Dienstag, 06. Dezember 2022

50 Jahre nach dem Bloody Sunday
Der Tag, der Nordirland für immer veränderte

Es begann als friedliche Demonstration in der nordirischen Stadt Derry und endete mit 13 Todesopfern, erschossen von britischen Soldaten. Der Bloody Sunday oder Blutsonntag im Januar 1972 führte zu einer Eskalation des Nordirland-Konflikts, die bis heute nachwirkt.

Von Katharina Peetz und David Ehl | 29.01.2022

Boody Sunday in der nordirischen Stadt Derry am 30. Januar 1972: Ein Blutlache und ein Paar Halbschuhe markieren die Stelle, an der einer der Demonstranten ums Leben kam
30. Januar 1972 in Derry: Ein Blutlache und ein Paar Halbschuhe markieren die Stelle, an der einer der 13 Demonstranten ums Leben kam (picture-alliance / dpa / UPI)
"Just probably around where that grey car is, is where my brother would have been shot."- Jean Hegarty steht auf dem Bürgersteig im katholischen Viertel Bogside. Vor 50 Jahren wurde hier, in der nordirischen Stadt Londonderry – oder Derry, wie die meisten Bewohner sagen – ihr Bruder Kevin erschossen: "Wahrscheinlich etwa an dem gelben Auto da hinten rüber über die Straße, da waren die Barrikaden. Die waren nicht hoch. Also ist er da lang gekrochen, in Richtung Häuserfront."
Kevin McElhinney war 17 Jahre alt, als er von einem britischen Soldaten erschossen wurde. Er war eines der 13 Todesopfer am so genannten Bloody Sunday, dem Blutsonntag. Einige weitere Menschen wurden verletzt. Der Tag gilt als ein Wendepunkt der "Troubles", also der gewaltsamen Phase des Nordirland-Konflikts, in dem zwischen den späten 1960er-Jahren und 1998 mehr als 3.500 Menschen getötet wurden.

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Anfänge des Nordirlandkonflikts reichen weit zurück

Die Anfänge des Konflikts reichen ins 17. Jahrhundert zurück, als die Briten das katholisch geprägte Irland besetzten. Insbesondere in den sechs nördlichen Grafschaften siedelten sich Protestanten an. Dieses Gebiet blieb unter britischer Herrschaft, auch als sich das restliche Irland 1921 für unabhängig erklärte. Dort hatten die pro-britischen Unionisten eine gesellschaftliche Vormachtstellung gegenüber den größtenteils katholischen Nationalisten, die eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland anstrebten.
Nordiren kümmern sich nach den blutigen Auseinandersetzungen am sogenannten Bloody Sunday in der nordirischen Stadt Derry um ein am Boden liegendes Opfer. 13 katholische Demonstranten wurden damals während einer friedlichen, jedoch verbotenen Kundgebung von britischen Fallschirmjägern erschossen.
Bloody Sunday in Derry: Andere Demonstranten kümmern sich um ein am Boden liegendes Opfer (picture alliance / dpa / EPA PA)
In den 1960er-Jahren nahm die Gewalt zwischen den beiden Lagern zu. Es entstanden Terrorgruppen wie die IRA auf irisch-nationalistischer und die UVF auf unionistischer Seite. Dazu kam ziviler Protest. Derry entwickelte sich zu einer Hochburg des irisch-nationalistischen Widerstands – inspiriert auch von der Bürgerrechtsbewegung in den USA. So gab es auch am 30. Januar 1972 einen Marsch für Bürgerrechte.

Bilder, die um die Welt gingen

Die Bilder von britischen Soldaten, die auf die Demonstranten schossen, gingen um die Welt. Eine bekannte Szene, die heute auch als Wandgemälde im Viertel Bogside zu sehen ist, zeigt den Priester. Mehrere Männer tragen einen verwundeten Jugendlichen. Edward Daly geleitet sie mit einem blutbefleckten Taschentuch an den britischen Soldaten vorbei. Kurz darauf schildert Daly im Interview mit der BBC die Szene:
Ein Wandbild in der nordirischen Stadt Derry zeigt eine Szene vom so genannten Bloody Sunday (30.01.1972): Der Priester Edward Daly geleitet mehrere Männer, die einen verwundeten Jugendlichen tragen an britischen Soldaten vorbei.
Ein Wandbild in Derry zeigt eine Szene, die um die Welt ging: Der Priester Edward Daly geleitet mehrere Männer, die einen verwundeten Jugendlichen tragen an britischen Soldaten vorbei (dpa/PressEye/Jonathan Porter)
“That little boy was shot when he was running away. He was just a little bit behind me when he fell. I heard the shot, I looked around. He was a young boy, I would say about 15.” Daly schätzt den Jungen auf 15, tatsächlich war Jackie Duddy 17 Jahre alt, als er starb. “He didn't have a weapon? No, he was just a young boy, 15, he was running. I was running too.” Der Junge habe keine Waffe getragen, erklärt der Priester. Duddy sei direkt hinter ihm gelaufen und gestürzt. Dann habe er den Schuss gehört.

