Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Mittwoch, 15.07.2020
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteEssay und DiskursSaisonschluss (1/3)08.12.2019

Rückblick und AusblickSaisonschluss (1/3)

Klima, Kommentare und kleinere Katastrophen: Die Sommer sind heiß, die Gletscher schmelzen schneller als gedacht, eine weltweite Jugendbewegung treibt die Politiker vor sich her. In seinem dreiteiligen essayistischen Jahresrückblick stellt Mathias Greffrath fest, dass alles ungut mit allem zusammenhängt.

Von Mathias Greffrath

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die "Malizia II" mit Greta Thunberg an Bord passiert die Freiheitsstatue im Hafen von New York (Craig Ruttle/AP/dpa)
Der Aufbruch der Jungen drängt auf Veränderung - wer definiert die Ziele? (Craig Ruttle/AP/dpa)
Mehr zum Thema

UN-Bericht zum Klimawandel Drastische Senkung der CO2-Emissionen gefordert

Weltklimakonferenz Neue Fakten zum Klimawandel

Klimakonferenz Wie wird der Klimawandel verrechnet?

Von Jägern zu Ackerbauern Als die Freiheit der Menschheit endete

Volker Gerhardt: "Humanität. Über den Geist der Menschheit" Eine globale Verpflichtung

Das Gespräch über Temperaturen und Kohlenstoff greift weit aus: Klima ist kein Problem unter anderen, sondern ein totales soziales Phänomen, ein Epochenphänomen. Mobilität, Ernährung, Energie, Arbeit, Wachstum, Migration, Frieden - kaum ein Lebensbereich, der nicht vom Klimawandel berührt wird. Totalsichten bezeichnen historische Bruchlinien und zielen auf Veränderungen - aber ebensogut können sie Passivität erzeugen, in Ideologisierung, religiöser Überhöhung oder Feindbildzuschreibung münden.

Mathias Greffrath, Jahrgang 1945, ist Soziologe und Journalist. Er lebt in Berlin, arbeitet unter anderem für die "taz", die "ZEIT" und den Rundfunk. In den letzten Jahren hat er sich in Essays, Hörspielen und Kommentaren mit den sozialen und kulturellen Auswirkungen von Globalisierung und Klimawandel beschäftigt.

(Teil 2 am 15.12.2019)


Das Jahr begann mit einem teuren Konsens. Noch 20 Jahre Frist für Strom aus Kohle und dafür 40 Milliarden Subventionen für den Umbau. So beschloss die Kohlekommission; das heißt: mehr als eine Million pro Arbeitsplatz. Aber als das Jahr endete, lag ein Gesetz zur Umsetzung des kostspieligen Kompromisses immer noch nicht vor – nur ein Entwurf, den vom Naturschutzverband bis zum Bundesverband der Industrie fast alle kritisierten - auch weil mit ihm der Ausbau der Windenergie erstickt würde. Ein teurer Ausstieg, der den Einstieg verhindert.

200 Millionen Klimaflüchtlinge in 30 Jahren

Es war das Jahr, in dem kein Tag verging ohne Klimakatastrophenmeldungen: Brandherde in Bolivien, so groß wie zwei Bundesländer, gestorbene Gletscher auf Island, Dürre im Sudan, tausende Hitzetode bei uns, 700 Millionen Ernteschäden in Deutschland. Und immer dramatischere Zahlen. Der Weltklimarat meldete: selbst wenn alle Staaten ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen einhalten, wird die Erde am Ende des Jahrhunderts mehr als 3 Grad wärmer sein, und damit wächst die Gefahr, dass Kipppunkte erreicht werden, nach denen das Abschmelzen der Westantarktis nicht mehr zu stoppen sein wird. Damit beträten wir dann das Reich des Unvorhersagbaren. Die Vereinten Nationen reden von 200 Millionen Klimaflüchtlingen schon in dreißig Jahren. Ende November ruft das europäische Parlament den Klimanotstand aus. Dies ist das Jahr, nach dem niemand, der Zeitung liest oder Radio hört oder youtube schaut oder auf Werbewände blickt, sagen kann: er habe es nicht gewusst.

"Wir stehen am Anfang eines Massensterbens"

Und dies ist das Jahr, in dem Greta Thunberg am Bug eines Schiffs mit schwarzen Segeln und Wimpeln mit den deutschen, den schwedischen Farben und den Sternen der EU, den Blick nach vorn gerichtet, in den Hafen von New York einfährt, vorbei an der Freiheitsstatue. Das Bild ging um die Welt: ein pathetisches Bild, sicher, egal ob inszeniert oder nicht, eine Ikone, von weitem grüßt die Freiheitsgöttin auf Delacroix' Revolutionsbild. Emotions For Future. Ich bin sicher: wir werden noch viel mehr Pathos und viel mehr Inszenierung erleben - und brauchen. Denn wir haben den Klimawandel nicht vor uns, wir sind mittendrin.

