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StartseiteHintergrund„Die Freier wollen trotzdem Sex“20.03.2021

Prostitution in Coronazeiten„Die Freier wollen trotzdem Sex“

Die Prostitution in Deutschland ist coronabedingt verboten. Während die Branche eine Gleichbehandlung mit anderen körpernahen Dienstleistungen fordert, wollen einige Politiker ein Sexkaufverbot auch nach Corona. Dabei findet Prostitution weiterhin statt - unter schlechteren Bedingungen als zuvor.

Von Anja Nehls

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"Öffnet die Bordelle! Legal statt illegal - Wir können Hygiene" steht auf einem Banner an der Fassade eines geschlossenen Rotlicht-Etablissement im Bahnhofsviertel von Frankfurt (dpa / Boris Roessler)
Das älteste Gewerbe der Welt ist längst wieder angelaufen, trotz Corona (dpa / Boris Roessler)
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Die Türen im "Candy Shop" und im "Bordell Lankwitzer 7" im Berliner Süden sind geschlossen – seit nunmehr einem Jahr. Wegen des Corona Lockdowns musste Betreiber Aurel Marx seine beiden Läden dichtmachen. Und während Frisöre, Massage- und Kosmetikstudios nun unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen dürfen, bleiben Bordelle weiterhin geschlossen. Die Freier wollen aber trotzdem Sex, Corona hin oder her, sagt Betreiber Marx und zeigt auf sein Handy:

"Die kümmern sich absolut Null um Corona, wenn ich hier einfach mal die ersten Zeilen der Anfragen (lese): Hallo, ist Antonia da? Hallo Paris, hallo Mira, gibt es gerade freie Termine? Kannst du mich in Weißensee besuchen? Hallo, bist du privat? Hast du Zeit? Hello, do you have some girls free now? Is escort available? Hat Sarah heute noch Zeit? Das ist Türkisch, das kann ich nicht lesen. Hallo Lana, arbeitest du heute? 2035 unbeantwortete Nachrichten nur auf meinem Whatsapp-Portal."

Gutes Geschäft dank Corona

Die Nachfrage ist also da, durch Corona sogar mehr als vorher, sagt Luisa. Und weil die Nachfrage da ist, arbeitet sie einfach weiter. Corona hin oder her. Vor dem Lockdown war die Mittdreißigerin regelmäßig als Prostituierte im Bordell von Aurel Marx tätig, jetzt besucht sie Kunden in halb Europa. Zurzeit ist sie in der Schweiz:

"Ich habe Gott sei Dank meine Stammgäste. Also, ich habe mir im Laufe der Zeit da so eine Base aufgebaut und ich habe dann meine Stammgäste, zu denen ich fahre und die mich dann auch overnight buchen. Dann mache ich auch mein Geld."

Mehrere hundert Prostituierte und Bordellbetreiber fordern in Hamburg, dass sie ihr Gewerbe wieder aufnehmen dürfen. (picture-alliance / Markus Scholz) (picture-alliance / Markus Scholz)Debatte um Prostitutionsgesetz – Ein Ende der Sexarbeit?
Seit Monaten ruht aufgrund der Corona-Epidemie die organisierte Prostitution in Deutschland. Während viele Sexarbeiterinnen um ihre Existenz bangen, setzen sich einige Politiker und Kirchenvertreter für ein generelles Sexkauf-Verbot ein. 

Zum Teil habe Sie jetzt mehr zu tun als vorher, Corona sei Dank: "Und ich muss auch sagen, dieses Corona bringt Depressionen mit sich. Die Leute sind alleine und das ist vielleicht auch ein Plus, weil sie mich dann mehr buchen, als sie es vielleicht davor getan hätten."

Das Geschäft mit der käuflichen Liebe boomt, trotz des derzeit deutschlandweit geltenden Verbots, das während des gesamten vergangenen Jahres nie generell und überall aufgehoben wurde. Mit Recht, findet der SPD-Politiker Karl Lauterbach:

"Während die Coronapandemie stattfindet, ist Prostitution also schlicht und ergreifend lebensgefährlich und zwar sowohl für die Freier wie auch für die Prostituierten. Die können doch die Sicherheitsabstände und die Hygienevorkehrungen in keiner Weise kontrollieren."

Sexkaufverbot nach dem nordischen Modell

Und weil die Prostitution derzeit schon untersagt ist, wollen einige Politiker das Verbot am liebsten auch nach Corona aufrechterhalten. Der während der Coronakrise verhängte Shutdown für die Prostitution dürfe nicht gelockert werden, verlangten bereits im vergangenen Frühling 16 Parlamentarier in einem Brief an die Regierungschefs der Länder, darunter auch der ehemalige Gesundheits­minister Hermann Gröhe (CDU), Karl Lauterbach und die SPD-Gewerkschafterin Leni Breymaier. Sie plädierten für ein Sexkaufverbot und Ausstiegsprogramme für Prostituierte.

Ein Schild mit der Aufschrift "L'Amour und mehr - open" hängt an einer Hauswand (imago stock&people) (imago stock&people)Autorin: "Die Mehrheit der Frauen macht es nicht freiwillig"
Die meisten Prostituierten in Deutschland sind nach Einschätzung der Autorin Barbara Schmid mit falschen Versprechungen aus dem Ausland hergelockt worden oder auf "Lover Boys" reingefallen. Die Politik habe das realitätsferne Bild der selbstbestimmten Sexarbeiterin vor Augen, sagte sie im Dlf.

Ein Sexkaufverbot, nach dem so genannten nordischen Modell, bedeutet, dass die Freier bestraft werden, nicht die Prostituierten. Diese Regel wird inzwischen auch in Frankreich angewendet. Vorreiter war Schweden, wo der Kauf sexueller Dienstleistungen seit 1999 verboten ist. Man wollte die Prostitution abschaffen, ohne die Frauen zu kriminalisieren, erklärt Susanne Dodillet von der Universität Göteborg. Aber: Alle Einkünfte aus der Prostitution sind illegal und das habe Folgen:

"Es ist auch verboten, von gemeinsamen Einkünften oder von Einkünften einer Prostituierten zu profitieren, was bedeutet, dass Prostituierte eigentlich nicht mit anderen Leuten zusammmen leben können, weil sie dann vielleicht die Miete teilen würden oder gemeinsame Einkäufe tätigen würden. Und das ist in Schweden auch verboten. Und das gleich gilt auch für die Kinder von Prostituierten, zum Beispiel, wenn sie Geschenke annehmen oder sich das Studium finanzieren lassen von ihrer Mutter oder ihrem Vater, der in der Prostitution arbeitet. Und das Ziel dieser ganzen Gesetze ist es eigentlich, die Frauen nicht zu betrafen, aber trotzdem die Prostitution so weit zu erschweren, dass die Frauen aussteigen aus der Prostitution, weil man sich denkt, dass das keine Frau freiwillig machen kann."

Wirksamkeit eines Sexkaufverbots ist nicht bewiesen

Ob die Rechnung aufgegangen ist, oder nur dafür gesorgt hat, dass die käufliche Liebe nun im Verborgenen stattfindet, darüber gibt es gegensätzliche Studien. Die Prostitution habe sich um 50 Prozent reduziert, sagt die Schwedische Regierung. Susanne Dodillet widerspricht:

"Es ist nicht wahr, dass dieses Sexkaufverbot die Prostitution eingedämmt hat. Das stimmt nicht, das kann man nicht wissenschaftlich belegen und sagen, dass das der Fall ist. Es hat nicht mal die öffentliche Meinung großartig verändert, weil die war in Schweden schon von vorherein sehr prostitutionsskeptisch."

Die öffentliche Meinung sei diesbezüglich in Deutschland toleranter, sagt die Prostituierte Kristina Marlen. Aber zurzeit sei die Situation hier mit der in Schweden vergleichbar und die Folgen könne man durchaus vor der eigenen Haustür beobachten:

"Wir haben durch die Coronasituation ein Quasi-Sexkaufverbot im Moment bereits in Deutschland. Und es lässt sich ablesen, dass sofort all das passiert, was wir prophezeit haben. Die Prostitution hört natürlich nicht auf. Menschen arbeiten weiter. Und sie arbeiten unter viel, viel unsicheren Bedingungen."

Prostituierte durch Verbot noch gefährdeter

Denn auch bei geschlossenen Bordellen finde sich immer ein anderes Plätzchen, um käuflichen Sex anzubieten, sagt Aurel Marx. Corona habe die Situation diesbezüglich sogar noch erleichtert:

"Das findet alles irgendwo im Privaten, in irgendwelchen Wohnungen, Hinterzimmern, in irgendwelchen Hotels (statt), denen es eben wirtschaftlich auch nicht gut geht, die sich über jeden Euro freuen. Da findet es statt. Vermutlich in ganz vielen leerstehenden Airbnb-Wohnungen, die seit Monaten keine Einkünfte haben."

Prostituierte demonstrieren vor dem Kölner Dom gegen die Corona-Auflagen (Deutschlandradio / Moritz Küpper) (Deutschlandradio / Moritz Küpper)Prostituierten-Demo gegen Corona-Auflagen
Prostituierte demonstrierten in Köln gegen die Corona-Auflagen. Die Pandemie macht die Arbeit für viele unmöglich, denn deutschlandweit sind die Bordelle geschlossen. Die Branche hat das Gefühl, absichtlich vergessen zu werden.

Und genau das ist das Problem, sagen Bordellbetreiber und Prostituierte. Weil Sex nun nicht mehr im geschützten Rahmen eines Bordells stattfindet, seien die Frauen gefährdeter, nicht nur bezüglich einer Infektion mit Corona. Weil der Job zurzeit illegal ist, sei sie erpressbar und habe keine Möglichkeit, zum Beispiel die Polizei um Hilfe zu bitten, sagt Luisa

"Die Leute versuchen dich über den Tisch zu ziehen, weniger zu zahlen. Man verliert auf jeden Fall an Wert und ist auch vorsichtiger, man lässt sich viel mehr gefallen, weil man eben auch Angst hat, dass dann die Polizei eingeschaltet wird. Oder auch allgemein, wenn jetzt jemand irgendwelche Pädophilenspiele haben will und ich soll jetzt ein Baby spielen mit einem Schnuller im Mund, da würde ich im Normalfall die Polizei rufen und sagen, wir haben hier Gefahr im Verzug. Es gibt Kolleginnen, die mussten sich Kinderpornos ansehen. Man muss sich einfach viel mehr bieten lassen, und das wissen diese Leute auch. Auch was das Finanzielle betrifft, wenn der das Geld nicht zahlt oder es dir wieder wegnimmt, ja, was willst du sagen."

Mehr Wiedereinsteigerinnen in Coronazeiten

Darüber hinaus gebe es wegen der durch die Coronamaßnahmen verursachten wirtschaftlichen Not unter den Frauen mehr Wieder- und Seiteneinsteigerinnen als je zuvor, meint der parteilose Berliner Abgeordnete Marcel Luthe:

"Sie haben diejenigen, die vielleicht mal irgendwann mit dem Gedanken gespielt haben, sich zu prostituieren oder die vielleicht mal irgendwann in der Prostitution tätig waren, die längst anderen Tätigkeiten nachgehen, die jetzt kein Geld bekommen und die jetzt da auch über Weihnachten saßen und keine Novemberhilfe bekommen haben für ihre Selbstständigkeit in irgendeinem Bereich, Dezember sowieso nicht, die auch keinen Anspruch haben auf Hartz4 oder auf sonst irgendetwas. Und die stehen dann da und fragen sich, was sie machen sollen."

Gleichbehandlung mit anderen körpernahen Dienstleistungen gefordert

Also fordern Sexarbeiterinnen und Bordellbetreiber eine Gleichbehandlung mit anderen körpernahen Dienstleistungen. Das Ansteckungsrisiko in einem hygienisch einwandfrei geführten Bordell sei nicht höher als zum Beispiel bei Frisören, in Massage- oder Nagelstudios, meint Lena, die früher freiberuflich im Bordell von Marx gearbeitet hat. Es gebe schließlich Schutzmaßnahmen:

"Also Mundschutz, Datenerfassung der Kunden, küssen sowieso nicht, Doggystellung, Händedesinfektion machen wir sowieso alle. Und wir sind da sehr flexibel und auch sehr bereit, die Auflagen einzuhalten, und ich weiß, dass die Kunden das auch sind."

Sogar eine Nachverfolgung sei möglich, meint Aurel Marx, weil im Bordell oder Escortservice jeder Kunde Name und Adresse hinterlasse und in der Regel mit Kreditkarte bezahlt. Ein Schreiben des Robert Koch Instituts bestätige ihm zudem, dass bisher nie von einem Superspreader-Fall durch Menschen in der Sexarbeit berichtet worden wäre. Gefährlich sei Prostitution vor allem in der Illegalität:

"Und jetzt arbeiten die Frauen sozusagen ohne die nützliche Infrastruktur, ohne Schutz, ohne Hygiene, ohne alles." Ein Riesenschritt zurück, sagen die Prostituierten. Dabei gibt es eigentlich seit Jahren Bestrebungen ihre Situation zu verbessern.

Prostituiertenschutzgesetz seit 2017

Seit 2002 ist die Prostitution in Deutschland nicht mehr sittenwidrig und als Beruf anerkannt. Prostituierte haben die Möglichkeit, sich gesetzlich sozial zu versichern. 2017 trat das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, wonach sie sich bei ihren Kommunen registrieren und regelmäßig gesundheitlich beraten lassen müssen. Die Bordelle werden geprüft und müssen strenge Auflagen erfüllen. Aurel Marx hat deshalb als legaler Steuern zahlender Unternehmer Coronahilfen bekommen. Einige der registrierten Prostituierten haben als Selbstständige ebenfalls Unterstützung bekommen und arbeiten teilweise trotzdem weiter, weil das Geld sonst nicht reicht.

Emma Becker schaut, ihren Kopf auf die Hand gestützt, in die Kamera (AFP / Joel Saget ) (AFP / Joel Saget )Autorin Emma Becker über Prostitution
"La Maison" heißt der Roman von Emma Becker. Dieses "Haus" ist ein Bordell in Berlin, in dem die französische Schriftstellerin zwei Jahre arbeitete. Sie habe diese Erfahrung unbedingt machen wollen, denn Prostitution habe sie immer fasziniert.

Als Prostituierte registriert sind allerdings nur 33.000 Frauen in Deutschland. Der weitaus größere Teil – 200.000 bis 400.000, schätzen Hilfsorganisationen, ist nicht registriert und hat deshalb keinen Anspruch auf Hilfen. Das betrifft vor allem Frauen aus Südosteuropa, die sich auf der Straße prostituieren, weil sie keine andere Chance haben. Und weil trotz des derzeitigen Verbots die Zuhälter und Menschenhändlerbanden dafür sorgen, dass das Geschäft weiterläuft, so der parteilose Berliner Abgeordnete Marcel Luthe. Im Bereich der organisierten Kriminalität sei ein massiver Anstieg zu verzeichnen.

"Sie haben nach wie vor die Möglichkeit, selbstverständlich vor allem online, Prostituierte zu bestellen und wenn man sich die einschlägigen Seiten dazu anschaut, dann ist das eben im wesentlichen Bulgarien, Rumänien, die zu Dumpingpreisen und selbstverständlich nach wie vor ohne Kondom angeboten werden. Und das führt genau dazu, dass die Prostituierten keinerlei Schutz haben, weder einen finanziellen Anspruch durchsetzen können, noch vor Gewalt geschützt sind, noch davor geschützt sind, dass Kunden Dinge verlangen, die sie eigentlich gar nicht verlangen dürfen."

Frauentreff: "Die Not der Frauen ist unglaublich hoch"

Vor Corona waren diese Frauen in Berlin vor allem am Straßenstrich an der Kurfürstenstraße unterwegs. Hier kontrolliert die Polizei jetzt regelmäßig. Für die Frauen mache das das Überleben aber noch schwerer, sagt Lonneke Schmidt-Bink vom Frauentreff Olga in der Kurfürstenstraße:

"Die Not der Frauen ist einfach unglaublich hoch im Moment. Die leben von Tag zu Tag, die leben nur zur nächsten Mahlzeit, wenn sie drogenabhängig sind zur nächsten Anschaffung von den Suchtmitteln usw. Die gehen noch arbeiten, weil sie keine andere Wahl haben."

Und sie achten ganz bestimmt nicht auf Hygienekonzepte vermutet Carsten Spallek, der für Mitte und damit auch für die Kurfürstenstraße zuständige Stadtrat:

"Das mussten wir ja auch in der Vergangenheit schon beobachten, dass teilweise auch Prostituierte dazu genötigt werden, auch ungeschützten Geschlechtsverkehr zu vollziehen, und wenn wir dann darüber nachdenken, dass Freier, die sich im Bereich bewegen, wo wir über 10 oder 20 Euro reden und eine Klientel, die, ich sage mal grenzwertig ist, die werden sicherlich nicht darauf achten, dass Hygienekonzepte eingehalten werden."

Breymaier (SPD): Sexarbeit unter Corona menschenunwürdig

Und deshalb sei der größte Teil der Sexarbeit nicht nur unter Corona-Gesichtspunkten gefährlich, sondern auch menschenunwürdig und frauenfeindlich, sagt die SPD-Gewerkschafterin Leni Breymaier. Eine Legalisierung mache die Situation nicht besser. Sie fordert deshalb, das Gewerbe trotz des erst kürzlich in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetzes gleich ganz zu verbieten, weil die Frauen in diesem Geschäft generell die Verliererinnen seien:

"Es profitieren ganz, ganz viele, aber nicht die Frauen, die unter erbärmlichen menschenunwürdigen Bedingungen in den Bordellen, Terminwohnungen, auf dem Straßenstrich usw. dahinvegetieren."

Verein Sisters: "Arbeitsmaterial junge Frauen aus Südosteuropa"

90 Prozent aller Frauen würden unfreiwillig in der Prostitution arbeiten, meint Sabine Constabel vom Verein Sisters, der ausstiegswillige Prostituierte berät:

"Also, wir hören immer wieder von den Frauen, das ist keine Arbeit, was ich da mache. Ich mache das, weil ich keine Wahl habe, weil ich dringend Geld brauche, für die Familie im Heimatland, weil ich einen Freund haben, der in einer schwierigen Situation ist. Es ist ein Skandal, dass wir eine legalisierte Prostitutionsindustrie haben, deren Arbeitsmaterial junge Frauen aus Südosteuropa sind. Das ist einfach ein Skandal."

Dem widerspricht Stefanie Klee vom ‚Bundesverband sexuelle Dienstleitungen‘. Natürlich gebe es Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Die meisten Frauen würden sich aber für den Beruf entscheiden, wenn auch mitunter aus einer Not heraus

"Und das möchte ich behaupten, dass das auch eine Sexarbeiterin aus Bulgarien getan hat. Sie ist natürlich in erster Linie davon geleitet, dass in den osteuropäischen Ländern die Arbeitsbedingungen für sie vielleicht gleich Null sind, dass eine große Familie hinter ihr steht, die essen und trinken und ein Dach über dem Kopf braucht, also, wo es ums nackte Überleben geht und der man dann sagt, hier in Deutschland kannst du mit Prostitution so viel verdienen, dass du uns allen hilfst."

Prostituierte: Soziales Gefälle in Europa betrifft nicht nur Sexarbeiterinnen

Und das wiederum werde begünstigt durch das soziale Gefälle in Europa – und es betreffe bei weitem nicht nur Sexarbeiterinnen, sagt die Prostituierte Kristina Marlen:

"Wir haben das Problem, dass Menschen in Deutschland Arbeit machen, die keine deutsche Person machen würde. Und das ist so in der Landwirtschaft, das ist so auf dem Bau, das ist in der Gastronomie, das ist in der Fleischindustrie. Da gibt es Jobs, da möchte ich lieber gar nicht darüber nachdenken. Da kommen Menschen aus den osteuropäischen Ländern und woanders her, und das akzeptieren wir. Nur in der Sexarbeit ist das ein Drama. Weil es da sozusagen um weibliche Sexualität geht und darüber verhandelt wird, was Frauen dürfen und was sie nicht dürfen. Dieses Sexkaufverbot oder die Freierbestrafung löst keines dieser Probleme."

Während das Sexkaufverbot nach dem nordischen Modell in der CDU und SPD weiterhin diskutiert wird, haben sich Grüne und FDP inzwischen dagegen ausgesprochen. In Nordrhein-Westfalen brachten die Regierungsparteien CDU und FDP im September den Antrag "Nein! Zum Sexkaufverbot des Nordischen Modells" ins Parlament ein. SPD und Grüne unterstützten diesen Antrag. Das sollte ein Zeichen setzen. Denn: Über ein Sexkaufverbot hat der Bund zu entscheiden. Das Land NRW kann allenfalls darüber befinden, ob und wie lange ein aus dem Lockdown resultierendes Arbeitsverbot für Prostituierte gilt.

Neues Positionspapier auf Bundesebene

Auf Bundesebene hat die CDU/CSU Fraktion nun ein Positionspapier vorgelegt mit der Überschrift: "Prostituierte schützen – Zwangsprostitution bekämpfen – Ausstiegsangebote stärken". Darin geht es nicht mehr um ein generelles Sexkaufverbot, aber in über 40 Forderungen um stärkere Reglementierungen, und darum, den Gesetzesrahmen besser zu nutzen. Die Länder sollen von ihren Möglichkeiten, zum Beispiel Sperrbezirke auszuweisen, stärker als bisher Gebrauch machen und das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 sollte früher als geplant evaluiert werden. Außerdem will die CDU/CSU den Schutz besonders einiger Gruppen deutlich stärken, indem sie die Prostitution für unter 21jährige und Schwangere verbieten und gleichzeitig Ausstiegsangebote machen will, sagt die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion Nadine Schön:

"Wir haben tatsächlich das Phänomen, dass wir sehr junge Frauen haben, die teilweise ohne jegliche Sprachkenntnisse, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, in unser Land gelockt werden und da natürlich auch ein leichtes Spiel sind für Zuhälter und für Ausbeuter. Und mit der Altersgrenze 21 setzen wir da auch nochmal ein deutliches Zeichen, dass wir eine gewisse Reife und eine gewisse Selbständigkeit auch einfordern, um in diesem doch sehr schwierigen Beruf tätig sein zu können."

Aktivistin Felicitas Schirow: Eine moralische Diskussion

Das widerspricht jedoch der Forderung der Sexarbeiterinnen nach einer Gleichstellung mit anderen Berufen, entsetzt sich Stefanie Klee vom ‚Bundesverband sexuelle Dienstleistungen‘.

"Denn ich werde mit 18 volljährig. Mit 18 bin ich voll geschäftsfähig. Das heißt, natürlich kann ich ein Auto kaufen, natürlich kann ich eine Arbeitsstelle annehmen, einen Lehrvertrag abschließen. Ich kann mich sogar bei der Bundeswehr verdingen und werde gegebenenfalls in ein Krisengebiet geschickt. Warum soll ich denn dann nicht, wenn ich alles andere darf, mich nicht auch entscheiden zur Prostitution?"

Das Ganze sei immer noch eher eine moralische Diskussion, sagt Felicitas Schirow. Sie hatte vor 20 Jahren, damals noch unter dem Namen Felicitas Weigmann, dafür gekämpft, dass die Prostitution nicht mehr als sittenwidrig eingestuft wird – und war erfolgreich. Solange aber die Prostitution auch von der Gesetzgebung anders behandelt werde als andere Berufe, würden auch die Sexarbeiterinnen stigmatisiert. Und solange werden sich auch nur die wenigsten Frauen anmelden, obwohl es das eigentlich in guter Absicht verabschiedete Prostituiertenschutzgesetz verlangt:

"Man ist erfasst in einer Kartei, und lass mal jemanden von der Familie, der das nicht wissen darf, da mal stöbern. Oder die Handtasche wird geklaut und dann wird vielleicht dieser Hurenschein im Internet veröffentlicht. Die Leute, die das vielleicht nur nebenbei machen, die noch Pläne haben, die studieren oder so, für die kann eine Welt zusammenbrechen."

Schirow: "Eins zu Eins Tausch" mit dem Automechaniker

Sexarbeit findet also statt, zum großen Teil, im Wortsinne, im Dunkeln. Das war vor Corona so und ist während Corona noch schlimmer geworden und wäre mit einem nordischen Modell ganz genauso, meint Felicitas Schirow. Sie lacht und findet, wie so viele Prostituierte und deren Freier, Auswege. Glücklicherweise ginge es in allen Verbotsdiskussionen immer nur um bezahlten Sex, nicht um Spaß oder kleine gegenseitige Gefälligkeiten, wie zum Beispiel beim Automechaniker in der Werkstatt:

"Mein Auto war kaputt, der hat mir also da den Ölwechsel gemacht, was alles nötig war, ja, und dann sind wir auf gut Deutsch übereinander hergefallen. Da wurde gar nicht mehr darüber gesprochen, ob ich jetzt bezahle oder ob er bezahlt. Also das war sozusagen ein Eins zu Eins Tausch."

Und so werden alle Bemühungen, das älteste Gewerbe der Welt irgendwie zu unterbinden, am Ende scheitern, meint Luisa. Und solange der Sex einvernehmlich stattfindet, hätten schließlich alle etwas davon:

"Ich denke man kann das nicht verbieten, wird niemals möglich sein. Das ist wie bei Drogen. Drogen und Prostitution wird es immer geben. Das ist nun mal der beste Weg, um in kurzer Zeit an viel Geld zu kommen."

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