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StartseiteHintergrundWie die Welt künftig ernährt werden soll09.09.2021

UN-Gipfel gegen HungerWie die Welt künftig ernährt werden soll

Schrumpfende Anbauflächen, wachsende Hungersnot, bedrohte Biodiversität - auf dem Ernährungsgipfel der Vereinten Nationen geht es um die Frage nach dem richtigen globalen Ernährungssystem. Mit am Tisch sitzt die Agrarindustrie, die vor allem auf mehr Produktion und Technologie setzt.

Von Jantje Hannover

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Mitglieder einer ökologischen Bauern-Kooperative im einem Feld nahe der Stadt Divo, Elfenbeinküste (Issouf SANOGO / AFP)
Ökologische Landwirtschafts-Kooperative in der Elfenbeinküste - die UN berät auf einem Gipfel über ein globales Ernährungskonzept (Issouf SANOGO / AFP)
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Der Weltacker im Botanischen Volkspark Berlin-Pankow. Auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern zeigt das Gelände ganz genau, welche Feldfrucht die Landwirte dieser Erde auf wieviel Fläche anbauen. Dafür ist der Acker in mehrere von kleinen Wegen umsäumte Felder gegliedert - in dem einen Feld wächst Weizen, in einem anderen Mais, Reis, Bohnen, Sonnenblumen und vieles mehr. An den Rändern blühen Klatschmohn und Kornblumen, Bienen und Schmetterlinge schwirren umher.

Sojaanbau hat sich verfünfzigfacht

Gärtner Ekke Spiegel fährt gerade eine mit Heu gefüllte Schubkarre durch die engen Wege. Mit dem Heu will er die Bohnen abdecken – eine biologische Methode zur Unkrautbekämpfung. Denn auf dem Weltacker kommt keine Agrarchemie zum Einsatz. Teilt man die gesamte Ackerfläche der Erde durch die Anzahl der fast acht Milliarden Menschen, die zurzeit leben, kommen rund 2.000 Quadratmeter heraus. Das ist genau die Größe des Weltackers, der anschaulich machen soll, welcher Anbau in welchem Maße stattfindet. Eine Besucherin hat sich am Sojafeld zu Gärtner Ekke Spiegel gesellt: "Aber Soja hat gar nicht so eine große Fläche?" - "Das ist die viertgrößte Kultur!" - "Nach Reis?" - "Nach Weizen, Mais, Reis kommt sofort Soja – das hör ich hier öfter mal: das ist ja gar nicht so groß! Das ist riesig! Das hat sich vor allem extrem gesteigert – wenn man sich über die letzten 30, 40, 50 Jahre das anguckt, das hat sich mindestens verfünfzigfacht! Das ist die Futterseite der industriellen Massentierhaltung, vor allem der Schweinehaltung."

1,6 Milliarden Hektar Ackerflächen gibt es auf der Erde. Nach den Zahlen des Umweltbundesamtes wächst nur etwa auf einem Fünftel davon Nahrung für die menschliche Ernährung. Auf den übrigen vier Fünfteln wird dagegen Tierfutter und Biosprit produziert. Meistens sind es Großgrundbesitzer, die hier industriell Mais und Soja für den Export anbauen.

Immer weniger Anbauflächen für Landwirtschaft

Aber die Anbauflächen weltweit schrumpfen. Zum Beispiel durch Bodenerosion. Und auch der Klimawandel zerstört Böden und macht in immer mehr Regionen die Landwirtschaft schwieriger oder sogar unmöglich. Gleichzeitig wächst die Menschheit weiter, und die weltweite Ackerfläche lässt sich kaum noch ausdehnen, wenn man Wälder, Wiesen und Auen für die Artenvielfalt erhalten möchte. Benedikt Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die auch den Weltacker in Berlin betreibt, bleibt trotzdem zuversichtlich:

"Man muss erst mal sagen: es ist mehr als genug Ackerfläche vorhanden, um uns alle zu ernähren. Und dazu muss man auch immer im Kopf behalten: was wir im Moment anbauen jedes Jahr, würde ausreichen um zwölf Milliarden Menschen zu er­nähren."