Klimaaktivistin Greta Thunberg am 1. März bei der Fridays For Future Demonstration in Hamburg. Ein Mädchen steht mit einem Mikrofon auf einer Bühne und spricht zu Demonstrierenden.   (picture alliance / dpa / Daniel Dohlus) (picture alliance / dpa / Daniel Dohlus)Vorbild und Hassfigur Greta Thunberg - Unbeeindruckt die Zukunft retten
Millionen von Menschen bewundern Greta Thunberg. Gleichzeitig wird sie auch angegriffen – und das auf "obszöne und unangemessene" Art, kritisiert die "Zeit"-Kolumnistin Mely Kiyak. Auszeichnungen seien da eine gute Rückenstärkung.

"Wie könnt Ihr es wagen! (...) Wir stehen am Anfang eines Massensterbens, und alles, worüber Ihr reden könnt, sind Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. (...) Wie könnt Ihr es wagen! (...) Seit mehr als dreißig Jahren ist die Wissenschaft einig. (...) Wir werden Euch das nie verzeihen...."

"Das Mädchen ist krank", befand Friedrich Merz

Tränen, Zorn, Verzweiflung. Thunbergs Auftritt in New York polarisierte. Auch einige meiner Freunde fanden das peinlich, inszeniert, übertrieben. Es gibt viele Arten der Verleugnung. Es gibt die einfache Ignoranz, mit der die AfD wirbt. Es gibt die verlogene Ignoranz, mit der Donald Trump dröhnt, er halte den Klimawandel für eine Erfindung, und zwar der Chinesen. Es gibt die Pathologisierung: das Mädchen ist krank, wie Friedrich Merz es befand. Historiker bemühten die Kinderkreuzzüge des Mittelalters, um die gut informierten Forderungen der Schüler wegzuerklären, psychiatrische Laien diagnostizierten Greta Thunberg, Soziologen sorgten sich mehr als um die Atmosphäre um Dieselpendler und Ölheizungsbesitzer, die über Nacht zu Gelbwesten mutieren könnten. Der Philosoph Wolfram Eilenberger setzte noch eins drauf: die massenhafte Mobilisierung für eine Konsumwende sei bedrohlicher als die "völkischen Untergangsszenarien" vom rechten Rand, und er sehe schon einen ökofaschistischen Kontroll-Staat am Horizont, der eines Tages Fleischfresser oder SUV-Fahrer "im Namen des Lebens...ausmerzen" könnte.

Es geht mehr zu Ende als nur das Kohlezeitalter

Was treibt gestandene Intellektuelle zu solch schrillen, wütenden Befürchtungen angesichts ernsthafter, unironischer, gut informierter Schüler? Ist es die unangenehme Wahrheit, dass größere Veränderungen anstehen als die der Treibstoffart, dass schon bald auf mehr verzichtet werden muss als nur auf SUVs und viel zu große Wohnungen und viel zu billige Nackensteaks, dass mehr zu Ende geht als nur das Kohlezeitalter, dass es nicht nur um nur Grenzwerte geht, sondern um die Verteidigung ganz anderer Grenzen?

"Es gibt keine Alternative zum Fortschritt", schrieb der Publizist Thomas Schmid in der Welt, Greta Thunberg gehöre zu jener "altbekannten" Bewegung, die Rückkehr zu archaischen Verhältnissen predige, ja, sie sei zum Angriff auf das "gesamte Universum der westlichen Welt" angetreten, denn zu diesem Universum gehöre "nun einmal ein Wille zum … Wohlstand im eindeutig materiellen Sinne".

Greenpeace-Aktivisten blockieren am Autoterminal in Bremerhaven das Entladen von SUV-Fahrzeugen.  (dpa / picture alliance / Bodo Marks) (dpa / picture alliance / Bodo Marks)Diskussion über SUVs - "Klimakiller steuerlich in Haftung nehmen"
Bestimmte Sportgeländewagen seien "Klimakiller", sagte der Autoexperte Stefan Bratzel im Dlf. Lange Zeit habe die Politik diesbezüglich eine Kultur des Wegschauens gepflegt. Nun müsse sie Regelungen für umweltschädliche Autos finden - etwa durch einen steuerlichen Malus.

ifo-Institut: "Lasches Klimapaket"

Mitte des Jahres wurden die schrillen Stimmen aus den Feuilletons leiser, als die Bewegung wuchs und wuchs, als den Fridays for Future sich die Parents for Future, die Lehrer for Future, Omas for Future, Scientists for Future, Economists und Unternehmer und Ingenieure for Future anschlossen. Die Erde hat Fieber, rief Deutschlands beliebtester Arzt, Eckart von Hirschhausen am 20. September vor dem Brandenburger Tor, und die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung - immerhin der Bundesregierung - sprach vor 200.000 Demonstranten im Namen von 26.000 Wissenschaftlern aus dem deutschsprachigen Raum. Und am Abend danach schacherte das Kabinett um Centbeträge, in einer pizzaunterstützten Nachtsitzung von insgesamt 19 Stunden mit der üblichen "Es war hart, aber der Durchbruch ist gelungen"- Rhetorik am Ende, ganz so als sei es eine Lohnrunde im Öffentlichen Dienst. Und es verabschiedete ein Klimapaket, dessen Forderungen selbst vom Institut der deutschen Wirtschaft und vom Münchner ifo-Institut als zu lasch empfunden wurde. Und selbst das, so sagt es ein Ministerialbeamter, wäre nicht möglich gewesen ohne die Freitags-Schüler und diese autistische Schülerin aus Stockholm. Hätten Sie das für möglich gehalten?

"Die Zeit drängt, gerade im Hinblick auf unsere Kinder"

Dies ist das Jahr, in dem Angela Merkel zur tragischen Figur wurde. Vor zehn Jahren, der große Spekulations-Crash war noch frisch, hatte sie verkündet, das 21. Jahrhundert nötige zu einem Wachstum, das sich nicht nur zu steigendem Bruttosozialprodukt, sondern zu Lebensqualität, Sicherheit, Gesundheit und Naturbefriedung führe; nur Sarkozy war noch radikaler, mit Worten. Auf einer Asienreise formulierte Merkel gar eine Art kantisch-kategorischen Imperativ, dem zufolge die globale Gerechtigkeit es gebiete, den Bürgern der Entwicklungs- und Schwellenländer das Recht auf denselben Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 zuzubilligen wie den industriell reichen. Noch in der Woche vor der Verabschiedung des verzagten Klima-Päckchens gab sie im Interview zu Protokoll:

"Nach meiner festen Überzeugung ist der Klimawandel eine Menschheitsherausforderung. Wir brauchen einen nachhaltigeren Lebensstil. Und die Zeit drängt, gerade auch im Hinblick auf unsere Kinder und Enkel." Von der Jugend könne man in Sachen Klimaschutz lernen. Und auch, so noch einmal O-Ton Merkel, "dass die Jugend einen Anspruch hat, ihre Lebensperspektive zum Maßstab zu machen."

Zwei Darsteller tragen bei einer Kundgebung von Fridays for Future und der Nichtregierungsorganisation Campact Masken, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, M) und Olaf Scholz (SPD, r), Bundesfinanzminister, zeigen. Andere Demonstranten halten ein Banner mit der Aufschrift "How dare you?". (dpa/Christoph Soeder) (dpa/Christoph Soeder)Göring-Eckardt (Die Grünen): „Das Klimapaket in Realitätsverweigerung“
Das Klimapaket der Bundesregierung sei zu lasch, zu unverbindlich und zu unentschieden, kritisierte Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt im Dlf. Damit sei es ein Schlag ins Gesicht von drei Viertel der Bevölkerung, die mehr für den Klimaschutz tun wollten.

Abwechselnd wütend und von Mitleid getragen

Angela Merkel glaubt das alles wahrscheinlich immer noch, sagt mir ein resignierter Bundestagsabgeordneter, aber die Gegenkräfte seien eben enorm. Ganz in diesem Sinn erklärte Angela Merkel drei Tage nach der nächtlichen Klimasitzung in New York Greta Thunberg, was Politik sei. Die bestehe nämlich eben darin, das Mögliche zu tun. Es sei die Aufgabe jeder Regierung, alle Menschen mitzunehmen, auch die Zweifler.

Was für eine geradezu griechische Tragik dieser Riss: zwischen der erkennenden Wissenschaftlerin, der moralischen Weltbürgerin und der durch Lobbys und Parteipolitiken eingezwängten Politikerin. Beim Anschauen von Angela Merkels UN‑Rede, die rhetorisch noch quälend nüchterner als von ihr gewohnt vorgetragen wurde, ganz als wären es nicht ihre Worte, da war ich abwechselnd wütend und von Mitleid getragen, und fragte mich, was wohl mehr Seelenkraft kostet: im Bewusstein des wahrscheinlichen Scheiterns immer weiter stoisch zur Umkehr aufzurufen, stur zu bleiben wie Diogenes oder Antigone oder die auf Dauer gestellte Spaltung im Kopf zu ertragen, und Tag für Tag unzureichende Schritte als Erfolge zu verkaufen - Furcht vor Gelbwesten hin, gerade anstehende Wahlen in Ostdeutschland her. Wahlen im Übrigen, deren Resultate nahelegen, dass sich der Mut zum Risiko in Prozenten auszahlt.

Einzige Wunderwaffe: der CO2-Preis

Follow The Science - Thunbergs Slogan trifft ins Herz des neuzeitlichen Glaubens: Wissenschaft. Es ist eine doppelte Anklage: Warum glaubt ihr nicht, was ihr wisst? Warum tut ihr nicht, was ihr glaubt? Follow The Science: Mit der Physik kann man nicht diskutieren, das stimmt. Aber über die Konsequenzen der physikalischen Wahrheiten muss man streiten. Da geht es nicht um Fakten, sondern um unser Verhältnis zur Welt. Um Alternativen. Um Aufbruch oder Beharren. Um Bewahren oder Zerstören.

