Samstag, 03. Dezember 2022

Vor 50 Jahren gestorben
Eugen Spiro - fast vergessener Maler des deutschen Impressionismus

Er zählt zu den bedeutenden deutschen Malern des 20. Jahrhunderts: Eugen Spiro verband Anregungen des Jugendstils, der französischen Impressionisten und der Berliner Sezession zu einem ganz eigenen Stil. Heute ist sein Werk so gut wie vergessen.

Von Carmela Thiele | 26.09.2022

Gemälde "Tänzerin Baladine Klossowska" von Eugen Spiro (r.-l.), "Gabrielle Gallia" und "Elsa Galafrès" von Otto Friedrich in der Berlinischen Galerie - Museum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur in Berlin
Im Jahr 1905 porträtierte Eugen Spiro seine Schwester, der Malerin Baladine Klossowska, als Tänzerin: das Gemälde "Tänzerin Baladine Klossowska" (r.) (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Wer im Exil lebt, hat sein Leben gerettet, steht aber vor dem Nichts. Eugen Spiro verlor zudem große Teile seines Werks und seine umfangreiche Kunstsammlung. Dank seiner virtuosen Malkünste konnte er sich jedoch mit seiner dritten Frau Lilli Jacoby in New York eine neue Existenz aufbauen. Der berühmte Physiker Albert Einstein saß ihm Modell, obwohl er einst den Berliner Gesellschaftsmaler mit dem Argument abgewiesen hatte, er würde nur Künstler unterstützen, die es nötig hätten. Jetzt hatte es der inzwischen über 60-Jährige nötig.
Auch der Schriftsteller Thomas Mann, ebenfalls im amerikanischen Exil, stand ihm bei. 1943 schrieb er Eugen Spiro einen warmherzigen Brief: „Wir alle wissen, was es heißt zu arbeiten, wenn äußere Bedingungen unser Herz und unsere Gedanken bedrücken. Andererseits, wie hätten wir diese schmerzlichen Jahre ohne unsere Arbeit durchstehen können?“

Meisterschüler des Malerfürsten Franz von Stuck

Eugen Spiro malte oder zeichnete, wo immer er sich aufhielt. Das war sein Lebenselixier. Zwei Jahre nach der Machtübernahme Hitlers hatte er seine Heimat in Richtung Paris verlassen, weil er einer jüdischen Familie entstammte. Ihm war klar geworden, dass seine gesellschaftliche Position ihn nicht vor Verfolgung und Deportation im NS-Staat schützen würde. Der 1874 in Breslau als Sohn eines Synagogen-Kantors geborene Eugen Spiro hatte in seiner Heimat ein Malereistudium absolviert, das er in München vertiefte.
Als Meisterschüler des Malerfürsten Franz von Stuck verfügte er über ein eigenes Atelier, er interessierte sich für Musik und Theater. Die Schauspielerin Tilla Durieux erinnerte sich 1968 in einer Radiosendung an ihre gemeinsame Zeit: „Da lernte ich meinen ersten Mann kennen, das heißt, ich habe ihn schon in Breslau kennengelernt, den Kunstmaler Eugen Spiro und heiratete ihn.“

Frühphase geprägt von Jugendstil und Symbolismus

Seine Bilder waren damals von der eleganten Linie des Jugendstils und dem morbiden Charme des Symbolismus geprägt. 1905 porträtierte er seine Schwester, die Malerin Baladine Klossowska, als Tänzerin und ungefähr zur selben Zeit seine Frau in der Rolle der Salomé aus dem gleichnamigen Theaterstück von Oscar Wilde.
Die Schauspielerin Tilla Durieux, mit Ernst Hofmann in dem Stummfilm "Die Launen der Weltdame" von 1914
Von 1903–1905 war Eugen Spiro in erster Ehe mit der Schauspielerin Tilla Durieux (r.) verheiratet (picture-alliance / dpa / dpa)
Tilla Durieux: „Durch die Beziehungen meines Mannes in Malerkreisen lernte ich Paul Cassirer kennen. Der Eindruck war für mich so überragend, dass ich mich von Spiro trennte, übrigens auf sehr anständige und friedliche Weise, und mit Paul Cassirer befreundet war, den ich dann auch heiratete."

Gesellschaftlicher Aufstieg in Berlin

Eugen Spiro zog es nach Paris. Er fand Anschluss an den deutschen Malerkreis "Café du Dôme" und lernte gleichgesinnte Künstler wie Hans Purrmann kennen. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese wichtige Phase seines Lebens, in der er „seine Augen an den großen Künstlern des 19. Jahrhunderts Manet, Monet, Cézanne und Renoir gereinigt hatte“, wie er rückblickend schrieb.
Seine Heirat mit einer jungen Frau verschaffte ihm 1917 in Berlin neue Kontakte zum intellektuellen Großbürgertum. Elisabeth Saenger-Sethes Vater war ein angesehener Publizist, ihre Mutter Violinistin. Als Vorstandsmitglied der Berliner Secession hatte sich Eugen Spiro gesellschaftliche Anerkennung erarbeitet, 1924 wurde er in die Ankaufskommission der Berliner Nationalgalerie berufen.

Vergessener Künstler des deutschen Impressionismus

Die Pariser Jahre hinterließen deutliche Spuren in seinem Werk. In seinen Landschaften klingt die Palette Paul Cézannes und der Duktus Vincent van Goghs an. Seine Figurenszenen scheinen Kompositionen von Édouard Manet und Edgar Degas zu zitieren. Und Eugen Spiros Frauenporträts schwingen im impressionistischen Nebeneinander der Farbtupfen.
Spät erinnerte man sich in der Bundesrepublik Deutschland an den über Paris und Marseille nach New York emigrierten Künstler. Als Eugen Spiro am 26. September 1972 im Alter von 98 Jahren in New York starb, war sein Beitrag zum deutschen Impressionismus vergessen. Diesen Bedeutungsverlust ertrug er mit Würde. Noch zu seinem 90. Geburtstag hatte er sich auf der Leinwand souverän in Szene gesetzt: Im Malerkittel, den Blick nach innen gerichtet, den Arm aufgestützt, zwischen den Fingern statt dem Pinsel eine Zigarre.