Und trotzdem gehen immer noch mehr als 800 Millionen Menschen hungrig zu Bett. Und viele davon sind selbst Kleinbauern – und Kleinbäuerinnen. Sie erwirtschaften auf einem Bruchteil der weltweiten Ackerfläche bis zu 70 Prozent der menschlichen Nahrung, gesicherte Zahlen gibt es hier nicht, sagt Härlin. Benedikt Härlin bezieht sich auf den Weltagrarbericht aus dem Jahr 2008. Über 400 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hatten im Auftrag der Weltbank Studien zur Welternährung zusammengetragen:

"Der Welt-Agrarbericht an dem ich mitwirken durfte, der hat Ernährungssouveränität defi­niert als das Recht von Personen und Staaten, demokratisch die Art und Weise, wie sie sich ernähren, zu bestimmen. Also darauf zu achten, dass die Menschen selbst die Kontrolle dar­über gewinnen oder auch zurückgewinnen, wie sie sich ernähren, ist glaube ich der Schlüssel zum Erfolg."

Hunger auf der Welt wächst

Der Kampf gegen den Hunger dauert schon viele Jahrzehnte an. Und obwohl es wichtige Erfolge zu verzeichnen gab, ist der Hunger weltweit wieder auf dem Vormarsch. Die deutsche Welthungerhilfe rechnet mit bis zu einer Milliarde Betroffener im nächsten Jahr. Besonders tragisch ist dabei, dass inzwischen auch wieder immer Menschen von existenziellem Hunger bedroht sind. Gemeint ist also Hunger, der tödlich enden kann. Michael Fakhri ist der Berichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung:

"Die letzten Zahlen für 2020 gibt es noch nicht, aber es sieht nicht gut aus. Geschätzt 155 Millionen Menschen in der ganzen Welt brauchen dringend Nahrungsmittelhilfe - das ist die höchste Zahl seit fünf Jahren. Auch die Gefahr echter Hungersnöte ist gestiegen, 41 Millionen Menschen in 43 Ländern sind konkret durch Hungersnöte gefährdet, wenn wir nicht bald das Ernährungssystem ändern."

Ein Grund für diesen Anstieg ist die Pandemie. Neben der dramatischen Situation in Syrien, dem Jemen und anderen Kriegsschauplätzen oder der Dürre in Madagaskar. Corona hat den Kampf gegen den Hunger um Jahre zurückgeworfen. Denn die lokalen Lieferketten sind immer noch gestört, weil viele Kleinbauern die Märkte in den Städten mit ihren Ernten nicht erreichen können. Und genau auf diese kleinen Märkte sind die Ärmsten angewiesen, das Essen in den Supermärkten ist für sie schlicht zu teuer.

Food Systems Summit der UN gegen wachsenden Hunger

Wie der Hunger zurückgedrängt werden kann, wie die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen erreicht werden können, darum geht es auf dem Ernährungssystem-Gipfel, dem Food Systems Summit, am 23. September in New York. Er wird von den Vereinten Nationen gemeinsam mit dem Weltwirtschaftsforum ausgerichtet: "Der Gipfel hat tatsächlich einen Ansatz, dass man das ganze Ernährungssystem anschauen muss", sagt Urs Niggli, der im Wissenschaftspanel des Gipfels sitzt.

"Eine nachhaltige Landwirtschaft ist nicht möglich, wenn die Menschen sich nicht auch nachhaltig ernähren. Solange die Menschen sehr verschwenderisch mit Lebensmitteln umgehen, solange sie so viel Fleisch konsumieren, soviel Food-Waste produzieren, da ist die Landwirtschaft in einer ganz starken Zwickmühle. Sie produziert möglichst billig, möglichst viel, und das ist ein Teufelskreis."

Sojaanbau in der Provinz Entre Rios in Argentinien mit Einsatz von Herbiziden (PABLO AHARONIAN / AFP)Sojaanbau mit Herbiziden in der Provinz Entre Rios in Argentinien (PABLO AHARONIAN / AFP)

Ein Teufelskreis, denn die intensive und einseitige Landwirtschaft treibt auch das weltweite Artensterben an. Indem sie Regenwald zerstört, um Soja für die Tierzucht in Europa anzubauen zum Beispiel, wie das derzeit in Brasilien geschieht. Dazu kommen chemische Pestizide, die neben den Schadinsekten auch Nützlinge töten. Und auch Kunstdünger zerstört Böden und setzt Klimagase frei. Martin Frick ist der stellvertretende Leiter des Gipfels. Er fasst die Agenda des Food Systems Summit noch weiter: "Es geht um alle 17 nachhaltigen Entwicklungsziele."

