Mittwoch, 07. Dezember 2022

Mussolinis "Marsch auf Rom"
Faschistische Drohkulisse

Krieg als Mittel zur Erneuerung der Gesellschaft - das Credo der italienischen Faschisten. Mit einem "Marsch auf Rom" wollten Benito Mussolini und seine Anhänger im Oktober 1922 das politische System gewaltsam stürzen. Eine Drohkulisse mit Erfolg.

Von Norbert Seitz | 26.10.2022

Der Führer der italienischen Faschisten, Benito Mussolini (M), posiert am 29. Oktober 1922 inmitten einiger seiner in schwarze Hemden gekleideter Gefolgsleute. Am Vortag, dem 28. Okotber 1922, waren rund 15000 faschistische "Schwarzhemden", die sich von dem geringen Widerstand der Bevölkerung überrascht zeigten, in Rom einmarschiert. Mit dem "Marsch auf Rom" erzwang Mussolini seine Ernennung zum Ministerpräsidenten.
Der Führer der italienischen Faschisten, Benito Mussolini (M), posiert am 29. Oktober 1922 inmitten einiger seiner in schwarze Hemden gekleideter Gefolgsleute (picture-alliance / dpa / AP)
"Ja zur natürlichen Familie, nein zur LGBT-Lobby, ja zur Kultur des Lebens, nein zu Abtreibungen, ja zu christlichen Prinzipien, nein zu islamistischer Gewalt [*], ja zu sicheren Grenzen, nein zur Masseneinwanderung, ja zur Unabhängigkeit der Völker, nein zu den Bürokraten in Brüssel."

Der Neofaschismus in Regierungsveranwortung?

Mit diesem ultimativen Stakkato umriss Giorgia Meloni, die Vorsitzende der neofaschistischen Fratelli d‘Ìtalia, im zurückliegenden Wahlkampf ihr politisch weit rechts stehendes Credo. Und hatte schließlich beim Urnengang in Italien viel Erfolg damit. Ein deutliches Alarmzeichen, fanden viele Beobachter. Der Neofaschismus in Regierungsverantwortung, 100 Jahre nach dem Machtantritt Benito Mussolinis?
Italienische Rechtspolitiker (v.l.n.r.) Matteo Salvini, Silvio Berlusconi, Giorgia Meloni und Maurizio Lupi im diesjährigen Wahlkampf
Italienische Rechtspolitiker (v.l.n.r.) Matteo Salvini, Silvio Berlusconi, Giorgia Meloni und Maurizio Lupi im diesjährigen Wahlkampf (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Roberto Monaldo)
Ulrich Ladurner, der aus Südtirol stammende "Zeit"-Korrespondent in Brüssel, warnt vor Panik: "Ich glaube, die Duce-Nostalgien gibt es in dem Sinne, dass es die Sehnsucht nach jemanden gibt, der aufräumt. Einen Mann der Vorsehung, das war etwa Berlusconi durchaus, und auch die Hoffnung, die sich auch auf andere Politiker wie Renzi oder Parteien wie Cinque Stelle richtete, nährt sich aus dem Glauben, dass jemand, wenn er nur stark und entschlossen genug ist, alles lösen kann, was die Italiener und Italienerinnen bedrückt."
Im Streit um den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg war der brutale Narziss Benito Mussolini schon früh von seinen Anbetern als "Mann der Vorsehung" wahrgenommen worden. Stets revolutionär gesinnt, hatte sich der Sozialist zum Faschisten gewandelt. "Krieg oder Frieden?", lautete für ihn die Schicksalsfrage oder "Wie löst man besser Konflikte?".
In Mussolinis Antwort darauf sieht Peter Kammerer, viele Jahre Soziologie-Professor im italienischen Urbino, das Wesen einer faschistischen Grundeinstellung: glauben, gehorchen, kämpfen, die Suche nach Ordnung, der Wunsch nach dem Führer.  "Der Glaube, dass der Krieg notwendig ist, dass er Lösungen bringt, oder der Glaube, dass man besonders männlich sein muss, eigentlich die Faszination des Krieges."