Dies hätte ein großes Jahr für das Parlament werden können. Im Juni wurden den Politikern das Sondergutachten des "Sachverständigenrates für Umweltfragen" zur "Demokratischen Legitimation von Umweltpolitik" vorgelegt, im Juli das Sondergutachten des "Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung": "Aufbruch zu einer neuen Klimapolitik". Unterschiedlicher könnten Weltsichten nicht sein als in diesen beiden Ausarbeitungen. Die einzige Wunder- und Universalwaffe - und die einzige Empfehlung der Wirtschaftsweisen - ist eine Erhöhung der Prämie, die Wirtschaft und Private für die Verschmutzung der Atmosphäre zahlen sollen: der CO2-Preis.

Ein Radfahrer zeichnet sich vor dem Braunkohlekraftwerk Boxberg ab, aufgenommen in Altliebel am 11.03.2019 (imago / photothek / Florian Gaertner) (imago / photothek / Florian Gaertner)Treibhausgas-Reduktion - "Ein verlässlich steigender CO2-Preis ist wichtig"
Mittels Verzicht könne es nicht gelingen, auf null Emissionen zu kommen, sagte der Klimaökonom Jan Minx im Dlf. Nur technologische Entwicklungen kurz vor der Marktreife könnten einen substanziellen Beitrag zur Treibhausgas-Neutralität des Industriesektors leisten. Steigende CO2-Preise sendeten wichtige Signale.

Scheideweg vor einem dramatischen Epochenbruch

Es ist das Dokument einer Ökonomischen Wissenschaft, in deren Modellen Rohstoffe, Arbeit, Stoffströme - kurzum, die reale materielle Welt mit ihrer Physik und Chemie nur als Geldgrößen vorkommen. In diesem Gutachten tauchen konsequenterweise - so ergibt es eine unvollständige Stichprobe - Begriffe wie die folgenden nicht auf: Stoffströme, Biodiversität, Verhaltensänderung, Lebensstil, Naturschutz, Biosphäre, Gerechtigkeit, Artenvielfalt, Lebensqualität, Aluminium, Partizipation, Interessensgruppen, dafür scheint durchgehend die eine große Sorge durch: Was wird denn aus dem Wachstum, wenn wir das Klima schützen müssen?

Das Gutachten des Umweltrates der Regierung enthält mehr Welt. Und es markiert den Scheideweg vor einem dramatischen Epochenbruch. Es ruht auf dem Wort Anthropozän - die Epoche, in der die Menschen zur Naturgewalt geworden sind – ein sperriger Begriff, aber einer, der immer mehr in unsere Sprache eingewandert ist. Denn er markiert die Größe des Umbruchs, in dem wir stehen.

Der Kipppunkt, an dem nichts mehr aufzuhalten ist

So oder so wird die Erde nicht untergehen, aber wir hätten, so das Gutachten, die Wahl zwischen einem "Verwüstungsanthropozän" oder "holozänartigem Anthropozän". Verwüstung der Erde oder eine Erde, die noch entfernte Ähnlichkeit hat mit der Welt, in der wir heute leben, sowohl physisch wie politisch. Zwei mögliche Ufer, zwischen denen im Augenblick noch der Ölstrom unserer Epoche fließt. Wo wir anlanden, das wird davon abhängen, ob wir die planetaren Belastungsgrenzen für CO2- und Stickstoffbelastung, Süßwasserverbrauch, Ozeanversäuerung, Landnutzung überschreiten, jenseits derer die Reparatursysteme unberechenbar werden - das populärste Beispiel ist der westantarktische Eisschild, dessen völliges Abschmelzen ab einem theoretisch, aber nicht zeitlich exakt bestimmbaren Kipppunkt nicht mehr aufzuhalten ist – und die Ozeane um fünf Meter steigen lassen würde. Und das ist nur die Westantarktis.

Ein "holozänartiges Anthropozän" zu bewahren, also annähernd die Welt, die wir kennen, das bedürfte eines hohen Grades aktiver menschlicher Einwirkung, Planung, Gestaltung. Und einer radikalen Änderung unserer Lebensweisen.

"Parasitäre Lebensweise" führt zum biologischen "Holocaust"

Kein Zweifel, die Sache ist groß. Vieles ist schon dahin. Und was noch da ist, bleibt gefährdet.

"Unsere Generation und die unserer Kinder und Enkel  - so schrieb es vor 33 Jahren der Zoologe Hubert Markl, der damals Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft war -  werden zu tätigen Zeugen einer gewaltigen Umwälzung des Lebens auf unserer Erde. Vor unseren Augen, unter unseren Händen geht eine erdgeschichtliche Epoche zu Ende, die viele Jahrmillionen Bestand hatte. Nur blinder Stumpfsinn könnte sich dieser Tragik verschließen. Was bevorsteht, ist ebenso klar erkennbar wie bitter." Eine erdgeschichtliche Epoche: Hubert Markl sprach vom biologischen "Holocaust", gar vom Ende des Neozoikums - der Erdperiode, die vor 60 Millionen Jahren begann und in der die Fauna und Flora entstanden, mit der wir jetzt noch leben, er kritisierte unsere "parasitäre Lebensweise", und appellierte an unsere Verantwortung: "Natur" sei nun zur "Kulturaufgabe" geworden, und zwar zur globalen, und zwar endgültig.

