Dienstag, 31. Januar 2023

Fünf Jahre in Dresden
Putins Zeit als KGB-Offizier in der DDR

Zivilgesellschaft und NGOs sind Wladimir Putin ein Dorn im Auge. Eine frühe Lehre aus Putins Dienstjahren als KGB-Mann in Dresden? Wissenschaftler sagen, die friedliche Revolution und der DDR-Untergang seien für Putin prägend gewesen.

Von Alexander Moritz | 20.12.2022

Stasi-Verbindungsmann Hardi Anders (M.) mit Putin und dessen Chef Lasar Matwejew (v.r.)
Wladimir Putin (h.r.) stieg bei seiner ersten Auslandsmission vom Major zum Oberstleutnant auf. Hier mit Stasi-Verbindungsmann Hardi Anders (M.) und seinem Chef Lasar Matwejew (v.r.) (Bundesarchiv (MfS, BV Dresden, Abt OT))
Heute wirkt alles friedlich in der Angelikastraße 4 in Dresden. Bäume stehen um die gelb gestrichene, zweistöckige Villa. „Rudolf-Steiner-Haus“ steht in einem Schaukasten an der Straße. Auf den Klingelschildern: Die „Anthroposophische Gesellschaft“, eine Naturheilpraxis und eine Psychologin.

Bis 1990 war die Angelikastraße 4 die Dresdner Außenstelle der I. Hauptabteilung des sowjetischen Komitees für Staatssicherheit – kurz KGB. Im Rückblick prominentester Mitarbeiter: Wladimir Putin. Von 1985 bis 1989 war Putin als KGB-Offizier in Dresden stationiert. Offizielle Aufgabe: die Zusammenarbeit mit der DDR-Staatssicherheit.
"Da hat dann doch eine ganze Menge überlebt, wo man also sehen kann, was zwischen Stasi und KGB verhandelt wurde. Und dann kommt man also doch nach einiger Zeit zu ganz bemerkenswerten Erkenntnissen."
Foto des ehemaligen KGB-Sitz in der Angelikastraße 4 Dresden heute
Wladimir Putin war im ehemaligen KGB-Sitz in Dresden stationiert (Deutschlandradio / Alexander Moritz)
Der Historiker Hubertus Knabe hat die Akten der Stasi auf Hinweise zur Tätigkeit Putins durchsucht. Bis 2018 war Knabe Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen auf dem Gelände des früheren Stasi-Untersuchungsgefängnisses. "Seit dem Ukraine-Krieg hat mich das doch zunehmend interessiert, weil das Agieren in diesem Konflikt mich sehr an Verhaltensweisen von Stasi-Mitarbeitern oder Geheimdienstlern erinnert hat. Also dieses Täuschen - ob etwas wahr ist oder falsch, das ist eine rein taktische Frage."

Historiker: "Putin war keine große Nummer beim KGB"

Rund 500 Seiten Akten zu Wladimir Putin gibt das Stasi-Unterlagenarchiv auf Anfrage des Deutschlandfunks heraus. Einige hat Putin unterzeichnet, andere betreffen die KGB-Vertretung allgemein. Die beschäftigte sich laut Stasi-Akten vor allem mit dem Schutz von Einrichtungen der sowjetischen Streitkräfte, der Spionageabwehr, aber auch der Anwerbung von Informanten für das KGB. Putin wurde während seiner Dresdner Zeit vom Major zum Oberstleutnant befördert. Zuletzt war er 1989 stellvertretender Leiter der Residentur. Erhalten ist auch sein in schwarzes Kunstleder eingebundener Hausausweis für die Stasi-Bezirksverwaltung Dresden. Wie alle KGB-Offiziere in Deutschland hatte Putin so jederzeit Zutritt zu den Gebäuden des DDR-Geheimdiensts.
Das Bild zeigt den Stasi-Hausausweis mit dem Foto von Wladimir Putin
Mit diesem Ausweis hatte Putin Zutritt zu den Gebäuden des DDR-Geheimdienstes (Bundesarchiv (MfS, BV Dresden, Abt OT))

"Also das Besondere an der Tätigkeit Wladimir Putins beim KGB in Dresden ist eigentlich, dass er nichts Besonderes getan hat, sondern es ist eben doch eher banal gewesen, das mühsame Geschäft, West-Agenten anzuwerben. Das ist ja wirklich schwierig gewesen und auch nicht gerade eine Freude. Das heißt zum Beispiel, dass sämtliche Einreisen aus bestimmten Orten, wo die Bundeswehr war, in den Bezirk Dresden, die wurden dann abgefragt vom KGB: Wer besucht den Bezirk Dresden und kommt aus dieser Stadt, wo es eben eine Bundeswehrkaserne gibt? Oder wer schreibt Briefe aus dieser Stadt? Und man hat 300 Namen von Briefkontakten und dann kann man mühsam versuchen, da irgendwie einen Kontakt zu finden. Also, das ist alles irgendwie nicht so, wie man sich das vielleicht vorstellt bei James Bond oder wo auch immer", so Knabe.

