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StartseiteThemaWie abhängig ist Deutschland von russischem Erdgas?22.07.2021

Nord Stream 2Wie abhängig ist Deutschland von russischem Erdgas?

Deutschland und die USA haben ihren Streit um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 beigelegt. Innerhalb der EU ist das Projekt, das Russland offshore mit Deutschland verbindet, jedoch weiter umstritten. Welche politischen Interessen gibt es? Und wie wichtig ist Nord Stream 2 für Deutschland?

In Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern werden Röhren für die Gaspipeline Nord Stream 2 verlegt. Daneben steht ein Arbeiter. (AFP/Tobias SCHWARZ)
Das Milliarden-Projekt Nord Stream 2 ist kurz vor der Fertigstellung (AFP/Tobias SCHWARZ)
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Deutschland sichert sich durch die Erdgasleitung Nord Stream 2 einen direkten Weg zu russischem Gasvorkommen, mögliche Probleme mit Transitländern werden damit für beide Länder umgangen. Seit der Unterzeichnung der Verträge gibt es jedoch heftige Debatten, es geht dabei vor allem um ökologische, politische und wirtschaftliche Interessen. Den jahrelangen Konflikt um die Ostseepipeline zwischen den USA und Deutschland haben die beiden Länder Ende Juli beigelegt und eine Einigung vorgelegt, mit der unter anderem nun Sanktionen gegen Russland möglich sind.

Was ist das Projekt Nord Stream 2?

Nord Stream 2 ist das Nachfolgeprojekt der 2005 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder geplanten und seit 2011 bestehenden Pipeline Nord Stream, die Erdgas aus Russland direkt nach Deutschland liefern soll. Bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas sollen künftig pro Jahr durch die neue Pipeline geleitet werden - ohne Umweg über Transitländer und über eine Strecke von rund 1.230 Kilometern mit zwei parallelen Strängen auf dem Grund der Ostsee, vom russischen Ust-Luga bis zur Anlandestation in Lubmin bei Greifswald.

Das Projekt ist zu mehr als 90 Prozent fertiggestellt. Die ursprünglich für 2019 anvisierte Inbetriebnahme ist auf 2021 verschoben worden, weil seit Jahren ein politischer Streit um die Ostsee-Pipeline tobt. Die Arbeiten waren zudem unterbrochen worden, da Umweltschutzverbände mit dem Hinweis auf rastende Vögel im Schutzgebiet vor Gericht gezogen waren.

Hinter Nord Stream 2 steht der russische Staatskonzern Gazprom als alleiniger Eigentümer, der auch die Hälfte der geplanten Gesamtkosten von 9,5 Milliarden Euro übernimmt. Chef des Aktionärsausschusses von Nord Stream 2 ist Gerhard Schröder. Finanziert wird das Konsortium außerdem von großen Energiekonzernen, neben OMV aus Österreich, Royal Dutch Shell aus Großbritannien und der französischen Engie haben auch die deutschen Firmen Wintershall Dea und Uniper investiert. 

Der Bau einer zweiten Pipeline durch die Ostsee hat vor allem politische Gründe - auch weil andere Transportwege über Transitländer blockiert werden können. Claudia Kemfert, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält das Projekt Nord Stream 2 für nicht rentabel. Es gebe bereits ausreichend Pipeline-Kapazitäten, zusätzlich gebaute Flüssiggasterminals und Transportrouten, die für den in Zukunft abnehmenden Bedarf von fossilem Erdgas reichen würden, sagte Kemfert im Deutschlandfunk. 

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin, beim Willy-Brandt-Gespräch im Mai 2016. (imago / Jens Jeske) (imago / Jens Jeske)Energieexpertin: "Gas wird immer mehr zur politischen Waffe"
Die umstrittene Nord Stream 2-Pipeline ist aus energiewirtschaftlicher Sicht nicht notwendig - und unrentabel, sagte die Energieexpertin Claudia Kemfert im Dlf. Der Gasbedarf werde seit Jahrzehnten überschätzt. 

