Ukraine-Russland-KonfliktDroht ein neuer Krieg?

Russland hat Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Kiew und westliche Verbündete befürchten einen offenen Krieg. Sie diskutieren mit Russland über Möglichkeiten, den Konflikt zu entschärfen. Wie wahrscheinlich ist eine militärische Konfrontation, welche Folgen hätte sie?

19.01.2022

Ein Panzer und drei Soldaten bei einer Militärübung.
Russische Soldaten trainieren im Dezember 2021 nahe der ukrainischen Grenze auf einem Truppenübungsplatz. (picture alliance/dpa/Sputnik)
Die Ukraine befürchtet, dass eine Invasion durch russische Truppen bevorstehen könnte. Russland soll rund 100.000 Soldaten in der Nähe der ukrainischen Grenze zusammengezogen haben. Die russische Führung bestreitet Pläne für eine Militäroffensive.
Der Konflikt hat zu Beratungen auf internationaler Ebene geführt. Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und ihr US-Kollege Antony Blinken demonstrierten Einigkeit gegenüber Russland. Eine militärische Eskalation hätte "enorme diplomatische und wirtschaftliche Konsequenzen" für Russland, warnte Baerbock.
Auch Blinken drohte mit harten Wirtschaftssanktionen. "Und das ist nicht nur die Position der Vereinigten Staaten und Deutschlands. Es ist die kollektive Position vieler Länder, Verbündeter und Partner, die sich zusammengeschlossen haben", betonte er. Die Staats- und Regierungschefs der EU vereinbarten eine Verlängerung der bereits bestehenden Sanktionen gegen Russland um sechs Monate bis Ende Juli. Uneinigkeit gibt es allerdings bei den Themen Nord Stream 2 und möglichen Lieferungen von Waffen zur Verteidigung an die Ukraine.
Die EU und der Umgang mit Russland - Interview mit Sabine Fischer, SWP
Das Thema NATO-Osterweiterung ist für den russischen Staatspräsidenten Putin ein rotes Tuch. Er verlangt eine rechtliche Grundlage, weitere Mitgliedschaften auszuschließen, zum Beispiel für Georgien und die Ukraine.

Warum hat sich die Lage zugespitzt?

Der Kreml möchte offenbar Zugeständnisse von der Ukraine und der NATO erzwingen – und sieht dafür einen guten Zeitpunkt. Günstige Faktoren sind:
  1. US-Präsident Joe Biden steht durch die viel kritisierte Art, wie sich die USA aus Afghanistan zurückgezogen haben, unter Druck.
  2. Deutschland hat eine neue, noch unerfahrene Regierung – mit Angela Merkel ist eine Bundeskanzlerin abgetreten, die den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine genauestens kannte.
  3. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verliert in der eigenen Bevölkerung zunehmend an Vertrauen.
Rede des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew, Ukraine. 1 März 2021.
Verliert das Vertrauen seines Wahlvolks: Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine (imago / Ukrinform / Evgen Kotenko)
Hinzu kommen Entwicklungen, die aus russischer Sicht ein Handeln dringlicher erscheinen lassen. Die Ukraine bekommt schon seit Jahren Panzerabwehrraketen aus den USA. Inzwischen hat sie aber auch türkische Drohnen im Einsatz, und Großbritannien plant den Bau von Militärschiffen für die ukrainische Marine. Die ukrainische Armee könnte sich also zunehmend besser gegen Russland wehren.
Außerdem fordert die ukrainische Staatsführung immer heftiger die Aufnahme in einen sogenannten Membership Action Plan der NATO, die Vorstufe zur Mitgliedschaft. Von den USA wird das unterstützt, allerdings unter Vorbehalten.

Worauf basieren die militärischen Spannungen zwischen Ukraine und Russland?

Im Donezkbecken kämpft die Ukraine seit inzwischen fast acht Jahren gegen von Russland angeleitete und ausgerüstete sogenannte Separatisten. Diese haben dort um die Städte Donezk und Luhansk herum zwei international nicht anerkannte „Republiken“ errichtet.
Karte zeigt die Ostukraine mit dem von Separatisten kontrolliertem Gebiet und der Minsker Sicherheitszone
Ostukraine mit dem von Separatisten kontrolliertem Gebiet und der Minsker Sicherheitszone (dpa-infografik / Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
In den vergangenen Monaten nahmen die Spannungen an der Frontlinie wieder zu. Die ukrainische Armee nahm eine Ortschaft in der neutralen Zone ein. Allein im November 2021 starben dort acht ukrainische Soldaten, unter anderem durch Scharfschützen. Die Ukraine hat im Oktober zum ersten Mal mit einer bewaffneten Drohne eine Haubitze der Separatisten zerstört.

