Vor 50 Jahren gestorbenMax Steiner, "Vater der Filmmusik"

Er war der einflussreichste und produktivste Film-Komponist in Hollywood. Unter den rund 350 von Max Steiner vertonten Filmen finden sich viele unsterbliche Klassiker der Filmgeschichte wie etwa „Casablanca“. Am 28. Dezember 1971 starb der gebürtige Wiener in Beverly Hills.

Von Hartmut Goege | 28.12.2021

Der Komponist Max Steiner am Klavier
Der Komponist an seinem Arbeitsgerät (picture alliance / Mary Evans Picture Library )
(Musik) Mit diesem Opus zum Kino-Meilenstein „Vom Winde verweht“ schuf der Filmkomponist Max Steiner 1939 eine der längsten Filmpartituren aller Zeiten. Der mehr als zweieinhalb Stunden lange Soundtrack galt vielen jahrzehntelang als Inbegriff amerikanischer Filmmusik.
Als der gebürtige Österreicher am 28. Dezember 1971 mit 83 Jahren in Beverly Hills starb, zählte er zu den produktivsten Filmkomponisten der Filmgeschichte. Steiner schrieb vor allem Kompositionen im symphonischen Stil der europäischen Spätromantik, wie etwa die Vorspann-Fanfare für alle Warner-Brothers-Filme.
Liebesszene zwischen Scarlett O'Hara (Vivien Leigh) und Rhett Butler (Clark Gable) in dem Film "Vom Winde verweht" aus dem Jahre 1939.
Einer der Filme mit Soundtrack von Max Steiner: David O. Selznicks "Vom Winde verweht" (picture-alliance / dpa)

Geboren 1888 in Wien

Das musikalische Rüstzeug hatte er sich aus seiner Heimatstadt Wien mitgebracht, wo er als Spross einer Künstlerfamilie 1888 geboren wurde. Seine Eltern waren mit Richard Strauss befreundet, sein Vater leitete mehrere Wiener Opernhäuser. Schon als Kind zeigte sich seine außergewöhnliche Begabung. Mit zwölf ließ ihn sein Vater eine Operette dirigieren, mit der er als Dirigenten-Wunderkind sogar in Moskau auftrat. Nach einem Musikstudium mit Bestnoten nahm der gerade 16-jährige Max ein Angebot aus London an, da der Vater mit seinen künstlerischen Unternehmungen in Konkurs gegangen war.
„Und ich musste mein eigenes Leben verdienen, war sehr einfach. Ich bin mit der ‚Lustigen Witwe‘ nach England gegangen, bis 1914, bis der Krieg ausgebrochen ist. Und durch meine Freundschaft mit dem Duke of Westminster habe ich einen Pass bekommen, nach Amerika zu gehen. Und da bin ich zu ‚Ziegfeld Follies‘ gekommen ins ‚Amsterdam-Theater‘ nach New York. Und seitdem bin ich immer hier.“

Vorbild war Wagners Leitmotiv-Technik

Nach 15 Jahren als Dirigent am Broadway landete Steiner 1930 in Hollywood, wo sein kometenhafter Aufstieg begann. Die Studios bauten mit Beginn der Tonfilmära eigene Musikdepartements auf. Steiner gelang es, die Musik eigenständig im ästhetischen Gesamtkonzept eines Spielfilms zu etablieren. Er entwickelte das sogenannte Underscoring, bei der die Musik durchgehend Aktionen und Gefühle auf der Leinwand begleitet, um die dramatische Wirkung zu steigern. Sein Vorbild war die Leitmotiv-Technik Richard Wagners: unterschiedliche Stimmungen oder Personen erhielten eigene Tonfolgen oder musikalische Themen.
Erstmals perfekt gelang das 1933 im Horror-Film-Klassiker „King Kong“. Steiner synchronisierte die Musik mit einem 80-Mann-Orchester exakt zum Geschehen auf der Leinwand. Auf dramatische Pausen, etwa für den Todesschrei eines Mannes, folgt ein finaler Orchestereinsatz, der die vor dem Monsteraffen panisch fliehenden Menschen mit rhythmisch hellen Bläsersätzen begleitet. Und im Szenenwechsel antwortet das Orchester auf das tiefe Grollen des Bäume-ausreißenden King Kong mit ebenso tiefen Tuba-Klängen.
Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart im Film Casablanca
Durch Steiners Filmmusik-Techik des "Underscoring" wusste das Publikum in jedem Moment, was es zu fühlen hatte (AP Archiv)
Steiners leitmotivisch geniale Musikkomposition war so erfolgreich, dass sich Hollywoods Produzenten immer häufiger auf die dramaturgische Finesse von Filmmusik verließen. Die Musik nahm die Zuschauer gleichsam an die Hand, um ihnen zu sagen, was sie wann und wie zu fühlen hatten.
Nach diesem Prinzip hatte Steiner auch Kompositionen für so erfolgreiche Filme wie die Humphrey-Bogart-Klassiker „Big Sleep“ oder „Casablanca“ geschrieben.

22 Oscar-Nominierungen

Für „Casablanca“ erhielt Steiner eine seiner insgesamt 22 Oscar-Nominierungen. Dreimal gewann er die Trophäe. In 35 Jahren komponierte er die Scores zu rund 350 Filmen in allen Genres. Sechs Jahre vor seinem Tod verabschiedete er sich wegen eines Augenleidens aus dem Filmgeschäft und lebte mit seiner Frau Leonette zurückgezogen in Beverly Hills. Seine Popularität aber blieb ungebrochen. Fast täglich erreichte ihn dort Fanpost aus der ganzen Welt.
„Ganz unglaublich! Ich bekomme Briefe sogar von China. Sehr viel von Japan, von Italien, sogar von Russland. Alle wollen Platten haben, und die wollen ein Bild von mir haben, wie ich ausschaue. Und die wollen meine Unterschrift haben. Ich kann‘s gar nicht beantworten, das ist ganz unmöglich.“
Als „Vater der Filmmusik“ wurde Max Steiner einer der einflussreichsten Pioniere in der Geschichte der kommerziellen Filmmusik. Er hat die sogenannte „goldene Ära Hollywoods“ musikalisch geprägt und gilt vielen zeitgenössischen Filmkomponisten bis heute noch als Vorbild.