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StartseiteThemaWie abhängig ist Deutschland von Erdgas aus Russland?14.09.2020

Nord Stream 2Wie abhängig ist Deutschland von Erdgas aus Russland?

Seit Jahren tobt ein politischer Streit um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Der Fall Nawalny befeuerte die Diskussionen. Aber ist das Projekt überhaupt zu stoppen? Und wie abhängig ist Deutschland vom russischen Erdgas?

In Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern werden Röhren für die Gaspipeline Nord Stream 2 verlegt. Daneben steht ein Arbeiter. (AFP/Tobias SCHWARZ)
Das Milliarden-Projekt Nord Stream 2 steht auf der Kippe (AFP/Tobias SCHWARZ)
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Der Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny hat Empörung in der europäischen Politik ausgelöst und die Diskussion über mögliche Sanktionen gegen Russland befeuert. Im Fokus steht dabei vor allem die Gas-Pipeline Nord Stream 2, die eigentlich spätestens 2021 in Betrieb gehen soll.

Bundesaußenminister Heiko Maas möchte ein Verbot der Ostsee-Pipeline ausdrücklich nicht mehr als Sanktion ausschließen, auch für führende Unionspolitiker gehört das Projekt auf den Prüfstand: "Die einzige Sprache, die Putin versteht, ist Erdgas", sagte Norbert Röttgen im Deutschlandfunk. Doch ist Deutschland nicht auf Gaslieferungen aus Russland angewiesen? Wie wichtig ist Nord Stream 2 für die Energieversorgung in Europa? Und: Lässt sich das Projekt überhaupt noch stoppen?

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Was ist das Projekt Nord Stream 2?

Nord Stream 2 ist das Nachfolgeprojekt der 2005 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder geplanten und seit 2011 bestehenden Pipeline Nord Stream, die Erdgas aus Russland direkt nach Deutschland liefern soll. Bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas sollen künftig pro Jahr durch die neue Pipeline geleitet werden - ohne Umweg über Transitländer und über eine Strecke von rund 1.230 Kilometern mit zwei parallelen Strängen auf dem Grund der Ostsee, vom russischen Ust-Luga bis zur Anlandestation in Lubmin bei Greifswald.

Rund 95 Prozent der Pipeline, bis ungefähr auf die Höhe Bornholms, sind fertiggestellt. Es fehlen noch die letzten 150 Kilometer durch die Ostsee, davon 120 Kilometer durch dänisches und 30 Kilometer durch deutsches Gewässer. Die ursprünglich für 2019 anvisierte Inbetriebnahme ist auf Beginn 2021 verschoben worden, weil seit Jahren ein politischer Streit um die Ostsee-Pipeline tobt.

Die Grafik zeigt den Verlauf der Pipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee (Statista / Nord Stream 2, Handelsblatt)Verlauf der Pipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee (Statista / Nord Stream 2, Handelsblatt)

Hinter Nord Stream 2 steht der russische Staatskonzern Gazprom als alleiniger Eigentümer, der auch die Hälfte der geplanten Gesamtkosten von 9,5 Milliarden Euro übernimmt. Chef des Aktionärsausschusses von Nord Stream 2 ist Gerhard Schröder. Finanziert wird das Konsortium außerdem von großen Energiekonzernen, neben OMV aus Österreich, Royal Dutch Shell aus Großbritannien und der französischen Engie haben auch die deutschen Firmen Wintershall Dea und Uniper investiert. 

Der Bau einer zweiten Pipeline durch die Ostsee hat vor allem politische Gründe - auch weil der Transportweg über die Transitländer blockiert werden kann. Claudia Kemfert, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält das Projekt Nord Stream 2 für nicht rentabel. Es gebe bereits ausreichend Pipeline-Kapazitäten, zusätzlich gebaute Flüssiggasterminals und Transportrouten, die für den in Zukunft abnehmenden Bedarf von fossilem Erdgas reichen würden, sagte Kemfert im Deutschlandfunk. 

