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StartseiteHintergrundWie Corona Wettbewerb und Marktchancen verändert21.05.2021

Staatshilfen im LockdownWie Corona Wettbewerb und Marktchancen verändert

Während viele lokale Einzelhändler stark unter der aktuellen Coronakrise leiden, machen Onlinehändler glänzende Geschäfte. Nicht nur im Handel verzerrt die Krise den Wettbewerb. Auch in anderen Branchen verschiebt sich die Marktmacht. Staatlichen Hilfen können das nur zum Teil abfedern.

Von Katja Scherer

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Passanten gehen in der Innenstadt an einem geschlossen Ladenlokal vorbei. Die Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen in Nordrhein-Westfalen bewegt sich um die Marke von 100. (picture alliance/dpa | Oliver Berg)
Coronavirus - Köln (picture alliance/dpa | Oliver Berg)
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Der Modeladen "Tadellos": Mitten im Bremer "Viertel", einem beliebten Stadtteil mit regem Treiben – normalerweise. Seit der Coronapandemie aber ist es dort still geworden. Anna Dickreuter, die Besitzerin des "Tadellos", durfte ihren Laden zwar im März kurzzeitig wieder öffnen. Inzwischen aber steckt sie wieder im Lockdown: "Das war eine kurze, hoffnungsvolle Episode, die dann am 27.  März – an meinem Geburtstag – beendet wurde. Das war wirklich ein schlimmer Tiefschlag."

Die Unternehmerin verkauft in ihrer 120 Quadratmeter großen Boutique nachhaltige Mode aus Europa und Übersee. Zwölf Jahre lang führt sie ihren Laden schon. Eine Situation wie jetzt hat sie in all der Zeit noch nicht erlebt: "Ich bin sehr sicherheitsbedacht und versuche immer mit möglichst vielen Rücklagen zu arbeiten, aber das habe ich mir nicht träumen lassen, dass mir so was mal passiert."

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Seit rund einem halben Jahr hat Anna Dickreuter so gut wie keine Einnahmen. Durch den Lockdown Ende 2020 ist ihr das Weihnachtsgeschäft weggebrochen, das sie eigentlich braucht, um vorbestellte Mode fürs Frühjahr zu bezahlen. Stattdessen hat die 39-Jährige dafür nun ihre privaten Ersparnisse geopfert – und damit einen großen Traum: "Konkret wollten wir ein Haus kaufen. Und wir sind davon zurückgetreten. Und damit finanziere ich das gerade."

Gastronomie und Handel besonders betroffen

Nun entgeht ihr außerdem das Frühjahrsgeschäft. Zwar dürfen Kunden derzeit theoretisch Waren per "Click & Collect" bei ihr abholen. Praktisch nutze das aber kaum jemand, sagt sie. An manchen Tagen ist sie daher inzwischen regelrecht verzweifelt: "Ich finde ganz schlimm diese Perspektivlosigkeit. Wenn ich irgendwie wüsste: Bis dahin musst du einen Plan machen. Aber dieses immer wieder um zwei Wochen vertröstet werden. Ich hab das Gefühl, das ist jetzt so eingefroren bis: Ich weiß gar nicht was. Also was ist das Ende?"

Seit über einem Jahr legt die Coronakrise inzwischen Bereiche der deutschen Wirtschaft lahm. Industrie und Baugewerbe können zwar derzeit weitgehend normal arbeiten. Gastronomie, Tourismus, Handel und andere Branchen leiden aber weiter. Oft führt der Lockdown dort außerdem zu Verzerrungen im Markt – und auch die staatlichen Hilfen können das nur teilweise ändern. Denn die Unterstützung kommt längst nicht bei allen Betrieben gleich gut an.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: "Es gibt durch die Coronapandemie große Veränderungen im marktwirtschaftlichen Wettbewerb. Also nehmen wir mal das Beispiel Fluglinien: Hier erhält Lufthansa fast zehn Milliarden Euro staatliche Hilfen, andere Fluglinien, private Fluglinien nicht. Das ist natürlich eine massive Verschiebung des Wettbewerbs. Nehmen wir das Beispiel Einzelhandel: Der stationäre Einzelhandel verliert massiv und das geht eins zu eins zum Online-Einzelhandel."

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Die Folgen der Coronakrise für den Wettbewerb sind komplex und von Branche zu Branche unterschiedlich. Grundsätzlich lassen sich aber mehrere "Bruchlinien" unterscheiden, sagt Volkswirt Marcel Fratzscher vom DIW.