Das von Befürwortern in der Diskussion vorgebrachte Argument, die neue Röhre könne russisches Gas für Abnehmer aus der EU billiger machen, ist umstritten: Nach Einschätzung des Energieökonomen Marc Oliver Bettzüge droht künftig in Europa keine Angebotslücke beim Erdgas, auch nicht ohne den Bau einer neuen Pipeline.

Wie abhängig ist Deutschland vom russischen Erdgas?

Die Gasförderung innerhalb der EU ist stark rückläufig. Fossile, klimaschädliche Brennstoffe wie Erdgas gelten aufgrund der EU-Klimaziele als Energieträger mit Ablaufdatum. Deutschland selbst hat kaum Erdgasvorkommen - fünf Prozent des Verbrauchs könnte Deutschland selbst decken - Tendenz fallend. Während der Energiewende wird Deutschland noch für einige Zeit weiter auf russisches Erdgas angewiesen sein, als Brückentechnologie beim Ausbau der Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern. 

Diese Statistik zeigt den Umfang russischer Erdgaslieferungen nach Europa im Jahr 2019 aufgeschlüsselt nach Ländern. Im genannten Jahr lieferte Russland insgesamt 188 Milliarden Kubikmeter Erdgas per Pipelines nach Europa. Im genannten Jahr war Deutschland innerhalb der Europäischen Union mit insgesamt rund 55,6 Milliarden Kubikmetern importierten Erdgases via Pipelines der wichtigste Abnehmer für russisches Erdgas. (Statistia / BP) (Statistia / BP)

Laut dem "Statistic Review of World Energy" von BP hat Deutschland 2019 gut die Hälfte seiner Erdgasimporte aus Russland bezogen (51 Prozent). Die weiteren Hauptlieferanten für Erdgas sind Norwegen (27 Prozent) und die Niederlande (21 Prozent). Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland mit 55,6 Milliarden Kubikmetern der größte Importeur von Erdgas aus Russland. 

Welche politischen Interessen sind mit Nord Stream 2 verbunden?

Der Bau der Pipeline erhitzt die Gemüter weltweit. Aus einem Wirtschaftsprojekt ist ein politischer Konflikt entbrannt - zwischen den USA und Russland, aber auch zwischen mehreren EU-Ländern und Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die geplante zweite Ostsee-Pipeline bisher stets als rein wirtschaftliches Projekt betrachtet, losgelöst von geopolitischen Interessen. International ist diese Sichtweise schon länger umstritten - bei einigen EU-Partnern und auch schon vor dem Fall Nawalny und den daraus resultierenden neuen Spannungen im Verhältnis zu Russland.

Polen und die baltischen Länder befürchten, dass sich die Europäische Union mit der neuen Ostsee-Pipeline in eine größere wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland begibt. Betroffen sind sie auch als bisherige Transitländer für Erdgas, das auf dem Landweg aus Russland nach Europa gepumpt wird. Auch die Ukraine befürchtet einen Wegfall von Transiteinnahmen aus dem Erdgas-Export, nach Schätzungen rund zwei Milliarden Euro jährlich.

Dänemark hat vor allem klimapolitische und ökologische Bedenken geäußert - und sieht sich eingekeilt zwischen deutscher Handelspolitik und den geopolitischen Interessen der USA: Die US-Regierung tritt als scharfer Gegner der neuen Ostsee-Pipeline auf. Auch deshalb, wie immer wieder vermutet wird, um mit Sanktionen gegen das Nord-Stream-Projekt den Absatz des eigenen Flüssiggases auf dem europäischen Markt anzukurbeln. 

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen (Ida Guldbaek Arentsen / Ritzau Scanpix / AP / dpa) (Ida Guldbaek Arentsen / Ritzau Scanpix / AP / dpa)Dänemark in der Klemme
Dänemark hat dem Bau der neuen Erdgaspipeline Nord Stream 2 auf EU-Ebene zugestimmt, sieht sich nun aber eingekeilt zwischen deutschen und amerikanischen Interessen.

Welchen Einfluss haben die USA auf das europäische Projekt?

Einen großen. Die USA sorgten für einen fast einjährigen Baustopp - als Folge der von den USA gegen Russland verhängten Sanktionen, als Strafe für die Einmischung in die US-Wahlen und die Annexion der Krim. Firmen, die an der Fertigstellung von Nord Stream 2 mitwirken, wurden Strafmaßnahmen angedroht. Anfang 2021 nahm das russische Verlegeboot "Fortuna2" die Arbeiten wieder auf.