Diese Ziele der Vereinten Nationen werden SDGs genannt – "Sustainable Development Goals". Sie sollen bis zum Jahr 2030 erreicht sein. "Armutsbekämpfung und Hungerbekämpfung sind nicht durch Zufall die SDGs Nummer eins und Nummer zwei. Natürlich steht das im Zusammenhang. Aber es geht auch um Gesundheit. Wir haben bei Corona gesehen, wie verletzbar Bevölkerungsgruppen sind, die keinen Zugang zu gesunder Ernährung haben. Es geht um Klimawandel, es geht um Biodiversitätsverlust."

Zuviel Zucker, zuviel Fleisch - Konsum auf dem Prüfstand

Und es geht zum Beispiel auch um die zwei Milliarden Übergewichtigen in der Welt, ergänzt Cornelia Berns. Sie leitet im deutschen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Unterabteilung Welternährung: "Richtig ist aber, dass sich in vielen Ländern, und nicht nur in Industrieländern, die Ernährungsgewohnheiten geändert haben. Die Menschen essen zu viel Zucker, ungesunde Fette und zu viel Salz. Und sie essen häufig auch einfach zu viel." 

Zum Beispiel auch zu viel Fleisch, wie die vom Ministerium eingesetzte Zukunftskommission Landwirtschaft in ihrem Abschlussbericht schreibt. Fettleibigkeit sowie ernährungsbedingte Krankheiten belasten weltweit die Gesundheitssysteme, beklagt Berns. Sie adressiert darüber hinaus die Lebensmittelverschwendung:  "Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die FAO, schätzt, dass weltweit jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verloren gehen. Ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Produktion. Lebensmittelverschwendung zu reduzieren ist auch ein wichtiger Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz, vor allem trägt er zur Ernährungssicherung bei."

Rinder auf dem Markt in Liniers, Buenos Aires (RONALDO SCHEMIDT / AFP)Fleischkonsum als Problem: Rinder auf dem Markt in Buenos Aires (RONALDO SCHEMIDT / AFP)

Das sehen viele Organisationen aus der Zivilgesellschaft, die sich im Kampf gegen den Hunger engagieren, genauso. Darüber hinaus fordern sie aber, auch die extreme Ungerechtigkeit im Ernährungssystem auf dem Gipfel zu thematisieren: "Wir sehen, dass die Agrar- und Ernährungskonzerne jedes Jahr Milliardengewinne machen", kritisiert Lena Bassermann vom entwicklungspolitischen Netzwerk Inkota. "Wir sehen also ein wahnsinniges Machtgefälle hier, und wir sehen eben auch, dass die Menschen, die auf den Feldern schuften, die Regale einräumen und so weiter, da kommen die Gewinne nicht an."

Nicht nur in Deutschland leiden die Landwirte unter den extrem niedrigen Preisen für Lebensmittel. Schlimmer noch ist es im globalen Süden, wo diese Preise häufig Hunger für die Produzenten bedeuten. Zum Beispiel bei Kaffee, Kakao, Baumwolle oder Bananen. Auch Wanderarbeiter in Italien und Spanien, die Tomaten und anderes Feingemüse für die Konsumenten im Norden anbauen und ernten, schuften für Hungerlöhne. Lena Bassermann:  "Und jetzt haben wir einen Welternährungsgipfel, der wird initiiert vom Weltwirtschaftsforum, also genau den Akteuren, die vom Erhalt des jetzigen Systems am allermeisten profitieren."

Arbeiterin bei der Tabekernte in Sumedang Regency, Indonesien (Algi Febri Sugita / NurPhoto)Hungerlöhne in der Landwirtschaft, wie hier bei der Tabakernte in Indonesien (Algi Febri Sugita / NurPhoto)

Im Weltwirtschaftsforum sind die tausend führenden Unternehmen organisiert. "Da haben wir eben sehr starke Zweifel, dass die wirklich an einer grundlegenden Änderung zu mehr Gerechtigkeit interessiert sind."