Alte Mercedeskarossen in rot und silber sind im Mercedes-Benz-Museum im Stuttgart ausgestellt. (Unsplash/JG Photography) (Unsplash/JG Photography)Debatte um CO2-Steuer - "Mobilität und Heizen dürfen nicht zum Luxus werden"
Die Einnahmen des Staates aus einer CO2-Steuer müssen an die Bürger zurückfließen, fordert der Verbraucherschützer und ehemalige Grünen-Politiker Klaus Müller. Die Steuer entfalte dann trotzdem ihre Lenkungswirkung, sagte er im Dlf. Menschen mit wenig Geld dürften aber nicht benachteiligt werden.

Warnungen gab es schon vor 50 Jahren

Das Wort "Anthropozän" war noch nicht im Umlauf, als Markl sein Epitaph auf das Holozän schrieb, aber auch 1986 war die Botschaft nicht mehr neu. 1962 hatte Rachel Carsons Bestseller "Silent Spring" das Artensterben zum politischen Thema gemacht, seit 1965 teilten Wissenschaftler der Politik mit, dass das Wirtschaftswachstum die Erdtemperatur rasant steigen lässt. 1973 hatte der Club of Rome seine Gutachten über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht, 1972 Willy Brandt vor Nobelpreisträgern eine Rede gehalten, in der er die epochale Aufgabe formulierte, "den Zusammenbruch unseres Ökosystems zu verhindern". Das ist fünfzig Jahre her. Seither haben sich die CO2-Emissionen der menschlichen Gattung noch einmal vervierfacht.

Ein Epochenbruch steht bevor. Wie sieht so etwas aus? Vielleicht muss man bis zum letzten großen Klimaereignis der Erdgeschichte zurückgehen, um zu erklären, was uns da widerfährt, warum es nicht reicht, den CO2-Ausstoß kostenpflichtig zu machen. Um zu begreifen, was uns hindert, dem zu folgen, was wir wissen.

Soziale Schichtung und Ungleichheit

Die Erd-Saison, die jetzt zu Ende geht, begann in der neolithischen Revolution, der "größten Verhaltensänderung... , die je eine Tierart auf diesem Planeten vollzogen hat", dem Übergang des homo sapiens von einer nomadischen zur sesshaften Lebensweise, vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Viehzucht. Auch dieser Übergang war die Folge eines außerordentlichen Klimawandels, einer Erderwärmung, die etwa vor 12.000 Jahren begann, in deren Folge die Meeresspiegel in zwei Jahrtausenden um mehr als 30 Meter stiegen - England wurde damals erst zur Insel - und in deren Folge in mehreren fruchtbaren Zonen der Ackerbau entstand.

Das Leben wurde sicherer, aber auch anstrengender - das ist etwa die Grundlage für den Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies. Ackerbau und Viehzucht erforderten regelmäßige, systematische Bearbeitung der Natur, Kalendersysteme, Bewässerungswissen, das Menschheitswissen und die Herrschaft über die Natur wuchsen, es entstanden Siedlungen und Städte, und damit militärisch gestützte Herrschaftssysteme, Baukunst, Priesterkasten, das Geldsystem; die Arbeitsteilung wuchs, damit die soziale Schichtung und Ungleichheit. Die Menschheit nahm zu, in neun Jahrtausenden von vier auf 50 Millionen.

Szene aus dem Film "Parasite" von Regisseur Joon-ho Bong. Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen in einem Badezimmer und starren auf ihr Smartphone.  (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS) (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)Film der Woche: "Parasite" - Ungehemmte Gier nach Luxus
Faszinierend, dystopisch, pessimistisch - so präsentiert sich der diesjährige Cannes-Gewinner "Parasite" vom südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho. Eine arme Familie dringt in das Haus einer reichen Familie ein. Die Grenze zwischen Gut und Böse ist fließend.

"Die Früchte gehören allen, die Erde aber niemandem"

Und hunderttausendfach, an tausenden von Orten, in tausenden von Jahren, geschah, was Jean‑Jacques Rousseau in seinem Diskurs über die Ungleichheit ebenso poetisch wie politökonomisch als den Sündenfall der Menschheit beschrieb:

"Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen 'Dies gehört mir' und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: "Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört."

Neue Eigentums- und Herrschaftsformen

Die Geschichte, deren Anfang Rousseau so pathetisch stilisierte, begann vor 10.000 Jahren. Es war ein langer Prozess, und an seinem Ende wurde der Grund gelegt für die Zivilisation, in der wir heute noch leben. Eine neue Produktionsweise war entstanden und mit ihr neue Eigentums- und Herrschaftsformen - und darüber eine neue Gedankenwelt, die ihre Härten legitimiert - und korrigiert. Achsenzeit, so nannte der Philosoph Karl Jaspers das Jahrtausend vor der Zeitenwende, in dem in Asien der Buddhismus, in China der Konfuzianismus und im Mittelmeerraum die aristokratische Demokratie, die griechische Naturphilosophie, und in Israel der Monotheismus entstand: eine Erlösungsreligion, die keine Naturgötter und keine Gottkönige mehr kannte, sondern deren anonyme Stifter einen Weltenlenker und Gesetzgeber ersannen, der transzendent, gestaltlos und unerforschlich war. Weswegen auch die Herrschenden und die Reichen den Gesetzen unterworfen waren, wenigstens im Prinzip.

Das Recht wurde heilig

Das Recht wurde heilig - und das schuf die ideelle Grundlage - nun, nicht für Demokratie - wohl aber für den Beginn einer Milderung der Gewalt durch Gesetze. Gesetze, die auch über den Mächtigen standen - weswegen Raum für Propheten frei wurde: Intellektuelle, Provokateure, deren Beruf es wurde, die Lücke zwischen Macht und Moral zu skandalisieren, einzuklagen, was in der Thora zum Thema Eigentum gesagt war: dass die Kluft zwischen Arm und Reich schändlich sei, dass alle sieben Jahre die Schulden erlassen gehören und alle fünfzig Jahre neu verteilt werden soll, was im Prinzip allen gehört. Jesus Christus verschärfte diesen Prozess der Zivilisation: die Zumutung des Gesetzes wanderte in die Herzen und ins Gewissen ein. Nicht das äußerliche Befolgen der Regeln, sondern die Verinnerlichung ihres Prinzips sollte den Frieden bringen.

Extraktionskapitalismus hat die Grenzen erreicht

Diese Mittelmeer-Kombination von griechischer Naturphilosophie und Unterschichtsreligion verband sich nach der Zähmung des Urchristentums durch eine Priesterhierarchie mit dem Römischen Rechts- und Militärwesen - und aus dieser Verbindung entstand die nunmehr 2000 Jahre währende judäochristliche Zivilisation. In sieben knappen Worten: Kirche, Feudalismus, Nationalstaaten, Kapitalismus, aber auch Wissenschaft, Aufklärung, Demokratie. Beginnend mit der Neuzeit kolonisierte und missionierte diese Zivilisation die Welt, formte Lebensweisen, Landschaften und Machtverhältnisse. Und heute hat die profitgetriebene Ausweitung der Kapitalzone die Lebenserwartung und den Güterwohlstand auch im globalen Süden gesteigert, aber sie unterminiert zunehmend die politische Gestaltungsmacht der Nationalstaaten. In den Ursprungsländern des Kapitalismus wurde der europäische Sozialstaat erkämpft; in den Worten von Pierre Bourdieu – eine Errungenschaft so unwahrscheinlich wie Kant, Beethoven oder Mozart. Und nicht von Dauer. Denn nun hat der Extraktionskapitalismus die Grenzen seiner Ausdehnung erreicht.

Eine ältere Dame verlässt bepackt mit Tragetaschen und einem gefüllten Trolley die "Kasseler Tafel", in der sie zuvor Lebensmittel bezogen hat.  (picture-alliance / dpa / Uwe Zucchi) (picture-alliance / dpa / Uwe Zucchi)Jahresgutachten - Paritätischer beklagt wachsende soziale Ungleichheit
Der Paritätische Gesamtverband sieht den gesellschaftlichen Zusammenhalt massiv gefährdet. Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer tiefer. In seinem Jahresgutachten fordert der Verband eine Reform der Sozialsysteme und einen steuerpolitischen Kurswechsel.

Jonathan Safran Foer: Ein Symptom des Phänomens Wachstum 

Wir sind der Klimawandel, schreibt der Romancier Jonathan Safran Foer und das heißt: es geht nicht darum, Diesel durch Wind zu ersetzen, und dann ist alles gut. Klima ist kein Problem unter anderen, sondern das spürbarste Symptom eines "totalen sozialen Phänomens". Und das heißt Wachstum.

Wie wir leben, sind wir der Klimawandel, aber die globalisierte Menschheit ist kein WIR. Die Lasten und die Wohltaten sind ungleich verteilt, national wie global, und die Erderwärmung wird diese Ungleichheit noch steigern. Der doppelte Wachstumszwang - der Konsumenten und der profitabhängigen Kapitale - verschärft die Auseinandersetzungen um die Rohstoffreserven der Erde und der Ozeane: an Öl, an Kupfer, an Mangan, an seltenen Erden, Lithium, Phosphor, ja an Sand. Die "große Regression" hat begonnen.

Gerechtigkeitsfrage durch Wachstum neutralisiert

Die Furcht vor Kriegen, um Wasser oder Koltan, ist längst nicht mehr hysterisch. Und auch nicht die vor Bürgerkriegen um Teilhabe: Ein Jahrhundert lang wurde die Gerechtigkeitsfrage in den kapitalistischen Industriegesellschaften durch Wachstum neutralisiert; in einer demokratischen "Postwachstumsgesellschaft" käme sie in neuer Schärfe auf die Tagesordnung. Erst recht stößt die Idee einer Wachstumsbeschränkung außerhalb der OECD-Welt an politische Grenzen: Die Regierungen des globalen Südens würden hinweggefegt werden, wenn sie ihren Bürgern die nachholende Modernisierung - sprich ein Leben wie im Norden - verweigern. Außerdem gibt es keinen moralisch legitimierbaren Einwand gegen dieses Begehren der Massen, solange die Regeln des kapitalistischen Weltmarkts und die globalisierten Konsummuster des Nordens gelten.