Einigung im Streit um Nord Stream 2

Den jahrelangen Konflikt um Nord Stream 2 legten Deutschland und die USA Ende Juli bei. In einer gemeinsamen Erklärung betonen Deutschland und die Vereinigten Staaten, sie unterstützten die Energiesicherheit der Ukraine und der Länder Mittel- und Osteuropas. Nach Angaben beider Seiten verpflichtet sich die Bundesregierung für den Fall, dass Russland seine Energie als politische Waffe einsetzt, nationale Maßnahmen zu ergreifen und auch auf EU-Ebene auf Sanktionen hinzuwirken. Deutschland verpflichtet sich in der Vereinbarung mit den USA zur Ernennung eines Sondergesandten. Dieser soll die Verlängerung des Gas-Transitabkommens zwischen Russland und der Ukraine um bestenfalls bis zu zehn Jahre aushandeln. Die Ukraine erhält für den Gastransit per Landleitung jährlich rund drei Milliarden Dollar aus Russland. Dieser Vertrag läuft 2024 aus.

Eine zusätzliche Säule der Vereinbarung ist der deutliche Ausbau der Energiepartnerschaft mit der Ukraine. Es soll ein Fonds eingerichtet werden, mit dem Berlin und Washington die Energiewende in der Ukraine herbeiführen wolle. Mit dem Ziel die Ukraine langfristig unabhängig von russischem Gas und Strom zu machen. Geplant ist, dass Deutschland 175 Millionen Dollar in diesen Fonds zahlt, der über die Beteiligung privater Investoren einen Umfang von einer Milliarde Dollar erreichen soll.

Weitere 70 Millionen Dollar sagte Deutschland für bilaterale Energieprojekte in der Ukraine zu, wie zum Beispiel für grüne Wasserstofftechnik. Berlin verspricht, sich in Brüssel dafür einzusetzen, dass über die kommenden sechs Jahre weitere Projekte im ukrainischen Energiesektor im Umfang von 1,77 Milliarden Dollar über den EU-Haushalt gefördert werden. Die Bundesregierung wird die Ukraine auch bei der Anbindung ihres Stromnetzes an das europäische Netz unterstützen und sich finanziell stärker an Projekten der sogenannten Drei-Meeres-Initiative beteiligen, bei denen es um Energiesicherheit in 12 mittel- und osteuropäischen Staaten geht.

Deutsch-amerikanische Beziehung

Die Vereinbarung ändert nichts daran, dass die US-Regierung die Ostsee-Pipeline weiterhin für falsch hält. US-Präsident Joe Biden lehnt Nord Stream 2 seit Jahren ab. Ein Sprecher des US-Außenministeriums betonte auch nach der Einigung: Die Pipeline sei schlecht für Europa, für die Ukraine und die europäische Energiesicherheit. Allerdings sei es nicht im Interesse der USA, die Beziehung zu einem so wichtigen Verbündeten wie Deutschland zu untergraben wegen einer Pipeline, die in jedem Fall weiter gebaut werde.

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen begrüßte die Bemühungen von Joe Biden, das deutsch-amerikanische Verhältnis zu verbessern. Trotzdem hält der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag die Ostsee-Pipeline weiterhin für falsch: "Sie ist eine politische Waffe in der Hand von Wladimir Putin", sagte Röttgen im Dlf. Die Pipeline werde fertiggestellt und die Ukraine sei damit völlig in der Hand Russlands. Deswegen sei es nun wichtig, wie in der Erklärung festgehalten, die Ukraine wirkungsvoll zu unterstützen.

Reaktionen aus Polen und der Ukraine

Die Außenminister der Ukraine und Polen veröffentlichten eine gemeinsame Stellungnahme, in der sie die Einigung zur Beilegung des Konflikts zwischen Deutschland und den USA verurteilen. Eine solche Entscheidung habe "zusätzliche politische, militärische und energetische Bedrohungen für die Ukraine und Mitteleuropa insgesamt geschaffen". Die Gefahr steige, dass Russland die Sicherheitslage in Europa weiter destabilisiere. 