Junge Unternehmen leiden stärker unter der Krise als etablierte, kleine Firmen mehr als große: "Das liegt daran, dass junge Unternehmen häufig eben noch keine Historie haben, nicht nachweisen können, wie sie gehaushaltet haben in den letzten Jahren. Die kommen meistens gar nicht an Bankkredite. Die haben also größere Schwierigkeiten, diese Durststrecke in der Pandemie zu überwinden. Und das gleiche gilt häufig auch für kleine Unternehmen."

Große Firmen kommen besser durch die Krise als kleine

Kleine Unternehmen sind außerdem oft weniger digital aufgestellt als große, können sich zum Beispiel keine hohen Investitionen in einen Onlineshop leisten. Und sie sind weniger breit aufgestellt – können also nicht Geschäft verlagern, wenn es in einem Land oder einer Sparte nicht gut läuft. Die großen Gewinner der Krise sind dagegen Plattform-Unternehmen wie Amazon oder auch Airbnb, sagt Christian Rusche vom Institut der deutschen Wirtschaft. Das Geschäft der Reiseplattform sei zwar anfangs auch eingebrochen. Es habe sich seitdem aber relativ gut erholt:

"Besonders deutlich wird dieses Geschäftsmodell beispielsweise bei Airbnb. Vorher waren es eben die ganzen Städtetouristen, die über Airbnb gebucht haben. Und während der Coronapandemie war‘s so, dass die ganzen Leute aufs Land wollten. Das heißt: Die konnten sofort quasi ihr Angebot anpassen und haben so sehr stark profitiert."

Große Unternehmen kommen besser durch die Krise als kleine, Online-Anbieter besser als analoge Firmen: Dieses Muster lässt sich in kaum einer Branche deutlicher sehen als im Einzelhandel.

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Während Anna Dickreuters Laden "Tadellos" immer noch geschlossen ist, leisten sich Onlinehändler wie Zalando riesige Werbekampagnen und Discounter wie Aldi oder Lidl locken mit Mode zum Schnäppchenpreis: "Ich war einmal im Aldi, da dachte ich auch...da konnte man dann ja alles kaufen! Plötzlich. Also das ist nicht nachzuvollziehen", ärgert sich die Ladenbesitzerin.

Natürlich ist der Lockdown wichtig, sagt Anna Dickreuter. Aber: "Es ist natürlich für mich auch nicht nachzuvollziehen, dass die meisten Supermärkte ohne Einlasskontrolle bei uns funktioniert haben. Und wenn ich mir überlege, wie ausgefeilt mein Hygienekonzept ist: Ich hab für viele tausende Euro so einen Luftreiniger installieren lassen. Wir arbeiten konsequent mit FFP2s und zwar schon seit Sommer. Das ist nicht zu verstehen."

Übermacht der großen Marken im Netz

Dickreuter versucht viel, um trotz Lockdown Geld zu verdienen. Sie liefert ihren Kunden Körbe voller Kleidung zum Anprobieren nach Hause, bietet sogenannte Supporter-Socks an, mit denen Kunden sie bei der Finanzierung der Ladenmiete unterstützen können, und wirbt in sozialen Netzwerken für ihren neuen Onlineshop.

Gegen die Übermacht großer Marken im Netz habe sie allerdings wenig Chancen, sagt sie: "Wir Kleinen, wir schaffen das einfach nicht...wir sind nicht google-bar im Grunde genommen und wir kriegen einfach nicht die Klicks, die man braucht, um vernünftig verkaufen zu können. Da gibt es eben ganz andere Player auf dem Markt."

Marcel Fratzscher ist ein deutscher Ökonom. Er leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.  (dpa / Kai-Uwe Heinrich)Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (dpa / Kai-Uwe Heinrich)

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass es vielen anderen Kleinunternehmen ähnlich geht. Taxiunternehmen zum Beispiel, Eventfirmen, Restaurantbesitzern, Clubbetreibern und vielen, vielen Solo-Selbstständigen. Viele von ihnen werden in nächster Zeit aufgeben müssen, glaubt der Volkswirt. Und zwar oft unverschuldet – einfach, weil ihr Geschäftsmodell zufällig nicht coronakonform ist:

"Es sind eben nicht die schwächsten und am wenigsten effizientesten Unternehmen, die pleitegehen. Sondern es sind eben gewisse Branchen, es sind junge Unternehmen, die häufig hochinnovativ sind, und die wir eigentlich für unsere Wirtschaft langfristig unbedingt brauchen."