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin, beim Willy-Brandt-Gespräch im Mai 2016. (imago / Jens Jeske) (imago / Jens Jeske)Energieexpertin: "Gas wird immer mehr zur politischen Waffe"
Die umstrittene Nord Stream 2-Pipeline ist aus energiewirtschaftlicher Sicht nicht notwendig - und unrentabel, sagte die Energieexpertin Claudia Kemfert im Dlf. Der Gasbedarf werde seit Jahrzehnten überschätzt. 

Das von Befürwortern in der Diskussion vorgebrachte Argument, die neue Röhre könne russisches Gas für Abnehmer aus der EU billiger machen, ist umstritten: Nach Einschätzung des Energieökonomen Marc Oliver Bettzüge droht künftig in Europa keine Angebotslücke beim Erdgas, auch nicht ohne den Bau einer neuen Pipeline.

Wie abhängig ist Deutschland vom russischen Erdgas?

Die Gasförderung innerhalb der EU ist stark rückläufig. Fossile, klimaschädliche Brennstoffe wie Erdgas gelten aufgrund der EU-Klimaziele als Energieträger mit Ablaufdatum. Deutschland selbst hat kaum Erdgasvorkommen - fünf Prozent des Verbrauchs könne Deutschland selbst decken, erklärt Theo Geers, Experte für Energiepolitik im Dlf - Tendenz fallend. Während der Energiewende wird Deutschland noch für einige Zeit weiter auf russisches Erdgas angewiesen sein, als Brückentechnologie beim Ausbau der Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern. 

Diese Statistik zeigt den Umfang russischer Erdgaslieferungen nach Europa im Jahr 2019 aufgeschlüsselt nach Ländern. Im genannten Jahr lieferte Russland insgesamt 188 Milliarden Kubikmeter Erdgas per Pipelines nach Europa. Im genannten Jahr war Deutschland innerhalb der Europäischen Union mit insgesamt rund 55,6 Milliarden Kubikmetern importierten Erdgases via Pipelines der wichtigste Abnehmer für russisches Erdgas. (Statistia / BP) (Statistia / BP)

Laut dem "Statistic Review of World Energy" von BP hat Deutschland 2019 gut die Hälfte seiner Erdgasimporte aus Russland bezogen (51 Prozent). Die weiteren Hauptlieferanten für Erdgas sind Norwegen (27 Prozent) und die Niederlande (21 Prozent). Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland mit 55,6 Milliarden Kubikmetern der größte Importeur von Erdgas aus Russland. 

Welche politischen Interessen sind mit Nord Stream 2 verbunden?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die geplante zweite Ostsee-Pipeline bisher stets als rein wirtschaftliches Projekt betrachtet, losgelöst von geopolitischen Interessen. International ist diese Sichtweise schon länger umstritten - bei einigen EU-Partnern, und auch schon vor dem Fall Nawalny und den daraus resultierenden neuen Spannungen im Verhältnis zu Russland.

Polen und die baltischen Länder befürchten, dass sich die Europäische Union mit der neuen Ostsee-Pipeline in eine größere wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland begibt. Betroffen wären sie auch als bisherige Transitländer für Erdgas, das auf dem Landweg aus Russland nach Europa gepumpt wird. Auch die Ukraine befürchtet einen Wegfall von Transiteinnahmen aus dem Erdgas-Export, nach Schätzungen rund zwei Milliarden Euro jährlich.

Dänemark hat vor allem klimapolitische und ökologische Bedenken geäußert - und sieht sich eingekeilt zwischen deutscher Handelspolitik und den geopolitischen Interessen der USA: Die US-Regierung trat bisher mit Abstand als schärfster Gegner der neuen Ostsee-Pipeline auf. Auch deshalb, wie immer wieder vermutet wird, um mit Sanktionen gegen das Nord-Stream-Projekt den Absatz des eigenen Flüssiggases auf dem europäischen Markt anzukurbeln. Befürworter der Pipeline weisen daher auf eine stärkere Unabhängigkeit von den USA hin. Kritiker befürchten dagegen eine stärkere Abhängigkeit von Russland. 

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen (Ida Guldbaek Arentsen / Ritzau Scanpix / AP / dpa) (Ida Guldbaek Arentsen / Ritzau Scanpix / AP / dpa)Dänemark in der Klemme
Dänemark hat dem Bau der neuen Erdgaspipeline Nord Stream 2 auf EU-Ebene zugestimmt, sieht sich nun aber eingekeilt zwischen deutschen und amerikanischen Interessen.