Das blutigste Jahr des Nordirlandkonflikts

Auch John Kellys Bruder Michael wurde am Bloody Sunday erschossen, ebenfalls im Alter von 17 Jahren. John Kelly, damals 23 Jahre alt, hatte selbst auch an der Demo teilgenommen: "Ich erinnere mich mehr oder weniger an jede Sekunde dieses Tages. Das hat mich nie losgelassen. Selbst nach 50 Jahren, es hat sich in meine Erinnerung eingebrannt und wird mich nie loslassen."
Der Bloody Sunday läutete das blutigste Jahr des Nordirlandkonflikts mit fast 500 Todesopfern ein. Bereits in den Monaten zuvor hatte es immer mehr Gewalt gegeben. Im August 1971 war das sogenannte “internment without trial” eingeführt worden - zeitlich unbegrenzte Internierungen ohne Anklage, auf deren Grundlage allein in den ersten sechs Monaten mehr als 2.400 meist katholische Nordiren inhaftiert wurden.

Kundgebung mit zehn- bis fünfzehntausend Menschen

Die nationalistische Terrorgruppe IRA übte Vergeltung und ermordete britische Soldaten, die Zivilgesellschaft machte mit Protestmärschen mobil. Mitte Januar 1972 untersagte die nordirische Regionalregierung sämtliche Kundgebungen. In Derry rief die Bürgerrechtsbewegung trotzdem zu einem Marsch am 30. Januar auf.
Bloody Sunday in Londonderry 1972: Britischen Soldaten gehen am 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry gegen Demonstranten vor
Bloody Sunday: Britischen Soldaten gehen gegen Demonstranten vor (picture-alliance / dpa / UPI)
Archivaufnahmen zeigen, wie ausgelassen die Stimmung zu Beginn der Kundgebung war. Zehn- bis fünfzehntausend Menschen waren gekommen - eine Zahl, die selbst die Organisatoren überraschte. Die Demonstranten wollten zum Rathaus im alten Stadtkern, der Guildhall. Doch an der Grenze zur Altstadt hielt die Armee den Marsch mit Straßensperren auf. Die Stimmung wurde zunehmend angespannt. Aus der Menge flogen Steine, Soldaten schossen mit Tränengas und Gummigeschossen.

"Nach einer Viertelstunde waren 13 Menschen tot"

“Ich war in der William Street, aber ich hörte die Schüsse nicht, weil die Leute um mich herum so laut waren. Irgendwie bin ich in das katholische Viertel Bogside gelangt, viele Leute gingen in diese Richtung. Dann rückte das Fallschirmjäger-Regiment an. Das war um zehn nach vier.”
Denkmal für die 13 Opfer des sogenannten Bloody Sunday in der nordirischen Stadt: Am 30.01.1972 werden dort 13 katholische Demonstranten während einer friedlichen, jedoch verbotenen Kundgebung von britischen Fallschirmjägern erschossen.
Denkmal für die 13 Opfer des Bloody Sunday in Derry (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Peter Morrison)
Soldaten der britischen Spezialeinheit schossen gut 100 Mal mit scharfer Munition. Nach einer Viertelstunde waren 13 Menschen tot, erzählt Kelly: “By 25 minutes past four, 15 minutes later, 13 people lay dead.” Ein weiterer Mann, der durch Schüsse verletzt wurde, starb einige Monate später.