Dass das auch gesellschaftliche Risiken birgt, ist offensichtlich. Die Regierung versucht daher, die Folgen des Lockdowns mit Hilfsprogrammen abzufedern und erstattet Unternehmen einen Teil ihrer Einbußen. Novemberhilfe, Dezemberhilfe, Überbrückungshilfen, ein spezielles Hilfsprogramm für Start-ups, ein Hilfsfonds für große Konzerne: Seit gut einem Jahr reiht sich ein Hilfsprogramm an das nächste.

Nicht alle Unternehmen profitieren von Hilfen

Wie viel das bringt, sei derzeit noch schwer zu beurteilen, sagt Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung: "Es sind ja relativ wenige Unternehmen in Insolvenz gegangen, was auch an den Hilfsprogrammen lag sicherlich, aber auch, weil man die Insolvenzantragspflicht rausgezögert hat. Wir erwarten da schon eine ganze Menge von Unternehmen, primär kleine Unternehmen, die da stark unter Druck stehen, und dann wird man sehen, ob das einzelne Sektoren besonders betrifft, wie da die Verlagerungen da sind."  

Klar ist aber schon jetzt: Nicht alle Unternehmen profitieren von den Hilfen gleich stark. So seien große Mittelständler zum Beispiel lange zu kurz gekommen, sagt Wettbewerbsexperte Wambach. Sie waren zu klein, um vom Corona-Hilfsfonds für Konzerne zu profitieren. Und zu groß für die Überbrückungshilfen für kleine Unternehmen. Das wurde nun durch höhere Obergrenzen bei den Überbrückungshilfen geändert: "Da ist jetzt ein gewisser Ausgleich geschaffen worden. Man wird sehen, wie weit er reicht."

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Kleine Unternehmen haben beim Beantragen der Hilfen ebenfalls oft Probleme. Die Bundessteuerberaterkammer kritisiert, dass die Hilfen so kompliziert sind, dass selbst Steuerberater erst aufwändig prüfen müssen, für wen sich eigentlich welches Programm eignet.

Und der Bremer Ladenbesitzerin Anna Dickreuter macht diese Bürokratie ebenfalls zu schaffen: "Also mein Steuerberater ist ja nur ein Steuerberater und nicht jemand, der spezialisiert ist auf Mode. Und der braucht halt von mir Beweise sozusagen, von denen ich selber nicht weiß, wie ich sie erbringen soll. Also wie soll ich beweisen, dass ich die Mode nicht verkaufen konnte? Das weiß mein Steuerberater auch nicht", sagt die Händlerin. Sie sei daher sehr unsicher, wie sie es schaffen soll, beim Beantragen der Hilfen keine Fehler zu machen.

"Also es ist so überfordernd dieses System. Das ist nicht für kleine Selbstständige gedacht. Das ist für große Unternehmen gedacht, die das leisten können, die das dokumentieren können. Das treibt mich einfach an den Rand dessen, was ich leisten kann."

Das lange Warten auf die Hilfsgelder

Ein weiteres Problem: Haben Unternehmen die Hilfen erfolgreich beantragt, dauert es teilweise Monate, bis das Geld fließt. Till Walz ist Mitgründer des "Jump House", einem Hamburger Unternehmen, dass Trampolinparks zum Freizeitspaß betreibt: "Ja, der Staat versucht etwas zu tun. Aber die Umsetzung, das Tempo ist erschreckend. Wir haben unsere Überbrückungshilfe drei – das ist die Hilfe, die ab Januar gezahlt werden soll – haben wir immer noch nicht erhalten. Man muss sich das mal vorstellen", ärgerte sich der Unternehmer Ende April.

Seit Anfang November ist sein Unternehmen inzwischen komplett geschlossen: "Das heißt, wir sind jetzt sage und schreibe den siebten Monat in der Vollschließung. Und es ändert sich nichts. Das einzige, was sich ändert, ist, dass die Situation für uns natürlich immer schwieriger wird. Wirtschaftlich auf der einen Seite, aber viel wichtiger: stimmungstechnisch."

Viele der rund 200 Jump-House-Mitarbeiter sind komplett in Kurzarbeit und resignieren inzwischen, sagt Till Walz: "Das wird in der ganzen Situation völlig unterschätzt, also: Was macht das eigentlich mit den Menschen, mit den Belegschaften? Wir sprechen hier von hunderten von Arbeitnehmern, die jetzt seit sechs Monaten im Prinzip ausgesperrt sind. Eingesperrt zu Hause und ausgesperrt von der Arbeit. Und das ist natürlich keine schöne Situation und da stellt sich eine Resignation ein, die wir auch mit Motivationsmaßnahmen immer schwerlicher auffangen können."