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Russland behauptet, die Ukraine plane eine Militäroffensive im Donezbecken und habe dort 125.000 Soldaten zusammengezogen. Dafür gibt es keine Belege. Es scheint auch nicht besonders plausibel, da es in der Ukraine sehr viele regierungskritische Medien und in der Bevölkerung viele Gegner der Regierung gibt. Sie hätten Truppenbewegungen sicher gefilmt, die Fotos und Videos wären längst veröffentlicht worden.

Zudem wäre es für die Ukraine selbstmörderisch, eine militärische "Lösung" der Lage im Donezbecken zu suchen. Russland würde mit seiner überlegenen Armee dann sicher militärisch eingreifen – und gleichzeitig würde sich der Westen von der Ukraine abwenden.
Der Westen fällt wieder auf Putins Spiel herein – Kommentar von Gesine Dornblüth (8.12.2021)

Welche Hinweise auf Pläne einer russischen Invasion in der Ukraine gibt es?

Russland gibt keine Auskunft über Truppenbewegungen. Die Regierung steht auf dem Standpunkt, dass sie auf ihrem Staatsgebiet Armee-Einheiten nach dem eigenen Ermessen beliebig umgruppieren kann und keine Rechenschaft schuldig ist. Die Informationen über die Truppenbewegungen nahe der ukrainischen Grenze stammen aus zwei anderen Quellen: Fotos und Videos von Bürgern in Russland, die Kolonnen mit Militärfahrzeugen und entsprechende Eisenbahntransporte gesehen und dokumentiert haben. Und die US-Militäraufklärung, die das russisch-ukrainische Grenzgebiet unter anderem mit Satelliten und modernen Drohnen überwacht. Allerdings geben die USA ihre Erkenntnisse nur gefiltert an die Öffentlichkeit und wohl selbst an die Geheimdienste der westlichen Partner und der Ukraine weiter.
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies vom 1. November 2021 zeigt russisches Militär in der Stadt Yelnya.
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies vom 1. November 2021 zeigt russisches Militär in der Stadt Yelnya nahe Smolensk, unweit der Grenze zur Ukraine. (AFP PHOTO / Satellite image ©2021 Maxar Technologies)
Als gesichert gilt demnach, dass Russland derzeit etwa 100.000 Soldaten rund um die mehr als 2.000 Kilometer lange Grenze zur Ukraine gruppiert hat. Es handelt sich dabei um mindestens 40 taktische Verbände – unter anderem mit Panzern, anderen Artilleriegeschützen und Flugzeugen. In diese Rechnung werden von den Beobachtern auch Truppen einbezogen, die bis zu 300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt stehen.
Politologe Varwick: „Es geht jetzt wirklich darum, einen Krieg zu verhindern“ (07.12.2021)
Expertinnen und Experten sind uneins in der Frage, ob dieses Truppenaufgebot für einen erfolgreichen Schlag gegen die Ukraine ausreicht. Die meisten halten das Aufgebot im Moment allerdings noch für zu klein. Skeptiker eines Militärschlags wenden auch ein, dass die Mehrzahl der Menschen in Russland keinen Krieg will. Allerdings lässt sich an der Berichterstattung der kremlnahen Medien sehen, dass die Bevölkerung auf die Möglichkeit eines Kriegs vorbereitet wird.
Osteuropa-Experte Wilfried Jilge schätzt die Chancen, dass es zu einer Invasion kommt, 50:50 ein. "Man muss auf jeden Fall die Stationierung der Truppen unweit der Grenze und vor allem das Auftauchen neuer Militärstützpunkte sehr ernst nehmen“, sagte er im Deutschlandfunk.
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Russland selbst weist den Vorwurf, es wolle die Ukraine angreifen, zurück. Allerdings kommen aus dem Kreml auch zweideutige Töne. So erklärte Präsident Putin, niemand sei einer Gefahr ausgesetzt – aber nur, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt würden. Dazu gehöre für ihn, dass der Westen dem russischen Sicherheitsbedürfnis Rechnung trage. "Russland hat nicht vor, irgendjemanden anzugreifen, aber wir haben unsere Befürchtungen und unsere 'roten Linien'", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow laut der Agentur Interfax.

Welche Interessen verfolgt Russland?

Dazu, was man konkret erreichen will, äußert sich die russische Regierung nur vage. Ein Maximalerfolg für den Kreml wäre folgendes Szenario:
  • Die NATO sichert schriftlich zu, dass sie die Ukraine nie aufnehmen wird.
  • Die NATO sichert zu, dass sie nie militärische Infrastruktur in der Ukraine aufbauen wird.
  • Die NATO-Länder liefern der Ukraine keine Waffen mehr.
Zudem wäre es für den Kreml wünschenswert, wenn es in der Ukraine zu einem Regierungswechsel kommt und wieder die russlandfreundlichen Kräfte die Oberhand gewinnen. Weitere längerfristige Ziele Moskaus sind, dass der Westen die Annexion der Halbinsel Krim akzeptiert und die Sanktionen gegen Russland aufhebt.
Die Forderung, die Ukraine nicht in die NATO aufzunehmen, sei völlig indiskutabel, sagte Osteuropa-Korrespondentin Sabine Adler im Dlf . "Schon deshalb, weil Russland als Nachfolgemacht der Sowjetunion in der Verpflichtung der Schlussakte von Helsinki steht. Und Helsinki 1975 hat bestimmt: Jedes Land definiert seinen außenpolitischen Kurs selbst. Daran muss sich auch Russland halten. Über die NATO-Mitgliedschaft entscheidet nicht Russland, sondern allein die NATO."
In jedem Fall geht es für Russlands Präsident Putin darum, vom Westen als globale Ordnungsmacht ernst genommen und auf Augenhöhe mit US-Präsident Biden wahrgenommen zu werden. Dass Biden sich im Jahr 2021 zweimal zu Gesprächen mit Putin getroffen hat, sei daher schon ein erster wichtiger Erfolg aus russischer Sicht, sagte Gernot Erler (SPD), ehemaliger Koordinator der Bundesregierung für Russland, am 11.12.2021 im Deutschlandfunk.
Gernot Erler (SPD): Es geht Putin um die Anerkennung Russlands als globale Ordnunsmacht (11.12.2021)
Sollte Russland die Ukraine tatsächlich militärisch angreifen, könnte es seine Ziele noch wesentlich weiter stecken. Manche Experten meinen, Moskau könne die Abtretung von Gebieten verlangen – insbesondere eines Landstreifens entlang des Schwarzen Meeres, mit den Städten Mariupol und Odessa. Die Ukraine wäre damit vom Schwarzen Meer abgeschnitten. Russland hätte eine Landverbindung nach Transnistrien und könnte die Krim wieder aus dem Dnjepr mit Wasser versorgen; die Ukraine hat den dafür vorgesehenen Nord-Krim-Kanal nach der Annexion der Halbinsel nicht mehr mit Wasser beschickt.
Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin (AFP/ Sputnik/ Mikhail Metzel)
Welche Zugeständnisse der Kreml als ausreichend für eine Deeskalation ansieht, bleibt unklar beziehungsweise ist Verhandlungssache.
Ukrainisches Hoffen auf die NATO: Politikwissenschaftler Andreas Umland zum Konflikt mit Russland (6.12.2021)
Der Politikwissenschaftler Andreas Umland sagte am 6. Dezember 2021 im Dlf, Russland kalkuliere damit, dass seine Drohgebärde in der Ukraine wie im Westen so viel Nervosität auslöse, dass Kiew sich auf Konzessionen etwa in der Ostukraine einlassen und Russland die jetzt de facto okkupierten Gebiete überlassen werde. Dies wäre ein "neuer Sieg im postsowjetischen Raum", den die russische Regierung suche, um sein angeschlagenes Image in der eigenen Bevölkerung wieder aufzupolieren, so der Osteuropa-Experte.

Welche Konsequenzen hätte eine mögliche russische Militäroffensive in der Ukraine?

