
Wo das Meer früher noch für Abkühlung sorgte, ist das Wasser heute oft zu warm. In Südeuropa wird der Sommerurlaub für viele zur Belastung, weil Hitzeperioden länger und extremer werden. Dazu kommen zunehmende Waldbrände, Wasserknappheit und Unwetter.
In den Alpen fehlt auf vielen Pisten der Schnee, Gletscher schmelzen und Wege werden unsicherer: Der Klimawandel ist damit längst am Urlaubsort angekommen. Er verändert, wann, wohin und wie Menschen reisen und stellt Urlauber wie Regionen vor dieselbe Frage: Wie kann Reisen klimafreundlicher und zukunftsfester werden?
Der Klimawandel am Urlaubsort
Die Folgen der Erderwärmung sind in vielen Urlaubsregionen schon heute zu spüren: durch stärkere Hurrikans in tropischen Gebieten, durch schwere Überschwemmungen in Südostasien oder durch die immer früher einsetzenden Hitzewellen in Südeuropa.
Auch der Wintersport bleibt davon nicht verschont. Laut dem Tourismusforscher Stefan Gössling dürfte der Höhepunkt im Skitourismus bereits überschritten sein. In Zukunft könnten also immer weniger Menschen Ski fahren.
Gleichzeitig steigt in vielen Regionen die Gefahr von Waldbränden. Noch vor 15 Jahren hätten sie für den Tourismus kaum eine Rolle gespielt, sagt Gössling. Inzwischen hat sich das geändert. Auf der griechischen Insel Rhodos mussten im Juli 2023 etwa rund 20.000 Touristinnen und Touristen wegen Waldbränden in Sicherheit gebracht werden und in Notunterkünften schlafen.
Klimakrise trifft den Mittelmeerraum besonders stark
Die Mittelmeerregion ist besonders stark vom Klimawandel betroffen, da sie sich schneller erwärmt als der Rest der Welt. Das führt nicht nur zu häufigeren und intensiveren Hitzewellen an Land, sondern heizt auch das Mittelmeer selbst auf. Wärmeres Meerwasser verdunstet stärker und kann so heftigere Wetterphänomene wie Starkregen begünstigen.
Wie verheerend die Folgen sein können, zeigte die Flutkatastrophe in der spanischen Region Valencia im Oktober 2024. Extreme Regenfälle lösten plötzliche Sturzfluten, Überschwemmungen und Schlammlawinen aus, die Häuser, Straßen und Autos überfluteten und viele Menschen einschlossen. Mehr als 200 Menschen starben.
Auch in der griechischen Hauptstadt Athen sind die steigenden Temperaturen im Sommer mittlerweile so extrem, dass die Akropolis an heißen Tagen stundenlang geschlossen werden muss. Vor den Toren stehen dann Krankenwagen bereit, Wasser wird verteilt. In Griechenland wächst deshalb die Sorge, dass der Tourismus, von dem fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung abhängt, in Zukunft nicht mehr so funktionieren könnte wie bisher.
Auf einigen Inseln wird außerdem Wasser knapp. Dort geht es längst nicht mehr nur um Komfort, sondern um Nutzungskonflikte. Was ist wichtiger: Pools und Strandduschen für Gäste oder Wasser für die Landwirtschaft?
Der Klimawandel verändert damit nicht nur die Bedingungen für Urlauber, sondern auch die wirtschaftliche Realität der Menschen vor Ort. Die Folgen großer Brände etwa reichen weit über den verbrannten Wald hinaus: Menschen verlieren Arbeit, Orte sind stärker Wind, Überschwemmungen und Erdrutschen ausgesetzt, und der lokale Tourismus macht enorme Defizite oder bleibt ganz aus.
Verschobene Reisezeiten, neue Urlaubsangebote
Der Tourismusforscher Stefan Gössling sieht erste Anzeichen dafür, dass sich Reisezeiten in klassischen Mittelmeerzielen verschieben. Gebucht werde nicht nur für den Hochsommer, sondern vermehrt schon für den Beginn der Saison. Auch die Nebensaison entwickle sich leicht positiv. Dennoch bleiben die beliebten Mittelmeerziele selbst in den Sommermonaten stark nachgefragt.
Manche Urlaubsangebote sind bereits gefährdet, zum Beispiel im Alpentourismus. Das höchste Gebirge Europas und zugleich eine der artenreichsten Naturregionen des Kontinents ist von der Erderwärmung besonders stark betroffen.
Laut dem österreichischen Klimabericht liegen die Temperaturen dort bereits um 3,1 Grad über dem vorindustriellen Mittel. Gletscher schmelzen und Lawinen und Erdrutsche nehmen zu. Viele Skigebiete stehen deshalb vor der Frage, wie sie sich anpassen oder ganz neue Nutzungskonzepte entwickeln können.
Auch andernorts wird das touristische Angebot flexibler. In Griechenland etwa versucht man, den Tourismus stärker über das Jahr zu verteilen und neben dem Sommerurlaub auch Berg- und Naturtourismus auszubauen. Skigebiete sollen möglichst ganzjährig genutzt werden, etwa fürs Wandern oder Mountainbiken.
Die Klimakrise verändert aber nicht nur, wann Menschen reisen, sondern auch, wohin es sie zieht. Während klassische Sommerziele im Süden immer heißer werden, gewinnen kühlere Regionen an Beliebtheit. So buchen etwa immer mehr Kreuzfahrtpassagiere Expeditionsreisen nach Grönland.