UN-Experten: "Ernährungssystem funktioniert nicht"

Mit der Organisation des Gipfels hat der UN-Generalsekretär die ehemalige ruandische Landwirtschaftsministerin Agnes Kalibata betraut. Sie ist gleichzeitig die Präsidentin von AGRA – der Allianz für die grüne Revolution in Afrika. Weil die Allianz eng mit der Agrarindustrie zusammenarbeitet, indem sie zum Beispiel Hybridsaatgut und Kunstdünger an Kleinbauern verkauft, ist AGRA vielen Entwicklungsorganisationen ein Dorn im Auge. Agnes Kalibata hält dagegen:

"Wir stellen uns einen Gipfel der Völker vor, der jedem Menschen auf der Welt eine Stimme gibt. Wir bringen Entscheider aus Wissenschaft, Business und Politik mit Bauern, Indigenen, Konsumentinnen und Umweltaktivisten zusammen. Ich bin überzeugt, dass wir eine gemeinsame Basis finden werden - wir haben die Nachhaltigkeitsziele als Leitlinie." Martin Frick, Kalibatas Stellvertreter, ergänzt: "Der Grund, warum dieser Gipfel überhaupt veranstaltet wird, ist das Anerkennen, dass wir sagen, unser Ernährungssystem funktioniert nicht. Es ist unfair, es ist unbalanciert und es zerstört natürliche Ressourcen."

Ende Juli hatte in Rom der sogenannte Vor-Gipfel stattgefunden. Dabei wurden fünf "Action-Tracks" – also Handlungslinien – festgelegt. Darin geht es zum Beispiel um Zugang zu Nahrung für alle, nachhaltigere Konsummuster, Armutsreduktion und mehr Gerechtigkeit: "Es ist das eine, diese Ungerechtigkeit anzuerkennen, und auf der anderen Seite muss man sehen, wie man sie denn beseitigen kann. Und da glaube ich, dass insbesondere im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Klimawandel Klimagerechtigkeit eine zentrale Forderung sein muss. Und Klimagerechtigkeit kann man dadurch herstellen, dass man insbesondere Kleinbauern unterstützt, denn es ist nach wie vor so, dass unser Ernährungssystem dann doch im Wesentlichen von Kleinbauern bestritten wird, nicht von großen Unternehmen."

Die Rolle von Agrar- und Lebensmittelindustrie

Entsprechend würden die Action-Tracks von Kleinbauern- und Indigenenorganisationen und nicht von der Privatwirtschaft geführt, betont Frick. Trotzdem gehört natürlich auch die Agrar- und Ernährungsindustrie zum Welternährungssystem. "Wir können aber auch nicht über Nacht Ernährungskonzerne abschaffen, sondern müssen einfach helfen und schauen, dass wir mit Unterstützung auch der Privatwirtschaft, aller, die Anteil am globalen Foodsystem haben, das zu reformieren und zu verbessern."

Zum Beispiel mit der Handelsgesellschaft Croplife. Croplife vertritt einige der größten Agrarchemie-Konzerne, darunter Bayer, BASF und Syngenta. Robert Hunter ist einer der Geschäftsführer von Croplife: "Unser wichtigstes Anliegen, das wir gemeinsam mit anderen in die Diskussion einbringen, ist, die Chancen für Innovationen und Technologien in künftigen Ernährungssystemen zu identifizieren – und wie diese Dinge mehr Stabilität und Nachhaltigkeit ins System bringen. Für die Bauern und die von ihnen angebauten Pflanzen. Es ist wichtig, dass Innovation einen größeren Stellenwert in der Diskussion einnimmt.

Charity-Mitarbeiter an einer Essensausgabe im südafrikanischen Johannesburg (MARCO LONGARI / AFP)Essensausgabe in Johannesburg - Armut als Hauptursache von Hunger (MARCO LONGARI / AFP)

Möglicherweise wird die Landwirtschaft umweltfreundlicher, wenn digitale Drohnen den Bedarf für Dünger und Pflanzenschutz genau berechnen und dadurch reduzieren. Oder die Erntemenge steigt, wenn neues Saatgut entwickelt wird, das trockenresistent ist. Kleinbauern müssten mehr Unterstützung bekommen, damit auch sie sich diese Technologien leisten können, sagt Robert Hunter von Croplife. Francisco Mari vom evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt widerspricht: "Die Hauptursache von Hunger ist ja nicht, zu wenig Nahrung zu haben, sondern dass man sie sich nicht leisten kann. Armut ist ja die Hauptursache von Hunger und nicht die Anzahl der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel."