Erinnern an den Bloody Sunday

Unweit der Stelle, wo vor 50 Jahren die meisten Menschen starben, steht seit 2007 das "Museum of Free Derry". Es behandelt die Geschehnisse in der Stadt von 1968, dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung, bis 1972 aus Sicht der irisch-nationalistischen Bevölkerung, also derjenigen, die sich für eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland stark machen. Jean Hegarty, die Schwester des getöteten Kevin McElhinney, führt durch die dunklen Ausstellungsräume:
"This section is about Bloody Sunday.This is Michael Kelly's blood, when he was shot and taken into a local house, the lady just grabbed whatever, and it happened to be this. A baby girl’s onesie." Fundstücke vom Bloody Sunday sind in den Vitrinen ausgelegt – zum Beispiel ein blutfleckiger Babystrampler, mit dem eine Anwohnerin versucht hatte, die Blutung aus Michael Kellys Wunde zu stillen. Auch der Armeefunk von damals ist zu hören.
John Kelly, Gründer des "Museum of Free Derry", das an den so genannten Bloody Sunday vom 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry erinnert.  John Kelly Bruder Michael war einer der 13 Demonstranten, die damals von britischen Fallschirmjägern erschossen wurde.
John Kelly, Gründer des "Museum of Free Derry" (imago images / Le Pictorium / Olivier Donnars)

"Die Morde haben Irland für immer verändert"

John Kelly engagiert sich ebenfalls im Museum und erzählt Besuchern vom Bloody Sunday, den er als schlimmsten Tag seines Lebens bezeichnet. Im Interview mit dem Deutschlandfunk beschreibt er die Stimmung in der Stadt nach dem 30. Januar 1972:
"Nach dem Bloody Sunday wurde es in Derry still. Niemand sprach, es wurde nur geflüstert, weil die Leute so unter Schock standen. Menschen waren wütend, sie waren am Boden zerstört. Die Morde haben Derry für immer verändert. Sie haben Irland für immer verändert – denn ich glaube, sie haben das Monster der ‚Troubles‘ kreiert."

"Das hat viele junge Katholiken radikalisiert"

Auch die Journalistin Susan McKay betont die immense Bedeutung dieses Tages für die weiteren Entwicklungen im Nordirlandkonflikt. McKay stammt selbst aus einer protestantischen Familie und ist in Derry aufgewachsen. Sie recherchiert seit Jahren zum Konflikt:
"Der Bloody Sunday hat alles verändert, denke ich. Zu dieser Zeit, 1972, war die IRA noch relativ klein und hat sich gerade erst wieder neu aufgebaut. Aber der Bloody Sunday, wo man sah, wie britische Soldaten Demonstranten einer Kundgebung für Bürgerrechte auf offener Straße erschossen, das hat viele junge Katholiken radikalisiert."

Viele schlossen sich der IRA und anderen militanten irisch-nationalistischen Gruppen an, die im weiteren Verlauf des Konflikts für mehr als die Hälfte der Todesopfer verantwortlich waren.

Todesschützen nicht zur Rechenschaft gezogen

Dem Bloody Sunday vorausgegangen war ein ähnlicher Vorfall im Belfaster Vorort Ballymurphy zum Start der Internment-Politik. Dabei rückte dieselbe Spezialeinheit aus. Die Fallschirmjäger waren für Kriegseinsätze in feindlichem Gebiet ausgebildet und nicht für Friedensmissionen in Wohnvierteln. In Ballymurphy wurde drei Tage lang geschossen; am Ende waren elf katholische Zivilisten tot.
Dass beide Einsätze, zwischen denen ein halbes Jahr lag, ein ähnliches Verhaltensmuster aufwiesen, habe die Öffentlichkeit erst später begriffen, sagt Susan McKay: “Es ist aus heutiger Sicht wirklich tragisch, weil Ballymurphy vor dem Bloody Sunday passierte. Wenn diese Soldaten zurück in die Kaserne gerufen und zur Rechenschaft gezogen worden wären, hätte es den Bloody Sunday nie gegeben.”

Bloody Sunday - unter Protestanten kein Thema

Doch nicht nur wurde Ballymurphy damals nicht aufgearbeitet – auch der Bloody Sunday war unter protestantischen, pro-britischen Unionisten zunächst kein Thema, nicht einmal in Derry, erinnert sich McKay: „Ich ging noch zur Schule damals. Und der Bloody Sunday wurde einfach überhaupt nicht erwähnt. Es war eine halbe Meile von meiner Schule entfernt passiert, aber es wurde nicht angesprochen. Daran sieht man, wie gespalten die Gesellschaft damals war in Derry."
Am Tag nach den tödlichen Schüssen kündigte die britische Regierung eine Untersuchung der Vorfälle an. Eine Kommission unter der Leitung des damaligen Obersten Richters von England und Wales, Lord Widgery, kam drei Wochen lang zusammen. Im April 1972 lag der "Widgery-Bericht" vor. Darin heißt es: Die Soldaten seien zuerst beschossen worden.

Erster Bericht spricht Soldaten von jeder Schuld frei

An dieser Version hielt auch der befehlshabende Offizier, Derek Wilford, fest. In einem Interview mit der BBC erklärte er noch 2019: "Wir glaubten, dass wir angegriffen wurden. Und wir bleiben überzeugt davon, bis zum Ende unseres Lebens."
Dass der “Widgery-Bericht” die Soldaten von jeglicher Schuld freisprach, erzürnte viele Nationalisten. Sie warfen Widgery Einseitigkeit vor. Einige Hinterbliebene der Opfer organisierten sich in einer Kampagne, darunter John Kelly und später auch Jean Hegarty. Jahrzehntelang forderten sie eine neue Untersuchung der Vorfälle vom 30. Januar 1972. Erst Ende der Neunziger Jahre hatten sie damit Erfolg.
Jean Hegarty, Schwester von Kevin McElhinney, einer der 13 Demonstranten, die am 30. Januar 1972 (Bloody Sunday) in der nordirischen Stadt Derry von britischen Fallschirmjägern erschossen wurden
Jean Hegarty, Schwester von Kevin McElhinney, einer der 13 Demonstranten, die am 30. Januar 1972 erschossen wurden (imago images / Le Pictorium /Olivier Donnars)

Richtigstellung erst 38 Jahre später

1998 kündigte der damalige Premierminister Tony Blair eine unabhängige Untersuchung an, geleitet vom Obersten Richter Lord Saville. Nach zwölfjährigen Ermittlungen wurde im Juni 2010 der "Saville-Bericht" vorgestellt. Jean Hegarty erinnert sich: "Bei der öffentlichen Vorstellung der ‘Saville-Untersuchung’ war ich froh, dass ich den Widgery-Bericht zerreißen konnte. Nicht nur in zwei Hälften, sondern in kleine Stücke."
Für die Angehörigen der Opfer und für die Überlebenden war die Saville-Untersuchung eine lange erkämpfte Richtigstellung. Darin heißt es unter anderem, dass keiner der Getöteten eine Schusswaffe trug und keiner von ihnen die Soldaten mit Brandsätzen bedroht hatte. Die Soldaten hingegen hätten ohne Vorwarnung scharf geschossen.
John Kelly (M), dessen Bruder Michael Kelly, am so genannten Bloody Sunday von britischen Fallschirmjäger erschossen wurde, feiert mit Familienangehörigen, die Veröffentlichung der Saville-Untersuchung, der die Ereignisse des 30. Januar 1972 neu bewertete und dem Militär die Schuld für die Tötung der Demonstraten gab
John Kelly (M) feiert mit Familienangehörigen, die Veröffentlichung der Saville-Untersuchung (dpa / epa / Paul Faith)

Späte Entschuldigung des britischen Premierministers

38 Jahre nach dem Blutsonntag entschuldigte sich der damalige Premier David Cameron im Namen der britischen Regierung und des Landes für das Fehlverhalten der Armee: "Some members of our armed forces acted wrongly. The government is ultimately responsible for the conduct of the armed forces. And for that, on behalf of the government, indeed on behalf of our country, I am deeply sorry."
Die Entschuldigung Camerons sei sehr gut angekommen, erinnert sich Jean Hegarty. Doch der “Saville-Bericht” habe neue Fragen aufgeworfen: "Warum gab es keine Untersuchung? Warum hatte die Armee gelogen? Warum wurden die Soldaten niemals dafür belangt?"

Strafrechtliche Ermittlungen nur in einem Fall

Im “Saville-Bericht” wurden die Identitäten der Soldaten anonymisiert, die von der Kommission gesammelten Beweise dürfen nicht vor Gericht gegen sie verwendet werden. Und das, obwohl es der Kommission in einigen Fällen gelang, konkrete Todesschützen zu identifizieren.
Dem Soldaten mit dem Pseudonym „Soldier F“ konnten mehrere Todesopfer zugeordnet werden. So auch Michael Kelly: “Der Beweis ist die Kugel, die Michael tötete: Sie trat durch den Bauch ein und blieb in seiner Wirbelsäule stecken. Als man sie entfernte und untersuchte, konnte man sie auf die Waffe von Soldier F zurückverfolgen.”

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Einzig im Fall von Soldier F kam es nach strafrechtlichen Ermittlungen tatsächlich zu einer Anklage, das Verfahren wurde jedoch im vergangenen Jahr auf unbestimmte Zeit unterbrochen. Aktuell hoffen Kelly und andere Hinterbliebene darauf, dass der High Court als höchstes nordirisches Gericht die Fortführung des Verfahrens erzwingt.

Weitreichendes Verjährungsgesetz könnte Aufarbeitung beenden

Die strafrechtliche Aufarbeitung des Bloody Sunday und des Nordirland-Konflikts insgesamt könnte jedoch schon bald ein grundsätzliches Ende finden: Die britische Regierung veröffentlichte im Sommer ein Eckpunkte-Papier für ein Verjährungsgesetz. Die Jura-Professorin Louise Mallinder von der Queens University in der nordirischen Hauptstadt Belfast hat das Papier untersucht:
“Sie wollen sämtliche laufenden und zukünftigen Ermittlungen einstellen. Das umfasst auch zivilrechtliche Klagen, rechtsmedizinische Untersuchungen oder Ermittlungen durch Polizei-Ombudsleute. Die rechtlichen Folgen wären unglaublich weitreichend.”
Mallinder ist Expertin für Amnestie-Regelungen weltweit. Im internationalen Vergleich seien die Pläne der Regierung in London ein “ziemlicher Ausreißer”: Die Eckpunkte gingen sogar weiter als das 1978 vom chilenischen Diktator Augusto Pinochet erlassene Gesetz, mit dem sich die Militärdiktatur weitgehende Straffreiheit für ihre Gräueltaten einräumte:
“Die Amnestie unter Pinochet verhinderte lediglich zukünftige Verfahren – und nicht Prozesse, die bereits zu dem Zeitpunkt liefen. Sie verhinderte keine Zivilklagen oder andere Rechtsmittel. Die britischen Pläne sind viel weitreichender.”
Jura-Professorin Mallinder geht davon aus, dass ein solches Gesetz jahrelange Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg nach sich ziehen könnte. Damit wäre das Gegenteil von Premierminister Boris Johnsons Vorhaben erreicht: “Wir sorgen endlich dafür, dass Nordirland einen Schlussstrich unter den Konflikt ziehen und die Bevölkerung nach vorne schauen kann.”

"Die Aufarbeitung ist nicht gut gelungen"

Noch ist allerdings keineswegs sicher, ob und wann die britische Regierung tatsächlich ein Gesetz ins Parlament einbringt. Derzeit steht Johnson angesichts der Party-Affäre enorm unter Druck, und im Mai wählt Nordirland ein neues Regionalparlament.
Der Friedensforscher und protestantische Pfarrer Gary Mason greift die Frage auf, ob die Aufarbeitung nicht schon im Karfreitagsabkommen von 1998 hätte verankert werden müssen: “Aus heutiger Sicht denke ich, dass uns die Aufarbeitung nicht gut gelungen ist. Einige forderten, in das Karfreitagsabkommen hätten Überprüfungsmechanismen nach fünf, sechs Jahren gehört.”
Dass nach der Saville-Untersuchung kaum weitere Aufarbeitung stattfand, sei durchaus im Sinne einiger Menschen in Nordirland gewesen, glaubt Mason: “Viele in meiner Generation dachten, wir können es einfach 20, 30 Jahre lang auf die lange Bank schieben und unseren Kindern und Enkelkindern überlassen. Doch das hat der Brexit durchkreuzt: Er hat die Wunden des Konflikts wieder aufgerissen, sodass man ihn nicht länger ignorieren kann.”

"Wir sind zwei Lager, ob das einem gefällt oder nicht"

Nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union fühlen sich viele Unionisten, die für eine enge Anbindung Nordirlands an Großbritannien eintreten, von London verraten. Nordirland ist auch nach dem Brexit de facto Mitglied des EU-Binnenmarkts, während der Handel mit Großbritannien schwieriger wurde. Deshalb fühlen sich viele Nationalisten heute im Vorteil, sodass sie lauter und konkreter denn je für einen Zusammenschluss mit der Republik Irland werben.

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In Derry wurden in den 50 Jahren seit dem Bloody Sunday einige Anstrengungen unternommen, um die beiden Lager zusammenzubringen. Als Symbol wurde die Friedensbrücke über den Fluss Foyle errichtet, die einen Handschlag von Nationalisten und Unionisten darstellen soll. Doch besonders seit dem Brexit ist in Nordirland deutlich geworden, dass beide Lager nicht wirklich zusammengewachsen sind.
Das sieht auch Jean Hegarty so: “Wir sind zwei Lager, ob das einem gefällt oder nicht. Die Leute sagen, wir wachsen zusammen, und das stimmt auch, aber wir bleiben zwei Lager. Aus dieser Sicht war die Friedensbrücke ein Wohlfühlfaktor, ein sehr teurer Wohlfühlfaktor sogar – aber Versöhnung lässt sich nicht mit Geld aufwiegen.“