Wirtschaftlich kann sein Unternehmen die Hängepartie noch durch Rücklagen überbrücken. Doch bei vielen Unternehmen sei das anders, sagt Walz. Viele seien mit weniger Reserven in die Krise gestartet – zum Beispiel, weil sie vorher wichtige Investitionen getätigt haben – und müssten nun Kredite aufnehmen: "Die Coronasituation macht es für Unternehmen dahingehend schwierig, dass ich mir heute Kredite nehmen muss, die ich eigentlich nicht gebraucht hätte."

Dadurch hätten die betroffenen Unternehmen langfristig Nachteile: "Das führt dazu, dass ich in der Zukunft mir für neue Investitionen oder eine Expansion keine Kredite aufnehmen kann. Und das kann unter Umständen bei einzelnen Wettbewerbern dazu führen, dass sie sich in der Zukunft nicht mehr so frei bewegen wie sie es gekonnt hätten, wenn es kein Corona gegeben hätte."

Wer zurückzahlen muss mit Zinsen

Was viele Mittelständler besonders ärgert: Während sie auf staatliche Hilfe warten, scheinen manche Konzerne durch den sogenannten Wirtschaftsstabilisierungsfonds sehr schnell Hilfe zu bekommen – zum Beispiel die schon lange angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof. Wettbewerbsökonom Achim Wambach weist allerdings darauf hin, dass der Staat großen Unternehmen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds nur Kredite gewährt: "Die sind nicht gedacht worden als Geschenk, sondern zur Unterstützung um in der Krise liquide zu bleiben."

Sprich: Anders als kleine Unternehmen, die Zuschüsse bekommen, müssen Großunternehmen die staatliche Hilfe zurückzahlen – plus Zinsen. Und auch Staatsbeteiligungen wie bei Tui oder der Lufthansa sind an strenge Bedingungen geknüpft, sagt Wambach: "Hier ist es so, dass jeder Einzelfall vorher durch die Europäische Kommission untersucht wird. Ob das so okay ist. Und die Lufthansa zum Beispiel musste ja auch Start- und Landerechte abgeben in Frankfurt und München, damit der Wettbewerb nicht zu sehr verzerrt wird."

Achim Wambach (Uwe Anspach/dpa )Achim Wambach (Uwe Anspach/dpa )

Bemühungen, die staatlichen Hilfen fair zu gestalten, gibt es also. Dennoch: Dass große Unternehmen im Schnitt besser durch die Krise kommen als kleine, bleibt. Ob im Buchhandel, bei Speditionen oder bei Reisebüros: In vielen Branchen könnte die Marktmacht große Anbieter zunehmen, schreiben Marktforscher.

Für den Wettbewerb und damit für Verbraucher hätte das Nachteile, sagt der Volkswirt Achim Wambach: "Es gibt den Begriff der Killing Zones, dass man gar nicht mehr Innovationen sich traut zu machen, weil man Sorge hat, dass dann die Großen da reinschreiten und entweder einen aufkaufen oder es selber machen, sodass man da nicht mehr innovativ tätig ist."

Ob es so weit kommt, ist noch unklar. Denn es gibt widersprüchliche Entwicklungen. Einerseits treibt die Coronakrise die Digitalisierung voran. Und auch die digital aufgestellte Start-up-Branche ist laut dem zuständigen Bundesverband bisher relativ gut durch die Krise gekommen. Andererseits wurden laut des Statistischen Bundesamts in 2020 weniger neue Firmen gegründet. Und eine Studie von KfW Research zeigt, dass viele Mittelständler weniger in neue Ideen investiert haben:

"Problematisch ist, wenn Unternehmen die Krise überstanden haben, aber nur indem sie eben alles Geld, das sie eben noch hatten, ausgegeben haben. Das heißt, dass sie eben kein Geld für Innovation mehr übrighaben oder sich dafür extra verschulden müssen", sagt Christian Rusche vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Sicher ist: Gerade die Marktmacht der großen Plattformunternehmen steigt und steigt. Während Kinos geschlossen sind, boomen Streamingdienste. Und viele Gastronomen müssen ihr Essen nun bei Lieferando bewerben.

