Mittwoch, 17. April 2024

Debatte um deutsche Bewerbung
Die Frage nach dem Vermächtnis Olympischer Spiele

Der DOSB setzt bei einer möglichen neuen Olympia-Bewerbung auf die soziale Breitenwirkung. Doch in der Vergangenheit hätten Olympische Spiele wirtschaftlich und gesellschaftlich kaum Auswirkungen gehabt, sagten Sportwissenschaftlerin Marijke Taks und Ökonom Spencer Harris im Dlf-Sportgespräch.

Marijke Taks und Spencer Harris im Gespräch mit Marina Schweizer | 17.03.2024
Ein Passant in Paris vor einem Plakat mit dem Logo der Olympischen Spiele an der Fassade des Hotel de Ville
Was bleibt den Menschen von den Olympischen Spielen, in Paris und womöglich auch bald in Deutschland? (Farzaneh Khademian / ABACAPRESS.COM)
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium haben wiederholen ihren Wunsch bekräftigt, wieder Olympische Spiele nach Deutschland zu holen. Die deutsche Sportpolitik lässt sich dabei offenbar nicht von mehreren gescheiterten Bewerbungen in der Vergangenheit abschrecken. Ungeachtet dessen stellt sich bei einem erneuten Anlauf die Frage, ob und welches Vermächtnis Olympische Spiele der Gesellschaft hinterlassen können, sie wird auch wesentlich für die Akzeptanz einer weiteren Olympia-Kampagne sein.

Olympische Spiele und ihr Versprechen für ein Vermächtnis

Die Organisatoren der kommenden Olympischen Sommerspiele in Paris versprechen ein "dauerhaftes und tiefgreifendes Vermächtnis", die Spiele könnten einen sozialen Wandel bewirken, das Wirtschaftswachstum ankurbeln und die Umwelt zu verbessern.
Ob diese Versprechen eingelöst werden und inwieweit dies überhaupt überprüft werden kann, damit befassen sich Marijke Taks von der University of Ottawa und Spencer Harris von der University of Colorado in ihren Forschungen.
Die Sportwissenschaftlerin Taks untersucht dabei die konkreten wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen für Gastgeberländer der Olympischen Spiele. Dabei gehe es nicht nur um mögliche Einnahmen und den Nutzen einer neu gebauten Sportinfrastruktur, so Taks im Dlf-Sportgespräch, sondern auch um die Opportunitätskosten für die Gesellschaft. Sobald man öffentliches Geld für Großveranstaltungen wie Olympische Spiele ausgegeben habe, könne man es nicht mehr für etwas anderes ausgeben: "Die Alternative hätte sein können, dass man eine Schule oder ein Krankenhaus gebaut hätte. Das wäre auch ein sehr sinnvolles Vermächtnis gewesen, das vielleicht mehr Menschen zugutegekommen wäre."

Sportökonom Harris: "Worte sind billig"

Ihr Kollege Spencer Harris stellt den vergangenen Olympischen Spielen im Rückblick ein vernichtendes Urteil aus: "Wenn man sich die Daten ansieht, egal ob es sich um wirtschaftliche oder sportliche Auswirkungen handelt, gibt es nur sehr wenige Hinweise darauf, dass dieses Vermächtnis im Laufe der Zeit tatsächlich realisiert wird. Worte sind billig", sagte Harris in der Dlf-Gesprächsrunde während der Play-the-Game-Konferenz in Trondheim im Februar.
Bei den Olympischen Spielen von 2012 in London etwa wurden auch noch in der Zeit nach Olympia insgesamt 2,7 Milliarden Pfund investiert, so Sportökonom Harris. Das meiste Geld sei aber dafür verwendet worden, neue Infrastruktur zu schaffen und den Einfluss von Verbandsgremien zu vergrößern – und nicht für die Durchführung von Projekten an der Basis.

Sportwissenschaftlerin Taks: Spiele bewirken nur "vorübergehenden Wohlfühlfaktor"

Sportwissenschaftlerin Taks untersuchte auch die von nationalen Organisatoren oft bemühten sozialen Auswirkungen der Spiele. Fragen von Sozialkapital, sozialem Zusammenhalt, Freundschaften, die aufgrund des Ereignisses geschlossen worden seien. Dabei seien keine wirklich positiven Zahlen gefunden worden, so Taks. Abgesehen von einem vorübergehenden Wohlfühlfaktor, der aber bald nach der Eröffnungsfeier verblasse.
"Die entscheidende Frage ist, wenn wir über das Erbe von Olympia sprechen: Hätten wir diese Ergebnisse nicht auch ohne das Event erzielt? Oder: Brauchen sie wirklich das Event, um diese Ergebnisse zu erzielen?"
Sportliche Großereignisse könnten durchaus eine Sogwirkung in der Gesellschaft entfalten, so die Professorin. Nach ihren Erkenntnissen profitierten aber in erster Linie Menschen innerhalb des Sportsystems: Die Freiwilligen, die Trainer, die an Erfahrung und Qualität gewinnen würden. "Daran ist nichts auszusetzen. Aber wir müssen erkennen und noch einmal darüber nachdenken: Wer bezahlt das eigentlich?"
Der DOSB und die deutsche Sportpolitik setzen bei ihrer Kampagne für eine neue Olympia-Bewerbung auf einen gesellschaftlichen Mehrwert durch den Sport und eine breite Wirkung von Olympischen Spielen, nicht nur bei Menschen, die bereits Sport treiben. Diese Effekte seien aber in der Vergangenheit, wenn überhaupt nur kurzfristig zu beobachten gewesen, sagte Sportökomom Harris. Dass die Bevölkerung durch Großveranstaltungen zu neuer Sportbeteiligung und zu mehr körperlicher Aktivität veranlasst würden, dafür seien "nie Beweise gefunden" worden, bestätigte auch Taks.

Investitionen für Olympia - oder direkt in kommunale Sportzentren und Schwimmbäder?

Die kanadische Sportwissenschaftlerin glaubt auch nicht daran, dass Olympische Spiele in Deutschland die dringend benötigten Investitionen in die marode Infrastruktur anschieben könnten. "Brauchen wir wirklich den politischen Willen durch Olympische Spiele, um das alles zu erreichen? Oder sparen wir das ganze Geld und stecken es direkt in kommunale Sportzentren und Schwimmbäder, um den Menschen direkt etwas zu geben."