"Die große Ernüchterung, die sich in diesen Ländern gerade einstellt, ist, dass die Amerikaner eingelenkt haben. Denn auf die hat man immer gesetzt", so der Baltikum-Experte Kai-Olaf Lang von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Dlf. Mit dem Bau der Ostsee-Pipline ändere sich in puncto Energieversorgungssicherheit für die baltischen und osteuropäischen Staaten nicht viel. Aber es gebe eben die Bedenken hinsichtlich Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Stabilisierung der Ukraine. Scharfe Kritik zu der Einigung übte im Dlf die Grüne EU-Parlamentarierin Viola von Cramon-Taubadel: Die Ukraine werde "den Russen zum Fraß vorgeworfen". Russland würde mit dem Projekt Nord Stream 2 versuchen, die Ukraine langfristig massiv unter Druck zu setzen und "politisch zu knebeln".

Wie stark hätte Russland ein Ende von Nord Stream 2 getroffen?

Die Einnahmen aus Rohstoffexporten machen den Löwenanteil des russischen Haushalts aus. Für Russland ist die Gas-Pipeline dennoch weniger aus wirtschaftlicher Sicht wichtig, denn der Export von Erdöl ist ein viel größerer Faktor in der russischen Exportwirtschaft. Ohne Nord Stream 2 wäre allerdings ein wichtiger Antrieb für die Erschließung der neuen Vorkommen in Russland entfallen: Die alternativen Transportrouten wären deutlich teurer. Die Kosten würden steigen, die Rentabilität sinken.

Ein Ende von Nord Stream 2 hätte nicht bedeutet, dass weniger Gas aus Russland exportiert worden wäre. Das Gas hätte dann aber weiter über den Landweg, also über Transitländer wie die Ukraine oder Polen, die in Moskau weniger gut gelitten sind, transportiert werden müssen. Die zweite Ostsee-Pipeline ist aus russischer Sicht vor allem ein politisches Prestigeprojekt, das eine direkte Verbindung nach Deutschland darstellt.

Welche klimapolitischen Aspekte gibt es?

Aus klimapolitischer Sicht hätte man die Pipeline nicht bauen dürfen. Mit jährlich 100 Millionen Tonnen CO2 stehe Nord Stream 2 im Widerspruch zu den Klimazielen, sagt die Deutsche Umwelthilfe und bezeichnet die Pipeline als "Relikt aus einer fossilen Vergangenheit". Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge sei die Erdgasförderung klimaschädlicher als angenommen.

Niklas Höhne, Leiter des New Climate Instituts in Köln, sagte im Dlf: "Wenn wir das 1,5 Grad Ziel einhalten wollen, dann bräuchten wir die Pipeline überhaupt nicht, und wenn sie fertig gebaut wird, dann müsste sie in einer Größenordnung fünf bis zehn Jahre abgeschaltet werden." Die Pipeline sei eine Investitionsruine. Flüssiggas-Terminals als Alternative seien ebenfalls kritisch zu sehen, weil das Gas aktuell vorwiegend aus den USA kommt. "Dort wird es durch Fracking generiert und pro Kilowattstunde Gas haben wir hier so hohe Emissionen wie von Kohle."

Ein Schild mit der Aufschrift "Info Point Nord Stream 2 Committed Reliable Safe" hängt im Gewerbegebiet Lubmin über einer aufgemalten Landkarte an der Baustelle für die Empfangsstation. (picture alliance/Stefan Sauer/dpa) (picture alliance/Stefan Sauer/dpa)Klimaforscher: "Nord Stream 2 in fünf bis zehn Jahren abschalten"
Nord Stream 2 hätte man aus klimapolitischer Sicht von vornherein nicht bauen dürfen, sagte der Klimaökonom Niklas Höhne im Dlf. Fossiles Erdgas müsse langfristig aus dem Energiemix verschwinden - und die Pipeline nach einigen Jahren wieder abgeschaltet werden.

(Quellen: Gesine Dornblüth, Thielko Griess, Theo Geers, Doris Simon, Marcus Pindur)

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