Donnerstag, 30. Juni 2022

Vor 60 Jahren uraufgeführt
Brittens "War Requiem", Zeugnis gegen den Krieg

Die Gedichte des Briten Wilfred Owen über „das Leid des Krieges“ haben bis heute Gewicht – er starb im Ersten Weltkrieg. Der Komponist Benjamin Britten vereinte Owens Gedichte und den lateinischen Messetext zur Totenmesse eines "War Requiems", uraufgeführt am 30. Mai 1962 in der Kathedrale der Stadt Coventry.

Von Wolfgang Schreiber | 30.05.2022

Der britische Komponist Benjamin Britten (r) probt am 5. Januar 1968 in Ost-Berlin mit dem Kammerorchester der Deutschen Staatsoper für die am Abend stattfindende Aufführung seines Werks "War Requiem"
Der britische Komponist Benjamin Britten (r) probt am 5. Januar 1968 in Ost-Berlin mit dem Kammerorchester der Deutschen Staatsoper für die am Abend stattfindende Aufführung seines Werks "War Requiem" (picture-alliance / dpa / ADN)
Dunkel, abgründig – so beginnt Benjamin Brittens „War Requiem“, das Weltkriegsoratorium. Die gewaltige Komposition für Orchester, Chöre, drei Gesangssolisten und Orgel gilt der Erinnerung an den von Nazi-Deutschland verübten Bombenangriff auf die britische Stadt Coventry, 150 Kilometer nordwestlich von London, am 14. November 1940.
Der junge Komponist Britten war im Jahr davor aus dem brennenden Europa in die USA geflüchtet und drei Jahre später nach England zurückgekehrt. Die Katastrophe der Luftschlacht von Coventry, mit Hunderten Toten und einer zerstörten Kathedrale, blieb eingegraben im kollektiven Gedächtnis Großbritanniens. Eine neue Kathedrale wurde Jahre später errichtet, kurz nach deren Einweihung dirigierte Benjamin Britten dort, am 30. Mai 1962, sein „War Requiem“.

Zeugnis für die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts

Benjamin Britten, Jahrgang 1913, Englands wichtigster Komponist seiner Zeit, hat mit dem „War Requiem“ Zeugnis abgelegt für beide Weltkriege des Zwanzigsten Jahrhunderts. Seiner Partitur hat er das mahnende Motto Wilfred Owens vorangestellt:

Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges.
Die Poesie liegt im Leid …
Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist - warnen.

Owens Lyrik - Stimme des Gewissens

Bis heute haben solche Worte und hat das Schicksal des britischen Dichters Gewicht. Wilfred Owen wurde nur fünfundzwanzig Jahre alt. Der Erste Weltkrieg riss ihn 1918 aus dem Leben, wenige Wochen vor dem Waffenstillstand. Benjamin Britten hörte in Owens Gedichten gegen den Krieg derart zwingend die Stimme des Gewissens, die Anklage, dass er sie, im Wechsel mit dem Wortlaut der lateinischen Totenmesse, in sein Kriegsrequiem einfügte, ja einfügen musste. Den kompositorischen Akzent nannte man zu Recht eine „geniale Eingebung“.

Was für Totenglocken gebühren denen, die wie Vieh sterben? / Nur die ungeheure Wut der Geschütze, / nur das schnelle Knattern der ratternden Rohre / kann die hastigen Gebete für sie dahersagen.

Nicht bloß kunstgerecht, sondern dramatisch die Zeugenschaft gegen den Krieg beschwörend, hat Benjamin Britten die zwei fundamentalen Text- und Bedeutungsebenen seines War Requiems sinnstiftend zusammengefügt: die liturgische und die lyrische Perspektive. Mit aller Emphase hat er den Zusammenklang von Chören, drei Solostimmen und zwei Orchesterformationen zu bildhafter Deutlichkeit gebracht. Die Mixtur von vokaler und instrumentaler Aussagekraft hat die Zuhörer seitdem immer wieder gepackt.

Das Gebot der Stunde: Beten für den Frieden

Britten selbst stand bei der Uraufführung als Dirigent am Pult, und in den Aufnahmen von damals haben sich Ausschnitte aus den Proben erhalten. Da konnte der Komponist auch singen.
Benjamin Brittens „War Requiem“ ist das warnende, Protest und Widerstand leistende Dokument der Kriege des Zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Totenmesse hat ihre Popularität bewahrt, mehr noch: hat ihre Gegenwärtigkeit in Anbetracht des Krieges heute im Osten Europas neu bewiesen. Bleibt am Ende das Gebet für den Frieden - das Gebot der Stunde.