
Ein Krieg im Nahen Osten, und schon gerät weit mehr ins Wanken als nur die Region selbst. Tanker stauen sich vor der Straße von Hormus, Lieferwege stocken und auch in Deutschland steigen die Spritpreise. Über Sanktionen, blockierte Lieferungen und den Zugriff auf Reserven wird Öl zum geopolitischen Hebel - von Iran über Kuba bis Venezuela. Wer den Zugang zu Öl kontrolliert, kann Druck ausüben. Wer abhängig bleibt, zahlt den Preis.
Von Iran bis Kuba: Öl ist ein geopolitisches Druckmittel
Im aktuellen Krieg der USA und Israel gegen den Iran wird an der Straße von Hormus besonders deutlich, welche strategische Bedeutung Öl hat. Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports läuft über die Straße von Hormus. Weil Iran die Meerenge faktisch dichtmacht, geraten Lieferketten ins Stocken und die Preise steigen weltweit, auch bei uns in Deutschland.
Doch Öl wird nicht nur über Meerengen zum politischen Druckmittel. Das zeigt Kuba. US-Präsident Donald Trump hat Kuba den Zugang zu Erdöl weitgehend abgeschnitten. Nach der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro Anfang Januar 2026 bei einem US-Militäreinsatz kam es in Venezuela zu einem Umsturz. Damit verlor Kuba einen seiner wichtigsten Unterstützer und Öllieferanten. Die USA setzen auch andere Länder unter Druck, Kuba kein Öl mehr zu liefern. Die Bevölkerung leidet daher unter den Folgen der dadurch ausgelösten Energiekrise.
Donald Trump setzt Kuba vor allem deshalb unter Druck, weil er einen Regimewechsel erzwingen möchte, sagt der Politikwissenschaftler Peter Birle. Er will Kuba zu wirtschaftlichen und später womöglich auch politischen Öffnungsschritten drängen.
Die Kontrolle über das venezolanische Öl wiederum könnte den USA zudem ein geopolitisches Druckmittel gegen China verschaffen. Denn wenn mehr Öl auf den Markt kommt und die Preise sinken, wird der Umstieg auf Elektroautos und erneuerbare Energien weniger attraktiv. Das könnte vor allem China schaden, weil das Land stark auf genau diese Zukunftstechnologien setzt.
Wer abhängig ist, ist auch erpressbar
Je stärker ein Land auf Öl und Gas von außen angewiesen ist, desto verletzlicher wird es, wenn Lieferwege blockiert werden oder Energie politisch als Druckmittel eingesetzt wird. Gerade in Asien zeigt sich das aktuell deutlich. Laut einer Analyse der US-Denkfabrik Atlantic Council passierten vergangenes Jahr 46 Prozent der Öl-Transporte nach Asien dieses Nadelöhr. Damit ist die Region stärker auf Lieferungen durch die Meerenge angewiesen als jeder andere Teil der Welt. Allein in Pakistan kommen nach Angaben des Datenanbieters Kpler 85 Prozent der Öllieferungen aus dem Nahen Osten.
Einige Länder führen daher drastische Sparmaßnahmen ein. In Pakistan wurde bereits der Spritpreis stark angehoben und eine Vier-Tage-Woche für öffentliche Angestellte eingeführt. Universitäten sollen nur noch online unterrichten und Schulen sind derzeit geschlossen. Auch die Philippinen haben bereits eine Vier-Tage-Woche für viele staatliche Behörden eingeführt, um Energie zu sparen.
Andere Länder trifft die Krise weniger hart. China verfügt über hohe Reserven, importiert auch aus anderen Regionen und ist im Straßenverkehr weniger stark von Benzin abhängig als früher, weil es viele Elektroautos gibt. Auch Japan kann auf Reserven zurückgreifen.
Wie hart Ölpolitik ein Land treffen kann, sieht man aktuell an Kuba. Es deckt nur einen Teil seines Ölbedarfs selbst. Der Energie- und Kraftstoffmangel schränkt die Wasserversorgung und den Transport ein, erklärt der Politikwissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt. Die Müllabfuhr falle aus und anwachsende Müllberge könnten Seuchen begünstigen. Auch die Lebensmittelversorgung sei sehr schlecht.
Die Energiewende als Ausweg aus der Ölabhängigkeit
Wer Strom selbst vom Dach erzeugt, Speicher nutzt, mit Wärmepumpe heizt oder elektrisch fährt, macht sich unabhängiger von Öl und Gas und von Preisschocks. Die Energiewende ist daher nicht nur gut für den Klimaschutz, sondern auch für die eigene Sicherheit und den eigenen Geldbeutel.
Rund 60 Prozent des Stroms in Deutschland kommt bereits aus erneuerbaren Energien. Beim Heizen und Autofahren sind aber viele Menschen noch von Öl und Gas abhängig. Deshalb treffen Energiekrisen Deutschland dort weiterhin besonders stark.
Für eine stabile, günstige und saubere Energieversorgung müsste Deutschland daher noch stärker auf Sonne und Wind setzen. Die nötigen Technologien gibt es längst: Windkraft, Solarenergie, Batterien, Wärmepumpen und Elektroautos.
Durch den Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs ist in Deutschland die Nachfrage nach Alternativen zu fossilen Energien deutlich gestiegen. Das berichten Solarfirmen und Energieberater. Seit Beginn des Kriegs werden vor allem Wärmepumpen und Solaranlagen stärker nachgefragt.
Auch in anderen Ländern wird stärker auf erneuerbare Energien gesetzt. So will Pakistan etwa langfristig seinen Strom weitgehend selbst erzeugen und setzt dafür neben Kohle, Wasser- und Kernkraft vor allem stärker auf Solarenergie. Das Ziel ist auch hier die Unabhängigkeit. Die Solarenergie wächst zwar schnell, doch das Stromnetz und fehlende Speicher bremsen den Ausbau noch.
Ein weiteres Beispiel ist Japan, das ebenfalls auf die veränderte Weltlage seit dem Ukrainekrieg reagiert und die erwartete steigende Stromnachfrage mit einer neuen Energiepolitik, die Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz gleichzeitig sichern will. Das Land will erneuerbare Energien stark ausbauen, aber auch weiter auf Kernenergie, LNG und andere Technologien wie Wasserstoff, Speicher und Netzausbau setzen, um unabhängiger und krisenfester zu werden.
Öl hat als Waffe Tradition
Schon um 1900 zeigte Standard Oil, wie viel Macht im Ölmarkt steckt. Der Konzern kontrollierte zu der Zeit fast den gesamten Weltölmarkt und wurde daher auch 1911 in den USA zerschlagen.
In den 1970ern kontrollierte die Organisation of the Petroleum Exporting Countries (OPEC), ein Zusammenschluss erdölexportierender Länder, etwa drei Viertel des Welthandels mit Öl. Diese Dominanz hatte weitreichende Folgen.
Nach dem Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel am 6. Oktober 1973 setzten die arabischen Erdölstaaten (OAPEC) ihr Öl als politische Waffe ein. Weil die USA Israel mit Waffen unterstützt hatten, drosselten sie ihre Fördermenge teils um die Hälfte, erklärt der Wirtschaftshistoriker Rainer Carls. So entstand eine Verknappung, die den Westen hart traf. Der Ölpreis hatte sich binnen weniger Monate vervierfacht. Die Folgen waren unter anderem Inflation und steigende Arbeitslosigkeit.
In Deutschland gab es daraufhin autofreie Sonntage, die Menschen wurden zum Spritsparen gezwungen. Und der Westen merkte plötzlich, wie verwundbar er geworden war.
Auch die zweite Ölkrise 1979 hing mit dem Iran zusammen. Die hohen Weltmarktpreise trafen diesmal nicht nur den Westen, sondern auch den Osten. Während die DDR wegen höherer Ölpreise und knapperer Liefermengen stärker auf Braunkohle setzte, reagierte Westdeutschland mit Sparmaßnahmen, neuen Technologien sowie mehr Erdgas und Kernenergie. So verringerte sich zwar die Abhängigkeit vom Öl aus dem Nahen Osten, gleichzeitig entstand aber eine neue vom Gas aus Russland.
Wie riskant diese neue Abhängigkeit war, zeigt sich 2022. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Stopp der Gaslieferungen nach Deutschland stiegen Gas- und Ölpreise stark an. Energie wurde für viele Menschen und Unternehmen extrem teuer und die Sorge vor Inflation wuchs.
Die damalige Bundesregierung reagierte schnell und baute in kurzer Zeit LNG-Terminals. Trotzdem hatte die Krise schwere Folgen für Teile der Industrie, vor allem für Chemie und Stahl. Deutschland hängt heute insgesamt weniger vom Öl ab als früher, weil die Wirtschaft sich stärker in Richtung Dienstleistungen verändert hat. Dennoch spiel Öl immer noch eine Hauptrolle, sagt Gabriele Widmann, Volkswirtin bei der Dekabank. Rohöl ist weiterhin der wichtigste Energielieferant weltweit. Öl steckt in weit mehr, als viele denken. Es landet nicht nur im Tank, sondern auch in Plastik, Kunstfasern für Kleidung und zahllosen Alltagsprodukten.
Online-Text: Elena Matera



