Eine Wirtschaft deren Funktionieren auf Wachstum beruht

Daran aber wird klar, dass Demonstranten und Politiker zu kurz springen, wenn sie den Kampf gegen den Klimawandel zum alles überwölbenden globalen Großthema erklären. Noch einmal: nicht der Klimawandel ist das Problem, er ist das massive Symptom des Grundproblems: Wachstum.

Follow The Science - das ist gut gesagt. Aber auch, wenn der Gedanke "unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ist nicht möglich" kaum widerlegbar ist: die Frage, wie eine Wirtschaft, deren Funktionieren auf Wachstum beruht, in einen stationären Zustand gebracht werden kann, wird nicht einmal ernsthaft gestellt an unseren Wirtschaftsfakultäten.

Die Sicherung eines auch nur annähernd stabilen "holozänartigen Anthropozäns" – um auf die barocke Formulierung zurückzukommen - bedürfte einer global wirksamen Politik. Und das macht "einen Grad transnationaler Zusammenarbeit nötig, der die in der internationalen Arena bis heute geübte Praxis bei weitem übersteigt (...) Die Vereinten Nationen stagnieren, und selbst die Europäische Union ist ein Versuch mit ungewissem Ausgang".

Das Bild zeigt den Philosophen Jürgen Habermas im Porträt. (picture alliance / dpa / ANA-MPA / Simela Pantzartzi) (picture alliance / dpa / ANA-MPA / Simela Pantzartzi)Jürgen Habermas: "Auch eine Geschichte der Philosophie" - Auf der Suche nach den Spuren der Vernunft
Fast 2000 Seiten von Deutschlands wichtigstem Intellektuellen, Jürgen Habermas: "Auch eine Geschichte der Philosophie" ist eine Art Werkbilanz seines wissenschaftlichen Lebenslaufs - der davon bestimmt ist, sich seit den 1950er-Jahren ständig in öffentliche politische Debatten einzumischen.

Leben des Einzelnen mit dem Leben des Ganzen verknüpfen

So schreibt es Jürgen Habermas, der 2019, in seinem neunzigsten Lebensjahr, eine monumentale Geschichte der europäischen Philosophiegeschichte veröffentlicht hat. Zweitausend Seiten, das Resümee eines lebenslangen Denkens über vernünftige Freiheit, auf denen er, ausgehend von jener Achsenzeit am Ende der neolithischen Umwälzung, die allmähliche Verwandlung einer Gesetzesreligion mit Erlösungsversprechen in eine säkulare Philosophie der menschlichen Autonomie und des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit rekonstruiert. Eine Transformation, die über die Stationen Naturrecht und Aufklärung in die kantische Idee der Weltrepublik, des kategorischen Imperativs, des Rechtsstaats und der Demokratie mündet - Gedankensysteme, Rechtsordnungen und Ideale, die die Würde und das Leben des Einzelnen mit dem Leben des Ganzen verknüpfen - und damit nicht nur den Totalanspruch der Religion beerben – sondern auch vom emotionalen Gehalt und dem Verpflichtungscharakter der überkommenen Religionen zehren.

Wohlstandsregionen müssten mehr Gleichheit ertragen

Die zeitgemäße Formulierung des kategorischen Imperativs in einer globalisierten und gefährdeten Erde, in der die Energiefrage, das demokratische Gleichheitspostulat und der materielle Glücksanspruch verbunden sind, die hatte Angela Merkel 2010 in gefunden: Jedem Erdenbürger das Recht auf den gleichen Anteil an der Atmosphäre. Das Postulat ist mit Gründen nicht zu bestreiten, sondern nur mit Macht und mit Mauern zu ignorieren. Zu Ende gedacht, heißt es: Ein "holozänartiges Anthropozän" erfordert viel Technik und eine neue, global geltende und exekutierbare Rechtsordnung des gemeinsamen Eigentums aller Erdenbürger an den Gütern der Erde - Wasser, Boden, Luft, Naturschätzen. Das ist zwar vorstellbar, aber in den Wohlstandsregionen der Welt müssten die Bürger ihre Ansprüche auf die Erde reduzieren, ihre Schulden gegenüber der Natur und den ehemaligen Kolonien anerkennen, was praktisch hieße: mehr Gleichheit ertragen. Und an dieser Wegmarke hilft Argumentieren nicht weiter. Hier beginnt, mit den Worten des katholischen Ökologen Carl Améry, das Reich der religiösen Regungen, "wo solche Einsichten in Schuld und Last nicht als Minderung, sondern als Mehrung unserer Menschlichkeit empfunden werden".