"Er war ein typischer KGB-Offizier in einem ostdeutschen Bezirk", bestätigt Douglas Selvage von der HU Berlin. Der Historiker forscht seit Jahrzehnten in den Stasi-Akten. Im Frühjahr hat er ein Buch veröffentlicht über die Zusammenarbeit zwischen KGB und der DDR-Staatssicherheit. "Er war nicht eine große Nummer. Er war einfach einer von sieben Mitarbeitern von der ersten Hauptverwaltung des KGB, von der Aufklärung, die in diesem Büro praktisch gearbeitet hat."
Eine solche sogenannte Residentur unterhielt das KGB in jedem DDR-Bezirk. Die Dresdner KGB-Niederlassung war eher klein. "Also diese Residenturen hatten im Grunde eine Doppelfunktion: Einerseits waren sie eben für den Kontakt zum MfS, zur Staatssicherheit, zuständig. Gleichzeitig waren aber die dort Entsandten – namentlich Herr Putin - Mitarbeiter der Auslandsspionage des KGB und waren also dort dann damit beschäftigt, nach Möglichkeit Personen zu finden, die als Spione tätig werden könnten für das KGB", sagt Knabe. 

KGB und Stasi pflegten ein ambivalentes Verhältnis

Das Verhältnis von KGB und Stasi war ambivalent: Das KGB hatte die Stasi in den 50er-Jahren aufgebaut. Offiziell waren beide Dienste befreundet. Ein Vertrag regelte die Zusammenarbeit. Auf dem Papier waren die Dienste der "sozialistischen Brudervölker" gleichberechtigt. Doch so war es in der Realität nie, sagt Douglas Selvage. "Sie waren nie gleiche Brüder und das MfS war ein Helfershelfer des KGB. Man sieht das auch im Zentrum der Macht. Zum Beispiel, wenn es um die Aufklärung geht. Ungefähr 90 Prozent der Aufklärungsinformationen der HV A, auch die wichtigen Telegramme, das heißt Eingangsinformationen von die Residenturen im Westen, wurden einfach an den KGB weitergeleitet. Das heißt, die HV A war praktisch ein Geheimdienst für den KGB."

Doch das KGB spionierte nicht nur in Richtung Westen, sondern hatte auch innerhalb der DDR eigene Informanten - die sogenannten "Residenten". Einige Informanten übernahmen die KGB-Offiziere offiziell von der Stasi. Andere warben sie auf eigene Initiative an - teilweise ohne Wissen des DDR-Geheimdienstes. "Die Stasi hat nicht alles gewusst. Der KGB hat ihnen nicht alle Personen mitgeteilt, die sie rekrutiert haben. In den meisten Fällen die Stasi hat erst davon erfahren, als der KGB um irgendwelchen Falschausweise gebeten hat oder wenn es irgendwelche operative Pannen gegeben hat", so Selvage. 
Putin mit Stasi-Chef Erich Mielke (M.) und SED-Chef Hans Modrow (r.)
Die Stasi lud KGB-Offiziere (Putin in der Mitte der hintere Reihe) regelmäßig zu feierlichen Veranstaltungen ein. Hier mit Stasi-Chef Erich Mielke (M.) und SED-Chef Hans Modrow (r.) (Bundesarchiv (MfS, BV Dresden, Abt OT))
Pannen gab es auch im Bezirk Dresden immer wieder. Aktenkundig ist etwa ein Vorfall aus dem Juni 1978. Der Sohn* einer überwachten Person entdeckte in einer von der Stasi überwachten Wohnung eine Wanze. Dilettantisch unter dem Sofa platziert hatte sie offenbar ein KGB-Agent, ohne Wissen der Stasi. "Da merkt man auch, dass das nicht besonders professionell war, was die da in Dresden gemacht haben. Also das war nicht KGB Moskau, sondern das war wirklich tiefste Provinz. Also die Stasi war entsetzt. Das darf nicht passieren, weil da fliegt die ganze Konspiration auf, und die haben auch dann eine Untersuchung angefordert, und der oberste KGB-Chef von Ostdeutschland wurde dann auch unterrichtet, dass das eben so schief gegangen ist", sagt Knabe. 

Für welche Informanten Putin in Dresden zuständig war, lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren. Zwar gibt es Akten zu Personen, die von der Stasi an das KGB übergeben wurden. Sie sind aber keinem konkreten Führungsoffizier zugeordnet, sondern allesamt den sogenannten "Freunden" – die Stasi-interne Bezeichnung für das KGB. Zwar führte die Stasi-Bezirksverwaltung Namenslisten mit allen Personen, die sie an das KGB vermittelt hatte. Vermutlich mehrere tausend Personen. Von diesem sogenannten Sicherungsvorgang sind jedoch nur noch wenige Seiten erhalten. Mutmaßlich wurde das Dokument im Herbst 1989 gezielt zerstört. Das KGB hatte offenkundig Interesse, einige ihrer Quellen vor der Enttarnung zu schützen – und weiter zu nutzen.
Gardepanzerarmee
Alltag für einen aufstrebenden Geheimdienstler: Putin (2.v.l.) im Museum der sowjetischen 1. Gardepanzerarmee (Bundesarchiv (MfS, BV Dresden, Abt OT))
Belegbar ist anhand der Akten, dass Putin mit der Führung von Informanten betraut war. Als einem KGB-Informanten das Telefon abgeschaltet wird, schreibt Putin an den Leiter der Dresdner Stasi. Zitat: "Jedoch gibt es trotzdem Probleme bei der Klärung dieses Problems. Wir bitten Sie, wirksame Unterstützung zu leisten." Doch Historiker Knabe bezweifelt, dass der Erkenntnisgewinn durch diese Quellen besonders groß war. "Das ist sehr dünn. Aber alles, was ich bisher gelesen habe, deutet darauf hin, dass die Qualität dieser Agenten der KGB-Vertretung in Dresden äußerst miserabel war."
In den Stasi-Archiven finden sich auch einige Dutzend Fotos, auf denen Putin zu sehen ist. Einblicke in den Alltag eines aufstrebenden Geheimdienstoffiziers. Der Mitte-30-jährige Putin war regelmäßig Gast bei offiziellen Empfängen der Stasi, wie der Vereidigung neuer Soldaten der Stasi-Wacheinheit des Bezirks. Fotos zeigen ihn – stets in Anzug und Krawatte - bei gemeinsamen Ausflügen mit Stasi-Offizieren, im Museum der sowjetischen 1. Gardepanzerarmee, bei einem Schach-Turnier. Zum 35. Geburtstag schenkte ihm der Leiter der Bezirksverwaltung Dresden einen Bierkrug nebst Blumen.
Fotografie des Geburtstagsbriefes an "Genosse Putin" zum 35. Geburtstag
Geburtstagsbrief an "Genosse Putin" zum 35. Geburtstag (Bundesarchiv (MfS, BV Dresden, Abt OT))
Putin war engagiert in der deutsch-sowjetischen Freundschaftsgesellschaft, knüpfte so Kontakte zu Stasi-Mitarbeitern – was durchaus erwünscht war. Ost-Berlin im Februar 1988: ein Festsaal der Staatssicherheit. Auf offener Bühne zelebrierten KGB und Stasi ihre unverbrüchliche Waffenfreundschaft. 

"Werden aus Anlass des 38. Jahrestages der Bildung des Ministeriums für Staatssicherheit folgende Angehörige und Kollektive sowie sowjetische Tschekisten auf der Grundlage der Befehle des Ministers für Staatssicherheit ausgezeichnet und befördert. Mit der Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Bronze: Major Putin, Wladimir Wladimirowitsch."

Dresden war die erste Auslandsmission für Putin

Putin ist einer unter vielen. Sein Name fällt bei der eineinhalbstündigen Veranstaltung erst spät. Dresden war die erste Auslandsmission für den Anfang 30-Jährigen. Eine Bewährungsprobe. Hubertus Knabe: "Herr Putin war offenbar besonders ehrgeizig, denn er wurde dann auch Parteisekretär. Das wird man freiwillig und wird nicht bezahlt. Das sind also, wie man früher sagte, die 150-Prozentigen."

Putins Auslandseinsatz in der DDR aber findet ein jähes Ende: Im Herbst 1989 bricht sich in Dresden die Friedliche Revolution Bahn. Am 5. Dezember besetzen Demonstranten die Stasi-Zentrale. Gegen Mitternacht drängen einige auch zur nahen Dienststelle des KGB.
Um eine Erstürmung zu verhindern, soll Putin zu den aufgebrachten Demonstranten gesprochen haben. Der Augenzeuge Siegfried Dannath-Grabs erinnert sich in einer Dokumentation des Mitteldeutschen Rundfunks: "Putin kam auf die Gruppe zu, bis zum Tor, und sprach in einem fließenden Deutsch, aber mit festen und bestimmten Worten, aber unmissverständlich: 'Das Gelände ist sehr gut bewacht von meinen Genossen. Sie haben Schusswaffen. Wenn Unbefugte in dieses Gelände eindringen, dann habe ich Schießbefehl erteilt."

Ob Putin tatsächlich einen Schießbefehl angedroht hat, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. "Die Version, die am häufigsten erzählt wird, ist, dass er damit gedroht hätte. Aber das muss man noch einmal wirklich sehr genau überprüfen, ob das wirklich so stimmt", meint Hubertus Knabe. Die KGB-Vertretung wurde von den Demonstranten letztlich nicht besetzt. Doch Putin und die anderen Mitarbeiter sind gezwungen, Akten zu vernichten. Mühsam gesammelte Informationen gehen in Flammen auf. "Dieses Aktenanlegen ist ein mühsames Geschäft. Da sitzen Sie an der Schreibmaschine und tippen da diese ganzen Berichte. Da steckt unheimlich viel Arbeit drin. Und dann schmeißen Sie das alles einfach ins Feuer, weil sie Angst haben müssten, dass das in falsche Hände gerät. Also, das ist keine Freude, das vergisst man nicht so schnell."

Historiker: Untergang der DDR hat Putin geprägt

Den Untergang der DDR selbst mitzuerleben, habe Putin dauerhaft geprägt, glaubt Knabe: "Die treffen sich da ständig mit der Stasi zu großen Feierlichkeiten, Ball der Waffenbrüderschaft, versichern sich, wie siegreich der Sozialismus ist und dann fangen die da an zu demonstrieren, und die politische Führung taucht ab. Das für sich schon mal ist ein Riesenschock. Da brach eine Welt zusammen, und das galt eben auch für den KGB."
"Der KGB hat gewusst: Die DDR ist unser Vorposten im Westen und das ist Teil unseres äußeren Imperiums. Es darf nicht einfach von uns losgesagt werden. Und deswegen haben sie sich geärgert wegen Gorbatschow. Es gab diese imperiale Mentalität", kommentiert Douglas Selvage.
Einige der ehemaligen KGB-Agenten, mit denen Putin gemeinsam in Dresden stationiert war, sind heute in einflussreichen Positionen: Nikolai Tokarew, Chef des Öl-Pipelinebetreibers Transneft, ebenso wie Sergej Tschemesow, Geschäftsführer des staatlichen Rüstungs-Unternehmens Rostec. "Das hängt nach meiner Auffassung mit der besonderen Gemeinschaft zusammen, die es innerhalb einer solchen Geheimorganisation gibt. Diese Verschwörungsgemeinschaft, wo Loyalität das oberste Gebot ist. Wer illoyal ist, ist ein Verräter, wird erschossen. Das ist sozusagen in der DNA. Auch aus seiner Leningrader Zeit. Der Chef des Sicherheitsrates Patruschew zum Beispiel, der kommt auch vom KGB in Leningrad. Deswegen kann man schon sagen, dass letztlich als Jelzin abtrat, der KGB dank Putin die Macht übernommen hat", sagt Knabe.
Überreichung der Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Gold, 21.11.87 in Dresden beim Ball der Waffenbrüderschaft anlässlich des 70. Jahrestags der Oktoberrevolution.
Überreichung der Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Gold, rechts neben Putin sein Kollege Sergei Tschemesow, heute Geschäftsführer des staatlichen Rüstungsunternehmens Rostec (Bundesarchiv (MfS, BV Dresden, Abt OT))
Daran haben sich viele in der deutschen Politik lange nicht gestört. Das gilt auch für die Dresdner Landespolitik. "Ich freue mich, Wladimir Putin zu begrüßen. Herzlich Willkommen in der Semperoper." 2009 verleiht Sachsens damaliger Ministerpräsident Stanislav Tillich Putin den St. Georgs-Orden in einem pompösen Festakt in der sächsischen Hauptstadt. "Es muss offen gesagt sein, dass ich nach Dresden mit einem besonderen Gefühl gekommen bin. Unumstritten ist das eines der Zentren der europäischen Kultur. Eine Stadt reich an Geschichte und eigenem Charme", sagte Putin damals. 

Historiker: KGB-Netzwerke haben Ende der DDR überdauert

Zu diesem Zeitpunkt hatte Russland bereits das Nachbarland Georgien angegriffen und teilweise besetzt. Kritik an der Auszeichnung Putins gab es dennoch kaum. Ebenso wenig 2006, als Putin Dresden in seinem Amt als russischer Ministerpräsident besucht. Wenige Tage zuvor war in Moskau die regierungskritische Journalistin Anna Politkowskaja ermordet worden. Putin besichtigt die Frauenkirche, bummelt durch die Dresdner Altstadt und den Zwinger. Lokale Medien berichten über Putins KGB-Zeit gerne, er habe Radeberger Bier gemocht, soll regelmäßig mit Stasi-Offizieren Fußball gespielt haben und zum Angeln ins nahegelegene Moritzburg gefahren sein.

„Wir haben uns in diesem Menschen getäuscht. Er hat sich völlig anders entwickelt", so Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer am 1. März 2022, bei seiner ersten Pressekonferenz nach dem russischen Angriff.

"Wer heute sagt, er hätte sich in Putin getäuscht, der wollte es nicht wissen. Und das ist genau der Punkt in Deutschland, dass viele Politiker hier dieses Bündnis mit diesem KGB-Mann sehenden Auges gesucht haben. Aber wer sich damit näher beschäftigt hat, der wusste seit Jahrzehnten möchte ich sagen, dass es sich hier um einen skrupellosen Machtpolitiker handelt. Und deswegen erscheint mir dieses Erstaunen jetzt bei vielen doch ziemlich gekünstelt und unglaubwürdig", so Hubertus Knabe.
Bundeskanzlerin Merkel empfängt Russlands Präsident Wladimir Putin in Dresden.
Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing 2006 Russlands Präsident Wladimir Putin in Dresden (AP)
Historiker Douglas Selvage sieht ebenfalls eine bemerkenswerte Kontinuität zwischen Putins KGB-Zeit und seinem Handeln als russischer Präsident. "Seine Politik in Russland kann auch zum Teil durch seine Erfahrung als KGB-Offizier erklärt werden. Viele der Sachen, die seine Diktatur da macht, ist wirklich wie ein tschekistischer Staat ohne die kommunistische Ideologie."

Selvage geht davon aus, dass viele Informanten-Netzwerke des KGB das Ende der DDR überdauert haben. "Das wurde nie aufgearbeitet. Was hat der KGB eigentlich in Deutschland gemacht? Nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik", sagt Selvage. Das Stasi-Unrecht werde intensiv aufgearbeitet, der russische Geheimdienst sei jedoch ausgeblendet worden. "Es ist interessant wie in Deutschland, man immer wieder diese Geschichten liest über die CIA und NSA, was sie alles hier machen. Und natürlich nicht alles, was sie hier machen, ist schön. Aber es gibt andere Geheimdienste in Deutschland, es gibt den KGB oder FSB in Deutschland, es gibt auch die Chinesen. Es gibt andere. Was machen die denn? Und wenn man das besser verstehen würde, wie der KGB in der DDR und in der Bundesrepublik damals agiert hat, würde man besser verstehen, wie der FSB und die sowjetischen Geheimdienste heute agieren."

Anfang 1990 wird Putin vom KGB zurück nach Leningrad beordert. Hals über Kopf verlässt er Dresden. "Glorreich eingezogen in die DDR und schmählich davongejagt. Das alles sind natürlich Dinge, die sich schon einprägen. Und das ist auch meine Überzeugung, dass er deshalb vor diesen, "zivilgesellschaftlichen Bewegungen" nennt man das heutzutage, also Bürger, die sich zusammenschließen und den Behörden auf die Finger schauen, dass er denen extrem misstrauisch gegenübersteht. Und auch in den letzten, ich möchte fast sagen, 20 Jahren doch eine Politik der systematischen Austrocknung dieser NGOs praktiziert hat", sagt Hubertus Knabe.
*An dieser Stelle haben wir nachträglich eine Formulierung präzisiert.