Welchen Einfluss haben die USA auf das europäische Projekt?

Der Baustopp von Nord Stream 2, der im Zuge von Sanktionen gegen Russland diskutiert wird, ist bereits Realität: Seit Dezember 2019 ruhen die Arbeiten an der zweiten Erdgas-Pipeline durch die Ostsee, als Folge der von den USA gegen Russland verhängten Sanktionen, als Strafe für die Einmischung in die US-Wahlen und die Annexion der Krim. Firmen, die an der Fertigstellung von Nord Stream 2 mitwirken, wurden Strafmaßnahmen angedroht. Daraufhin verabschiedete sich das Schweizer Unternehmen Allseas, das bis dahin die Röhren durch die Ostsee verlegt hatte, aus dem Projekt. Im August drohten republikanische US-Senatoren auch den Betreibern des Fährhafens Sassnitz mit "vernichtenden Sanktionen". Zuvor waren zwei russische Schiffe in den Hafen Sassnitz-Mukran verlegt worden, um die Verlegung der fehlenden Rohrstücke voranzutreiben. Es wird erwartet, dass Gazprom die Unterwasser-Pipeline nun selbst zu Ende baut, weil andere Spezialunternehmen von den US-Sanktionen abgeschreckt sind.

Mecklenburg-Vorpommern, Laage: Das Verlegeschiff "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 (Luftaufnahme mit einer Drohne). (Bernd Wüstneck/dpa) (Bernd Wüstneck/dpa)Die geopolitische Gasröhre
Der Bau der Gas-Pipeline Nord Stream 2 ist gestoppt. Die US-Sanktionen greifen und Unternehmen sind abgesprungen. Der russische Gasversorger Gazprom wird die Röhre wohl selbst zu Ende bauen.

Wie stark würde Russland ein Ende von Nord Stream 2 treffen?

Die Einnahmen aus Rohstoffexporten machen den Löwenanteil des russischen Haushalts aus. Für Russland ist die Gas-Pipeline dennoch weniger aus wirtschaftlicher Sicht wichtig, denn der Export von Erdöl ist ein viel größerer Faktor in der russischen Exportwirtschaft. Wenn Nord Stream 2 nicht komme, entfalle aber ein wichtiger Antrieb für die Erschließung der neuen Vorkommen in Russland, sagte die langjährige Moskau-Korrespondentin Gesine Dornblüth im Dlf: "Die alternativen Transportrouten wären deutlich teurer. Die Kosten würden steigen, die Rentabilität sinken." 

Mit einem Ende von Nord Stream 2 würde aber kein Kubikmeter Gas weniger aus Russland exportiert werden, erklärt Dlf-Moskau-Korrespondent Thielko Grieß: Das Gas müsse dann aber weiter über den Landweg, also über Transitländer wie Ukraine oder Polen, die in Moskau weniger gut gelitten sind, transportiert werden. Die zweite Ostsee-Pipeline ist aus russischer Sicht vor allem ein politisches Prestigeprojekt, das eine direkte Verbindung nach Deutschland darstellt, einem für Moskau wichtigen EU-Partner "auf Augenhöhe". Dies bringt auch die Bundesregierung in ein Dilemma: Sollte sie aufgrund des Falls Nawalny vom bisherigen Kurs abgehen und Nord Stream 2 kippen, wegen eines zerstörten Vertrauensverhältnisses zu Russland, setzt sie sich gegenüber Moskau dem Vorwurf aus, vor den Sanktionsdrohungen aus den USA einzuknicken.

Welche klimapolitischen Aspekte gibt es?

Aus klimapolitischer Sicht hätte man die Pipeline nicht bauen dürfen. Mit jährlich 100 Millionen Tonnen CO2 stehe Nord Stream 2 im Widerspruch zu den Klimazielen, sagt die Deutsche Umwelthilfe und bezeichnet die Pipeline als "Relikt aus einer fossilen Vergangenheit". Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge sei die Erdgasförderung klimaschädlicher als angenommen.

Niklas Höhne, Leiter des New Climate Instituts in Köln, sagte im Dlf: "Wenn wir das 1,5 Grad Ziel einhalten wollen, dann bräuchten wir die Pipeline überhaupt nicht, und wenn sie fertig gebaut wird, dann müsste sie in einer Größenordnung fünf bis zehn Jahre abgeschaltet werden." Die Pipeline sei eine Investitionsruine. Flüssiggas-Terminals als Alternative seien ebenfalls kritisch zu sehen, weil das Gas aktuell vorwiegend aus den USA kommt. "Dort wird es durch Fracking generiert und pro Kilowattstunde Gas haben wir hier so hohe Emissionen wie von Kohle."

Ein Schild mit der Aufschrift "Info Point Nord Stream 2 Committed Reliable Safe" hängt im Gewerbegebiet Lubmin über einer aufgemalten Landkarte an der Baustelle für die Empfangsstation. (picture alliance/Stefan Sauer/dpa) (picture alliance/Stefan Sauer/dpa)Klimaforscher: "Nord Stream 2 in fünf bis zehn Jahren abschalten"
Nord Stream 2 hätte man aus klimapolitischer Sicht von vornherein nicht bauen dürfen, sagte der Klimaökonom Niklas Höhne im Dlf. Fossiles Erdgas müsse langfristig aus dem Energiemix verschwinden - und die Pipeline nach einigen Jahren wieder abgeschaltet werden.

Lässt sich der Bau überhaupt stoppen?

In der Tat erscheint es kaum vorstellbar, dass das Projekt Nord Stream 2 komplett eingestellt wird - schon allein deshalb, weil mit den mehr als 1.000 Kilometern quer durch die Ostsee verbuddelten Rohren bereits Fakten geschaffen wurden - auch mit den Arbeiten für die Anschlusspipelines in Deutschlands wurde schon begonnen. Wie das Betreiberkonsortium gegenüber dem Deutschlandfunk mitteilte, sind bereits mehr als acht Milliarden Euro investiert worden, hinzu kämen weitere drei Milliarden Euro an Investitionen in die nachgelagerte Infrastruktur in Deutschland.

Das Nord-Stream-Konsortium verweist darauf, dass alle bisherigen Baumaßnahmen "auf der Basis nationalen und internationalen Rechts" sowie von "Genehmigungen der Behörden aus vier EU-Ländern und Russland" erfolgt seien. Ein mögliches Veto der Politik gegen die Fertigstellung wäre wohl auch mit juristischen Unwägbarkeiten und mit möglichen Schadenersatzforderungen verbunden. Unklar ist zudem, ob es bereits vertragliche Verpflichtungen seitens Deutschland gegenüber den Betreibern gibt, etwa die Garantie, künftig bestimmte Mengen Erdgas über die neue Ostsee-Röhre abzunehmen. 

Deutschland könne außenwirtschaftliche Instrumente zudem nicht im Alleingang anwenden, sagte Michael Harms, Geschäftsführer beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, im Dlf. "Deutschland hat, glaube ich, nur acht Prozent am russischen Außenhandel, die EU hat über 40. Wenn wir eine starke Antwort geben müssen, dann nur europäisch abgestimmt." Bisher seien über 1.000 Firmen an dem Bau beteiligt - und bis zur Fertigstellung würden noch einmal 120 dazukommen. Bei einem Stopp würde das definitiv Auswirkungen auf die Bilanzen der einzelnen Unternehmen haben, im schlimmsten Falle müssten diese abgeschrieben werden, mit allen Konsequenzen, die sich für die Aktionäre und die Unternehmen ergeben, sagte Harms. "Wir halten dieses Projekt aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten und energiewirtschaftlichen weiterhin für sehr hilfreich - nicht nur für Deutschland, sondern für Europa." 

Michael Harms ist Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (AFP/ Sputnik/ Iliya Pitalev) (AFP/ Sputnik/ Iliya Pitalev)Geschäftsführer beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft: "Sehe Wirtschaftssanktionen kritisch"Die politische Wirksamkeit von Wirtschaftssanktionen müsste sehr sorgfältig geprüft werden. Nord Stream 2 sei ein sehr wichtiges Projekt in dem Dreiecksverhältnis Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz, sagte Harms. 

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