Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteInformationen am MorgenDer Trotz der Überlebenden22.06.2018

Mord an Mireille KnollDer Trotz der Überlebenden

Vor drei Monaten wurde die Holocaust-Überlebende Mireille Knoll in ihrer Wohnung in Paris brutal ermordet. Vermutet wurde ein antisemitisches Motiv. Zwar ist die Zahl antisemitischer Zwischenfälle in Frankreich rückläufig, doch die registrierten Fälle sind ungleich gewaltsamer. Viele Juden haben Angst.

Von Anne Raith

Das Bild zeigt ein Foto von Mireille Knoll und Blumen am Zaun vor dem Haus, wo sie in Paris gelebt hat und ermordet wurde. (AFP / François Guillot)
Das Bild zeigt ein Foto von Mireille Knoll und Blumen am Zaun vor dem Haus, wo sie in Paris gelebt hat und ermordet wurde. (AFP / François Guillot)
Mehr zum Thema

Mord an Mireille Knoll Keine Sicherheit für Juden in Frankreich

Gedenkmarsch für Mireille Knoll Frankreich zeigt Solidarität

Juden in Frankreich Dem Antisemitismus trotzen

Onlineplattform Unterrichtsmaterial gegen Antisemitismus

Migrantischer Antisemitismus "Es ist kein Medienhype, es ist die Spitze des Eisbergs"

Bernards Blick wandert konzentriert von rechts nach links über die hebräischen Schriftzeichen. Immer wieder hält er inne, fragt die anderen, ob sie alles verstanden haben.

Für fast alle von ihnen ist Jiddisch zwar die erste Sprache, die sie gelernt haben, aber das ist lange her. Die Älteste, die mit am Tisch sitzt, ist 88. Trotzdem nicken alle zustimmend und diskutieren mit.

Selbstgebackener Kuchen wird herumgereicht, Kaffee ausgeschenkt, wie jeden Dienstagnachmittag, wenn sich die kleine Runde beim "Verband der jüdischen Gesellschaften Frankreichs" im 10. Arrondissement trifft. Der Verband will jene zusammenzubringen, die den Holocaust überlebt haben, so wie Joseph Pulwermacher:

"Wir haben alle durch den Krieg einen eher chaotischen Lebensweg. Ich gehörte zu den sogenannten versteckten Kindern im besetzten Frankreich. Aber weil mein Name deutsch, oder vielleicht eher elsässisch klingt - Pulwermacher - habe ich die ganze Zeit unter meinem echten Namen leben können. Ich bin ganz normal zur Schule gegangen, zur Kirche, ich war sogar Chorknabe!"

Auch nach dem Krieg hat er Frankreich nie verlassen.

"Mit 17 habe ich geheiratet, inzwischen sind wir fast 69 Jahre zusammen."

Die anderen nicken anerkennend.

"Mit der Gleichen!" setzt der ältere Herr mit Brille und Schnauzbart nach und zwinkert seiner Frau Nadia zu. Mit ihr würde er auch in der Öffentlichkeit Jiddisch sprechen, sagt er trotzig.

"Ich habe so einen inneren Zorn in mir"

Paulette schüttelt den Kopf und deutet auf das Buch mit hebräischen Schriftzeichen. "Ich traue mich nicht, das in der Metro zu lesen".

"Ich lese es erst recht", mischt sich Bernard ein.

"Auch wenn mich meine Frau immer ermahnt, es nicht zu tun. Wenn das einen stört, soll er's halt sagen! Ich würde mich nicht prügeln, aber den öffentlichen Skandal würde ich nicht scheuen, um zu zeigen, wie das heutzutage läuft. Ich habe so einen inneren Zorn in mir, seit dem Mord an Ilan Halimi."

"Es ist nicht der Antisemitismus der extremen Rechten oder Linken, den wir heute fürchten", pflichtet ihm Paulette bei, "sondern der muslimische."

Drei Wochen wurde Ilan Halimi 2006 von einer Gruppe junger Männer gefoltert bis er starb. Viele der Täter waren Muslime. Für viele französische Juden war das eine Zäsur. Andere denken an die Zweite Intifada in Israel und den palästinensischen Gebieten, als auch in Frankreich Synagogen brannten.

1980: erster tödlicher Anschlag auf Juden seit der NS-Zeit

Vladimir Spiro geht noch ein paar Jahre weiter zurück. Er sitzt auf der anderen Seite der Seine im 15. Arrondissement vor dem Rechner in seinem Arbeitszimmer und hört eine der letzten Folgen seiner Radiosendung auf "Judaïques.fm", dem Radiosender, den er gemeinsam mit seiner Frau gegründet hat.

Auch wenn der Bombenanschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic in Paris 1980 nie ganz aufgeklärt werden konnte: Es war der erste tödliche Angriff auf Juden in Frankreich seit der Besatzung durch die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Das war für ihn der Einschnitt.

Vladimir Spiro ist in Polen geboren, seine Mutter und er waren damals die einzigen Überlebenden eines Dorfes. 1948 ist er nach Frankreich gekommen. Viele Worte mag er über diese Zeit nicht verlieren.

"Ich möchte nicht immer das ewige Opfer sein", sagt er. Und doch hat seine Kindheit Spuren hinterlassen, ihn aufmerksamer werden lassen: "Natürlich hat es immer einen latenten Antisemitismus gegeben". Einen "höflichen" Antisemitismus sagt er, fast erheitert.

Wachsende Spannungen in den Vororten

Umso mehr habe ihn diese neue Gewalt schockiert, die sich in den kommenden Jahren wiederholen sollte: beim Anschlag in Toulouse, beim Attentat auf den Supermarkt für koschere Lebensmittel, beim Mord an Mireille Knoll.

In seinen Sendungen geht es oft um Antisemitismus in Frankreich. Um die wachsenden Spannungen in den Vororten, die viele Juden in den vergangenen Jahren verlassen haben. Und das erfüllt Vladimir Spiro mit Sorge:

"Der Antisemitismus ist das Problem in diesem Land, weil er auf der anderen Seite - gerade nach den großen Attentaten - einen Rassismus gegenüber den Muslimen provoziert."

Vladimir fährt den Rechner runter, er will gleich noch mal los, zum Sender.

Überlegungen, Frankreich zu verlassen

Viele Jahre hat es für ihn und seine Frau Irit keine große Rolle gespielt, dass sie Juden sind. Irit seufzt auf.

"Was wirklich furchtbar ist, ist, dass sie die Leute uns nun begreiflich machen und spüren lassen, dass wir Juden sind. Dass wir nicht wie die anderen sind."

Aber Frankreich den Rücken kehren?

"Nicht in unserem Alter. Aber wenn ich jung wäre und Kinder im schulpflichtigen Alter hätte, wäre ich nicht so sicher, ob ich Frankreich nicht verlassen würde."

So geht es auch dem Jiddisch-Treff auf der anderen Seine-Seite.

"Ich bin zu alt", winkt Marion ab. "Ich würd's tun", sagt Bernard, "aber meine Frau will nicht". Und Joseph?

"Ich geh hier nicht weg, ich hab's ja nicht mal nach Korsika geschafft. Ich brauch die verschmutzte Luft von Paris."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk