Freitag, 12. April 2024

Folgen der Staudamm-Zerstörung
Versteppung, steigende Getreidepreise und bedrohte Kulturgüter

Weite Teile der Südukraine sind nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms überflutet. Noch verheerender könnten die langfristigen Folgen für Mensch und Natur sein. Schon jetzt sind erste Auswirkungen spürbar - auch international.

16.06.2023
    Ein Bus steht bis zur Hälfte überflutet in einer Straße in Cherson.
    Nach dem Dammbruch in der Südukraine gelangen Öl, Chemikalien und andere schädliche Stoffe in das Wasser, das die Region überflutet. (SOPA Images / LightRocket via Gett / SOPA Images)
    Noch immer ist die Ursache für den Bruch des Kachowka-Staudamms in der südukrainischen Region Cherson unklar. Die Ukraine und Russland beschuldigen sich gegenseitig, für die Zerstörung verantwortlich zu sein.

    Redaktionell empfohlener externer Inhalt

    Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

    Am 6. Juni 2023 ist der Staudamm gebrochen und weite Teile der Südukraine sind von zum Teil meterhohen Wassermassen überflutet worden. Eine knappe Woche später geht der Wasserstand in Teilen des betroffenen Gebietes zurück. Die Schäden durch den Staudammbruch für Menschen, Umwelt und Landwirtschaft werden aber in die Milliarden gehen, befürchtet die Ukraine.

    Welche Folgen gibt es für die Trinkwasserversorgung?

    Durch den Bruch des Kachowka-Staudammes und die Überschwemmungen sind nach Angaben der ukrainischen Regierung Hunderttausende Menschen von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Die Trinkwasserkanäle können nicht mehr aus dem Stausee gespeist werden, der eines der größten Wasserreservoire der Ukraine war. Zurzeit werden die betroffenen Orte mit Trinkwasser per Eisenbahn oder Lkw versorgt.
    Es sind bereits einige Regionen in der Nähe des Überschwemmungsgebietes von den Problemen bei der Wasserversorgung betroffen. In der Region Dnipropetrowsk beispielsweise wurde eine Rationierung angeordnet.
    Die Lage vor Ort sei dramatisch, sagte Jürg Eglin vom Internationalen Roten Kreuz in Kiew. Man arbeite mit lokalen Einheiten gemeinsam an der Wasserversorgung und der Seuchenbekämpfung. Zu einigen der von Russland besetzten Gebiete östlich des Dnjepr habe man keinen direkten Zugang, sei aber in Verhandlungen.
    Was dieser Staudammbruch langfristig für die Versorgung dieser Regionen besonders mit Trinkwasser bedeutet, ist noch nicht absehbar. Hunderttausende Menschen könnten betroffen sein.

    Wie sehen die Folgen für die Energieversorgung aus?

    Die Zerstörung des Staudamms kommt einem erneuten Anschlag auf die Energieinfrastruktur gleich – nach den zahlreichen Attacken auf ukrainische Energieanlagen ab dem Herbst 2022. Durch den geborstenen Staudamm fallen neben dem zerstörten Wasserkraftwerk noch zwei weitere Kraftwerke längerfristig aus, die flussaufwärts vor dem Staudamm stehen: das Atomkraftwerk Saporischschja sowie ein Kohle- und Gaskraftwerk. Ihnen fehlt ohne den Stausee ausreichend Kühlwasser.
    In der Folge des Dammbruchs in der Südukraine sind Zehntausende Verbraucherinnen und Verbraucher ohne Strom. Für das gesamte Land reicht laut dem Energienetzbetreiber Ukrenergo derzeit die Stromproduktion zwar aus. Doch durch die Zerstörung des Wasserkraftwerkes in Nowa Kachowka sind die anderen Kraftwerke stärker belastet. Langfristig sind somit mehr Reparaturen zu erwarten. Deshalb hat Ukrenergo die Bevölkerung zum Stromsparen aufgerufen.
    Allerdings wurde der Strom aus dem Wasserkraftwerk in Nowa Kachowka bereits seit 2022 nicht mehr in das ukrainische Stromnetz eingespeist, weil die Region unter russischer Kontrolle stand.
    Die Zerstörung des Staudammes und deren Folgen für die anderen Kraftwerke sei ein heftiger Schlag für die Ukraine auch mit Blick auf die ökonomische Perspektive des Landes nach einem Ende des Krieges, sagt der Militärexperte Gustav Gressel. Vor dem Krieg war das Land Stromexporteur. „Gerade große Flusskraftwerke, Atomkraftwerke wären die einzige Infrastruktur, die nach dem Krieg unmittelbar funktionsfähig und deshalb für den Wiederaufbau wichtig wäre.“

    Was sind die Folgen für das Atomkraftwerk Saporischja?

    Bislang besteht laut der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) für das Atomkraftwerk Saporischja mit Blick auf Unfälle, Kernschmelze oder Ähnliches keine unmittelbare Gefahr. Zugleich wird aber darauf hingewiesen, dass die Menge des mit dem Stausee zusammenhängenden Kühlwassers einen bestimmten Stand nicht unterschreiten darf.
    Es wird befürchtet, dass ein Reservoir demnächst leer sein könnte. Für die nächsten Monate reicht nach IAEA-Angaben aber ein Kühlbecken direkt am AKW aus. Es stellt sich jedoch die Frage, wie die Kühlung mittel- und langfristig gewährleistet werden kann – auch weil das AKW sehr nah an der Front liegt.
    Hinzu kommt laut IAEA und der Umweltorganisation Greenpeace die Gefahr von Schäden am Deich um das Kühlbecken. Wegen der veränderten Pegelstände könnte er unter zu hohen Druck geraten. Zudem könnte das Becken durch Kriegshandlungen beschädigt werden.
    Grundsätzlich gilt, dass die gegenwärtige Entwarnung nur möglich ist, weil die Reaktoren abgeschaltet sind und das Atomkraftwerk lediglich in einer Art Basismodus läuft. Ein regulärer Betrieb des AKW ist wegen des Kühlwassermangels in absehbarer Zeit nicht möglich.

    Welche Folgen hat der Dammbruch für die ukrainische Landwirtschaft und Fischerei?

    Mehr als 20.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche sind durch den Bruch des Kachowka-Staudamms laut ukrainischen Angaben überschwemmt.
    Das bedeutet zum einen: Die diesjährige Getreideernte wird vernichtet. Zum anderen spülen die Wassermassen den fruchtbaren Ackerboden weg und zerstören die Bewässerungssysteme, die aus dem Stausee gespeist wurden. Es wird weniger Getreide geerntet und exportiert werden können, und das auf Jahre hinaus. Neben dem Stromexport ist der Getreideexport der zweite große Wirtschaftszweig der Ukraine.
    Ohne Bewässerung werden laut ukrainischen Angaben mindestens 500.000 Hektar Land veröden und zu einer Steppen- oder Wüstenlandschaft werden. In dieser Gegend wurden vor allem Gemüse, Melonen, Getreide und Ölsamen angebaut.
    Experten erwarten zudem, dass durch die Überflutung Chemikalien und Schmierstoffe aus der Industrie in den Boden gespült werden. So würden Ökosysteme und die Artenvielfalt dauerhaft geschädigt, was die Landwirtschaft der Ukraine stark beeinträchtigen würde.
    Langfristig könnte die Wasserversorgung auch über die Region hinaus mit Blick auf die Krim ein Problem sein. Die Halbinsel im Schwarzen Meer wird normalerweise über einen Kanal mit Wasser aus dem Kachowka-Stausee versorgt.

    Schadstoffe sorgen für Fischsterben

    Enorme wirtschaftliche Schäden sind auch in der Fischerei absehbar. Bereits jetzt ist ein Fischsterben in verheerendem Ausmaß zu beobachten. Als Auslöser gelten vor allem Schadstoffe, die etwa aus dem zerstörten Wasserkraftwerk, aus überfluteten Industriebetrieben oder Mülldeponien ins Wasser gelangten.
    Große Fischzuchtbetriebe sind vollkommen zerstört. In dieser Region wurden sehr wertvolle Störe gezüchtet. Fischer und Landwirte bangen um ihre Existenzen.

    Was sind die Folgen für die internationale Ernährungssicherheit?

    Der geborstene Kachowka-Staudamm wirkt sich auch global aus. Der Süden der Ukraine gilt als die Kornkammer Europas, vielleicht sogar der Welt. Wenn hier riesige Gebiete nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sind, wird das als Bedrohung der globalen Ernährungssicherheit gesehen.
    Hinzu kommt: Der Fluss Dnipro ist laut der ukrainischen Schifffahrtsverwaltung streckenweise unpassierbar. Demnach ist eine wichtige Exportroute für Getreideprodukte blockiert. Der bereits geringere Getreideexport der Ukraine bedeute für sehr arme Länder wie Äthiopien, Jemen oder Somalia zusätzliches Leid, sagte die Sprecherin der Deutschen Welthungerhilfe, Simone Pott, am 9. Juni dem Sender Phoenix.
    Allerdings wurde laut Joseph Glauber, einem ehemaligen Chefökonomen des US-Landwirtschaftsministeriums, in der Südukraine wegen der Nähe zur Front zuletzt weniger Weizen angebaut. Klar ist aber: Die Menge an Getreide und Mais, die noch auf den von der Überflutung direkt und indirekt betroffenen Gebieten angebaut wurde, wird möglicherweise für mehrere Jahre wegfallen.

    Wie sehen die Folgen für die Umwelt aus?

    Die Auswirkungen des Kachowka-Dammbruchs auf das Ökosystem rund um den Kachowka-Stausee sind vielfältig. Alleine das Absinken des Wasserspiegels im Stausee beeinflusst das Ökosystem der gesamten Südukraine negativ.
    Hinzu kommt, dass das Wasser, das sich in die Gebiete entlang des Dnipro ergießt, durch Treibstoff, Schmierstoffe und andere Substanzen aus Industriebetrieben, Kläranlagen oder Mülldeponien verschmutzt ist. Allein aus dem durch den Dammbruch zerstörten Wasserkraftwerk sollen mindestens 150 Tonnen Maschinenöl in den Fluss Dnipro gelaufen sein.
    Diese Schadstoffe töten nicht nur Fische, Pflanzen und andere Lebewesen des Flusses, sie gelangen auch ins Schwarze Meer und setzen dort ihre zerstörerische Wirkung auf das Ökosystem fort.
    Hinzu kommt, dass das Dniprodelta nach ukrainischen Angaben ein wichtiges Feuchtgebiet mit Naturschutzgebieten, Nationalparks sowie vielen Pflanzen- und Tierarten ist. Ein Beispiel ist die bereits bisher vom Aussterben bedrohte Sandblindmaus. Sie kommt nur dort vor. Nun wird befürchtet, dass sie endgültig aussterben könnte.
    Auch die befürchtete Entwicklung einer Wüstenlandschaft auf der bisherigen Landwirtschaftsfläche hätte weitreichende, noch nicht wirklich absehbare Folgen.

    Welche Folgen gibt es für die Kultur?

    Durch die Zerstörung des Kachowka-Staudamms sind nach Angaben des ukrainischen Kulturministeriums mehr als 20 Kulturstätten bedroht. Die Behörde veröffentlichte eine Liste der Kulturobjekte, die durch die Flutwellen beschädigt oder gänzlich ruiniert sein sollen.
    Die meisten davon befinden sich auf der von Russland besetzten südlichen Seite des Flusses Dnipro. Unter anderem die im 14. Jahrhundert gegründete Festung Tjahyn oder die sogenannte Ponjatiwske-Siedlung der Eisenzeit aus dem 4. Jahrhundert v. u. Z. gehören den Angaben des Ministeriums zufolge zu den gefährdeten Objekten.

    Annette Bräunlein, Reuters, dpa, AP, KNA