und Satelliten des europäischen Copernicus-Dienstes im Oberflächenwasser des Mittelmeers wiederholt Temperaturen um die 30 Grad Celsius registriert.
    Das Mittelmeer ist einer der Klimawandel-Hotspots unseres Planeten. Es erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt der Weltmeere. Die Folgen unter der Wasseroberfläche sind bereits deutlich sichtbar, doch in der Krise gibt es noch Hoffnung.

    Inhalt

     

    Badewannen-Effekt: Warum sich das Mittelmeer so schnell erwärmt 

    Geographisch gesehen ist das Mittelmeer ein fast vollständig umschlossenes Binnenmeer. Die einzige Verbindung zum großen, kühleren Atlantik ist die Straße von Gibraltar. An ihrer schmalsten Stelle ist sie nur 14 Kilometer breit. Die Ozeane fungieren als gigantische Puffer im Klimasystem; sie absorbieren rund 90 Prozent der globalen Überschusswärme, die durch den menschengemachten Treibhauseffekt entsteht.
    Im Mittelmeer wirkt dieser Mechanismus wie in einer Badewanne, so Abed El Rahman Hassoun vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Das Wasser zirkuliert nur begrenzt mit dem Atlantik. Gleichzeitig sorgt die intensive Sonneneinstrahlung in der Region für eine sehr hohe Verdunstung. Die Folge ist eine fortschreitende Erwärmung und Versalzung, die auch tiefe Wasserschichten erfasst.

    Die Folgen des Klimawandels für Tiere und Pflanzen im Mittelmeer 

    Die Überhitzung des Mittelmeers führt zu marinen Hitzewellen, die Biologen mit „Waldbränden unter Wasser“ vergleichen. Korallen wie die Gorgonien sterben den Hitzetod und hinterlassen beispielsweise an der Côte d’Azur kahle Skelette, von denen die Meeresbiologin Carla Di Santo berichtet.
    Seegraswiesen geraten unter Stress. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten sie ihre ökologische Funktion verlieren: Kohlenstoff, der dort gespeichert ist, würde dann wieder in die Atmosphäre gelangen. Viele Fischarten dürften ihre Heimat verlieren.
    Durch die Erwärmung verändert sich die Tier- und Pflanzenwelt im Mittelmeer. Über den Suezkanal wandern gebietsfremde Arten aus dem Roten Meer ein. Über tausend wurden bereits erfasst. Das Phänomen wird als „Tropikalisierung“ bezeichnet.

    Todeszonen ohne Sauerstoff

    Die Meeresbiologin Miriam Weber vom Forschungszentrum HYDRA in Bühl beobachtet, wie sich unter anderem Rotfeuerfische und Kaninchenfische ausbreiten. Die Kaninchenfische fressen heimische Algenbestände ab. Rotfeuerfische jagen kleinere Fische und unterbrechen so Nahrungsketten. Größeren Mittelmeerfischen fehlt dadurch die Nahrung.
    Sich zersetzende Biomasse von toten Meeresbewohnern führt wiederum dazu, dass noch mehr Sauerstoff im ohnehin sauerstoffärmeren warmen Wasser verbraucht wird. Es entstünden Zonen mit wenig oder sogar keinem Sauerstoff, sogenannte Todeszonen, in denen kein Leben mehr existieren könne, so Weber.

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    Extremwetter und gefährdete Küsten 

    Durch die hohen Wassertemperaturen verdunsten große Mengen Wasser. Trifft diese feuchtwarme Luft im Spätsommer und Herbst auf erste Kaltluftfronten, entlädt sich die Energie in Extremwetterereignissen wie zum Beispiel sogenannten „Medicanes“ – tropenähnlichen Wirbelstürmen im Mittelmeerraum.
    Sintflutartiger Regen löste zudem wiederholt Sturzfluten aus, beispielsweise 2023 bei den Unwettern in Zentralgriechenland oder 2024 bei der Flutkatastrophe von Valencia. Gleichzeitig führen die hohen Temperaturen und lange Dürrephasen an Land Jahr für Jahr zu verheerenden Waldbränden rund um das Mittelmeer. 
    Zusätzlich droht ein schleichender Meeresspiegelanstieg, da sich warmes Wasser physikalisch ausdehnt. Zusammen mit dem Schmelzwasser aus Arktis und Antarktis führt dies dazu, dass die Strände der Mittelmeerregion zunehmend erodieren, was die bisherige Lebensgrundlage von Millionen Menschen an den Küsten bedroht. Bis 2100 rechnen Fachleute mit einem Anstieg von einem bis anderthalb Metern – und noch mehr in weiterer Zukunft.
    Historischen Küstenstädten und dem wirtschaftlich überlebenswichtigen Tourismussektor könnte durch diese Entwicklung dann sprichwörtlich das Wasser bis zum Hals stehen. “Der Meeresspiegel steigt, und es gibt fast nirgendwo einen Rückzugsraum weiter im Inland, wo sich ein neuer Strand bilden kann”, beschreibt Klimaforscher Wolfgang Cramer das Szenario.

    Kann das Mittelmeer noch gerettet werden? 

    Ein Schlüssel liegt im strikten, lokalen Naturschutz. Gut verwaltete marine Schutzgebiete wie der Nationalpark Calanques bei Marseille bieten Schutzzonen, in denen Fischerei, das Ankern von Booten und die industrielle Nutzung stark reglementiert oder sogar verboten sind.
    Wo Fischen und Ankern unterbunden werden, kehren viele Arten in wenigen Jahren zurück. Gesunde Ökosysteme, die nicht durch Überfischung und Verschmutzung gestresst sind, sind deutlich resilienter gegenüber den steigenden Temperaturen.

    Anpassungsstrategien und Frühwarnsysteme

    Parallel arbeitet die Forschung an technologischen und biologischen Hilfestellungen. Um die Schäden zu begrenzen, ist es wichtig, Anpassungsstrategien zu entwickeln, sagt die Meeresbiologin Katie Smith. Experten diskutieren zum Beispiel den Einsatz von Probiotika-Kuren für Korallen, um deren Hitzetoleranz künstlich zu stärken.
    Zudem werden modernste Frühwarnsysteme entwickelt. Ähnlich wie meteorologische Hitzewarnungen an Land sollen marine Vorhersagemodelle künftig Aquakultur-Betrieben und Umweltschützern schonTage im Voraus signalisieren, wann eine kritische Hitzewelle droht, damit frühzeitig Schutzmaßnahmen eingeleitet werden können. 
    Das Mittelmeer der Zukunft wird Wissenschaftlern zufolge ein anderes sein als jenes, das wir aus den vergangenen Jahrzehnten kennen: Es wird tropischer, salziger und unruhiger. Die Frage ist, wie groß die Veränderung wird. Für Experten wie Abed El Rahman Hassoun vom GEOMAR-Zentrum in Kiel zählt dabei jedes Zehntelgrad Erwärmung. Das Ausmaß hängt maßgeblich davon ab, wie stark die globalen Treibhausgasemissionen begrenzt werden.

    Onlinetext: Philipp Jedicke, Radioautoren: Philipp Lemmerich, Jan Kerckhoff