Das Paradox: Ausgerechnet die Klimakrise macht Regionen wie Grönland touristisch attraktiver, obwohl sie dort gleichzeitig die Natur tiefgreifend verändert. Denn die Arktis erwärmt sich viermal schneller als der Rest der Welt.
Viele Menschen wollen die Eislandschaften und Gletscher noch sehen, bevor sie verschwinden. So entsteht ein neuer Typ des Reisens: der sogenannte „Last-Chance-Tourismus“ – Reisen an Orte, die durch die Klimakrise akut bedroht sind. Dazu zählen neben Grönland zum Beispiel auch Inselstaaten wie die Malediven, die unter dem steigenden Meeresspiegel leiden oder absterbende Korallenriffe, wie das Great Barrier Reef.
Die Klimabilanz des Tourismus
Der Tourismus ist nicht nur von der Klimakrise betroffen, er treibt sie auch selbst an. Rund neun Prozent der weltweiten CO2-Emissionen gehen laut Studien auf sein Konto. Drei Viertel der Emissionen entfallen dabei auf nur 20 Länder, angeführt von den USA, gefolgt von China und Indien. Deutschland liegt auf Platz vier.
Den größten Anteil verursacht die An- und Abreise, vor allem das Fliegen, sagt Stefan Gössling. Besonders problematisch ist dabei die ungleiche Verteilung: „Ein Prozent der Menschheit ist für 50 Prozent der Emissionen verantwortlich. Aus dem Flugverkehr“, so Gössling. Wer Business oder First Class fliegt, verursacht pro Kopf zusätzlich ein Vielfaches an Emissionen – je nach Strecke drei- bis fünfmal so viel wie in der Economy Class.
Overtourism belastet Umwelt
Doch nicht nur die Anreise belastet das Klima. Auch vor Ort spielt der Umgang mit Ressourcen eine entscheidende Rolle, betont die Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel. In die Kritik geraten außerdem Pauschalreisen und Hotels. Bei vielen Angeboten ist der Flug bereits im Preis enthalten – weite Reisen wirken dadurch vergleichsweise günstig, während klimafreundlichere Alternativen ins Hintertreffen geraten.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: der sogenannte Overtourism. Wenn zu viele Menschen gleichzeitig an einem Ort Urlaub machen, stoßen Regionen an ihre Grenzen. Das führt nicht nur zu sozialen Konflikten, sondern auch zur Belastung der Umwelt, etwa durch Müll, höhere Emissionen vor Ort.
Auf Urlaubsinseln wie Mallorca sind außerdem Ressourcen wie Wasser und Land begrenzt. Der jährliche Touristenansturm kann das System überlasten.
Klimafreundlicher und zukunftsfester reisen
Die „Achillesverse“ des Tourismus bleibt laut Stefan Gössling der Transport, vor allem der Flugverkehr. Politisch werde hier aber oft das Gegenteil von dem getan, was Forschende empfehlen: Fliegen werde weiter subventioniert und künstlich billig gehalten. Hier müsste deutlich mehr passieren.
Gössling zufolge könnte der Flugverkehr deutlich effizienter organisiert werden. „Wir haben errechnet, dass die Hälfte des Treibstoffs theoretisch gespart werden könnte, wenn nur moderne Flufzeuge geflogen und eben auch weiter gefüllt werden und die erste Klasse abgeschafft wird”, so der Tourismusforscher. Gerade Vielflieger und Geschäftsreisende verursachten besonders viele Emissionen.
Einige Länder gehen bereits mit einem positiven Beispiel voran für einen zukunftsfesten Tourismus. Norwegen hat laut Gössling bereits ein vergleichsweise großes Umweltbewusstsein, auch wenn der Flugverkehr dort noch immer kaum ernsthaft angegangen werde.
Österreich sei bei Bahnverkehr, Anreise und regionalen Wirtschaftskreisläufen weit. Und in der Türkei müssen inzwischen fast 24.000 Hotels eine Umweltzertifizierung durchlaufen.
Manche Urlaubsorte verbinden Tourismus auch mit Umweltbildung, zum Beispiel Nordeuböa in Griechenland. Dort sind 2021 bei schweren Waldbränden große Flächen zerstört worden. Heute versucht die Region, den Tourismus neu zu denken: mit Filmprojekten, Seminaren und Wanderungen, die Besucher nicht nur anlocken, sondern ihnen auch zeigen, was Brände, Klimawandel und Wiederaufbau für die Menschen vor Ort bedeuten.
Auch in den Alpen wird mancherorts umgedacht. Berghütten sparen Wasser, Duschen bleiben geschlossen, statt Spülklos werden Komposttoiletten eingebaut. Dahinter steht der Trend der neuen Einfachheit, die auch die Alpenvereine propagieren. Also weniger Verschwendung und weniger Ressourcenverbrauch.
Zertifizierungen von Hotels können laut Stefan Gössling helfen, Ressourcen zu sparen, ein grünes Label allein reicht aber nicht. Vor allem bei Lebensmitteln könnten Hotels einiges bewegen, um nachhaltiger zu sein.
Gerade beim Phänomen des Overtourism braucht es laut Tourismusforscher Harald Pechlaner Regulierung. Besucherlimits, Bettenobergrenzen, Zugangsbeschränkungen oder strengere Regeln für Ferienwohnungen könnten Orte auch in Zukunft bewohnbar und bereisbar halten und zugleich besser die Umwelt zu schützen.
Online-Text: Elena Matera
























