Twitter-Alternative Bluesky
Nur das Blaue vom Social-Media-Himmel?

Seit X-Chef Elon Musk eine Wahlempfehlung für die AfD geteilt hat, verlassen immer mehr Nutzer das Netzwerk, ehemals Twitter, in Richtung Bluesky. Ist die Plattform eine echte Alternative? Und was unterscheidet sie von Mastodon und Threads?

Text: Isabelle Klein | Falk Steiner im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 05.10.2023
Die App von Bluesky ist auf einem Smartphone zu sehen. Der Dienst der Twitter-Alternative Bluesky ist bisher nur mit Einladungen nutzbar, damit die Infrastruktur nicht auf einen Schlag überlastet wird.
Bluesky macht seinem Namen im Logo alle Ehre. Die App ist bisher nur mit Einladungen nutzbar. (picture alliance / dpa / Fernando Gutierrez-Juarez)
Die Bluesky-App sieht auf den ersten Blick wie ein Klon des Konkurrenten Twitter aus, den Multimilliardär Elon Musk nach der Übernahme in X umbenannt hat: Es gibt Kurznachrichten, die gelikt, geteilt und kommentiert werden können und auf der App-Oberfläche ist alles ungefähr da, wo es bei X auch zu finden ist.
Das Logo von Bluesky aber setzt noch einen anderen Ton. Während X ein schnörkelloses, dunkles Icon verpasst wurde, ist die Welt bei Bluesky noch verspielt wie einst der freundlich blaue Twitter-Vogel. Die kleinen Wölkchen vor strahlend blauem Himmel wirken retro und verheißen eine Wohlfühlatmosphäre: Trolle, Hass und politische Brandstifter können gerne draußen bleiben. Heile Welt.

Bluesky profitiert vom schlechten X-Image

Das wiederum ist genau das Gegenteil von dem, was X unter Musks erratischer Führung geworden ist und was derzeit auch die Werbeeinnahmen eklatant einbrechen lässt: „Der Anstieg von Fake News, die Zunahme von Hate Speech oder die Äußerung teils extremer politischer Haltungen haben bei vielen Unternehmen offenbar zu massiver Verunsicherung geführt“, so Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder.
Nicht nur bei Unternehmen – auch bei Nutzern ist diese Verunsicherung zu spüren. „Lange Zeit dachte ich, das mit Musk beruhigt sich wieder. Der Spuk geht vorbei“, schrieb etwa der Social Media-Experte Martin Fehrensen Anfang Oktober in seinem Newsletter und verkündete gleichzeitig seinen Abschied vom Netzwerk. Er wolle mit seinem Account „nicht länger dazu beitragen, dass X als relevantes Netzwerk erachtet wird. Ich möchte, dass Elon Musk mit seiner Plattform und seiner politischen Agenda scheitert“.
Kritiker werfen Musk schon länger eine Unterstützung rechtsradikaler Positionen vor. Dass Musk, der bei X mehr als 158 Millionen Follower hat, vor ein paar Tagen auf seiner Plattform eine Wahlempfehlung für die AfD teilte, war für viele wohl der Tropfen zu viel im Fass und ließ kurzerhand den Begriff „Code“ bei X trenden: Nutzerinnen fragten nach einem Einladungscode für Bluesky.
Denn das ist anders als bei X: Man kann sich dort nicht einfach anmelden. Die App befindet sich noch in einem Beta-Status und man muss von anderen Nutzern eingeladen werden oder kann sich auf eine Warteliste setzen lassen: Eine bewährte Marketing-Methode. Die große Nachfrage ließ „Taz“-Journalist Gereon Asmuth überspitzt von der „aktuell wohl größten Fluchtbewegung im virtuellen Raum" sprechen. Oder auch: ein Hype.

Dezentrale Organisation aber keine echte Unabhängigkeit

Doch ist bei Bluesky wirklich alles besser? Ein Pluspunkt für viele ist die Abstinenz eines allein-kontrollierenden Unternehmenschefs à la Musk. Entwickler sollen ihre eigenen Ideen einbringen können und wer das Netzwerk verlassen will, der kann seine Daten mitnehmen. Wichtig für Bluesky ist laut Selbstdarstellung auch die dezentrale Organisation, mit der das Unternehmen an die Entstehungszeiten des Internets anknüpfen will. Bluesky ist deshalb noch lange nicht unabhängig. Es wurde 2021 aus Twitter heraus gegründet - und im Aufsichtsrat von Bluesky sitzt der altbekannte Twitter-Gründer Jack Dorsey.
Auf wirkliche Dezentralisierung setzt die Plattform Mastodon, die kurz nach Musks Übernahme ebenfalls Zuwächse verzeichnete, und vieles besser machen möchte als Twitter/X, beispielsweise auch in Sachen Datenschutz. Doch sie galt vielen als „zu kompliziert“: „Viele schreiben, dass sie Bluesky weniger umständlich finden und spontan besser damit klarkämen“, sagt Netzaktivistin Anne Roth gegenüber Netzpolitik.org.

"Nett" - aber eine ziemliche "Bubble"?

Der Umstieg von X auf Bluesky hingegen ist einfacher: Alles scheint an seinem Platz, so wie man es von Twitter/X gewöhnt ist. Auch wenn es Funktionen wie Direktnachrichten, Videos und Hashtags bei Bluesky bisher nicht gibt. Die Reichweite ist aller „Fluchtbewegungen“ zum Trotz auch noch klein. Nach eigenen Angaben knackte Bluesky Mitte September die Millionen-Nutzer-Marke – von den 240 Millionen Nutzer bei Twitter ist man also noch sehr weit entfernt.
Auch Politikerinnen und Politiker, öffentliche Personen und Medienhäuser, die bei Twitter/X sehr aktiv waren oder sind, kommen erst nach und nach zum Netzwerk. Doch vielleicht ist das Netzwerk auch gerade deshalb noch so „nett“ oder, wie es Grünen-Politiker Jan Philipp Albrecht bei Bluesky schreibt: "Auch mal schön, sich gegenseitig das Blaue vom Himmel zu versprechen. Genießen wir es, bis die ganzen verified Hater wieder mit im Schlepptau sind." Andere wiederum kritisieren, dass sich hier eine homogene "Bubble" bilde: "Da bleibt man dann auch schön unter sich und bestätigt sich gegenseitig in seiner Meinung", kritisiert etwa Micky Beisenherz in seinem Podcast.
Und dann ist da ja noch ein anderer Konkurrent, der in Deutschland bisher gar nicht verfügbar ist, aber durch seine Anbindung an etablierte Netzwerke potentiell schon viele Nutzerinnen mitbringt: Threads von Meta. Das Angebot ist eng mit der Meta-Tochter Instagram verflochten und hat, wie alle Meta-Produkte, Kritik in Sachen Datenschutz einstecken müssen. Im Vergleich dazu soll Bluesky deutlich weniger Daten sammeln. Doch das könnte sich auch noch ändern.