Mussolinis Anfänge

Seinen Kreuzzug für den Krieg eröffnete der aus der Emilia Romagna stammende Sohn eines Schmiedes gemeinsam mit dem Schriftsteller Gabriele D’Annunzio und dem Vater des Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti. Sie schwärmten ähnlich wie in Deutschland der Schriftsteller Ernst Jünger von einer "Aristokratie des Schützengrabens", über die eine neue Elite herangezüchtet werden sollte. Der Krieg diene der reaktionären Umgestaltung von Staat und Gesellschaft, schwadronierte Mussolini im Februar 1915: "Der Krieg muss den Italienern zeigen, was Italien ist. Er muss vor allem mit der unwürdigen Legende aufräumen, dass die Italiener nicht kämpfen. Er muss der Welt zeigen, dass Italien fähig ist, einen Krieg zu führen, einen großen Krieg."
Wie aber war die Lage nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem Italien als eine wenig respektierte Siegermacht "unter ferner liefen" hervorging? Die sozialistische Linke verspielte sogleich ihre Machtchance. Sie hatte zu sehr die Kriegsveteranen, Kleinbauern, Pächter, Großgrund- und Fabrikbesitzer verprellt und musste zudem 1921 die Abspaltung der Kommunistischen Partei hinnehmen.
Der Italien-Experte Thomas Schlemmer vom Münchner Institut für Zeitgeschichte: "An der Basis hatte sie auf alle Fälle eine Machtoption, in den Städten, dort in ländlichen Regionen, wo die erstarkenden Landarbeitergewerkschaften eine immer größere Rolle spielten. In Rom in der politischen Zentrale eher weniger. Das hat ganz stark mit dem politischen System zu tun. Wir haben es ja immer mit einer konstitutionellen Monarchie zu tun, mit einer starken Rolle des Königs, der die Ministerpräsidenten ernennt, und mit einer starken Rolle traditioneller Eliten, Beamtenapparat und Armee. Bis dorthin ist die organisierte Arbeiterbewegung nicht vorgedrungen."
Auch der politische Katholizismus hatte keine ernsthafte Alternative im politisch aufgewühlten Nachkriegs-Italien zu bieten, als im März 1919 die terroristischen Kampfbünde, die Fasci di Combattimento, gegründet wurden - ein bunter Haufen mit Mitgliedern aus allen politischen Himmelsrichtungen.

"Erfahrene Experten der Gewalt"

Thomas Schlemmer: "Eine Art Strand- und Treibgut des Krieges. Man hat es hier mit erfahrenen Experten der Gewalt zu tun, militärischen Führern, jungen Offizieren, die finden keinen Weg in den Frieden, wollen den Krieg ins Innere der italienischen Gesellschaft tragen, um sie zu verändern. Um sie zu revolutionieren, hat Mussolini eine Reihe von Gefolgsleuten aus dem ehemaligen sozialistischen Lager für sich gesammelt. Dazu kommen Futuristen, auch sie mit der Vision eines neuen Menschen, einer Beseitigung des Bestehenden. Es sind letztlich Außenseiter, die sich 1919 zusammenfinden."
Der "Duce" Benito Mussolini auf der Piazza Venezia in Rom 1932 während einer Ansprache zur Feier der zehnjährigen faschistischen Machtergreifung. Mit dem "Marsch auf Rom" am 28. Oktober 1922 und der am 29. Oktober von König Viktor Emanuel III. an Benito Mussolini übertragenen Regierungsgewalt begann in Italien die Phase des Faschismus. Bis 1928 schaltete Mussolini die anderen Parteien aus und errichtete eine Ein-Mann-Diktatur. Zunächst in machtpolitischer Rivalität zu Deutschland, verzichtete Italien durch eigenes Expansionsstreben auf die traditionelle Gleichgewichtspolitik und ging ein Bündnis mit Hitler-Deutschland ein, das 1940 zum Eintritt Italiens an der Seite Deutschlands im II. Weltkrieg und schlieÃlich zur Niederlage und dem Ende des Faschismus führte.
Der "Duce" Benito Mussolini auf der Piazza Venezia in Rom (picture-alliance / dpa / dpa)
Obwohl seine junge Partei im November 1919 bei den Nationalratswahlen eine schwere Schlappe hinnehmen musste, setzte Mussolini unverdrossen auf die Strategie, trotz aller Militanz Loyalitätserklärungen abzugeben gegenüber den konservativen Hauptmächten – der Monarchie, dem Vatikan und dem Militär. Das sollte sich auszahlen. Denn ab 1920 erhielt der Partito Nazionale Fascista massive finanzielle Zuwendungen aus der Wirtschaft. Die Partei wurde passiv unterstützt durch die kommunale Verwaltung. Und die Carabinieri schauten lieber weg, wenn die Schwarzhemden auf den Straßen ihr terroristisches Unwesen trieben. 
So prägten im Europa der frühen 1920er-Jahre zwei Bürgerkriegsparteien das politische Geschehen, ab 1917 die Bolschewiki in Russland und ab 1919 die Faschisten in Italien. "Lenin oder Mussolini?". Doch egal wie feindselig sich beide Lager auch gegenüberstanden, in den Zielen waren sie sich ähnlich: die ultimative Vernichtung des erklärten Feindes und der politische Systemumsturz, bei dem Mussolini auf ein probates Kampfmittel aus der italienischen Tradition seit der Staatsgründung setzte: den machtvollen Marsch der Aufständischen. "Märsche haben in der italienischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine ziemliche Tradition. Und nicht zuletzt greift Mussolini zu diesem Mittel, wenn man an Garibaldis Züge gegen Neapel und gegen Rom denkt aus der Zeit des Risorgimento. Oder Gabriele D’Annunzios Zug nach Fiume nach dem Ersten Weltkrieg, sagt Schlemmer.