Die ukrainische Armee ist zwar weniger modern als die russische, aber längst nicht mehr im desolaten Zustand von 2014. Sie verfügt durch die Kämpfe im Donezbecken über Erfahrung und in einigen Teilen auch über modernes Kriegsgerät, beispielsweise türkische Drohnen und Panzerabwehrraketen aus den USA. Sie würde sich also verteidigen. Militärexperten gehen auch davon aus, dass der russischen Armee im Fall einer Besetzung ein Partisanenkrieg drohen dürfte.
Die NATO hat angekündigt, dass ein Überfall auf die Ukraine "ernsthafte Konsequenzen" haben werde. Wie diese im Einzelnen aussehen könnten, äußerte sich das Bündnis nicht. Als sicher gelten weitere Sanktionen, sehr wahrscheinlich würde es einen Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT und weitere Wirtschaftssanktionen geben. Über mögliche militärische Reaktion der NATO ist nichts bekannt, es wird jedoch mit weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine gerechnet.
Wirtschaftsgespräch mit Sandra Pfister: SWIFT und mögliche Sanktionen gegen Russland (18.1.2022)
Auch die Bundesregierung sollte gegebenenfalls Konsequenzen ziehen, forderte der CDU-Politiker Ruprecht Polenz mit Blick auf die fertiggestellte Gaspipeline aus Russland: "Nord Stream 2 gehört sicherlich im Weiteren in den Sanktionskasten für den Fall eines russischen Überfalls auf die Ukraine."

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Man müsse Russland sehr klar machen, welche Konsequenzen ein militärisches Vorgehen hätte, sagte auch Rüdiger von Fritsch, ehemaliger deutscher Botschafter in Russland, am 16. Dezember 2021 im Deutschlandfunk . Allerdings habe "die Einstellung einer Pipeline, die noch nicht mal zertifiziert ist, zunächst keine unmittelbare Wirkung."
Es gebe eine Reihe von aktiven Pipelines nach Europa, die man dazu in den Blick nehmen könne. Wichtig sei aber auch, im Gespräch zu bleiben. Bei solchen Gesprächen könnte die Türkei eine Rolle spielen. Sie ist der NATO-Staat, der sowohl zu Russland als auch zur Ukraine einigermaßen gute Beziehungen pflegt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich bereits als Vermittler ins Spiel gebracht.
Diplomat von Fritsch: „Mögliches Handeln muss vorher ein Preisschild haben“ (16.12.2021)
Die Bedingung für Nord Stream 2 sei schon immer die Sicherheit der Ukraine gewesen, sagte der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) am 19. Januar 2022 im Dlf. Es sei klar, dass ein Angriff Russlands auf die Ukraine ein Ende von Nord Stream 2 zur Folge hätte. Es sei aber die Frage, ob Russland ein Ende der Gaspipeline nicht vielleicht schon einkalkuliert habe.

Wie könnte eine diplomatische Lösung erreicht werden?

Am 5. Dezember 2021 hat eine Expertengruppe aus hochrangigen Diplomaten und Wissenschaftlern rund um Johannes Varwick, Professor für internationale Beziehungen, ein Positionspapier mit Vorschlägen für eine diplomatische Lösung veröffentlicht. Es müsse darum gehen, die Eskalationsspirale zu durchbrechen. Dabei sei interessengeleitetes und konsequentes Handeln erforderlich. Die Gruppe fordert dazu vier Schritte:
  1. Eine hochrangige Konferenz: Ohne Vorbedingungen müsse in unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen politischen Ebenen über die europäische Sicherheitsarchitektur geredet werden. Diese Gespräche sollten über mindestens zwei Jahre andauern.
  2. Verzicht auf Eskalation: Für die Dauer der Konferenz müsste auf beiden Seiten auf jede militärische Eskalation verzichtet werden. Keine Stationierung zusätzlicher Truppen, keine Errichtung neuer Infrastruktur und außerdem vollständige Transparenz über Militärmanöver.
  3. NATO-Russland-Dialog: Der Dialog zwischen Russland und dem westlichen Militärbündnis müsse auf politischer und militärischer Ebene ohne Konditionen wiederbelebt werden. Es brauche darüber hinaus einen Neuansatz für die europäische Rüstungskontrolle, denn zentrale Verträge (INF, KSE, Vertrag über den offenen Himmel) seien nicht mehr in Kraft.
  4. Ökonomische Kooperationsangebote: Der Rückgang der Bedeutung fossiler Energieträger bedeute für Russland wirtschaftliche Risiken, die wiederum politische Instabilitäten bringen könnten. Wirtschaftliche Zusammenarbeit könne daher einen Beitrag zu europäischer Stabilität leisten.
Russland-Experte Erler begrüßte im Dlf-Interview die "konkreten Vorschläge von besorgten Vertretern aus Diplomatie und Wissenschaft". Osteuropa-Historiker Wilfried Jilge befürwortet die Aufnahme von Gesprächen mit Russland im sogenannten Normandie-Format zwischen Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine. Dieses Format habe Russland ebenfalls etabliert.
(Quellen: Florian Kellermann, dpa, fmay, pto)