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StartseiteEuropa heuteHoffen auf Wandel im Heimatland08.11.2019

Ungarn in BerlinHoffen auf Wandel im Heimatland

In Berlin leben etwa 10.000 Ungarn. Einige von ihnen haben sich in der „Freien Ungarischen Botschaft“ organisiert, um für ein anderes Ungarn zu werben. Sie stört die autoritäre, nationalistische Richtung, die ihr Heimatland unter Ministerpräsident Viktor Orbán eingeschlagen hat.

Von Stephan Ozsváth

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Flyer und Buttons mit der Aufschrift "Freie Ungarische Botschaft" liegen auf einem Tisch (Deutschlandradio/ Stephan Ozsváth)
Die Aktivistengruppe "Freie Ungarische Botschaft" hat ihren Sitz in der Szenekneipe "Szimpla" in Berlin-Friedrichshain (Deutschlandradio/ Stephan Ozsváth)
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Das "Szimpla" im Berliner Szenebezirk Friedrichshain ist eine Eckkneipe, in der Ungarisch Verkehrssprache ist. Ein Stück Heimat in der Fremde. Auf dem Tresen liegen unter einer Käseglocke Pogácsa, typisch ungarisches Käsegebäck, es gibt Obstler namens Pálinka. Die Kneipe heißt wie ein Pendant in Budapest, und im Hinterzimmer gibt es öfter Veranstaltungen mit Ungarn-Bezug.

Etwa das Kommunal-Quiz der "Freien Ungarische Botschaft". Bálint Vojtonovszki, ein 35-jähriger Soziologe mit Schiebermütze ist einer der Organisatoren:

"Wir machen dieses Quiz deshalb, weil wir als Auslandsungarn nicht an den Kommunalwahlen teilnehmen können – nur die, die nach Hause fahren und in ihren Heimat-Wahlkreisen ihre Stimme abgeben. Das ist schade, aber letztlich ist das eine kommunale Frage. Die Leute vor Ort müssen ja die Entscheidungen vor Ort ausbaden. Deshalb haben wir keine Kampagne dafür gemacht, dass wir vom Ausland aus wählen dürfen."

Die Auslandsungarn Orsolya Schwabe (30) und Bálint Vojtonovszki(35) engagieren sich in der "Freien Ungarischen Botschaft" (Deutschlandradio/ Stephan Ozsváth)Die Auslandsungarn Orsolya Schwabe (30) und Bálint Vojtonovszki(35) engagieren sich in der "Freien Ungarischen Botschaft" (Deutschlandradio/ Stephan Ozsváth)

10.000 Ungarn in Berlin

Auf einem Tisch liegen Buttons mit dem Logo der "Freien Ungarischen Botschaft". In einer Spendenkasse sammeln die Berliner Exil-Ungarn Geld - Forint oder Euro egal, es ist für die Budapester Obdachlosen-Initiative "A város mindenkié" – die Stadt gehört allen – bestimmt. Bálint Vojtonovszki moderiert den Quiz-Abend mit einer Kollegin.

Powerpoint-Bilder werden auf eine Leinwand projiziert. Wie viele Kommunen gibt es überhaupt? Was dürfen die entscheiden? Politische Bildung mit Spaß-Faktor. Geraten wird in Teams.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Ungarn und Europa - 30 Jahre Umbruch.

Hunderttausende Ungarn haben in den letzten Jahren ihre Heimat verlassen, alleine in Berlin leben 10.000, Bálint ist einer von ihnen. Nichtregierungsorganisationen, die unter Ministerpräsident Orbán unter Druck geraten sind, will die Exil-Gruppe unterstützen. Sie organisiert Kundgebungen vor der eigentlichen Ungarischen Botschaft in Berlin, schreibt deutsche Parlamentarier an.

"Wir fühlen uns als Ungarn"

"Die 'Freie Ungarische Botschaft'- gibt es seit zweieinhalb Jahren. Das ist eine Gruppe aktiver Ungarn, die in Berlin leben. Wir wollen wieder ein demokratisches und solidarisches Ungarn. Und dazu wollen wir vom Ausland aus beitragen. Das ist zwar eine ausgesprochene Berliner Auslandsgruppe. Aber wir fühlen uns als Ungarn. Unsere Kultur ist Ungarisch, wir sprechen Ungarisch. Aber wir haben Kontakt nach Ungarn – unsere Familien, unsere Freunde leben dort. Und wer weiß: Vielleicht ziehen wir eines Tages nach Ungarn – und dann wünschen wir uns eins, das in einem besseren Zustand ist als jetzt."

In Ungarn hat Bálint ein Buch veröffentlicht über Machtmissbrauch, die regierungstreue Presse verunglimpfte ihn als "Soros-Agenten", erzählt er, eine Chiffre für Feind. Gegen den jüdischen Multimilliardär George Soros zieht die ungarische Regierung seit der Flüchtlingskrise mit Plakaten und Radiospots zu Felde, verunglimpft den Holocaustüberlebenden mit Verschwörungstheorien als Strippenzieher im Hintergrund.

Ein Anti-Soros-Plakat der Regierungspartei Fidesz. "Gemeinsam würden sie den Grenzzaun niederreißen" (dpa / Gregor Mayer)Anti-Soros Plakat: In ganz Ungarn zeigten Wahlplakate einen grinsenden Soros, der die Spitzenkandidaten der vier Oppositionsparteien umarmt (dpa / Gregor Mayer)

Wenn Bálint die Wende-Zeit in Ungarn mit heute vergleicht, wie fällt seine Bilanz aus?

"Es ist schwer, die Zeiten des 'Eisernen Vorhangs' mit heute zu vergleichen. Ich kann zurück, das ging früher nicht, dann ging man ins Gefängnis, oder die Verbannung wartete auf einen. Ich bin kein 'neuer Dissident'. Ich kann heute mit dem Flieger, dem Zug oder dem Bus zurück und kein Grenzer fragt mich nach verbotenen Schriften. Es sind heute andere Zeiten und ich hoffe, wir kehren nicht dahin zurück. "

"Liberal wird heutzutage als Schimpfwort benutzt"

Zurückkehren ist für Orsolya Schwabe keine Option. Seit fünf Jahren lebt die 30-jährige Politologin mit ihrem Mann in Berlin, sie schreibt gerade ihre Masterarbeit – und sie hat schmerzlich erfahren müssen, wie sich ihre Heimat verändert hat, selbst im Mikrokosmos Familie.

"Ich werde als liberal abgestempelt, was heutzutage in Ungarn quasi als Schimpfwort benutzt wird. Einfach, dass sie mir sagen, dass ich jetzt eine liberale Deutsche bin, damit sagen sie auch, dass ich quasi nicht mehr Ungarin bin. Sehr wichtige Personen in meiner Familie sagen zu mir, dass meine Kinder quasi wie Nichts sein werden, weil sie nicht zu 100 Prozent Ungarisch oder zu 100 Prozent Deutsch sein werden, sondern eine Mischung. Was mich wirklich schockiert – wie schnell das einfach geht, dass diese völkisch-rassistischen Gedanken einfach wieder auftauchen, dass wir jetzt nur zu 100 Prozent Ungarisch sein dürfen und nichts anderes."

Propaganda in Ungarns Medien

Kein Wunder: Die Regierung Orbán gibt Millionen für Propaganda in den heimischen Medien aus. "Wir wollen uns nicht mit Menschen aus anderen Kulturen mischen", hat der Regierungschef selbst als Parole ausgegeben. Orsolya sagt, das mache sie traurig, sie habe in der Fremde Gleichgesinnte gefunden, bei denen sie willkommen ist. "Mein Zuhause ist jetzt Berlin", sagt sie. Sie fühlt sich als Dissidentin.

Das Rate-Team der "Namenlosen" gewinnt: Eine Paprika-Wurst, die gleich aufgeschnitten wird und Schnaps für jeden. Im Team ist Roland Császár: "Ich bin jetzt im August nach Berlin gezogen, nach 14 Jahren in Irland." In Irland hat er in der Gastronomie gearbeitet, erzählt er, überall sei er weiter gekommen, nicht so in Ungarn – das Land kapsele sich immer mehr ab, beklagt er:

"Ungarn schließt die Türen. Und ist nicht mehr neugierig auf Ausländer: Wer bietet was an? Wer will was? Die sind so drauf: Hier ist Ungarn, und wir brauchen niemand anderen. Und man denkt: Alles gut. Aber das stimmt nicht. Genau das ist falsch."

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