Wie der "Marsch auf Rom" ablief

Der legendäre Marsch auf Rom vom 28. Oktober 1922 sollte wohl vor allem eine Drohkulisse gegenüber dem schwachen Staat aufbauen und die faschistischen Kampfbünde befriedigen, die endlich losschlagen wollten. Hans Woller, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München, schildert in seiner Mussolini-Biografie, dass am 28. Oktober 1922 gerade mal 5.000 Mann statt der später glorifizierten 300.000 Kämpfer vor Rom unterwegs waren, die zudem ein "Bild des Jammers" geboten hätten: "Sie waren schlecht ausgerüstet, übermüdet und von einem Dauerregen zermürbt, der die ganze Gegend in Schlamm und Sumpf verwandelte und einen geordneten Vormarsch unmöglich machte. Erst im Laufe des Tages wuchs die faschistische Streitmacht auf 15.000 Squadristen."  
Doch Thomas Schlemmer warnt davor, den zunächst stockenden Marsch auf die Hauptstadt als verunglückte Farce abzutun. "Also so ganz trivial, wie man das oft lesen kann, war die Sache nicht. Das ist ja ein Ereignis, das in ganz Nord- und Mittelitalien stattfindet. Auf dem Weg nach Rom, es sind ja Zehntausende Faschisten, die da nach Rom marschieren, werden erst mal noch Residuen der Arbeiterbewegung verbrannt, platt gemacht, im Sinne des Wortes, werden Rathäuser besetzt."
Am 30. Oktober, zwei Tage nach dem Marsch, überging König Vittorio Emanuele III. das Ansinnen des schwachen amtierenden Ministerpräsidenten Luigi Facta, per Notstandsdekret den Ausnahmezustand zu verhängen. Stattdessen ernannte der König letztlich den mächtig scharrenden Mussolini zum Ministerpräsidenten einer Koalitionsregierung, unter anderem wohl auch um einen Bürgerkrieg und weiteres Blutvergießen zu verhindern. Der neue Führer Italiens hatte auf dem Weg zur Macht viel Gespür für taktische Möglichkeiten und Handlungsoptionen bewiesen. Weshalb auch von einem Putsch an jenem 28. Oktober 1922 keine Rede sein konnte.
König Vittorio Emmanuele III. neben Mussolini
König Vittorio Emmanuele III. neben Mussolini (picture alliance / AP Images / Uncredited)
Dennoch musste hernach der Marsch auf Rom als Gründungsmythos des neuen faschistischen Italien herhalten, damit an der Machtergreifung der revolutionären Rechten nicht der Ruch von altbürgerlicher Kabinettspolitik in Hinterzimmern hängen blieb. Zeithistoriker Schlemmer schildert, wie Italien ab diesem Zeitpunkt Zug um Zug von einer konstitutionellen Monarchie in eine totalitäre Diktatur umgewandelt wurde. "Ein ganz wesentlicher Punkt ist mit Sicherheit im Sommer 1924 zu konstatieren nach dem Mord an dem führenden sozialistischen Politiker Giacomo Matteotti, wo die Faschisten auf der einen Seite sehr unter Druck kommen und Mussolini selber auch, dessen Umfeld man den Mord anrechnet. Auf der anderen Seite aber auch die führenden Faschisten sagen, wenn wir jetzt die Revolution nicht in eine zweite Welle treiben, dann war alles umsonst. Und in dem Moment schlägt sich Mussolini im Sommer 1924 auf die Seite der radikalen Faschisten und geht letztlich den Weg in die offene Diktatur."
Mit einem faschistischen Großrat als Staatsorgan. Als Mussolini dann 1929 auch noch der Pakt mit dem zuvor so verhassten Vatikan im Rahmen der Lateran-Verträge gelang, schwärmte selbst das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Pius XI., von einer "neuen Ära in der Geschichte Italiens". Zitat: "Die Vorsehung hat ihn uns geschickt, um das Volk von der Irrlehre des Liberalismus zu befreien."
Ein Kult brach sich Bahn um den sich bevorzugt in komikreifer Machopose präsentierenden Duce. Derart bestärkt, begann dieser mit seiner imperialen "Volk ohne Raum"–Politik, den Rückeroberungskriegen in
nordafrikanischen Kolonien, dem heutigen Libyen, und am Horn von Afrika. Der völkerrechtswidrige Einmarsch im Kaiserreich Abessinien, auf dem Gebiet des heutigen Äthiopien und Eritrea, eskalierte in permanenter Entgrenzung - mit Giftgaseinsätzen und einem jahrelangen, verbissen geführten Guerillakrieg. Mussolini-Biograf Hans Woller kommentiert: "In Afrika zeigt der Faschismus sein wahres Gesicht, die Fratze des hemmungslosen Imperialismus."