Brot für die Welt: Armut als Hauptursache für Hunger

Es ginge daher nicht um Produktionssteigerung, sondern eher um den politischen Willen von Regierungen, den Zugang zu Nahrungsmitteln für die Ärmsten zu sichern. Sei es durch Schulspeisungen, soziale Stützungsgelder oder das Sichern lokaler Märkte in Corona-Zeiten. Zusätzlich werden gesetzliche Regulierungen gebraucht, die faire Preise für Produkte wie Kakao oder Kaffee garantieren, damit die Kakaobäuerinnen nicht hungern müssen. Denn Essen ist ein Menschenrecht, sagt Mari: "Dass die Men­schen ein Anrecht haben, dass sie gesunde Nahrung erhalten. Darauf müssen alle Politikentscheidungen beruhen. Und diesen Blick hat auch das Komitee für Ernährungssicherheit."

Das Komitee für Ernährungssicherheit ist eine Institution der Vereinten Nationen, die viele aus der Zivilgesellschaft als ihre legitime Vertretung betrachten: "Zum Beispiel mit der Durchdeklinierung, wie das Recht auf Nahrung erfüllt werden kann, wie das integriert werden kann. Sowohl auf Ver­fassungsebene von Ländern, aber eben auch in den einzelnen Gesetzen – vom Landwirtschaftsgesetz bis zum Fischereigesetz, dass das eine Grundlage sein muss für alle Politikentscheidungen."

Protest gegen Einfluss der Agrarlobby

Über 500 Entwicklungs- und Bauernorganisationen aus aller Welt boykottieren den Gipfel. Denn sie fürchten, dass die Agrarindustrie zu viel Einfluss auf die teilnehmenden Staaten und Entscheider nimmt. Sie monieren, dass Leitungspositionen mit Menschen besetzt seien, die mit der "Allianz für eine grüne Revolution in Afrika" enge Verbindung pflegen. Francisco Mari von Brot für die Welt meint, dass der konzerngesteuerte Ansatz von AGRA gescheitert ist: "Die eigenen Evaluierungen von AGRA haben ja gerade gezeigt, dass alle Ziele zur Hungerbeseitigung durch dieses System nicht zur Hungerreduzierung beigetragen haben, sondern zu anderen Abhängigkeiten."

Eine Evaluierung durch ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis, darunter Brot für die Welt, hat ergeben, dass der Hunger in den 13 Schwerpunktländern von AGRA nicht zurückgegangen sei. Traditionelle, klimaresistente Sorten wie Hirse, afrikanisches Grundnahrungsmittel, seien zugunsten von Mais, der weniger nahrhaft ist, zurückgedrängt worden. AGRA selbst widerspricht gegenüber dem Deutschlandfunk per E-Mail– eine Zusammenfassung: "Der Welthungerindex mit seinen Daten zu Unterernährung und Kindersterblichkeit zeigt an, dass sich die Hungersituation in unseren Schwerpunktländern verbessert hat. Zu diesen Erfolgen haben auch die Regierungen und private Investitionen beigetragen. Wir befinden uns in einem Lernprozess und arbeiten weiter daran, die Produktivität der Bauern zu erhöhen und ihnen Zugang zum Markt zu verschaffen."

Agrarökologie - neue Wege in der Landwirtschaft

Brauchen Kleinbauern Industrieprodukte wie Dünger und Pestizide, damit sie ihre Produktion steigern können? Die Wissenschaftler des Komitees für Ernährungssicherheit hatten die Agrarökologie als beste Methode zur Hungerbekämpfung identifiziert. Damit ist kein zertifizierter Bioanbau gemeint. Stattdessen arbeiten die Bäuerinnen möglichst mit natürlichen Hilfsmitteln und produzieren vielfältige Lebensmittel für ihren lokalen Markt. Und nicht Handelswaren wie Mais für den Weltmarkt. Das bestechende an diesem System sei, es funktioniere weitgehend unabhängig vom globalen Handelsregime. Auf dem anstehenden Gipfel soll die Agrarökologie daher eine wichtige Rolle spielen.

Aber auch die konventionelle Landwirtschaft müsse sich ändern, sagt Urs Niggli. Der Agrarwissenschaftler hat mehr als 20 Jahre lang das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in der Schweiz geleitet: "Dass die Biobauern eben mit Kleearten, mit Hülsenfrüchten den Stickstoff herstellen, so, dass die Getreidekulturen damit gedüngt werden und nicht mit chemischem Stickstoff. Dass Unkräuter grundsätzlich eben mechanisch bekämpft werden und nicht mit Herbiziden und dadurch im Unterwuchs immer eine leichte Verunkrautung ist, wo Insekten drauf sind. Das kann man vom Biolandbau lernen."

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