Diese Entwicklung lasse sich nicht wieder zurückdrehen, warnt Rusche: "Wenn die Kunden einmal einen Account haben und gemerkt haben, dass es ja ganz gut ist, zu Hause zu sitzen und sich das liefern zu lassen und dann werden sie auch nach der Krise dabeibleiben, insbesondere wenn sie alle Restaurants, die sie im Umkreis haben, die sie kennen, die sie vielleicht mögen, auch da drauf aktiv finden."

Eine strenge Regulierung von Plattformunternehmen ist daher durch die Krise noch wichtiger geworden: "Da gibt‘s schon zahlreiche Initiativen auf europäischer und auf deutscher Ebene, wie man eben dieser Marktmacht von Plattformen Herr wird. Also wir hatten jetzt die zehnte GWB-Novelle, wir haben den Digital Services Act, die jetzt vorgestellt werden und wir haben eine EU-Regulierung, die die Macht von Kartellbehörden gestärkt hat, gegen so Plattformen vorzugehen."

Online-Plattformen wie Amazon dürfen eigene Angebote nun nicht mehr prominenter platzieren als Produkte von Wettbewerbern. Außerdem kann das Bundeskartellamt Plattformen verbieten, wettbewerbsrelevante Daten zu nutzen, um sich gegenüber Konkurrenten Vorteile zu verschaffen. Mit Blick auf den Handel sei nach der Coronakrise darüber hinaus die Lokalpolitik gefragt, sagt Wettbewerbsforscher Achim Wambach:

"Das ist glaube ich die große Aufgabe für nach der Krise: Wie kriegen wir die Innenstädte wieder mit Leben gefüllt? Ich glaube, dass auch nach der Krise viele Leute erst einmal froh sind, wieder in die Stadt zu gehen, um da einzukaufen. Aber diese Motivation muss man dann auch nutzen und Strukturen schaffen, dass es attraktiv ist in die Stadt zu gehen."

Noch liegt das allerdings in weiter Ferne. Die Ladenbesitzerin Anna Dickreuter aus Bremen fragt sich, wie lange ihr Laden eigentlich noch geschlossen bleiben soll. Sie fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Und sie hat Angst vor Altersarmut, weil ihre Ersparnisse schwinden.

"Ich fühle mich überhaupt nicht wertgeschätzt, nicht gesehen. Ich finde, dass unsere gesamte Branche massiv entwertet wurde und damit meine ich gar nicht unbedingt die Modebranche, damit meine ich kleine und kleinststelbstständige und zum Teil ja auch mittelständische Unternehmen."

Wo der Frust wächst

Das Hin und Her zwischen Teilöffnung und Lockdown kann sie kaum noch ertragen. Sie wünscht sich viel mehr Konsequenz von der Politik, sagt sie: "Ich finde das hat absolute Priorität, Menschenleben zu retten. Und ich glaube, dass wir einen viel schärferen Lockdown bräuchten, um das zu erfüllen, was erfüllt sein muss, damit mein Geschäft wieder eröffnet werden darf. Und diese Lücke, die sozusagen die Politik schafft, auf die bin ich wütend."

Bei anderen Unternehmern wächst der Frust ebenfalls. Till Walz von der Hamburger Trampolinkette Jump House: "Wir arbeiten mit Hochdruck an Strategien der Wiedereröffnung. Das Ganze mit der Erschwernis, dass es keinerlei Rand- und Rahmenbedingungen seitens des Staates gibt."

Aus Sicht von Walz fehlt ein Fahrplan, wie Unternehmen aus der Freizeitindustrie in absehbarer Zeit überhaupt wieder öffnen können. Sollen sie zum Beispiel Testnachweise von Kunden verlangen? Oder selbst, vor Ort testen? "Das kann man doch mal vorbereiten. Man kann doch jetzt mal annehmen: Was wäre, wenn die Inzidenz unter 100 gesunken ist. Wie machen wir das? Was heißt denn das? Und dann werden Anweisungen über die Gesundheitsämter rausgegeben an die Industrie, an die Wirtschaft. Und dann können wir heute mit gutem Vorlauf planen und uns vorbereiten. Aber das findet nicht statt."

Sein Unternehmen bereitet sich daher auf verschiedene Szenarien vor. Das Team überlegt sich also: Was könnte die Politik potentiell entscheiden – und versucht dann, Vorkehrungen zu treffen. "Wir müssen raten, mutmaßen und irgendwelche Annahmen treffen. Und  das ist einfach ineffizent. Es ist ineffizent und frustrierend."

Vielleicht Ende Mai, Anfang Juni werden seine Trampolinparks wieder öffnen können, hofft Till Walz. Doch eine klare Prognose wagt er schon lange nicht mehr.

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