Triumphaler Empfang in Deutschland

Auf dem Höhepunkt seiner Macht wurde Benito Mussolini im September 1937 ein triumphaler Empfang in Deutschland zuteil. Die Achse Rom-Berlin gegen den Bolschewismus wurde von den beiden Diktatoren als eine Allianz gepriesen, um die Weltkarte zu verändern und die Geschichte neu zu schreiben. Mussolini bedankte sich auf Deutsch bei Hitler, weil Nazi-Deutschland sich nicht den Sanktionen angeschlossen hatte, als die Völkergemeinschaft die in Afrika begangenen Kriegsverbrechen Italiens an den Pranger stellte. "Trotz allem Drängen hat Deutschland sich den Sanktionen nicht angeschlossen. Wir werden das niemals vergessen", so Mussolini. 
Doch so sehr Mussolini und Hitler als unzertrennliche Achsenpartner posierten, Unterschiede zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus ließen sich nur schwer verleugnen. Thomas Schlemmer: "Es ist sehr viel leichter, die deutsche Gesellschaft zu nazifizieren als die italienische Gesellschaft zu faschisieren. Die Stellung der Kirche ist eine andere. In Deutschland gibt es nach Hindenburgs Tod und Hitlers Aufstieg zum Führer und Reichskanzler kein organisiertes Widerlager mehr. Während der König, so schwach er seit 1935 ist, immer noch ein Widerlager ist, das Mussolini nicht ausschalten will, nicht ausschalten kann und das ihm 1943 dann doch letztlich entscheidend in den Arm fällt."
August 1944: Adolf Hitler verabschiedet Benito Mussolini nach einer Konferenz in Deutschland
August 1944: Adolf Hitler verabschiedet Benito Mussolini nach einer Konferenz in Deutschland (picture alliance / AP Photo / Uncredited)
Bis dies geschehen sollte, musste das faschistische Italien an mehreren Fronten eine Serie militärischer Niederlagen einstecken. Als die alliierten Truppen auf Sizilien landeten, ließ König Vittorio Emanuele III. auf Drängen des Faschistischen Großrats den zum Versager abgestempelten Duce am 25. Juli 1943 absetzen und verhaften.
Hitler wiederum verschaffte seinem wichtigsten Bündnispartner noch ein finale furioso, indem er ihn auf abenteuerliche Weise aus der Haft befreien und ihn unter deutscher Besatzung in Salo am Gardasee die Repubblica Sociale Italiana, die italienische Sozialrepublik, ausrufen ließ. Doch die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration hatte seit dem bewaffneten Widerstand der Resistenza längst begonnen. Bei der ersten "wilden" Säuberungswelle, der "Epurazione", wurden zwischen 1943 und 1946 12.000 Faschisten getötet. Benito Mussolini selbst wurde im April 1945 am Comer See von Partisanen aufgespürt und erschossen. Seine sterblichen Überreste wurde nach Schändungsexzessen auf Umwegen an Mussolinis Geburtsort Predappio aufgebahrt. Bis heute eine faschistische Wallfahrtsstätte.
Die Gruft des ehemaligen Italienischen Diktators Benito Mussolini auf dem Friedhof in Predappio
Die Gruft des ehemaligen Italienischen Diktators Benito Mussolini auf dem Friedhof in Predappio (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
Der Soziologe Peter Kammerer: "Nach dem Krieg wurden zwar unheimlich viele Symbole in der Volkswut beseitigt, aber viele blieben auch erhalten, und die faschistischen Bauten, Post oder Kasernen, da gibt es immer wieder faschistische Zeichen. Also in der Architektur begegnet man Mussolini häufig. Ebenso bei gewissen Andenkenhändlern, vor allem am Geburtsort. Da gibt es ja einen regelrechten Wallfahrtsbetrieb."

Kaum Aufarbeitung des Faschismus

Es habe nie eine gründliche Aufarbeitung des Faschismus in Italien gegeben, resümiert Peter Kammerer, vor allem keine angemessene Thematisierung faschistischer Verbrechen wie den Giftgaseinsätzen in Libyen, den Kriegsverbrechen im besetzten Jugoslawien, der Hungerpolitik in Griechenland, den Gräueltaten in Abessinien und der Entrechtung, Vertreibung und Deportation italienischer Juden.
Trotz des antifaschistischen Gründungsmythos der italienischen Nachkriegsrepublik konnte sich auf dem Apennin eine neofaschistische Partei entwickeln. Europa-Korrespondent Ulrich Ladurner schildert die
Häutungen des italienischen Neofaschismus von Politikern wie Giorgio Almirante bis hin zur heutigen Vorsitzenden der postfaschistischen Fratelli d‘Italia, Giorgia Meloni. "Almirante propagierte noch eine Art linken Faschismus – also einen Faschismus plus eine korporatistische Form des Sozialstaates, Gianfranco Fini versuchte 1994 mit der Gründung von Alleanza Nazionale im rechtsliberalen Lager einen Ort für sich und seine Anhänger zu finden. Alle direkten Referenzen zum Faschismus legte er ab.
Dieser Versuch aber ging gründlich schief, weil das rechtsliberale Lager schon vom übermächtigen Berlusconi besetzt war. Meloni nun versucht mit der Gründung von Fratelli d‘Ìtalia 2012 so etwas wie einen kämpferischen italienischen Konservativismus zu begründen. Sie will nicht rechtsliberal sein, sondern radikal konservativ. Die rechten Republikaner in den USA, Viktor Orbán und Marine Le Pen sind ihre Bezugspunkte. Sie ist eine Kulturkämpferin."
"Wenn wir beauftragt werden, dieses Land zu regieren, dann werden wir das für alle machen, mit dem Ziel, das Volk zu einen. Das große Ziel, das wir uns im Leben und als Politiker gegeben haben, ist, dass die Italiener wieder stolz sein können, Italiener zu sein und die Trikolore-Fahne schwenken können." So tremolierte Giorgia Meloni am Abend der gewonnenen Parlamentswahl im September. Zuvor hatte sie stets beschwichtigend ihr - Zitat - "entspanntes" Verhältnis zum Italo-Faschismus betont, wie zuvor schon Silvio
Berlusconi.
Dazu Ulrich Ladurner: "'Entspanntes Verhältnis, das bedeutet, dass Meloni den Faschismus als Teil der italienischen Geschichte darstellt, die längst vergangen ist und keine Bedeutung in der Gegenwart hat. Lange her, kommt nicht wieder, dazu ist alles gesagt. Das ist die Position. Sie würde nie sagen 'Es war nicht alles schlecht', weil sie damit eine Debatte auslösen würde, die sie unbedingt vermeiden will. Sie muss das auch nicht sagen, denn ich denke, die Überzeugung, dass 'nicht alles schlecht war', sitzt so tief im Empfinden sehr vieler Italiener, dass man darüber gar nicht mal reden muss. Es ist eine Art grausige Selbstverständlichkeit."
Typisch auch für die Art von Melonis Umgang mit der faschistischen Vergangenheit, dass trotz ihres relativ klaren Wahlsiegs die Erinnerung an den "Marsch auf Rom" vor 100 Jahren für die Fratelli d`Italia keine propagandistische Relevanz mehr besitzt. Stattdessen erinnerte sie dieser Tage an den 79. Jahrestag der Razzia und Deportation im früheren jüdischen Ghetto von Rom durch die deutschen Nazi-Faschisten. Ulrich Ladurner: "Wenn überhaupt, dann spielt der Marsch auf Rom in kleinen rechtsradikalen Netzwerken eine Rolle. In der Partei von Meloni nicht mehr. Im Gegenteil. Gäbe es allzu deutliche Anspielungen oder Referenzen an den Marsch auf Rom aus der Fratelli d‘Italia, würde das Meloni wohl sehr schaden. In Italien will so gut wie niemand mehr zum historischen Faschismus zurück. Die Vorstellung, dass dies so wäre, ist falsch."
[*] An dieser Stelle haben wir einen Tippfehler korrigiert.