Der Schriftsteller Carl Améry im Frühjahr 1980 in München (AP)Der Schriftsteller Carl Améry im Frühjahr 1980 in München (AP)Carl Amery: Global Exit - Die Kirchen und der totale Markt
Er gehörte einst zur Gruppe 47, war PEN-Präsident und hat sich mit zahlreichen Schriften gegen Aufrüstung, Umweltzerstörung und das Treiben der katholischen Kirche einen Namen als provokanter Kritiker gemacht. In seinem neuesten Buch nimmt sich Amery das Verhältnis der Kirchen zum schrankenlosen Markt vor. "Global Exit" heißt das Werk, und Bernd Leineweber hat es für uns gelesen.

Suche nach einem Ausweg aus der Wachstumsfalle

Und hier kann auch die Vernunft des Philosophen nicht weiterhelfen. Habermas schreibt: "Erst im Akt der Bindung unserer Willkür an die aus praktischer Vernunft gewonnene Einsicht, erfüllt sich das richtige moralische Urteil im autonomen Handeln." Aber "nichts und niemand" zwinge uns zu solcher Bindung. Die Suche nach einem Ausweg aus der Wachstumsfalle, die nicht auf technische Willenslenkung à la China oder facebook setzen will, kann sich - so endet das große Buch - auf keine Gewissheit stützen. Es hängt  - so Habermas – "von unserem Selbstverständnis ab, ob wir als Individuen ...oder als Bürger und Politiker ...in Situationen der Wahrnehmung unausweichlicher Probleme uns selbst und gegenseitig die Spontaneität vernünftiger Freiheit sowohl zutrauen wie zumuten."

Uns etwas zuzumuten – dafür waren in der alten Welt die Propheten zuständig. Seit einem halben Jahrhundert erheben Wissenschaftler, Philosophen, Theologen, Nobelpreisträger und Religionsoberhäupter ihre mahnenden Stimme gegen die Weltzerstörung. Aber alle diese, "Posaunen der Propheten", so Carl Amery, selbst ein Prophet, "brachten nicht einmal die Vorwerke des Techno-Systems" zum Wanken.

Das "Universum der westlichen Welt" endet

So hat auch die ebenso ökologische wie ökumenische Botschaft des Papstes in seiner Enzyklika Laudato si, so haben seine scharfen Attacken auf den "Imperialismus des internationalen Finanzkapitals", in diesem Land wenig bewirkt. Aber es ist vielleicht ein Unterschied, ob es ein 82-Jähriger sagt oder ob eine Sechzehnjährige einfach stur weiter sitzen bleibt, so der Münsteraner Weihbischof Lohmann mit einem schmunzelnden Blick nach oben. Und nicht nur er, sondern auch die Bischöfe von Berlin, Hildesheim und Münster haben Greta Thunberg als Prophetin apostrophiert.

Papst Franziskus während einer Audienz auf dem Petersplatz (pictrue alliance / dpa / Spaziani) (pictrue alliance / dpa / Spaziani)Umwelt-Enzyklika - "Laudato si" ist zutiefst franziskanisch
An dieser Enzyklika ist einiges einmalig: Es ist das erste päpstliche Lehrschreiben der Kirchengeschichte, das sich ausschließlich mit Umweltfragen beschäftigt. Und wohl noch nie hat eine Enzyklika so viele Schlagzeilen produziert, bevor sie überhaupt erschienen ist.

Offenbar leben wir in einer Zeit, in der aufklärerische Sturheit polarisiert, in der es charismatische Überraschungen gibt, in der Bündnisse entstehen, die vor kurzem noch nicht denkbar waren – eine Zeit, in der auch die Abwehr dagegen sich formiert. Es geht einiges zu Ende: die goldenen Jahre der letzten großen Konjunktur, die Dominanz des euro-amerikanischen Kapitalismus, die Illusion einer unendlich verwertbaren Natur. Ja, das "gesamte Universum der westlichen Welt".

Zeiten, in denen es darauf ankommt

Die Vorstellungen von Eigentum, die mit der neolithischen Revolution in die Welt kamen. Eine alte Ordnung löst sich auf, und eine neue hat noch keine Konturen. Das sind Zeiten, in denen die Menschen "mehr als sonst eine grundlegendere Diagnose erwarten und ganz besonders bereit sind, sie aufzunehmen und zu erproben, wenn sie nur einigermaßen annehmbar sein sollte". So schrieb es der große Ökonom John Maynard Keynes im Intervall zwischen der Weltwirtschaftskrise von 1929 und dem Beginn des Weltkriegs. Es sind Zeiten, in den auch die Monster der Vergangenheit auftauchen und die Drohung des "Verwüstungsanthropozäns" Gestalt annimmt. Zeiten, in denen es darauf ankommt, wie viele Millionen einzelne sich verhalten, wohin sie sich bewegen, was sie wählen, wie hartnäckig sie bleiben - unter dem offenen Himmel der Geschichte.

Kein Zweifel, die Sache ist groß.

Aber macht sie das nicht auch …reizvoll?

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk